Tunnelbana mit neuem Betreiber – Kurzbilanz

hansbaer Januar 13th, 2010

Die Hongkonger MTR hat den Betrieb der Stockholmer U-Bahn übernommen. Das ist nichts neues, denn es geschah schon Anfang November.

Jedoch ist nach gut zwei Monaten Betrieb Zeit, ein kleines Resümee zu ziehen. Es fällt gut aus, denn die U-Bahn fährt genauso gut wie vorher, und das ist ja schonmal was, insbesondere nach dem Wetter der letzten Wochen.

MTR hat auch viel versprochen. So sollten die ganzen Bahnsteige gereinigt werden, was wohl auch passiert sein soll. Einen nennenswerten Unterschied macht dies bei meiner täglichen U-Bahn-Fahrt jedoch nicht.

Was aber seither auffällt, sind die “tågvärdar”. Das ist in diesem Fall zusätzliches Betreuungspersonal, dessen Aufgabe darin besteht, auf dem Bahnsteig herumzustehen und nichts zu tun. Das machen sie dafür aber sehr professionell.

Manche von ihnen stehen auch am Eingang und versuchen, hilfsbereit auszusehen. Ich sah auch schon einen, der dem Fahrkartenkontrolleur und -verkäufer in der Verkaufsbude etwas die Arbeit abnahm und Tickets stempelte. Gelegentlich schauen auch diejenigen, die auf dem Bahnsteig herumstehen, dass alle im Zug sind.

Nicht nur, dass der bisherige Betrieb genauso gut und sicher ohne funktioniert hat. Man muss sich auch fragen, wie MTR zum gleichen Preis wie andere Mitbewerber dieses ganze Personal finanziert. Vielleicht gefällt auch der soziale Anstrich, dass man jetzt mehr Leuten eine Arbeit gibt. Jedoch muss ich mich da fragen, ob es nicht eher einer Erniedrigung gleichkommt, Leuten solche offenkundig sinnlose Jobs zu geben. Es ist schon schlimm genug, dass die Leute in den Verkaufsbuden seit jeher ihre Erfüllung in einem Job suchen müssen, den theoretisch ein Fahrkartenautomat genauso gut erledigen könnte. Dass man nun Leute zum offensichtlichen Nichtstun anstellt, ist aber ein Hohn.

Irgendwie scheint mir, dass dieses Konzept nicht den ganzen Vertragszeitraum von MTR wird überstehen können. Schon jetzt scheint mir die Zahl der Tåvärdar abzunehmen.

Feinstaub, Spikereifen und eine kleine Änderung nebenbei

hansbaer Oktober 22nd, 2009

Der Feinstaub treibt auch die Schweden um. Hierzulande macht man sich aber weniger Sorgen um das, was aus dem Auspuff kommt. Dementsprechend hat auch noch keiner vorgeschlagen, ein etwas undurchdachtes Plakettensystem einzuführen, das nachher weitgehend nutzlos ist.

Auch von schmutzigen Heizungen soll er nicht kommen. Nein, er kommt von den Autoreifen.

Ja, richtig gelesen, denn in Schweden sind Spikereifen, so genannte Dubbdäck, erlaubt. Während diese im Norden unverzichtbar sind, bringen sie in den Großstädten nicht wirklich viel. Im Gegenteil schaden sie sogar, und zwar nicht nur der Straßendecke, sondern auch den Menschen. Denn die Staubpartikel, die die kleinen Metallstifte aus dem Asphalt schleudern, sind schädlich. Plakativ heißt es, in Stockholm sterbe jedes Jahr ein Mensch deswegen, um dem statistisch unbedarften den Eindruck zu geben, man könne diese eine Person auch wirklich finden.

Das regt zu Aktionismus an, denn in Stockholm gibt es eine Straße, auf der, könnte man eben diese eine Person finden, bestimmt dahinscheiden würde: die Hornsgatan mitten im Stadtteil Södermalm. Dort sind die Feinstaubwerte ständig zu hoch.

Daher wurde schon monatelang darüber gesprochen, ein Spikereifenverbot auf dieser Straße einzuführen.

Da gibt es nur zwei Probleme:
1. Was passiert, wenn jemand mit Spikereifen diese Straße kreuzen will bzw. gar nicht mehr umkehren kann? Lösung: ganz Södermalm soll spikereifenfrei gemacht werden.
2. Was ist, wenn es gar keine Gesetz für so etwas gibt?

Letzteres ist nämlich der Fall, und so hat die Regierung heute beschlossen:

  • Die Kommunen dürfen auf bestimmten Straßen Spikereifen verbieten.
  • Spikereifen sind von 16. April bis 30. September generell verboten.
  • Schwedische und ausländische Autos unterliegen auf Reisen von und nach dem Ausland den gleichen Bestimmungen wie schwedische Autos. Das heißt nichts anderes, als dass künftig alle Autos in Schweden von 1. Dezember bis 31. März Winterreifen mit mindestens 3mm Profiltiefe haben müssen.

Das ist ein interessanter Maßnahmenkatalog. Nicht, weil er schon ab 15. November gelten soll – es ist in Schweden nicht selten, dass Entscheidungen sehr kurzfristig umgesetzt werden. Interessant ist die Zusammenstellung, denn das generelle Verbot für Spikereifen war vorher 2 Wochen länger und galt schon ab 1. April. Auch war von ausländischen Autos in meiner Wahrnehmung in der Debatte nie die Rede. Über die Beweggründe ist in der Pressemeldung nichts zu lesen.

Man kann sie sich aber denken. Am 1. April ist schon Tauwetter in Stockholm, aber in Nordschweden noch lange nicht. Auch die Winterreifenpflicht für Ausländer hat ihren Zweck. Ursprünglich war das wohl dafür gedacht, dass jemand über die Grenze kommt und dann entsetzt feststellt, dass er keine Winterreifen hat. Das wiederum spricht nicht gerade für die Vernunft des Fahrers und rechtfertigt eigentlich keine Ausnahme.

So nebensächlich letztere Änderung wirkt: für Touristen und auch für Auslandsdeutsche ist dies künftig Grund genug, sich darauf einzurichten. Ich selbst hatte anfangs auch nur Sommerreifen hier.

So werden also die Dubbdäck in Stockholm teilweise verboten werden – und ich finde es gut. In dieser Region gibt es wirklich keine Notwendigkeit für sie. Die Straßen sind normalerweise frei, und dass jemand, der sie wirklich braucht, auch unbedingt in einen zentralen Stadtteil fahren muss, ist doch recht unwahrscheinlich.

Nicht ganz im Zusammenhang sei auch noch auf diesen Gesetzesentwurf hingewiesen. Nachdem die Regierung nun Absolut Vodka verkauft hat, das Apothekenmonopol abschafft, muss nun noch ein weiteres Monopol dran glauben: Bilprovningen, die schwedische Entsprechung des TÜV, soll mit diesem Entwurf private Konkurrenz bekommen.

Kreuze machen – in doppelter Hinsicht

hansbaer September 16th, 2009

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Der Wahlschein zur Kirchenwahl

Thomas war wieder einmal schneller: am Sonntag ist Kirchenwahl.

Dieses Ereignis ist schon etwas kurios hier in Schweden, denn die schwedische Kirche war bis 1999 eine Staatskirche, was sich u.a. dadurch ausdrückte, dass sie bis in die frühen 1990er Jahre für das Meldewesen zuständig war. Bis heute gibt es in Schweden keine Trennung zwischen kirchlicher und standesamtlicher Trauung – dir kirchliche Trauung ist gleichzeitig auch die zivile Trauung.

Die Kirchenwahl ist bis heute davon geprägt, denn sie kommt daher wie eine “normale” Wahl: es wird einem ein hochoffizieller Wahlschein zugestellt. Zudem darf man gleich in drei Wahlen mitstimmen: analog zu den staatlichen Strukturen Kommune, Län (eine Art Bundesland), Königreich gibt es bei der Kirche Församling (Gemeinde), Stift (Bistum) und Kirche als gesamtes. Jede dieser Ebenen wird von einem demokratisch gewählten Rat geleitet.

Das Kuriosum besteht eigentlich darin, dass nicht etwa Einzelpersonen antreten, sondern Listen, die zudem größtenteils von den Parteien aufgestellt werden. Konkret: zu jeder der etablierten Parteien gibt es auch eine Kirchenliste, was irgendwie nicht so wahnsinnig viel Sinn macht, weil es dort ja nicht um Parteipolitik geht und die Linkspartei z.B. mit der Kirche nicht viel am Hut haben dürfte.

Ich bin Mitglied in der deutschen Kirche, die eine sogenannte nicht-territoriale Gemeinde ist. Soll heißen, man kann in dieser Kirche auch Mitglied sein, wenn man nicht in deren Bezirk wohnt. Ansonsten funktioniert das nämlich wie in Deutschland: dort, wo man wohnt, wird man automatisch Gemeindemitglied. Im Gegenzug kann man nur Mitglied werden, wenn man besondere Anforderungen erfüllt. Man qualifiziert sich z.B. durch die deutsche Staatsbürgerschaft oder dadurch, dass man Angehöriger eines Gemeindemitglieds ist. Evangelisch muss man natürlich auch sein.

Da ich derzeit 0,78% meines gesamten Einkommens an die Kirche gebe, wollte ich da natürlich nicht fehlen, wenn schonmal gewählt wird. Da ich am Sonntag nicht wählen kann, bestellte ich ein Briefwahlpaket, das leider nie angekommen ist.

Heute ist der letzte Tag gewesen, im Voraus zu wählen – sowohl durch Vorbeischauen bei der Gemeinde als auch durch Briefwahl. Dummerweise hatte ich die Wahlbenachrichtigung zuhause gelassen.

Die Frau bei der Gemeinde war aber so nett, herauszufinden, dass sie mir eine Ersatzkarte ausstellen kann. Also bin ich heute nachmittag hin und habe gewählt.

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Innen taten sich bemerkenswerte Parallelen zu den allgemeinen Wahlen auf. Wahlkabine, Wahlkuverts und Stimmzettel sind praktisch identisch. Einziger Unterschied war, dass man bei der Kirchenratswahl meiner Gemeinde drei Kandidaten wählen durfte. Es gab zwei Kandidatenlisten. Panaschieren, also die Wahl von Bewerbern mehrerer Listen, war aber nicht erlaubt.

Ich bin ehrlich gesagt weitgehend uninformiert und ahnungslos in diese Wahl gegangen. Daher wollte ich bei den regionalen und nationalen Wahlen auch meine eigene Partei wählen. Dummerweise war diese die einzige, die keine Stimmzettel ausliegen hatte. Also habe ich von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, die Partei einfach auf einen leeren Zettel zu schreiben.
Ich hätte auch nicht gewusst, wen ich sonst hätte wählen sollen. Neben den Parteilisten gab es nämlich noch so Listen wie “Kyrkans Bästa” (“Die Besten der Kirche”), von denen ich noch weniger Ahnung habe als von den etablierten Parteien. Der Knüller ist aber “Öppen Kyrka” (“Offene Kirche”), die es nur auf drei Kandidatinnen bringt. Die drei Mädels sind 65, 70 und 71 Jahre alt, und zwar genau in dieser Reihenfolge auf der Liste. Das Motto lautet also: der Jugend eine Chance geben. Die 70-jährige ist Tänzerin und studiert, um Pastorin zu werden, was in dem Alter doch etwas, ähm, ungewöhnlich ist. Die beiden anderen sind schon Pastorinnen, aber das macht es auch nicht wirklich leichter, diese Liste ernst zu nehmen.

Auf lokaler Ebene habe ich mehr oder weniger spontan entschieden – auf der einen Liste (“Samverkan”, zu deutsch “Zusammenarbeit”) waren Zusatzinformationen zu den Kandidaten abgedruckt und ein Name kam mir aus dem deutschen Programm des schwedischen Rundfunks bekannt vor.

Nun fällt mir allerdings auf, dass die andere Liste (“Församlingens Röst”, zu deutsch “Stimme der Gemeinde”) anscheinend eine Protestgründung ist, die sich für Erneuerung einsetzt. Konkret hat diese Erneuerung wohl etwas damit zu tun, dass es auch bei den Christen nicht immer so nett zugeht und so der ehemalige Pfarrer anscheinend etwas unsanft hinauskomplimentiert wurde.

So ein Anliegen erscheint unterstützenswert, aber: who am I to judge? Vielleicht gab es gute Gründe dafür, von denen ich schlicht nichts weiß.

Die Kirchenwahl ist irgendwo eine Farce. Man wählt Personen und Parteien, die man bestenfalls oberflächlich kennt. Die Programme, so sie denn deutlich werden, scheinen sich auf Allgemeinplätze zu reduzieren, an denen man kaum echte Unterschiede sehen kann. Die Parteien betreiben ihre Wahlwerbung halbherzig und sehen das eher als Stimmungstest für die große Wahl im nächsten Jahr. Mir scheint, der eigentliche Zweck der Wahlwerbung meiner eigenen Partei besteht mehr darin, die Leute überhaupt zu den Urnen zu locken. Die Wahlbeteiligung ist so mies (letztes Mal: 12%), dass man nur Stammwähler zu mobilisieren braucht, um einen großartigen Wahlsieg feiern zu können.

Das nächste Mal werde ich versuchen, mich zu informieren – aber für dieses Mal blieb mir nur noch, meine unqualifizierte Stimmabgabe zu bezeugen, als meine drei Wahlzettel in den Briefwahlumschlag getan und in eine versiegelte Urne geworfen wurden.

Vorbeifahren

hansbaer September 4th, 2009

Vor einiger Zeit gab es eine Werbekampagne hier in Stockholm. Dort war auf schwarzem Grund groß zu lesen:

Es gibt nur zwei europäische Länder, deren Hauptstadt keine Umgehungsstraße hat.

Und darunter klein:

Albanien ist das eine.

Womit sich jeder denken, welches das andere ist: Schweden.

In der Tat gibt es derzeit genau drei Möglichkeiten, die Region Stockholm zu umfahren – und von denen sind zwei so abwegig, dass sie nie jemand dafür benutzen würde.
De facto gibt es also nur einen Weg, nämlich den Essingeleden, eine Autobahn über Kungsholmen, auf der trotz vierspurigen Ausbaus jeden Morgen Stau ist.

Die Schaffung einer Alternative tut also not. Diese soll die “Förbifart Stockholm” werden, also die Vorbeifahrt an Stockholm. Eine Autobahn, größtenteils unterirdisch verlegt wird – 17 der 21 km werden Tunnel sein – soll einen Bogen im Westen über die Inseln der Gemeinde Ekerö schlagen und dann im Nordwesten die Anbindung an die großen Straßen E4 und E18 schaffen. Bis 2020 “kann” der Bau fertig sein, was soviel heißt, dass er bis dahin nicht fertig sein wird.

Kritik wird laut von einigen Seiten. Man fürchtet um den Umwelt- und vor allem den Klimaschutz. Auch die Bewohner der Insel Lovö, unter der ein Teil des Tunnels verlaufen und die auch eine Autobahnabfahrt bekommen soll, sind nicht begeistert.

Die Argumente dieser Gegner sind mir doch einigermaßen schleierhaft. Ein Tunnel schadet ja wohl kaum der Natur. Wenig stichhaltig erscheint mir das Argument, der CO2-Ausstoß werde dadurch erhöht, denn dies beruht auf der Annahme, der Verkehr werde weniger wachsen, wenn man einfach keine Straßen für ihn baut. Diejenigen, die so argumentieren, verweisen auch auf die Stadtmaut, die man dafür benutzen könne, den Verkehr fernzuhalten.

Dabei hat gerade die Trängselskatt gezeigt, dass eine solche Maßnahme bestenfalls lenken kann – fernhalten kann es den Verkehr aber nicht wirklich. Die Straßen Stockholms sind mittlerweile genauso verstopft wie vor Einführung der Maut. Man hat sie seit 2007 nicht mehr angehoben, was einen starken Gewöhnungseffekt erzeugt.

Der Bau der Förbifart ist mehr als überfällig und ich kann sie eigentlich nur unterstützen. Außerdem erscheinen mir Klagen aus Ekerö übertreiben, weil Ekerö eine der Kommunen ist, die die schlechteste Verkehrsanbindung haben – die meisten werden wohl froh darum sein, wenn sie keine Fähre mehr nehmen oder den endlosen Umweg über Bromma fahren müssen.

Der Ablauf der Planung scheint mir aber symptomatisch zu sein für Verkehrsplanung im Raum Stockholm.

Slussen baut man erst um, nachdem es zu einem heruntergekommenen und nach Urin stinkenden Schandfleck geworden ist. Die Citybanan, ein S-Bahn-Tunnel unter Stockholm zur Entlastung des südwärts gerichteten Schienennetzes, wird in Angriff angenommen, nachdem die S-Bahn Pendeltåg schon seit vielen Jahren ein Synonym für Unzuverlässigkeit und Störungsanfälligkeit ist. Die am schnellsten wachsenden Kommunen sind nur durch Busse angebunden und haben nichtmal in Aussicht, Schienenverkehr zu erhalten. Zu der Insel, auf der ich wohne, gibt es nur eine altersschwache und überlastete Brücke, aber eine neue Brücke soll es erst in 15 Jahren geben – von einer Anbindung an den Schienenverkehr wird erst gar nicht gesprochen, obwohl jetzt schon die Busse in kurzen Takten fahren und trotzdem voll sind.

Wenn man von dem zukunftsweisenden Projekt der Tvärbanan absieht, baut man immer erst dann, wenn die Situation eine Zumutung geworden ist. Man repariert einen Schaden erst, wenn er eingetreten ist, aber versucht nicht, ihn vorsorglich zu verhindern.

Insofern kann ich der Förbifart eigentlich nur einen Kritikpunkt entgegen bringen, nämlich den, warum das Projekt nicht gleich durch eine Erweiterung des Nahverkehrs ergänzt hat. Eine direkte S-Bahn von Södertälje nach Akalla und Hjulsta wäre der Region sehr zuträglich.

Wohnungsprobleme

hansbaer August 28th, 2009

Wie ich neulich schon angemerkt habe, ist die Wohnungssuche für Studenten in Stockholm derzeit äußerst problematisch.

Heute morgen hat Dagens Nyheter nun eine Übersicht der Wohnungssituation für Studenten in ganz Schweden publiziert. In den drei Großstädten Stockholm, Göteborg und Malmö, aber auch in kleineren Städten wie Lund ist es demnach äußerst schwer im Moment. Thomas fasst auf Fiket die Ursachen treffend zusammen.

In Lund hat man nun sogar Armeezelte als vorübergehende Bleibe aufgestellt. In dem Zusammenhang frage ich mich, wieso man eigentlich meinen ehemals heißgeliebten Container leerstehen lässt. Er ist zwar hässlich, überteuert und laut, aber immerhin hat man ein Dach über dem Kopf. Besser als ein Armeezelt ist er allemal.

Schon wieder neues zum Auswandererguide

hansbaer August 13th, 2009

Im Teil über Aufenthaltsgenehmigungen, Abmeldungen und Anmeldungen stimmte allerhand nicht mehr.

Daher habe ich jetzt diesen Teil in weiten Teilen erneuert.

Auswandererguide Teil XVII: Studieren in Schweden – Studienfinanzierung und soziale Absicherung

hansbaer Juli 19th, 2009

Das Leben in Schweden ist generell etwas teurer als in Deutschland. Ein Studentenzimmer erhält man selbst an kleinen Studienstandorten kaum unter 250 € im Monat, und auch die allgemeinen Lebenshaltungskosten wie die Preise für Lebensmittel liegen etwas höher. Zudem sind Heimaturlaube naturgemäß teurer. Das alles muss finanziert werden. Diese Seite soll ein paar Wege aufzeigen und Fragen beantworten.

Studentenrabatte

Zu Beginn sollte man vielleicht etwas zum Thema Studentenrabatte sagen.

Es gibt sie – jedes Semester, wenn ich meinen Studentenausweis zugeschickt bekomme, ist eine Broschüre dabei, was ich denn nun alles zu vergünstigten Preisen kaufen könnte. Das Problem bei den meisten dieser Rabatte scheint mir zu sein, dass sie einem vorwiegend Dinge andrehen wollen, die man unter normalen Umständen gar nicht gekauft hätte. Der Einsparungseffekt kann also durchaus bezweifelt werden.
Auch vermeintlich interessante Angebote würde ich kritisch beäugen. So gibt es z.B. die Seite studentdator.se, die Studenten zum Vorzugspreis Computer verkauft. Ich habe einen natürlich nicht repräsentativen Vergleich bei den Laptops gemacht und festgestellt, dass es sich dabei um Standardmodelle handelt, die dann etwas mehr Arbeitsspeicher haben. Dasselbe Modell ohne besagte Arbeitsspeicheraufrüstung wäre für rund 100 € weniger bei anderen Anbietern zu haben – also selbst mit Aufrüstung ist der Preis bestenfalls konkurrenzfähig, aber kein einzigartiges Schnäppchen.

Abgesehen davon gibt es aber trotzdem Rabatte, die hilfreich sein können. So haben SJ, die nationale schwedische Bahngesellschaft, und Swebus Express, Betreiber von Fernbuslinien, eine Kategorie für Studenten. Billiger sind diese häufig, aber nicht immer. Im öffentlichen Nahverkehr kommt es darauf an. Der Verbund Skånetrafiken, der u.a. auch Malmö bedient, bietet nach meiner groben Schätzung rund 20% Rabatt für Studenten. Für Fahrten über den Öresund nach Dänemark zahlt der Student sogar 35% weniger. In Göteborg gibt es 25% Rabatt. Dort gibt es für die Studenten an der Technischen Hochschule Chalmers auch eine eigene Karte, die nur auf bestimmten Linien gilt. In Uppsala konnte ich hingegen nichts dergleichen finden. Die verbundüberschreitende Kooperation im Mälardalengebiet, TiM, die u.a. Uppsala, Stockholm, Västerås und Eskilstuna, Örebro, Nyköping und Norrköping umfasst, hat je nach Konstellation einen kleinen Studentenrabatt. In Stockholm sträubte man sich lange, einen Studentenrabatt einzuführen. Nun gibt es die Studentkort, die gut 30% Rabatt im Vergleich zu normalen Monatskarten gibt. Auch im Vergleich mit einer normalen Jahreskarte ist sie rund 25% billiger. Allerdings hat sie zwei Nachteile. Die Frühjahrsstudentenkarte läuft Mitte Juni aus, aber die Herbststudentenkarte fängt frühestens Ende August an – in der Zeit dazwischen gibt es nur die Sommerferienkarte, die aber nur für Schüler, nicht für Studenten zur Verfügung steht. Man muss also mit normalen Karten fahren. Außerdem wird die Studentenkarte im Gegensatz zu anderen Dauerkarten bei Verlust nicht ersetzt.

Auch Zeitungen bieten Studentenpreise an. Allerdings ist das in Deutschland so beliebte Studenten-Probeabo, bei dem man einfach ein Probeabo abschließt und es gleich wieder kündigt, hier anscheinend nicht so üblich.

Viele deutsche Studenten lassen sich über eine Bescheinigung vom Sozialamt von der GEZ-Gebühr befreien. In Schweden gibt es ein ziemlich ähnliches Gebührensystem wie in Deutschland, in dem aber nur Fernseher meldepflichtig sind, keine Radios. Die schwedische Entsprechung zur GEZ heißt trotzdem Radiotjänst und wird zum Thema Studenten sehr deutlich: wer 18 ist und einen Fernseher hat, zahlt die volle Gebühr von derzeit 173 kr pro Monat, egal ob Student oder nicht.

Steuerlich werden Studenten nicht generell bevorzugt, aber es gibt eine Ausnahme. Für Sommer- und Nebenjobs, bei denen der Lohn unter 18200 kr (Stand 2009) bleibt, kann mit Hilfe eines einfachen Formulars erreicht werden, dass der Lohn unversteuert ausgezahlt wird. Auch darüber kann eine reduzierte Steuer angesetzt werden. Soweit ich das aber verstehe, zahlt der Sommerjobber trotzdem voll Steuern – lediglich der Steuerausgleich wird vorgezogen, so dass man nicht auf die Bearbeitung der Steuererklärung im Jahr darauf warten muss.

Die Möglichkeiten zum günstigeren Leben sind also vielleicht etwas geringer als in Deutschland, aber durchaus vorhanden. Nicht vergessen bei dem ganzen sollte man, dass Studentenwohnheime auch eine gewisse Form des Rabatts sind, denn diese Wohnform findet sich auf dem freien Markt nur sehr eingeschränkt.

Fast alle genannten Rabatte erfordern den Besitz einer Studentkortet, einer Mecenat-Kort (diese beiden erhält man in der Regel von der Uni zugeschickt) oder einer CSN-Kort (eher für andere Ausbildungen). Das sind die drei gängigen Typen von Studentenausweisen in Schweden, von denen eigentlich jeder Student mindestens einen hat und die auch gemeinhin problemlos anerkannt werden. In manchen Fällen sind auch internationale Studentenausweise (ISIC) zugelassen, aber z.B. bei der Stockholmer Nahverkehrskarte ausdrücklich nicht.

Staatliche Fördermittel aus Deutschland

Nun aber zu weiteren Möglichkeiten, sich das Leben in Schweden zu finanzieren.
Für Deutsche liegt hier natürlich erst einmal das BAföG nahe. Dieses kann theoretisch auch für eine Ausbildung gezahlt werden, die komplett im Ausland stattfindet. Jedoch muss hierbei der ständige Wohnsitz im Inland verbleiben. Dieser ist im Sinne des Gesetzes dann im Inland, wenn die Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland nur vorübergehender Natur ist, d.h. man zumindest beabsichtigt, nach dem Ende der Ausbildung nicht im Ausland zu verbleiben. Ob man sich damit ein 5jährige Vollzeitausbildung in Schweden unterstützen lassen kann, ist da natürlich Interpretationssache, denn wer schon von Anfang erkennen lässt, dass er gar nicht vor hat, zurückzukommen, wäre auch nicht mehr förderungswürdig im Sinne dieses Gesetzes. Jedoch räumt das Gesetz auch ein, dass man während des Aufenthalts seine Meinung ändert. Das Ganze ist also mehr eine Frage, wie die Behörden diese Maßgaben praktisch umsetzen. Ein Nachteil des BAföG ist auch die aufwändige Antragstellung und die Gefahr, bei fehlerhaften Angaben bestraft zu werden. Bei vollem Fördersatz wäre ein Leben in Schweden gerade so möglich, aber den erhalten natürlich längst nicht alle. Hat man vor dem Studium schon einige Zeit in Schweden gelebt, dürfte diese Möglichkeit ohnehin kaum noch bestehen.

Eine weitere Förderungsmöglichkeit aus Deutschland ist das Kindergeld, das bei Erfüllung aller Voraussetzungen noch bis zum 25. Lebensjahr gezahlt werden kann. Jedoch wird es in der Regel natürlich an die Eltern gezahlt, nicht an den Studenten direkt.

Staatliche Fördermittel aus Schweden

Natürlich gibt es auch ein schwedisches Pendant zum BAföG. Dieses wird meist CSN genannt, nach der Behörde, die es vergibt.
Als EU-Bürger, liechtensteinischer oder schweizer Bürger ist man nur förderungswürdig, wenn man eine der folgenden Bedingungen erfüllt:

  • Man hat eine permanente Aufenthaltsgenehmigung bzw. permanentes Aufenthaltsrecht (für EU-Bürger). Dieses erhält man jedoch erst nach 5 Jahren in Schweden.
  • Man bildet sich innerhalb seines eigenen Berufs weiter.
  • Man hat mindestens zwei Jahre lang in Schweden gewohnt und gearbeitet.
  • In bestimmten Fällen kann man auch gefördert werden, wenn man nahe Angehörige in Schweden hat, die hier arbeiten. Auch wenn man seit mindestens zwei Jahren als Lebenspartner oder Ehepartner eines EU-Bürgers in Schweden lebt, kann eine Förderung möglich sein.

Dies schränkt die Möglichkeiten für alle diejenigen, die erst mit der Aufnahme des Studiums nach Schweden kommen, natürlich erheblich ein.
Für alle, die gefördert werden können, sei ein bisschen das System erklärt.

Die Studienförderung übernimmt in der Altersgruppe 16 bis 20 die Rolle des Kindergeldes. Man bezeichnet dies als “studiestöd” (Studienunterstützung). Ab 20 gibt es dann die für weiterführende Studien vorgesehenen Mittel.

Der Umfang der Fördermittel bestimmt sich vor allem daraus, ob man Vollzeit- oder Teilzeitstudent ist. Auch werden die Mittel nicht pauschal vergeben, sondern nur für die Wochen, in denen auch studiert wird. Daher sind Sommerjobs auch so populär, denn im Sommer erhält man kein Geld von CSN. Die Förderung wird maximal über 240 Vollzeitstudienwochen gewährt, was ungefähr 6 Jahren Vollzeitstudium entspricht. Bei einem Zweitstudium kann es jedoch entsprechend erweitert werden.

Die Förderung besteht aus zwei Teilen, die unter dem Begriff studiemedel (Studienmittel) zusammengefasst werden:

  • Studiebidrag (Studienbeitrag): diese Förderung muss nicht zurückgezahlt werden. Bei Vollzeitstudium beträgt sie derzeit 2684 kr (Stand 2009) pro Monat.
  • Studielån (Studienkredit): hier muss natürlich nachher zurückbezahlt werden, und zwar im Gegensatz zum BAföG auch mit Zinsen. Diese sind allerdings in der Regel deutlich niedriger als die marktüblicher Kredite. Die Zinsen betrugen hier 2,1% im Jahr 2008 – unter normalen Bedingungen fast geschenkt, in der Krise aber natürlich nicht mehr so. Die günstigen Konditionen fördern auch eine besondere Art der Zweckentfremdung. So finanzieren manche Leute ihre Wohnungen mit Hilfe der Studienförderung, während sie in Wirklichkeit von ihren Eltern unterstützt werden. Solange der Wert der Wohnung steigt, ist das ein ausgesprochen gutes Geschäft. Der Studielån beträgt derzeit maximal 5136 kr im Monat.

Für Studenten mit Kindern und Leute über 25 gibt es bei Bedarf noch die Möglichkeit, mehr zu erhalten.
Man kann die beiden Teile nicht getrennt betrachten. Wer beispielsweise nur eine 50%ige Förderung haben möchte, kann nicht den vollen Studiebidrag nehmen und nur weniger Kredit nehmen, sondern erhält beides nur anteilig.

Die Vergabe der Studienförderung ist an Einkommensgrenzen gebunden. Nimmt man beispielsweise 23 Wochen Studienunterstützung auf Vollzeit im Halbjahr, so liegt die aktuelle Grenze für dieses Halbjahr bei 45475 kr. Dies soll natürlich verhindern, dass man sich die Studienförderung als Zubrot nimmt, ohne wirklich zu studieren. Läuft man aber auch so Gefahr, die Grenze zu erreichen, ist CSN sehr flexibel. Man kann dann einfach anrufen und darum bitten, die nächsten Zahlungen entsprechend zu reduzieren oder ganz einzustellen.

Über die Grenze zu kommen ist nämlich nicht erstrebenswert. Alles Geld, was man zuviel erhalten hat, muss man mit einem marktüblichen Zins zurückzahlen, der natürlich viel höher liegt als der normale Zinssatz. Kann man die Rückzahlung nicht auf einmal leisten, kann sie auf Antrag aufgeteilt werden.

Die Rückzahlung nach dem Studium wird von CSN festgelegt, wobei man maximal 25 Jahre bezahlen und bis zum 60. Lebensjahr fertig sein soll. Ob man ein Einkommen hat oder nicht, spielt erst einmal keine Rolle. Wie man an der langen Rückzahlungszeit von 25 Jahren sieht, kommt hier wieder das etwas andere Verhältnis der Schweden zu Schulden ins Spiel. Während es beim BAföG sogar einen Bonus gibt, wenn man schnell zurückzahlt, kann man sich beim CSN ziemlich viel Zeit lassen.

Wichtig zu erwähnen ist noch, dass die Mittel von CSN im Gegensatz zum BAföG vollkommen unabhängig davon sind, was nahe Angehörige an Einkommen haben.
Sehr erfreulich an CSN ist auch die im Vergleich zum BAföG geradezu kinderleichte Beantragung. Ein zweiseitiges Formular genügt. Es müssen auch nicht viele Dokumente eingeschickt werden.

Studienkredite

Jenseits dieser staatlichen Förderungsmöglichkeiten gibt es natürlich auch noch Möglichkeiten, Studienkredite bei Banken aufzunehmen. Ich habe vor einiger Zeit gehört, dass die KfW solche Kredite auch für Auslandsstudien anbiete. Laut deren Homepage ist dem aber nicht so.

Schwedische Banken bieten auch Kredite. Als Beispiele habe ich mal bei der SEB geschaut, die diese Utbildningslån nennt, und bei der Nordea, die sie Studentlån nennt. So hat die SEB diesen Kredit im Angebot, bei dem man 200.000 kr aufnehmen kann. Bei der Nordea gehen anscheinend nur 20.000 kr.
Die Details solcher Kredite muss man natürlich dann einholen, wenn eine entsprechende Entscheidung ansteht. Jedoch sieht mir keines dieser Angebote so aus, als ob man damit mehr als einen Bachelor voll finanzieren könnte. Zudem muss man das Geld danach sofort zurückbezahlen, was natürlich erfordert, dass man gleich über ein Einkommen verfügt. Ich habe also meine Zweifel, dass dies einen vollwertigen Ersatz für staatliche Mittel darstellen kann – soll es vermutlich auch nicht.

Stipendien

Etwas weniger bekannt ist, dass es auch Stipendien gibt, mit denen man einen Teil seines Studiums finanzieren kann.

Nur muss man eines bekommen, und dazu kann ich nicht viel sagen, da ich mich nie um eines bemüht habe.

Es gibt jedoch einige Übersichtsseiten im Netz:

  • Lycknis: Portal, das neben billigen Studienbüchern auch eine Stipendiendatenbank anbietet – aber nur, wenn man sich einen Account zulegt.
  • Finansportalen: diese Seite enthält eine Liste von Organisationen, die Stipendien vergeben.
  • Kulturnät Sverige: ebenso eine Liste
  • Noch eine Liste
  • Svensk Stipendieförmedling: hierbei handelt es sich offenkundig um ein kommerzielles Angebot. Hauptgeschäftszweig scheint der Verkauf einer Liste zu sein, die Informationen zu rund 1600 Angeboten enthält. Derzeit kostet die Liste 268 kr inkl. Porto. Die Liste ist anscheinend auch in Bibliotheken erhältlich, wobei dies dann nicht unbedingt die aktuelle Ausgabe sein dürfte. Ich habe die aktuelle Ausgabe einmal durchgesehen. Leider ist nicht alles selbsterklärend – so steht hinter jedem Stipendienangebot ein Zahlencode der Art “6/1,5″ – ich konnte keine Legende in dem Buch finden, der das erklärt.
  • Stipendier.se: eine Vermittlungsagentur, die passende Stipendienstifter heraussuchen will.

Inwieweit man hiermit ein Studium finanzieren kann, ist natürlich fraglich. Die allermeisten Stipendienangebot beschränken sich naturgemäß auf einen bestimmten Fachbereich. Jedoch fallen für einen ausländischen Studenten zwei Typen von Stiftungen von vorneherein weg. Das sind zum ersten (fast) alle Stiftungen, die sich der Freundschaft zu einem bestimmten Land verschrieben haben. Die schwedisch-japanische Vereinigung wird einen deutschen Studenten natürlich nicht fördern. Auch eine deutsch-schwedische Organisation wird bevorzugt Studien fördern, die wiederum etwas mit Deutschland zu tun haben. Zum zweiten gibt es zahlreiche Stiftungen, die ausdrücklich nur schwedische Staatsbürger fördern oder nur Studenten, die aus einer bestimmten Region Schwedens kommen. Dies alles macht die Menge in Frage kommender Stiftungen kleiner als bei schwedischen Studenten.

Einen Versuch ist es wert, denke ich.

Krankenversicherung

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf das Thema Krankenversicherung eingehen, da dieses doch viele Studenten umtreibt, die nach Schweden kommen. Es ist leider auch kein einfaches Thema.

Prinzipiell ist jeder bei der Försäkringskassan versichert, der in Schweden lebt oder arbeitet – also jeder, der eine Personnummer hat. Jedoch sieht das EU-Aufenthaltsrecht vor, dass nur der in einem anderen EU-Land leben kann, der entweder dort Arbeit hat oder sich selbst versorgen kann – letzteres nur unter der Bedingung, dass er sich auch selbst krankenversichert. Der Zweck des ganzen ist natürlich, dass dem Gastland keine unnötigen Kosten entstehen. Daher muss ein Student bei der Anmeldung beim Migrationsverket auch nachweisen, dass er eine Krankenversicherung hat. Dieser Logik folgend muss sich jeder Student, der in Schweden keiner Beschäftigung nachgeht, selbst versichern.

Die Försäkringskassan legt in dieser Sache ein etwas merkwürdiges Verhalten an den Tag. Sie setzt die beschriebene Situation so um, dass sie Studenten ohne Beschäftigung in Schweden einfach nicht als wohnhaft in Schweden betrachtet. Eine seltsame Begründung, aber allem Anschein nach rechtens.

Mir selbst ging es so, dass mir dies in einem etwas obskuren Brief mitgeteilt wurde. Es seien deswegen “keine weiteren Maßnahmen” getroffen worden, hieß es da, was wohl die amtsschwedische Formulierung dafür ist, dass man mich nicht registriert hatte – dies fiel aber erst zwei Jahre später beim vergeblichen Versuch der Bestellung einer europäischen Krankenversicherungskarte auf, denn zum Arzt konnte ich erstaunlicherweise ohne Probleme. Bis heute habe ich keine Rechnung für die Behandlungen jener Zeit erhalten.

Für Erasmus-Studenten ist das alles kein Problem, denn diese melden sich in aller Regel nicht aus dem Heimatland ab und sind daher noch zuhause versichert.

Es stellt aber Studenten, die auf länger Zeit hier sind, vor zwei Probleme. Zum ersten ist der Kontakt mit der Försäkringskassan für einen Neuankömmling sowieso schon schwer genug, weil die Behörde anscheinend ein eher gemütliches Arbeitstempo pflegt und Anträge schonmal monatelang herumliegen. Zum zweiten sitzt man als Student zwischen allen Stühlen. In Deutschland hat er sich vielleicht schon abgemeldet, und in Schweden weigert sich die Försäkringskassan, die Versicherung zu übernehmen.

Eine Patentlösung für dieses Problem kann ich leider nicht bieten.

Für viele Studenten wird es wohl am einfachsten sein, auch wegen des BAföG in Deutschland gemeldet zu bleiben und sich dort über die Familie zu versichern. Sobald man dann einen Sommerjob und Nebenjob hat, sollte auch die Möglichkeit bestehen, sich bei der Försäkringskassan anzumelden. Wenn man dies möchte, denn wegen der bekannten Schwächen des schwedischen Gesundheitssystems mit seinen teilweise enormen Wartezeiten ist es gar nicht mal schlecht, dass man sich bei Bedarf auch in Deutschland als normaler Kassenpatient behandeln lassen kann, ohne sich nachher mit der Försäkringskassa lange beraten zu müssen.

Eventuell besteht aber auch die Möglichkeit, in Deutschland versichert zu bleiben, auch wenn man nicht mehr dort lebt. Darüber habe ich leider keine genaueren Informationen, aber ich nehme stark an, dass es unbezahlbar teuer ist.

Das, was gerne als “Auslandskrankenversicherung” bezeichnet wird, ist in der Realität in der Regel eine Reisekrankenversicherung. Die Reisen sind hierbei meist auf weniger als 2 Monate beschränkt. Ohne sich des Versicherungsbetrugs schuldig zu machen, wird man diese Angebote also nicht nutzen können.

Zu der Zeit, als ich nach Schweden kam, hatte die KTH ein Abkommen mit einer Versicherung, die eine recht günstige (ca. 130€) Krankenversicherung für ein Jahr anbot und die man auch verlängern konnte. Es handelte sich dabei um die Gesellschaft Gefvert, die eine solche Versicherung auch heute noch anbietet, wenn auch mittlerweile zum doppelten Preis. Da ich die Leistungen dieser Versicherung wie oben erwähnt nie in Anspruch nehmen musste, kann ich über die Qualität und Seriösität nichts sagen. Laut Beschreibung deckt sie jedoch auch Behandlungen in ganz Europa (außer Schweiz) ab, so dass man sich zumindest nachträglich die Kosten von eventuellen Behandlungen während des Heimaturlaubs erstatten lassen kann.

Ob es noch andere Versicherungen dieser Art gibt, weiß ich nicht.

Sonstige soziale Absicherung

Wegen des genannten EU-Aufenthaltsrechts sollte man sich auch bei sonstigen sozialen Absicherungen bewusst sein, dass die Försäkringskassan die zentrale Institution für alle Sozialleistungen ist. Ohne Anmeldung dort gibt es z.B. kein Kinder- und Krankengeld – darauf besteht auch nicht unbedingt Anspruch, wie oben erläutert wurde. Das europäische Sozialrecht ist aber ziemlich komplex, weswegen sich im Falle eines Falles schon noch Lösungen auftun können. Abhalten sollte das jedenfalls niemanden, ein Studium in Schweden aufzunehmen.

Als Student kann man theoretisch auch Mitglied in der Arbeitslosenversicherung (A-Kassa) sein. Um aber dort einzutreten muss man schonmal regulär in Schweden gearbeitet haben. Zudem kostet die Mitgliedschaft gut und gerne 40 € im Monat – in Anbetracht der Tatsache, dass es meist dann gar keinen Lohn gibt, den die Arbeitslosenversicherung ersetzen könnte, macht das aus meiner Sicht wenig Sinn.

Update 23.7.2009: Der Abschnitt zur Krankenversicherung war anscheinend nicht so ganz durchsichtig. Ich habe ihn daher umgeschrieben.

Handarbeit

hansbaer Februar 5th, 2009

vday
Quelle: Stockholm City

Gestern wollte die U-Bahn-Zeitung Stockholm City offenkundig einmal auf andere Art um ihre Leser werben. Sie verkündete nämlich (für mich) etwas überraschend, dass Februar der “Monat des Unterleibs” sei. Weiterhin erfährt man, dass am 9. Februar der Namenstag von Fanny ist, und das sei ein englischer Begriff für den Unterleib. Zwar ist der konkrete Bezug des V-Day, wie er im Text erwähnt wird, zum Februar nicht ganz klar, denn er kann wohl auch noch im März oder April begangen werden. Aber irgendwie muss man wohl dieses Thema verpacken.

Wobei es im eigentlichen Text relativ unverpackt zugeht. Denn es geht um Onanie, und zwar für Damen. Ylva Franzén, ihres Zeichens “Erotikpädagogin”, schreitet in einer Onanieschule zu Werke und gibt sieben unglaublich wichtige Tipps:

  1. “Stimulanzpaket” bereit halten. Dieses besteht aus den Fingern und der Fantasie. Wer beides nicht hat, hat bestimmt größere Sorgen als die sexuelle Befriedigung.
  2. Gemütliche Stimmung schaffen, zum Beispiel mit Musik.
  3. Beginnen, die Vagina zu untersuchen
  4. Ausprobieren, welcher Teil der Vagina am empfindlichsten ist.
  5. Jede Art der Stimulation mehrere Minuten probieren und dann wechseln.
  6. Innen in der Scheide funktioniert oft Druck am besten.
  7. Der G-Punkt ist ganz oben, aber ein bisschen weiter drin.

Die drei Frauen, die das noch nicht wussten, wissen jetzt also bescheid. Ein Platz in der Hölle ist nach Ansicht mancher nach dieser Lektüre schon reserviert.

Böse Zungen werden behaupten, dass dies kein Thema für den Titel einer täglichen Zeitung ist. Ylva Franzén würde dem wohl entgegnen, dass man mit einer Zunge auch ganz andere Sachen machen kann.

Gedanken zum Tage

hansbaer Januar 27th, 2009

  • Etwas kurios ist dieser Artikel von Liza Marklund, der aus einem Merian-Heft stammt und bei SPIEGEL Online veröffentlicht wurde. Das ist schon deswegen so, weil Liza Marklund in letzter Zeit viel Kritik dafür bekommen hat, dass ein von ihr geschriebener dokumentarischer Roman wohl doch nicht ganz so faktentreu wahr, obwohl der Untertitel “eine wahre Geschichte” dies andeuten sollte. Marklund schreibt über ihr Stockholm, also anscheinend jenes für alle, die soviel Geld haben, dass der Preis keine Rolle mehr zu spielen scheint. Zu denen gehört sie offenkundig, und so ist ihre Beschreibung von Stockholm zwar irgendwo passend, aber auch ansatzweise snobistisch. Es ist nicht verwunderlich, dass sie nur einen Steinwurf vom Mälaren entfernt wohnt und ihr Büro in der Altstadt hat. Die Vorstädte erwähnt sie vor allem im Zusammenhang mit dem Arlanda Express, einem reichlich teuren Direktzug vom Flughafen in die Stadt. Von Betriebsunfällen spricht sie, wenn sie über diese hässlichen Betonburgen erzählt. Und sie hat recht. Aber man hat gut reden, wenn man in so privilegierter Lage wohnt, und unweit des Stureplan, der offiziellen Sammelstelle für unbezahlbare Nobelboutiquen, seine Klamotten einkauft. Kurios ist auch eine Bildunterschrift. Dort heißt es

    Starke Schwedenkrone: Der Kurswert Stockholms bei Touristen, die hier von Skeppsholmsbron nach Gamla Stan hinüberschauen können, ist genauso hoch

    Interessant, Anspielungen auf einen starken Kronenkurs zu machen, während die Krone gerade in der schwächsten Phase überhaupt ist und im letzten halben Jahr über 10% gegenüber dem Euro nachgegeben hat – vom Dollar erst gar nicht zu reden. Das ist fast schon ein Fall für die Spiegelkritik

  • Letzte Woche Mittwoch war mein Rekord leider vorbei. In den genau 1269 Tagen seit meiner Ankunft in Schweden hatte ich es geschafft, einen eisbedingten Sturz zu vermeiden. Ich bin gerutscht, aber nie gestürzt. Nun eben doch – der Weg vom Schwimmbad zur U-Bahn war spiegelglatt. Ich begann sofort einen neuen persönlichen Rekordversuch. Die 1269 Tage werden erst am 13. Juli 2012 vorbei sein. Drückt mir die Daumen!
  • Ich habe es endlich angegangen, mein Auto nach Schweden umzumelden. Das Verfahren ist unglaublich schnell. Vom Antrag am 13. Januar vergingen gerade einmal 6 Tage bis zur fertigen Bearbeitung. Gestern hatte ich dann den Termin bei Bilprovningen (schwedischer TÜV), bei dem die Identität des Autos und den einwandfreien technischen Zustand des Gefährts bescheinigt wurde. Die zukünftige Autonummer bekam ich gleich mit. Ab dem Moment war ich also aktenkundig, und das Auto ist als “stillgelegt” verzeichnet. Eine Versicherung zu buchen ist leider nicht so leicht, denn importierte Autos fehlen im Computer, so dass man nicht eben online nachschauen kann, was das denn kosten würde. Ich habe verschiedene Angebote eingeholt, die zwischen 210 € und 350 € pro Jahr schwanken. Da habe ich natürlich bei den 210 zugeschlagen. Derweil fertigt die neue Behörde Transportstyrelsen die Schilder. Sobald ich den neuen Fahrzeugbrief/-schein habe, kann ich das Auto in den Verkehr bringen, indem ich es einfach online anmelde und die Steuer entrichte. Manchmal ist die schwedische Bürokratie echt beeindruckend: vom Antrag bis zum ersten Tag im Verkehr sind es drei Wochen, wenn man sich etwas beeilt.
  • Interessant ist auch, dass ich dank der Steuersenkung der Regierung nun trotz Umzugs in eine höher besteuerte Kommune mehr Gehalt bekomme – glaube ich zumindest, denn ich weiß noch nicht, ob mein Umzug schon in die Berechnung mit einfließt.

Tunnelbana wechselt Betreiber

hansbaer Januar 20th, 2009

Gerade wurde entschieden, dass die Hongkonger Gesellschaft MTR die U-Bahn in Stockholm übernimmt und in den nächsten 8 Jahren betreiben wird. Es gab insgesamt 6 Firmen in der Ausschreibung, darunter ein von der Deutschen Bahn gestütztes Konsortium. Es war allerdings erwartet worden, dass entweder der aktuelle Betreiber Veolia oder MTR die Ausschreibung gewinnen würde. So bleiben Veolia nach der Aufgabe des Busverkehrs nur noch einige der anderen Lokalbahnen.

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