Delengkal Weblog

Sinnfragen von einer Insel vor Stockholm

Verstrahlt

Über Kondome und dergleichen brauche ich mir künftig wohl keine Gedanken mehr zu machen, denn seit ich gestern mehrere Stunden mit Gamma-Strahlungsquellen verbracht habe. Meine Spermien sind mittlerweile wohl so tot wie die Pflanze in dem Zimmer hier.
Im Ernst: heute ist mein dritter Tag bei meiner Masterarbeit. Ich habe ein eigenes Büro mit Namensschild und ein schnurloses Telefon – da kann man beim besten Willen nicht meckern, auch wenn der Monitor manchmal flackert und der Computer Krach macht wie Sau.

Ort meiner Tätigkeit ist FOI, ein staatliches Forschungsinstitut für Verteidigung, das hauptsächlich im Auftrag des schwedischen Verteidigungsministeriums arbeitet. Die NATO hat aber noch nicht versucht, mich als Spion anzuwerben. Viel zu erzählen hätte ich eh nicht, denn meine Aufgabe ist eher, daran mitzuhelfen, dass man einen nuklearen Unfall o.ä. noch schneller bemerkt als damals bei Tschernobyl und ein internationales Atomteststoppabkommen nicht unbemerkt gebrochen werden kann.

Und für diesen Beitrag zum Weltfrieden kann man durchaus Einschränkungen in der Zeugungsfähigkeit hinnehmen.

Apropos Kinder: Gestern abend fiel mir beim Joggen ein Plakat auf, das mit „Gesucht“ überschrieben war, und zwar auf deutsch. Irritiert blieb ich stehen und musste lesen, dass „Eine Zukunft für weisse Kinder“ gesucht werde, die ja von der „Europäischen Bananenrepublik“ und dem bösen Rest der Menschheit gefährdet sei – Werbung für „National Alliance“ gemacht. Kurzum, es war ein Nazi-Plakat – und zwar eines von den Leuten, die sich irgendwo im Umfeld zwischen amerikanischen Nazis nach dem Schlage der NSDAPAO und Ku-Klux-Klan-Sympathisanten bewegen. Traurig, so etwas überhaupt finden zu müssen. Mindestens genauso traurig (wie auch grotesk) ist allerdings, dass es ausgerechnet auf deutsch abgefasst ist und in der Hauptstadt eines der tolerantesten Länder der Welt aufgehängt wurden. Nazis gibt es leider überall. Ich durfte ja auch schon Werbung der Nationaldemokraten, die nicht von ungefähr so heissen wie die NPD, in meinem Briefkasten vorfinden. Da ist mir selbst die Werbung der Zeugen Jehovas oder dieser obskuren sektenähnlichen LaRoche-Bewegung lieber.

PS: Ich habe das Plakat natürlich abgerissen.

Gedanken zum Tage

In 9 Stunden geht mein Flieger – Zeit, ein Resümee über 2 Wochen Deutschland abzugeben.

  • Jürgen Klinsmann – so muss es beginnen – ist nicht mehr Bundestrainer. Vorher gehasst, nachher geliebt, hat er einfach seinen Hut genommen und in der Gepäckablage der First Class Richtung Los Angeles verstaut. Recht hat er, sagen viele; schade, sagen alle; war ja sowieso klar, sagen auch ziemlich viele – und bei der letzten Aussage wird einem bewusst, dass 4 Wochen Euphorie den deutschen Grundpessimismus mächtig beschädigen, aber niemals vernichten können.
  • Mein Germany-T-Shirt ist weg. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen.
  • Baden ist nach wie vor schön, aber auch verdammt heiß. In Stockholm sind gerade angenehme 22°C – ein Grund, sich auf den Rückflug zu freuen.
  • Allzuviele andere Gründe gibt es aber nicht. Meine zwei Wochen beim SWR lassen mich wehmütig werden. Und das, obwohl ich die meiste Zeit damit verbrachte habe, irgendwelche Mails umzukopieren.
  • Auf der anderen Seite: wäre ich noch in Karlsruhe, wäre ich nicht minder wehmütig.
  • Nach einem Jahr Schwedisierung sehe ich auch die negativen Nebeneffekte
  • Synchronisierte Filme beispielsweise sind mir ein Graus. Waren sie schon immer, aber dass ich peinlich berührt nach 10 Minuten nicht mehr zuschauen will, ist mir früher nie passiert. Ich überlege, eine Lobbyorganisation dagegen zu gründen. Nicht gegen das Peinlich-Berührt-Sein, sondern gegen das Synchronisieren von Filmen.
  • Das bargeldlose Bezahlen ist in Deutschland in einem bescheidenen Zustand. In zahlreichen Kneipen kann man nach wie vor nicht mit Karte bezahlen. Das Problem ist zwar nicht allzu häufig, aber stellt sich in Schweden auch erst gar nicht.
  • Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Zahl der Leute, die man in 2 Wochen Heimaturlaub treffen kann, mit der Länge des Aufenthalts nicht zwangsläufig zunimmt.

Mein Gefühl sagt mir, dass das Heimweh etwas stärker sein wird in meinem zweiten Jahr in Stockholm. Fast alle, die ich kenne, sind schon in die Heimat zurückgekehrt – und allzuviele Bekanntschaften habe ich in Schweden noch nicht. Aber das kann ja kommen.

Heute wird auf alle Fälle gepackt:

  • Weizenbiergläser (in Schweden kaum erhältlich)
  • Akkuhaarschneider (billiger hier)
  • Deutschlandfahne (muss wieder mit)
  • Maultaschen

Damit sollte die erste Zeit in Stockholm weniger schwer sein.

Fabian Seitz Radiostar

Vor einer Viertelstunde war besagtes Radioninterview, das, obwohl live, erstaunlich gut lief. Letztendlich hat es mir doch ein bisschen noch den gestrigen Tag versüßt, denn im Gegensatz zu den anderen 82 Millionen Deutschen wollte bei mir gestern keine so richtige Feierlaune aufkommen.

Um wirklich authentische Eindrücke zu erhalten, wagte ich mich in die Höhle des Löwen und schritt mit deutlich sichtbarem Germany-T-Shirt sowie deutlich weniger sichtbaren Deutschland-Socken durch Södermalm, um mir irgendwo einen guten Platz zu sichern. Die Stadt war schon merklich leerer als am Dienstag – Midsommar zeigt seine Wirkung und alle sind in Urlaub. Außer ein paar beiläufigen Blicken habe ich auf dem Hinweg nichts kassiert, keine Pöbeleien oder Zurufe – erstaunlich. Im Snaps, einer Kneipe mit Biergarten, saßen dann sogar einige Deutsche mit bemalten Backen. Noch mehr erstaunt hat mich allerdings eine vollbusige Verkäuferin, die in einem Klamottengeschäft arbeitete und ein Germany-Top trug. Insbesondere deswegen, weil sie ja eigentlich was verkaufen will. Ich war also zumindest nicht komplett alleine. Nachdem im Snaps alle interessanten Plätze belegt waren und im Big Ben Pub, wo ich am Dienstag Schwedens Spiel anschaute, das obere Stockwerk schon voll und das untere noch nicht belegt war, ging ich in die Bar daneben.

Das Spiel fand ich furchtbar – nicht weil Deutschland schlecht gespielt hätte (im Gegenteil), nein, sondern weil die Schweden derart schlecht gespielt hatten. Zusätzlich vermiest wurde mir die Sache, dass ich mir erlaubte, bei den beiden Toren ein bisschen zu klatschen, worauf ein Barmann mir sagte, ich solle ruhig sein, weil das sonst hier Ärger verursachen könnte. Nach Randalemachern sah mir das Publikum (zu guten Teilen Frauen mittleren Alters, Schwangere und junge Mütter mit Kinderwagen) zwar nicht aus, aber der Kommentar reichte mir in jedem Fall, um zu zahlen und weiterzuziehen. Im Big Ben hatte es sich mittlerweile etwas gefüllt, die Stimmung war aber ungefähr auf Beerdigungsniveau, was angesichts dieser demütigen Vorstellung der schwedischen Kicker auf dem Platz kein Wunder war. Bei denen klappte auch wirklich gar nichts: erst hatte man sich von den Deutschen eiskalt überrumpeln lassen und schaffte es seither nicht mehr, auch nur eine gescheite Torchance herauszuspielen. Dass Lehmann einmal den Ball ins Aus befördern musste war auch schon alles. Besonders bitter wurde es, als ich vom Klo zurückkam und gerade Lucic gelb-rot für ein bisschen Trikotzupfen kassierte. Ich war zwar bei dieser Entscheidung sehr irritiert, aber mir wurde später erzählt, ZDF-Experte Urs Meier hätte das für korrekt befunden. Und einem schweizer Weltklasseschiedsrichter kann man keine Inkompetenz oder gar mangelnde Neutralität vorwerfen – letzteres würde in der Schweiz vermutlich den Tatbestand der Verleumdung erfüllen. Der Elfmeter war natürlich dann die endgültige Katastrophe – der Ball dürfte meinen Schätzungen zufolge am Dienstag auf dem Mond aufschlagen. Direkt neben dem von Beckham.

Der Rückweg war seltsam – einer zeigte mir Daumen hoch, was mich zum Grinsen verleitete. Ein prollig wirkender Schwede schaute mich etwas komisch an, worauf ich ihm prophylaktisch ein „I’m sorry“ entgegenwarf, was er wohl aus seiner jahrelangen Hooliganerfahrung politisch recht unkorrekt mit „eins, zwei, drei, Nazipolizei!“ beantwortete. Zwei Mädels und ein Betrunkener saßen an einem Tisch vor einem Imbissstand. Ein Mädchen sagte einfach nur „Springa!“ („lauft!“), der Betrunkene kam her und umarmte mich. Naja, heute wollen wir mal nicht so sein. In der U-Bahn begegnete mir noch ein Karlsruher Student, der aber strategisch klug Undercover im KTH-Pullover unterwegs war.

Mein Presseecho:

  • Expressen (Boulevardzeitung) : „Avgå! Mats Olsson: Sparka Lagerbäck!“ („Tritt ab!“ Mats Olsson: Feuert Lagerbäck!“). Besagter Mats Olsson schreibt in seinem Bericht: „Bei dem 2:0 gegen Deutschland sagen die Zahlen kaum mehr aus, als dass die Deutschen gewonnen haben. Sie sagen aber nichts darüber, welche Erniedrigung wir erlitten haben und wie wir überrollt wurden. (…) Die ersten 15 Minuten waren das schlechteste Auftreten einer schwedischen Nationalmannschaft, das ich jemals gesehen habe. (…) Andreas Isaksson spielte als Torhüter auf Weltniveau. Aber was half das schon? (…) Der Schiedsrichter machte ein Kreuz, als er das Spielfeld verließ, und es ist möglich, dass Carlos Simon aus Brasilien ahnte, dass er sich an höchster Stelle dafür verwantworten werden müsse, dass er uns eine extrem harte Strafe gegeben hat. Dagegen hatte er nichts zu tun mit Lukas Podolskis zwei Toren. Viele von euch sind sauer, dass er grinste, als er Teddy Lucic rot zeigte. Ich persönlich bin eher sauer, dass Podolski zu ihm lief und ihm zur Beglückwünschung auf die Schulter klopfte. Oder zum Dank. Oder zu was auch immer. (…) Die Zukunft der Nationalmannschaft – und des schwedischen Fußballs – sieht düster aus. (…) Am 7. Oktober spielen wir in Råsunda gegen Spanien. Spanien! Bis dahin will ich einen anderen Nationaltrainer haben.
  • Aftonbladet (auch Boulevard) ist weniger meinungsmachend. Sie schreibt „En epok är slut“ („Eine Epoche ist zu Ende“), betreibt Lebenshilfe mit „9 råd som hjälper dig ur krisen“ („9 Ratschläge, die dir aus der Krise helfen“). Der Schiedsrichter war aber in jedem Fall ein Arsch, meinen sie mit „Hånad av Domaren – Landslagets attack efter utvisningen: ‚Man ville se tyskarna vidare'“ („Vom Schiedsrichter verhöhnt – die Nationalmannschaft nach dem Platzverweis: ‚Man wollte die Deutschen weiter sehen'“) und schreiben als Bildunterschrift zur roten Karte „De tyska spelarna skriker på domaren som sedan tar upp först det gula, sedan det röda kortet. Och han gör det med ett leende på läpparna. Lucic utvisad.“ („Die deutschen Spieler rufen zum Schiedsrichter, der dann erst die gelbe, dann die rote Karte herauszieht. Und er tut das mit ein Lächeln auf den Lippen. Lucic des Platzes verwiesen.“). Der Betroffene sagte laut dem Blatt: „…der Schiedsrichter lächelte einfach. Er glaubte wohl, der Platzverweis wäre sonnenklar. Ich glaubte nicht, dass die zweite gelbe Karte kommen würde. Das passierte im Eifer des Gefechts (sehr frei übersetzt) und wir hielten uns aneinander fest. Das kam mir zuerst wie ein Scherz vor.“ Ganz unabhängig vom Spiel fand ich diesen Artikel interessant. Das Prostitutionsgeschäft scheint von der WM nicht sonderlich profitiert zu haben – sicherlich nicht wegen des vermeintlichen schwedischen Boykotts, sondern vielmehr, weil das Problem allerorten angesprochen wurde. Insofern auch ein Erfolg der Proteste.
  • Svenska Dagbladet (seriös) titelt „Sverige helt chanslöst“ („Schweden vollkommen chancenlos“). „Die erste Halbzeit war der reinste Alptraum für die Schweden, die vollkommen ausgespielt wurden. Ohne einen inspirierten Andreas Isaksson hätte der Rückstand doppelt so hoch ausfallen können. (…) ‚Ich kritisiere üblicherweise keine Schiedsrichter, aber dieses Mal bin ich der Meinung, dass er den Spielverlauf beeinflusste. Ich finde, dass Teddys Verwarnungen zu diskutieren sind. Außerdem war Ljungberg genau der gleichen Sache ausgesetzt, als Teddy seine zweite Karte bekam‘, sagte Lagerbäck. (…) Die schwedische WM-Party ist vorbei.
  • Dagens Nyheter (seriös) schreibt „Mardrömmen i München“ („Der Alptraum von München“). Im Artikel dazu steht: „Innerhalb von zwölf Minuten hatte die Heimmannschaft den Traum von einem neuen Bronzesommer [Anm.: hier wendet man das Medaillenschema auch gerne auf Plätze im Allgemeinen an.] zerschlagen. (…) Schwedens Courage erholte sich wenigstens ein bisschen gegen Ende der ersten Halbzeit. (…) Andreas Isaksson zeigte im ganzen Spiel Weltklasse und war Schwedens zweifellos bester Spieler. (…) Einer von wenigen schwedischen Lichtblicken in München.

Also war insgesamt der Schiri ein Arsch – aber das kann man ja immer sagen.

Wie dem auch sei – meine Eltern kommen heute abend, meine Deutschlandflagge hängt am Fenster und ich sage nur

54, 74, 90, 2006, ja, so stimmen wir alle ein. Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein!“

Der SPIEGEL war mal wieder schneller

aber diesen köstlichen Artikel sollte man sich nicht entgehen lassen: die Antwort der schwedischen Boulevardzeitung Expressen auf die Sprüche der BILD-Zeitung. Sprachlich ist der Artikel in jedem Fall allem überlegen, was in großen Buchstaben das Haus Springer verlässt. Gut geschrieben ist er, und ich konnte nur zwei grammatikalische Fehler entdecken.

Ich selbst komme bei der ganzen Schweden-Deutschland-Geschichte auch noch groß raus. Ich darf nämlich bis zu 3 Interviews geben:

  • Morgen früh zwischen 9 und 12 bei DASDING
  • Morgen abend dann eventuell für Fritz
  • Am Sonntagmorgen dann ziemlich sicher um ca. 8:45 Uhr bei Fritz

Ich muss also früh raus, da Interviews bei Fritz immer live sind. Ich bin schon leicht nervös und gehe deswegen mal mein Hochdeutsch üben 🙂

Konsequent sind sie ja…

nur wie die Redakteure bei der Stockholmer U-Bahn-Zeitung Stockholm City in ihrer WM-Beilage auf die Schreibweise gekommen sind, ist mir schleierhaft.

Auf alberne Obstwitze verzichte ich jetzt mal.

Ein Kollege bei DASDING hat angefragt, ob ich nicht ein paar böse schwedische Fußballsprüche kenne. Leider ist bei meiner Recherche nichts herausgekommen. Die Schweden sind zuversichtlich, aber schlagen werden wir sie trotzdem 🙂

Am Wochenende wird meine Superstarkarriere einen ungeahnten Schub erhalten. Weil ich eventuell sogar gleich zweimal von Fritz, dem Jugendsender des RBB, interviewt werden werde – und zwar live. Ich befürchte Schlimmes…

Schlaflos

Wenn ich endlich mal lernen würde, kurze Beiträge zu schreiben, dann wäre hier beträchtlich mehr los.

Ausgepowert bin ich zwar irgendwie schon noch, denn nach 2 Wochen Praktikum bei der Stadtregierung von Stockholm habe ich noch nicht wirklich meinen Rhythmus gefunden.

Das kann auch daran liegen, dass die Nacht eigentlich keine mehr ist. Die Abenddämmerung geht nämlich direkt in die Morgendämmerung über. Zur Illustration habe ich meine Webcam aufgestellt und die kürzeste Nacht des Jahres festgehalten:

22:10 Uhr – offizieller Sonnenuntergang. Die Sonne wird schon wieder um 3:09 Uhr aufgehen. Leider ist bewölkt, was die Sache weniger beeindruckend macht

0:00 Uhr – so langsam ist einigermaßen dunkel. Der Eindruck täuscht aber, weil die Webcam nicht so lichtempfindlich ist. In der Nacht zuvor sah das noch viel schöner aus:

0:27 Uhr (Anzeige ist falsch) am Abend davor – sternenklarer Himmel und Dämmerung. Zurück zur eigentlich längsten Nacht:

1:00 Uhr – Dunkel

2:00 Uhr – es dämmert wieder.

2:30 Uhr – jetzt wirklich deutlich sichtbar

3:00 Uhr – es ist Morgen


3:29 Uhr – Sonnenaufgang, auch wenn es nicht so aussieht. Dann doch lieber den vom Tag davor:

Herrlich, oder?
Kein Wunder, dass die Schweden von Juni bis August ein Dauergrinsen auf dem Gesicht haben.

Ausgepowert

Nachtrag von der gestrigen Rückreise:

Dieser Eintrag entsteht im Zug zurück – seit gestern hatte ich nicht wirklich die Zeit und Energie, noch etwas zu schreiben. Weltbewegendes ist ohnehin nicht mehr passiert, denn ungewöhnlicherweise endete der Kongress schon um 16 Uhr – seither war er nur noch ein „Konvent“, bestehend aus einer Reihe Seminare. Das gestern – Thema war der europäische Arbeitsmarkt – habe ich ausfallen lassen, weil mir eine Stunde Schlaf im Hotel attraktiver erschein. Mein ohnehin bescheidenes Hörverständnis der schwedischen Sprache nimmt zudem erheblich ab, wenn ich müde bin. England gewann derweil gegen Paraquay. Für das nachfolgende Spiel, Schweden gegen Trinidad und Tobago, hatte ich eigentlich einen gewaltigen Auflauf im Versammlungssaal erwartet. Stattdessen war dort gähnende Leere. Letztendlich landete ich in der Hotelbar und schaute es mir dort fast alleine an.

Das 0:0 wurde von den schwedischen Medien wie auch von den Schweden selbst als Katastrophe angesehen. Sicherlich ist es kein Ruhmesblatt, gegen einen Nobody wie das Inselpaar nicht zu gewinnen, aber man muss denen auch zugestehen, dass sie gar nicht mal so schlecht gespielt haben. Heute titelten die Zeitungen dazu Sachen wie „Mardrömsmatch“ (Albtraumspiel) oder „VM-fiasko“. Allerdings ist noch nichts verloren, wenn es auch gegen Paraquay und England nicht leichter werden dürfte. Meine zwei aus Argentinien stammenden Genossen deuteten im Übrigen mittlerweile an, die Gruppenauslosung sei getürkt gewesen, so dass Deutschland eine solch leichte Gruppe bekommen hätte. Glauben tue ich es zwar nicht, aber auch in einer schwereren Gruppe wären wir weiter gekommen.

Der gestrige Abend wurde mit einem Fest beschlossen – allerdings ist das nicht so wie bei den Juso-Landesdelegiertenkonferenzen, wo irgendwo in der Halle eine Rumpelkapelle spielt. Hier geht das alles etwas nobler zu. Etwas festliche Kleidung wurde erwartet, wenn auch kein Anzug vorgeschrieben war. Es gab ein ansehnliches Dinner, immer wieder unterbrochen durch Danksagungen und vor allem Gesang. Der Durchschnittsschwede kennt 167 Lieder inklusive Text, wovon mindestens 166 Trinklieder sind – das 167. ist die Nationalhymne. Genossen kennen zusätzlich noch die Internationale. Im Ernst: das Liedrepertoire der meisten ist echt beeindruckend. Zudem hat jeder Studentenklub ein eigenes Lied. Mein Klub, SSK aus Stockholm, hat auch eines, das zwar keiner von uns kannte, aber da wir ja die größte Delegation waren, war der Blamagefaktor etwas reduziert. Um mich herum saßen drei Damen, zur linken eine Genossin aus Lund in Skåne (also Südschweden). Die war mir schon in ihren Redebeiträgen etwas aufgefallen, weil sie klar vernehmlich den Dialekt dieser Region spricht. Mir gegenüber saß eine Genossin meines eigenen Klubs. Man erlebt immer wieder Überraschungen hier: die Skånerin war ein Jahr in Hamburg und spricht deutsch, und auch meine Klubkameradin kann etwas deutsch. Das Wochenende war sprachlich für mich ohnehin eine interessante Mischung aus meinen drei Sprachen, wobei sich natürlich bei meinem Schwedisch traurige Abgründe hervortun. Auch wenn es sehr nett, hat es natürlich auch einen besonderen peinlichen Aspekt, wenn mir dann angeboten wird, es doch einfach auf deutsch zu sagen. Interessanterweise saß heute morgen eine vor dem Versammlungssaal und machte „Das große Stern-Soduko“. Wenig später sprach sie mit jemandem Englisch. Ich hatte zwar keine Gelegenheit, mich mit mir unterhalten, aber anscheinend war ich doch nicht ganz so exotisch bei der Veranstaltung, wie ich ursprünglich gedacht hatte.

Im Anschluss an das Dinner war eine Party. Ich zog mich einigermaßen zeitig zurück. Da der Sonntag nur aus Seminaren bestehen sollte, wollte ich mich früher auf den Heimweg begeben. Der Plan klang brilliant, nur hatte er massive Schwächen. Am Bahnhof stellte ich fest, dass der Verkaufsschalter geschlossen hatte (ist ja auch Sonntag), dass die Schließfächer außer Betrieb waren und ich zu allem Überfluss noch mein Handy vergessen hatte – großartig. Also zurück zum Hotel, Handy holen, zurück zum Bahnhof. Beim Anruf bei der SJ-Hotline (SJ ist die schwedische Eisenbahn) bekam ich erst nach 10 Minuten einen Gesprächspartner, der mich auch sofort mit „one moment please“ abspeiste, als ich meine Absicht verkündete, Englisch reden zu wollen. Weitere 2 Minuten später dann endlich jemand, der mir helfen konnte – die Antwort war recht kurz: nein, eine anderweitige Nutzung des Tickets ist nicht möglich. Das ist wie Sparpreis bei der Deutschen Bahn. Nur, dass man bei SJ wirklich spart.

So bin ich geblieben und habe mir ein Seminar zur Hälfte angetan. Bis ich hinausging, saß die Hälfte der Zuhörerschaft da und fächerte sich Luft zu, weil so warm in dem Raum war. Leider konnte ich mich nicht mehr konzentrieren, so dass ich auch nicht mehr den Redebeiträgen zum Thema „Mäns våld mot kvinnor“ (Männergewalt gegen Frauen) folgen konnte.

Nach einem netten Abschluss in einem Café geht es jetzt nach Hause. Mein vorläufiges Resümee: interessant, aber leider für mich sehr schwierig, alles zu verfolgen, und außerdem einen ziemlich unglücklichen Zeitplan. Wenn ich Zeit und Lust habe, kommt später ein stilistisch schöneres Resümee später 🙂

Politik mit Körpereinsatz

Nach dem hohen Besuch gestern wird uns heute auch noch einiges geboten: eben war Anna Sjödin da, die Vorsetzende des SSU. Man könnte also vom schwedischen Gegenstück zu Björn Böhning sprechen – das ist der Vorsitzende der Jusos in Deutschland. Wer das nicht wusste: auch nicht tragisch, ich wusste es bis eben nämlich auch nicht. Wahrscheinlich kannte Anna Sjödin in Schweden auch keiner bis vor kurzem. Doch dann hatte sie eine Schlägerei in der Stockholmer Disco Crazy Horse. Der Türsteher fühlte sich von ihr provoziert – sie hingegen gab an, gar nichts gemacht zu haben, wenig getrunken zu haben und grundlos von dem Mann niedergeschlagen worden zu sein.

Tags darauf folgte eine denkwürdige Pressekonferenz, bei der sie mit ordentlich zugerichtetem Gesicht den Vorfall aus ihrer Sicht schilderte. Woanders hätte sie wohl zurücktreten müssen, aber sie wurde unterstützt und kam im wahrsten Sinne mit einem blauen Auge davon.
Aber Even Bad Publicity is Good Publicity – die Angelegenheit rauschte tagelang durch den Blätterwald, und zwar auf Seite 1. Seither ist sie wohl deutlich bekannter. Niels Annen hatte es da leichter. Der musste sich nur 10 Minuten lang Harald Schmidt stellen, um bekannt zu werden.

Anna Sjödin sah irgendwie immer noch angschlagen aus. Mit Augenringen und nicht gerade hinreißendem Redefluss versuchte sie bescheidene 5 Minuten lang, den Kongress auf die Wahl einzuschwören.
So sieht sie übrigens aus:


Es gibt übrigens auch ein offizielles Kongressblog. Natürlich sollte man dazu des Schwedischen mächtig sein.

God Morgon

Das Präsidium hatte letztendlich ein Einsehen und entließ uns schon um 2:30 Uhr. Nach erfrischenden 5 Stunden Schlaf geht es nun weiter. Glücklicherweise ist der Tag heute deutlich kürzer als gestern. Um 16:00 Uhr wird es Podiumsdiskussionen geben, und um 18 Uhr natürlich das Highlight des Tages: Schweden gegen Trinidad und Tobago.

Während hier die letzten Anträge besprochen werden, nochmals eine Impression, dieses Mal als Panorama:

Müde bin ich, ….

Eigentlich dachte ich ja, es sei ein schlechter Scherz, dass wir vor 3 Uhr nicht ins Bett kämen. Leider ist es aber die bittere Wahrheit. Offenbar ist es hier üblich, einen Antrag nach dem anderen durchzuziehen wie ein Konstantin Wecker weißes Pulver. Ob man sich um 1:30 Uhr mit dem Vorschlag, eine Brücke zwischen Umeå (Nordschweden) und Vasa (Nordfinnland) zu bauen, auseinandersetzen sollte, sei dahingestellt. Jedenfalls ist es recht anstrengend – eben wurde sogar etwas Gymnastik gemacht, samt einem lustigen Kinderlied, das natürlich nur Schweden kennen. Immerhin gab es zwischenzeitlich sogar eine Gelegenheit, wo unsere so kostbar platzierten Stimmen (trotz meines Status als Ersatzdelegierter bin ich permanent am Mitstimmen, weil wir nicht komplett sind) auch wirklich einmal abgezählt wurden. Die Zählprozedur dauerte aber derart lange, dass zu befürchten war, dass Stimmen verloren gingen, weil die entsprechenden Delegierten nicht mehr ihre Arme haben konnten.
Die Brücke wird im übrigen nicht gebaut. Zu teuer, und da oben wohnen nicht sonderlich viele – es ist auch ziemlich mutig, eine mehrteilige Brücke von Insel zu Insel zu planen, deren längstes Zwischenstück 26 km sein soll. Eine lustige Idee war es trotzdem.