In der Woche meiner Abwesenheit ging die Verhandlung um die Morde von Arboga weiter. Bislang letzter Höhepunkt war die Vernehmung der angeklagten 32-jährigen Deutschen. Die fand vor 8 Tagen statt – seither werden über 50 weitere Zeugen angehört. Laut Aftonbladet hat die Anklage mittlerweile weitere Dokumente vorgelegt.

Hier eine kleine Zusammenfassung (mit der Freiheit, etwas zu kommentieren):

  • Sie machte ihre Aussage auf deutsch, was man aber auf keinen Fall gegen sie interpretieren sollte. Müsste ich vor Gericht aussagen, würde ich dies auch in meiner Muttersprache machen wollen. Die Angeklagte war nicht lange in Schweden, und treffsichere Formulierungen zu erwarten wäre ungerechtfertigt, denn man muss schließlich auch die Schwere der Anklage beachten. Es wäre fatal, wegen Missverständnissen des Mordes für schuldig befunden zu werden.
  • Wie vorher schon bekannt war, hielt sie sich am Tag der Tat in Arboga auf. Sie sei nach der Ankunft direkt zur Besichtigung der Halvardsborg, einer Wallburg aus dem 5. Jahrhundert, von der aber nur noch Ruinen übrig sind, gefahren. Sie sei danach auch direkt wieder zurück und um 19 Uhr wieder abgereist. Am zweiten Vernehmungstag wurde sie vom Staatsanwalt damit konfrontiert, dass sie zuerst angegeben habe, sie sei dort gewesen, um sich einige spezielle Sachen anzuschauen. Später jedoch habe sie gesagt, dass sie zum Fotografieren dort gewesen sei. Sie sagte, dass der Staatsanwalt auf kleinen Details herumreite. Der Staatsanwalt führte weiter an, dass keine Spuren der angeblichen Fotos der Burg auf der Speicherkarte der Kamera gefunden worden seien. Die Angeklagte antwortete darauf, dass sie sich nicht auf den Techniker verlasse. Gegen die Angeklagte sprechen auch ihre Zeitangaben, die zum Teil auch widersprüchlich sind. Die Fahrt von Stockholm nach Arboga dauert ca. 90 Minuten. Sie gab an, sie sei um 14 Uhr angereist. Der Spaziergang zur Burg dauerte angeblich eine Stunde. Das Ganze ist natürlich wenig glaubwürdig. Im März sind die Tage noch nicht übermäßig lang (Sonnenuntergang war ca. um 18 Uhr). Selbst wenn sie schon um 14 Uhr in Arboga war, wäre sie erst um ca. 15 Uhr an der Burg gewesen. Ein erstaunlich großer Aufwand, um die Reste einer frühmittelalterlichen Burg in den letzten Stunden vor Sonnenuntergang zu fotografieren. Alles in allem wäre sie 5 Stunden unterwegs gewesen (Bahn plus Laufweg), um die Burg drei Stunden sehen zu können.
  • Die Beschreibung der Beziehung deckt sich in vielen Punkten mit den vorangegangenen Aussagen. Man habe sich auf Kreta kennengelernt, und nach einigen Treffen danach habe er Schluss gemacht. Das habe sie schwer getroffen, und sie gab auch einen Selbstmordversuch zu. Anscheinend war dies die Kurzfassung der vorigen Aussagen. Wenn man es bewerten wollte, könnte man auch sagen, dass sie einfach das erzählt hat, was ohnehin längst bekannt war.
  • Dementsprechend einsilbig wurde sie nämlich bei dem nächsten Punkt. Sie hatte gegenüber dem Lebensgefährten der schwer verletzten Mutter behauptet, dass sie ein Kind von ihm geboren und dieses zur Adoption freigegeben habe. Darauf angesprochen sagte sie nur „Warum fragen Sie das?“. Der Richter erklärte, dass sie nicht darauf antworten müsse, aber dann erklären müsse, wieso sie es nicht tue. Sie erklärte daraufhin, dass dies eine Privatangelegenheit sei und sie ihre Privatsphäre schätze. Merklich in Nöten durch die Fragen des Staatsanwaltes sagte sie, dass sie den Brief nicht an das Gericht, sondern den Lebensgefährten des Opfers geschrieben habe. Wenn man auch hier etwas interpretieren darf, gab sie damit indirekt zu, den Brief geschrieben zu haben – nur die abstruse Geschichte wollte sie nicht bestätigen. Damit bleibt die Sache eine der seltsamsten Aspekte des Falls. Laut den neuen Materialien, die die Staatsanwaltschaft vorgelegt hat, soll sie behauptet haben, ein Mann namens „Thomas Emmerich“ habe das Kind adoptiert. Die deutsche Polizei habe versucht, diesen ausfindig zu machen. Es ist aber schon sehr seltsam, dass sie den Namen überhaupt kennen will – meines Wissens werden Eltern, die ihr Kind zur Adoption freigeben, nicht über den Verbleib des Kindes informiert.
  • Das Verhalten der Angeklagten ist auch etwas undurchsichtig. Sie soll bei manchen Verhören gelacht haben, relativierte dies aber im Prozess. Allerdings sagte sie auch kurz und knapp, dass es fürchterlich sei, angeklagt zu sein. Zur Sprache kam ebenso, dass sie Cannabis konsumiert habe. Das bestätigte sie zwar, wies aber jegliche Beeinflußung durch die Drogen von sich. Hier ist vielleicht anzumerken, dass man in Schweden sehr viel strenger ist, was Drogen angeht. Cannabiskonsum ist weder gesellschaftlich akzeptiert noch wird er strafrechtlich auf die leichte Schulter genommen.
  • Am zweiten Vernehmungstag wurde sie darauf angesprochen, dass sie die Adresse des Tatorts bei sich gehabt habe. Sie hatte zunächst erklärt, sie wisse nicht, wie dies passiert sei. Vor Gericht erklärte sie jedoch, sie habe die Adresse gehabt, um sie dem neuen Vater des adoptierten Kindes zu geben. Dieser habe um einen Vaterschaftstest gebeten.
  • Auf einem beschlagnahmten Computer sind Spuren davon nachgewiesen worden, dass nach „Arboga“ und dem Namen des Lebensgefährten des Opfers gesucht worden ist. Die Angeklagte gab an, die Festplatte des Computers sei zweimal gelöscht worden wegen eines Virus. Sie habe ihn daher zweimal, einmal im Dezember und einmal im Januar, weg gegeben. Ein Bekannter eines Freundes habe sich darum gekümmert. Die Angeklagte besteht darauf, dass sie gefundenen Suchworte nicht eingegeben habe.
  • Die Angeklagte habe angegeben, dass sie an dem Tag schwarze Schuhe der Marke Vans getragen habe. Diese habe sie aber in Deutschland in den Müll geworfen, da sie ein Loch in der Sohle gehabt hätten. Die Schuhabdrücke, die am Tatort gefunden wurden, konnten bislang allerdings keinem Schuh zugeordnet werden.
  • In der heutigen Aftonbladet sind einige weitere Anhaltspunkte veröffentlicht, die nun von der Staatsanwaltschaft eingereicht wurden. Allerdings sind davon wenige wirklich interessant.
  • So habe die Analyse des deutschen Handys der Angeklagten ergeben, dass sie mit diesem Handy weder in Köping war noch jemanden in Köping – übrigens der Ort des Prozesses – angerufen habe. Die Angeklagte hatte aber behauptet, sie hätte „geheime“ Freunde in Köping.
  • Wirklich interessant ist, dass die Daten aus dem Facebook-Konto der Angeklagten ergeben haben, dass sie den Lebensgefährten des überlebenden Opfers am 8. März als Freund gelöscht habe, also 9 Tage vor dem Mord. Sie hatte aber angegeben, er wäre dort nie als ihr Freund eingetragen gewesen.
  • Der Rest bezieht sich auf vage Hinweise wie die vermeintliche Erinnerung der überlebenden Mutter, ihre ermordeten Kinder hätten am Abend des Mordes noch die Kindersendung „Bolibompa“ geschaut, was die Behauptung stützen soll, die Erinnerungen des Opfers an den Mordabend seien zuverlässig.

Ohne Frage: die Geschichte stinkt zum Himmel. Bei der Masse von Indizien ist es schwer vorstellbar, dass die Angeklagte nicht die Mörderin ist. Es kommt alles zusammen, was zu einem Mord gebraucht wird: irrationale Gefühle, eine geistig verwirrte potenzielle Täterin und der geradezu unglaubliche Zufall, dass die Angeklagte in der Stadt gewesen ist, aber eben nicht bei ihrem Ex-Freund. Zwar erscheint mir die Berichterstattung insbesondere in den Boulevardblättern als sehr wertend („Die Deutsche lügt“), aber bei der Faktenlage fällt es wirklich schwer, an die Unschuld der Angeklagten zu glauben.

Dennoch fehlen jegliche handfeste Beweise – und so bleibt die entscheidende Frage, ob die Indizien ausreichen werden, eine Verurteilung zu rechtfertigen.