Ehrlich gesagt ist es wieder ernüchternd, zu sehen, wie weit es in Schweden mit der Presseethik her ist. Direkt nach der Verurteilung konnten es die Boulevardzeitungen Aftonbladet und Expressen kaum abwarten, Bilder von Christine S. abzudrucken – mit vollständigem Namen, versteht sich.

Dass zumindest theoretisch denkbar ist, dass die Verurteilte den Doppelmord doch nicht begangen hat, scheint hier keine Rolle zu spielen. Man stelle sich vor, Christine S. komme nach einem Revisionsprozess frei. Dann würde sie, obwohl von einem ordentlichen Gericht freigesprochen, um ihr Leben fürchten zu müssen. Dieser schamlose Umgang mit den Bildern ist ein Ansporn zur Selbstjustiz.

Eine Rückkehr in ein normales Leben wird ihr auch dann versagt bleiben, wenn sie ihre Strafe abgesessen hat, denn die Bilder werden auf ewig ein Kainsmal bleiben – und damit ist der Gedanke, dass ein Verbrecher nicht nur bestraft, sondern auch in ein rechtschaffenes Leben zurückgeführt werden soll, unterminiert.

Auf dem schwedischen Blog „The Evolving Ape“ wurde auch ihr Bild plakativ mit dem Titel „So sieht die ‚Arboga-Deutsche‘ aus“ publiziert. Immerhin macht sich der Autor in dem Artikel Gedanken darüber, ob und wann es rechtens ist, die Bilder von Verdächtigen und Verbrechern zu veröffentlichen. Ich habe auch etwas in den Kommentaren mitdiskutiert.

Eigentlich sollte es eine große Presseschau werden, aber ehrlich gesagt sehe ich mich nicht dazu bemüßigt. Es gibt kaum etwas neues.

Expressen füllt in der heutigen Ausgabe geschlagene 10 Seiten mit dem Thema. Neben den angesprochenen Bildern geht es vor allem darum, dass die Verurteilte angeblich kollabiert sei und gerufen habe, dass sie unschuldig sei. Das ist aber auch nichts neues. Dreist finde ich allerdings in dem Kontext, unbewegte Bilder, auf denen Christine S. lächelt, mit Bildunterschriften zu belegen, die andeuten, sie hätte die Opfer regelrecht durch „Lachausbrüche“ im Prozess verhöhnt – um dann scheinheilig darüber zu berichten, dass es sich ja um eine psychische Krankheit handeln könnte und sie auch darauf nun untersucht würde. In den seriösen Medien war davon wenig zu lesen. In der Hannoverschen Allgemeinen habe ich sogar einen Artikel gesehen, ider die Frau zwar als rätselhaft, kühl und berechnend darstellt, aber sicher nicht als fiese Frohnatur, die sich am Unglück der Opfer ergötzt. Expressen garniert das ganze mit Tränendrüsen-Stories über die Mutter („Nun kann Emma wieder lachen“).

Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass gerade der Boulevard in den letzten Wochen einiges daran gesetzt hat, glatte Meinungsmache gegen Christine S. als seriöse Berichterstattung zu maskieren, obwohl es ja wirklich nicht so klar war, dass sie die Mörderin ist – „Bild“ hätte es nicht besser gekonnt. Wenn Berichte mit den Sätzen anfangen wie „Die Deutsche lügt“, braucht man sich nicht zu wundern, wenn ihr selbst eine glaubwürdige Geschichte über den Mordtag nicht geglaubt worden wäre.

Heute dann noch ein weiterer kleiner Skandal. Cecilia Uggla, eine der Richterinnen, wurde heute morgen im „Expressen“ mit dem Satz zitiert:

Ich habe nie ganz geglaubt, dass sie unschuldig ist.

Sie hat daraufhin ihren Rücktritt eingereicht, was die Konkurrenz vom Aftonbladet natürlich gleich ausschlachtet. Chefrichter Per Kjellsson äußerte sich verärgert über das Ganze. Hierdurch können auch weitere rechtliche Konsequenzen drohen, denn eine befangene Richterin darf natürlich kein Urteil sprechen, und im Extremfall muss der Prozess wiederholt werden – was ohnehin wahrscheinlich ist, da die Verteidigung in Berufung gehn will. Bei den Dagens Nyheter klingt das alles auch weit weniger dramatisch. Dort heißt es mehr oder weniger nur, dass der Prozess eben mit den verbleibenden zwei Beisitzerinnen weitergeht.

Die seriösen Zeitungen haben das Thema insgesamt auch weiter nach hinten geschoben, es weit unaufgeregter behandelt und bewahren auch die Anonymität der Angeklagten – womit einmal mehr bewiesen wäre, dass man weder in Deutschland noch in Schweden Zeitungen mit großen Buchstaben kaufen sollte.

PS: Manche mögen sagen, dass es heuchlerisch ist, das Publizieren von Bildern von anderen anzuprangern, aber selbst dann einen Zeitungsständer abzubilden und entsprechende Artikel zu verlinken. In der Tat habe ich überlegt, darauf zu verzichten und die Bilder unkenntlich zu machen. Allerdings sehe ich darin keinen Zweck mehr: die Bilder sind in der Welt und der Name auch – daran wird sich nichts ändern lassen. Sollten die Zeitungen ihre Linie nochmals ändern, werde ich dem Folgen und auch die Bilder wieder unkenntlich machen.