Montag, 17. März 2008, ca. 19 Uhr: in einem Haus in der schwedischen Stadt Arboga, ca. 120 km westlich von Stockholm gelegen, findet ein Mann seine Lebensgefährtin, die 23-jährige Emma Jangestig, und deren zwei Kinder mit schwersten Verletzungen auf. Bei den Kindern, einjährig und dreijährig, kann im Krankenhaus nur noch der Tod festgestellt werden. Die Mutter überlebt und kann 10 Tage später aus dem künstlichen Koma aufgeweckt werden.

Zwei Männer werden festgenommen und verhört, darunter der Mann, der die Schwerverletzten auffand. Beide haben ein Alibi und werden schon bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Drei Tage nach dem Mord wird Haftbefehl erlassen. Die Gesuchte ist Christine Schürrer, 31 Jahre alt und aus Hannover stammend. Vorübergehend in Deutschland wieder freigelassen, landet sie in Untersuchungshaft und wird kurze Zeit später nach Deutschland Schweden ausgeliefert.

„Die Deutsche“

Was sich in den folgenden 11 Monaten abspielte, war ein Armutszeugnis für den schwedischen Journalismus und eine höchst fragwürdige Kampagne. Die Verdächtige war nämlich in den Medien nie „Christine S.“, sie war „Tyskan“ – die Deutsche. Gerade, wenn man als Ausländer in einem Land lebt, möchte man nach seinen Taten beurteilt werden, nicht nach dem, was man sowieso nicht ändern kann (und möchte). Ich empfand die Reduktion einer Tatverdächtigen auf ihre Nationalität, flankiert von der Angabe ihres vollen Namens und dem wenig sparsamen Einsatz von Fotos als eine Schmierenkampagne. Es mangelte nicht nur an Respekt gegenüber der Angeklagten, für die in jedem Fall die Unschuldsvermutung gelten muss. Es leben auch über 25.000 Deutsche in Schweden, die nolens volens in Zusammenhang mit einem schrecklichen Verbrechen gebracht wurden. Man kann davon ausgehen, dass die Schweden sich nicht von ihren Boulevardblättern mitreißen lassen, aber eine derartig billige und plumpe Kampagne hat sicher ihre Spuren hinterlassen – weswegen der Fall schon damals meine Aufmerksamkeit hatte.

Verschlimmert wurde das Ganze noch dadurch, dass die Berichterstattung klar parteiisch war. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeile „Die Deutsche lügt“. So wurde die Öffentlichkeit natürlich gleich für eine Seite vereinnahmt. Gegen Ende des Prozesses in der ersten Instanz äußerte eine Schöffin öffentlich, sie hätte nie an die Unschuld der Angeklagen geglaubt. Der abgelehnte Antrag auf Befangenheit spielte aber letzten Endes keine Rolle, da der Fall noch in zweiter Instanz geprüft wurde.

Die Aufregung um den Fall wurde noch dadurch verstärkt, dass weite Teile der Ermittlungsakten im Internet gelandet sind. Ich bin bei einer harmlosen Google-Bildersuche nach „Christine Schürrer“ auf ein Obduktionsfoto eines der Kinder gestoßen. Ich kann keinem raten, es mir nachzutun – es sieht schrecklich aus.

Vermutlich aus diesen Quellen speiste sich aus eine obskure Bewegung im Internet, die überzeugt war, Schürrer sei unschuldig, und dies mit allerlei Dokumenten in einem Blog zu belegen suchte. Das scheiterte aber schon schlicht daran, dass man den Wust kaum durchschauen konnte und der Autor nicht viel tat, um dies in eine leichter nachvollziehbare Form zu bringen. Ich habe mir ehrlich gesagt auch nicht die Mühe gemacht, es komplett zu durchwühlen.

Schuldig oder nicht?

Den ganzen Umfang dieses Falls kann und will ich daher nicht im Detail beschrieben. Schon im August 2008 hatten sich über 3000 Seiten Material angesammelt. Dieses enthielt alles bis auf eines: den eindeutigen Beweis, dass Schürrer zur Tatzeit am Tatort war. Stattdessen gab es unzählige Indizien, so dass ich Zweifel hatte, man würde sie auf der Basis verurteilen können.

Man tat es letztendlich, und zwar in beiden Instanzen. Aber: ist sie wirklich schuldig?

Ich glaube ja, unabhängig von der Medienkampagne gegen sie.

Es ist gesichert, dass Schürrer sich in den Lebensgefährten der schwer verletzten Emma Jangestig verliebt hatte und offenkundig seinetwegen nach Schweden gezogen war. Sie lebte zuletzt in Stockholm. Als Tatmotiv galt daher Eifersucht. Unbestritten ist zudem, dass sie zum Tatzeitpunkt in Arboga war. Bei den Fragen nach diesem Tagesausflug verstrickte sie sich in Widersprüche. Sie wollte die 120 km nur gefahren sein, um kurz vor Sonnenuntergang eine Ruine anzuschauen und zu fotografieren. Trotz dieses Aufwands fehlten die Fotos. Ihre Angaben zur Rückfahrt waren auch widersprüchlich. Dann behauptete sie, Freunde hätten sie mitgenommen. Sie war jedoch nicht bereit, deren Identität preiszugeben. Die Mutter belastete sie zudem, als sie aussagte, dass die Person, für die sie Tür am Tattag geöffnet habe, sie auf Englisch angesprochen und sich als Tine oder Tina zu erkennen gegeben habe. Jedoch ist dies zweifelhaft, da die Mutter schon vor dem Mord von Schürrers Existenz wusste und im Krankenhaus zunächst sagte, sie erinnere sich an nichts – dies kann also autosuggestiv gewesen sein.

Die Indizien zeichnen den Ablauf so nach, dass sie unauffällig und schlecht identifizierbar gekleidet nach Arboga fuhr. Sie klingelte an der Tür und schlug zu, als die Mutter öffnete, höchstwahrscheinlich mit einem Hammer.

Ein perfider Plan

Ihr weiteres Verhalten zeichnet – zumindest für mich – das Bild eines Versuchs, sich durch Vernichtung der Beweismittel und Absetzen ins Ausland erst einmal der Strafverfolgung zu entziehen, um dann später am besten in Deutschland aus Mangel an Beweisen freigesprochen zu werden. Nach ihrer Rückkehr entsorgte sie Tatwaffe und Kleidung. Man konnte Schuhabdrücke am Tatort finden, die zu Schuhen passten, die Schürrer besessen hatte, aber nach der Tat nicht mehr auffindbar waren. Tags darauf flog sie vom Flughafen Skavsta aus nach Deutschland. Man nahm ihr bei der Sicherheitskontrolle einen Hammer ab, auf dem sich aber keine DNA-Spuren fanden. In dem Kontext kann man das als Dreistigkeit auslegen, die zeigen soll, dass ihr die Strafverfolgungsbehörden nichts anhaben können. Fast hätte es geklappt, aber im Prozess kamen die angesprochenen Schwächen in ihrem Alibi auf den Tisch, und gerade in der zweiten Instanz scheint sie in Panik jeden guten Rat ihres Anwalts missachtet zu haben. Gegen Ende versuchte sie, durch Einsendung von Datenträgern und Ausbrüchen vor Gericht ihre Sicht der Dinge darzustellen. Brauchbares Belastungsmaterial schien aber nicht dabei zu sein.

Ich weiß nicht, ob ich genauso geurteilt hätte. Zwar habe ich keine Zweifel, dass sie die Täterin ist, aber ob die zahllosen Indizien wirklich einen unumstößlichen Beweis ersetzen, weiß ich nicht.

Im Jahr 2009 wurde Schürrer zu lebenslanger Haft und zur Zahlung von Schadensersatz verurteilt. Ihr wurde außerdem untersagt, jemals nach Schweden zurückzukehren.

Nachspiel

Die nächsthöhere Instanz wies ihre Berufung ab. Seither sitzt sie in Haft, und es ist ruhig geworden um den Fall.

Emma Jangestig hat es zu zweifelhafter Medienaufmerksamkeit gebracht. Seit Oktober 2010 betreibt sie auf der Seite der Boulevardzeitung Aftonbladet ein Blog „Arbogamamman“ (Die Arbogamama). Wenig später erschien das Buch „Varför gråter inte Emma?“ („Wieso weint Emma nicht?“). Wenn es ihr hilft, die Erlebnisse zu verarbeiten, dann ist das natürlich positiv, aber ich bin skeptisch, wenn Verbrechensopfer sich derart exponieren. Die Gefahr ist zu groß, dass es mehr einen öffentlichen Voyeurismus befriedigt als irgendeine Hilfe darstellt.

Christine Schürrer versuchte im Januar 2012 erneut, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Unter anderem sandte sie einen Brief an die Justizministerin. Beim Högsta Domstolen, dem höchsten schwedischen Gericht, reichte sie einen Antrag ein. Die 17-seitige Begründung enthielt aber nach Auffassung des Gerichts nichts, was Anlass zu einem neuen Verfahren gegeben hätte. Ich habe den Antrag überflogen und kann es nachvollziehen – es scheint kaum etwas darin zu stehen, was nicht auch schon zum Zeitpunkt des Verfahrens bekannt war. Dass bei der Untersuchung Fehler unterlaufen sind, war damals schon bekannt. Es bleibt nicht viel, was die früheren Instanzen nicht in die Bewertung mit einbeziehen konnten. Es wird nicht versucht, irgendetwas vorzulegen, das Schürrers fragwürdiges Alibi untermauert, sondern vielmehr, Löcher in einige der Indizien zu schlagen. Ein legitimes Ansinnen, aber kaum ein Anlass, die Verteidigungslinie, die schon zweimal gescheitert ist, noch einmal überprüfen zu lassen.

Im Frühjahr 2012 soll sie nach Deutschland ausgewiesen werden. Ich weiß nicht, wie die deutsche Justiz das handhabt, aber angesichts der Schwere des Verbrechens hoffe ich darauf, dass der Fall so behandelt wird wie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, die eine automatische Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren nicht erlaubt.

Was bleibt

Dies war vermutlich das letzte Kapitel. Es war nicht der einzige bemerkenswerte Kriminalfall, seit ich nach Schweden gekommen bin, aber der einzige, in dem man die Herkunft des Verbrechers als vordringliches Merkmal präsentierte. Der langfristige Schaden dürfte gering sein, aber es ist ein medialer Sündenfall, und was noch viel schlimmer ist: einer, der den Verantwortlichen nicht bewusst zu sein scheint. Es wurde nicht darüber reflektiert, ob diese Berichterstattung denn redlich sei. In dem Artikel zu dem Netzwerk, das Schürrers vermeintliche Unschuld beweisen will, spricht Aftonbladet gar davon, dass Schürrer „lange unter dem Namen ‚die Deutsche‘ bekannt war“ – dabei war es nicht zuletzt Aftonbladet selbst, die ihr diesen „Namen“ verpasst haben. Die seriösen Zeitungen hielten sich etwas zurück – immerhin.

Auch der anonyme Blogger, der Schürrers Unschuld beweisen wollte, hat mittlerweile aufgegeben und verweist auf eine andere Seite, wo es von Verschwörungstheorien wimmelt – was wohl auch die Qualität des Ganzen widerspiegelt.

Es bleibt die Erinnerung an ein schreckliches Verbrechen, eine widerliche Medienkampagne und eine Mörderin, die der Allgemeinheit nicht den Gefallen getan hat, zu gestehen.