Der Trabi-Effekt – 70% in der Wohnungswarteschlange haben keinen Bedarf

Es ist lustig, zu erleben, dass man mit dem, was man sich durch einfache Logik erschlossen hat, richtig liegt. Heute morgen hieß es in Dagens Nyheter: nach einer Umfrage haben 72% der Leute, die in der Warteliste für Mietwohnungen stehen, gar keinen Bedarf an einer Mietwohnung.

Zur Erinnerung:

  • Mieten sind in Schweden mit „Gebrauchswert“ fixiert, d.h. nicht die Lage in einer guten oder schlechten Gegend bestimmt den Preis, sondern der rein praktische Nutzwert (Fläche, Ausstattung, Nähe zu Supermarkt etc.).
  • Mieter sind fast unkündbar – wer seinen Mietvertrag nicht verletzt, kann wohnen bleiben.
  • Damit ist es wenig profitabel und interessant, zu vermieten – besonders in attraktiven Gegenden, wo Grundstückspreise und Baukosten hoch sind. Dort lohnt es sich weit mehr, Eigentumswohnungen zu errichten.
  • Eigentumswohnungen dürfen in aller Regel nicht untervermietet werden, was das Angebot an legal zu mietenden Wohnstätten massiv begrenzt.
  • Wohnungen werden in Stockholm per Warteschlange vergeben – wer am längsten drin steht, kriegt die Wohnung am leichtesten.
  • Kredite für Häuser und Wohnungen werden zu äußerst günstigen Konditionen vergeben. Bis vor einiger Zeit war es möglich, fast die ganze Kaufsumme auf Kredit zu finanzieren. Zudem verlangen viele Banken nur, dass die Zinsen bedient werden. Eine Rückzahlung wird ins Unendliche hinausgeschoben, weil mit einer Wertsteigerung gerechnet wird.

Und nun die logischen Schlussfolgerungen:

  • Wer eine Wohnung hat, vermietet sie schwarz unter – das ist risikolos, denn aus einer Mietwohnung, die man nicht braucht, kann man so viel Kapital schlagen, und wenn das auffliegt, ist der rechtlose Untermieter der Leidtragende, nicht man selbst. Diese Schlussfolgerung wurde mir schon vor einem Jahr bestätigt, als bei einer Untersuchung großer Wohnungsgesellschaften herauskam, dass 40% der Wohnungen regelwidrig vermietet waren.
  • Das verknappte Mietwohnungsangebot sorgt für enorme Wartezeiten. Derzeit warten die meisten 4 bis 6 Jahre auf eine Wohnung.
  • Wer eventuell irgendwann mal eine Wohnung braucht, stellt sich in die Warteschlange für Wohnungen. Egal, ob aktuell Bedarf besteht oder nicht, denn in der Schlange zu stehen kostet wenig. Ich nenne das gerne den Trabi-Effekt, weil man in der DDR wohl auch kaum erst einen Trabi bestellte, wenn man einen brauchte, sondern am besten immer eine Bestellung laufen hatte, damit man im Falle eines Falles nicht mehr so lange warten musste. Dies ist durch den heutigen Artikel voll bestätigt: die meisten der Leute in der Warteschlange stehen dort nur sicherheitshalber. Und, ich bin da ganz offen: ich gehöre auch dazu, denn wenn ich mich erst dann in die Schlange stelle, wenn Bedarf abzusehen ist, dann kriege ich nie rechtzeitig eine brauchbare Wohnung.
  • Die Leute fliehen zum Eigentumswohnungsmarkt – denn dort regelt der Preis, wie man wohnt, nicht eine absurde Wartezeit.
  • Irgendwann wird der Eigentumswohnungsmarkt kollabieren – die Preise steigen seit langer Zeit schneller als die Löhne. Irgendwann werden die Kredite für normale Menschen untragbar werden. Dann bleibt nur der Zwangsverkauf. Die Wohnungspreise werden fallen, was Schuldenberge allerorten zurücklassen wird. In letzter Zeit ist immer wieder von einer „Bostadsbubbla“ („Wohnungsblase“) die Rede. Die Experten sind sich nicht sicher, ob sie kommen wird. Mir ist schleierhaft, wie sie nicht kommen kann bei diesen Verhältnissen.
  • Segregation wird zementiert: wer es sich leisten kann, wohnt innenstadtnah. Wer nicht, wohnt woanders. Passend dazu wurde kürzlich eindrücklich illustriert, dass die Einkommensunterschiede steigen und die Anzahl der Mietwohnungen sinkt.

Damit ist für mich klar: die Regulierung des schwedischen Wohnungsmarkts ist auf ganzer Linie gescheitert. Dieses System soll allen unabhängig von Einkommen und sozialer Herkunft Wohnungen bieten, die bezahlbar sind und gut liegen. Das genaue Gegenteil ist das Resultat: eine Segregation in arme und reiche Viertel, ein blühender Wohnungsschwarzmarkt, und eine Warteschlange, bei der die Wartezeit ein willkürliches Auswahlkriterium ohne Bezug zum realen Bedarf ist.

Es gibt aus meiner Sicht nur einen Weg: Abschaffung der festgesetzten Mietpreise und Lockerung der Mietregelungen, um dem Schwarzmarkt das Wasser abzugraben und den Bau von Mietwohnungen wirtschaftlich interessant zu machen.

Hier zeigt die schwedische Politik eine Angst vor unpopulären Entscheidungen, denn ich sehe niemanden, der so einen Weg gehen will oder einen anderen vorschlägt.

20 Gedanken zu „Der Trabi-Effekt – 70% in der Wohnungswarteschlange haben keinen Bedarf“

  1. Danke, schöner hätte ich es nicht beschreiben können. Dürfte ich das wohl verlinken???

    Wobei ich bei der vermehrten Umwandlung der Mietwohnung in „Bostadsrätter“ in den letzten Jahren sogar noch deutlich einen Schritt weitergehen würde – offensichtlich haben gewisse Kreise ein Interesse daran, die Segmentierung zu zementieren und ihnen ist ein Platzen der „Wohungsblase“ ziemlich wurscht, oder zumindest vermeidet man dies immer gerade so ein bisschen, wie mit der Einführung neuer Regeln zur Kreditvergabe. Bisher verdienen die Bauunternehmen und die Banken ja auch herrlich an dem weitverbreiteten Wohnungsmangel und dem künstlich erzeugten Druck auf dem Wohnungsmarkt.
    So wurden z.B. sämtliche Ausnahemregelungen für Notfälle aus dem System genommen. Wir kamen nach Stockholm und gingen davon aus, dass wir, weil Familie mit Kleinkind und ich hochschwanger, irgendwo (uns war für den Anfang wirklich wurscht wo) in oder um Stockholm eine 2 Zimmer Mietwohnung bekommen könnten, weil es früher wohl eine Ausnahmeregelung für dringliche Fälle gab. Wie das Schicksal es wollte, wurde die aber „kurz“ vor unserer Ankunft im gesamten „Län“ als rechtswidrig gestrichen und zwar bei allen (privaten und staatlichen) Anbietern, bei denen wir nachfragten. Ein Anbieter, auf dessen Liste wir standen und der bisher nach Listenplatz vergab, erklärte uns dann bei der ersten Nachfrage nach 2 Jahren Wartezeit, dass sie nun ja ein Punktesystem eingeführt hätten und diesem System nach seien wir ziemlich unattraktive Mieter (ohne Prüfung unserer genaueren Angaben, im Übrigen, denn in den zwei Jahren hatte sich natürlich einiges geändert) und von daher bräuchten wir in den nächsten Jahren auf keine Mietwohnung zu hoffen (wenn wir denn nicht dauerhaft im tiefsten – sorry – „Gettho“ wohnen wollten. Und damit meine ich nicht Rinkeby oder Tensta).

    Mich wundert, dass da zwar immer mal wieder gejammert wird, wie schwer es doch sei gerade in Stockholm eine Wohnung (auch und gerade als Familie, da wird immer nur von den jungen Singles berichtet) zu bekommen, dass aber niemand 2+2 zusammenzählt und richtig auf die Barrikaden geht. Aber da fällt mir wieder das schöne Wort Konsensgesellschaft ein …

  2. P.S.: Bevor die Regelung zur Vergabe von Mietwohnungen abgeschafft bzw. jetzt wieder gelockert wird, müssten erstmal wieder eine ausreichende Menge an Mietwohnungen gebaut werden. Aber bis zu 80% der geplanten Projekte sieht doch wohl Eigentumswohnungen vor, oder bin ich da völlig falsch informiert? Der Anteil Mietwohnungen liegt in vielen Stadteilen Stockholms doch ohnehin nur noch bei rund 35%, Tendenz fallend??

    1. Kleiner Nachtrag zum PS: genau das geht nicht, denn ausreichend Mietwohnungen zu bauen versucht man ja seit jeher vergebens. Vielmehr müsste man Bostadsrätter auch legal untervermieten können, um die Bestände flexibler einsetzen zu können. Bisher ist das nämlich alles sehr planwirtschaftlich: hohe Nachfrage erzeugt keine Anreize, mehr zu bauen. Im Gegenteil erzeugt die hohe Nachfrage eine Ausweichbewegung auf Bostadsrätter, was deren Bau unterstützt.

  3. Verlinkung ist immer willkommen 🙂

    Die Umwandlung in Bostadsrätter halte ich für vergleichsweise unproblematisch. Letztendlich standen die allermeisten dieser Wohnungen ohnehin schon lange nicht mehr dem freien Mietmarkt zur Verfügung, weil schwarz untervermietet oder seit Ewigkeiten von denselben bewohnt. Von einem künstlich erzeugten Druck würde ich auch nicht unbedingt sprechen – diese Region hat einfach so viele Zuzüge, dass Wohnungsraum immer knapp ist. Druck wäre also sowieso da, aber bei einem freien Markt würde der Bedarf die Verhältnisse nachregeln und ggf. genügend Mietwohnungen schaffen.

    Selten sieht man aber die Kräfte, die einen Markt bewegen, so deutlich wie hier. Die Nachfragekraft, die es gibt, wird eben nicht durch die künstlich niedrigen Mieten absorbiert, sondern durch lange Wartezeiten, teure schwarze Untervermietungen und den Sturm auf Bostadsrätter. Indem man leugnet, dass es überhaupt einen Markt gibt, nimmt man hin, dass die schwächsten in ihm gefressen werden.

    Mit diesen Dingen kann man hier aber nicht punkten, wie ich in Gesprächen immer mal wieder festgestellt habe. Bei den Schweden geht die Angst vor Mieterhöhungen um. Auf die Art: dann kommt der böse Markt und macht alle arm. Das Resultat ist, dass die meisten Kredite haben, die sie sehr langsam oder gar nicht abbezahlen und dafür sogar noch steuerlich belohnt werden. Die Kosten entstehen trotzdem, aber man kann sich so offenbar leichter in die Tasche lügen, dass dieses System gerechter sei.

  4. Naja, das Problem mit der Umwandlung und dem mangelnden Nachbau von Mietwohnungen ist doch das: werden innerstädtische Wohnungen in großen Mengen umgewandelt, dann werden all diejenigen, die sich die Bostadsrätter der Innenstadt nicht leisten können, in die nahen Vororte gepresst. Damit bekommt man auf Dauer eine sehr homogene Bevölkerung in der Innenstadt. Spannende Frage: wer wird das wohl sein? Gleichzeitig verelenden gewisse Vororte noch weiter und der Kreis hoher Preise für Bostadsrätter zieht sich immer weiter um die Stadt. Im Vergleich zu vorher sind die Anforderungen für die Erfüllung einer Kreditvergabe doch um einiges gestiegen, Mietwohnungen werden aber nur noch wenig oder gar nicht mehr nachgebaut, es gibt also kaum Ausweichmöglichkeiten für diejenigen, die den Sprung in das Bostadsrät eben nicht schaffen und nicht schon im Mietsystem drinne sind. Das ist soziale Segregierung und zwar ziemlich heftig und es mangelt an der für das System notwendigen Ausgeglichenheit. Die gab es wohl in Ansätzen mal, zumindest wenn ich eingefleischten Stockholmern glauben darf.
    Und damit wird auch Druck ausgeübt, nämlich der Druck, sich verschulden „zu müssen“ und sich ein Bostadsrätt leisten können „zu müssen“ oder eben den Schwarzmarkt in Kauf nehmen „zu müssen“. Und der Schwarzmarkt ist nicht freundlich, wenn man nicht ins Beuteschema passt (z.B. als Familie) oder bereit ist, horrende Summen für einen Mietvertrag Erster Hand zu zahlen – in soweit kommen wir also völlig auf das gleiche Fazit. Ich, ausgehend von meine Erfahrungen und Empfindungen und Du anhand der sachlich korrekten Theorie, weshalb ich den Eintrag ja auch gerne verlinken möchte. ;O) Grüße!!!

    1. Dass es die Segregierung beschleunigt hat, kann durchaus sein. Das will ich nicht von der Hand weisen. Ich denke aber, dies wäre in jedem Fall so gekommen, denn die Wohnungspreise steigen seit rund 20 Jahren unaufhörlich in einem irrwitzigen Tempo. Södermalm wird nach und nach zum Nobelstadtteil, und dies wird sich vermutlich noch weiter fortsetzen. Wo das alles hinführt, frage ich mich. Wenn sich keiner mehr leisten kann, hierher zu kommen, wird die Attraktivität der Region womöglich leiden, denn die übliche Wohnfläche ist ohnehin schon klein, und noch weiter raus pendeln ist auch nur bis zu einem gewissen Punkt möglich.

  5. Eigentlich schade, dass ausgerechnet beim Wohnungsmarkt Schweden so konservativ und zögerlich ist. An vielen anderen politischen Stellen sind sie so schnell mit Entscheidungen und Umsetzungen.

    Aber was sag ich, wir stehen ja auch in der Liste und wohnen auf Bostad. Anders war’s auch gar nicht möglich, wenn man nur irgendwie in Stockholm wohnen will.

  6. Ich habe mir die Kommentare hier noch nicht durchgelesen, aber: in den Kommentaren zum Artikel „Ein Tunnel unter dem Belt“ wird gesagt, dass die deutsche Politik mutlos ist und keine Weitsicht und Klugheit vorweist.

    Tja, machen die Schweden irgendwie genauso (unpopuläre Entscheidungen nicht treffen).

    Wie ist es eigentlich, wenn man sich jahrelang reinstellt, dann eine Wohnung bekommt. Fängt man in der Warteschlange wieder von vorne an?

    1. Das stammte von mir. Natürlich ist auch schwedische Politik nicht frei von so etwas. Jedoch gehört weit mehr Mut dazu, jahrzehntelang gepflegte Grundsätze und deren massive steuerliche Förderung über den Haufen zu werfen als ein paar Milliarden im Haushalt für ein wichtiges Infrastrukturprojekt lockerzumachen.
      Bei dem Tunnel sind ja unmittelbar nur die Ostholsteiner betroffen, und selbst die versteifen sich auf das Argument „bringt zu wenig für das Geld“. Bei einem Umwurf des bisherigen Wohnungssystems in Schweden wären hingegen massive Veränderungen für den einzelnen Bürger zu erwarten.

    1. Ich fand die Antworten Reinfeldts auch verwirrend – eine klare Linie war da nicht zu erkennen.
      Es ist jedenfalls ein Beispiel des Denkschemas, in dem man hier gefangen ist. Bostadsrätt und Hyresrätt sind zwei verschiedene Sorten Wohnungen, und die einzige Schnittstelle ist Umwandlung Richtung Bostadsrätt. Da es strengstens verboten ist, auch nur Marktmieten zu erwähnen, heißt die logische Konsequenz: an attraktiven Ecken können Mietwohnungen gar nicht funktionieren. Folglich sind sie abzuschaffen und man lässt stattdessen Eigentumswohnungspreise dank Steuersubvention und Billigkrediten ins Unendliche schießen. Dem Pöbel kann man dann ja draußen den Rest geben und mit ein paar Förderprogrammen ruhigstellen.

  7. Moin,

    wenn es denn nur die Schlange wäre:

    Hier die Kriterien 1-3 damit die Wohnung ueberhaupt auf den markt kommt (von einer der städischen Organisationen in Göteborg).

    Prioriteringsprinciper:

    1. Evakuering och återflyttning

    För hyresgäster som behöver evakueras i samband med renovering och underhåll.

    2. Sociala och/eller medicinska förturer
    Till egna hyresgäster med sociala och/eller medicinska behov samt sökande enligt samarbetsavtal med Göteborgs stad.

    3. Hyresgäster, hyresgästers barn, egen personal
    När en lägenhet sägs upp och där det inte finns förtur enligt punkterna 1-2, blir den tillgänglig att söka för hyresgäster hos Bostadsbolaget, Gårdstensbostäder och HjällboBostaden. Boendetid i nuvarande lägenhet avgör vem som får erbjudande av dem som har sökt.

    Barn till hyresgäster hos Bostadsbolaget har förtur, dock endast till mindre lägenheter.

    Anställda inom Bostadsbolaget kan söka bostad på samma villkor som hyresgäster som söker omflyttning. Anställningstiden räknas som kötid och jämförs med hyresgästers boendetid. Vid lika datum har hyresgästen företräde.

    4. Externt sökande
    Lägenheter som inte hyrs ut till hyresgäster annonseras via Boplats Göteborgs webbplats. Varje lägenhet är där publicerad i minst 48 timmar.
    En urvalsprofil används till varje lägenhet. Av dem som uppfyller urvalsprofilen får de med längst registreringstid hos Boplats Göteborg erbjudande först.

    Die ersten beiden kann man ja noch nachvollziehen. Aber der Rest diskrimiert doch jeden neuzugezogenen Soalai, Deutschen oder Stockholmer… Und warum werden die Kinder von Angestellten bevorzugt???

    Wenn ich mich bei Chalmers hinstellen wuerde und sage, dass die Kinder von Angestellten bei Chalmers prinzipiell eine Note besser bekämen wäre das sicher ein huebsches Skandälchen.

    Wenn man es mit den monatskosten fuer eine Eigentumswohnung vergleicht zeigt sich, dass attraktive Lagen viel zu billig sind. Dies wird subventioniert von (ärmeren) leuten die in den Problemvierteln wohnen deren Mieten viel guenstiger sein muessten. Diese Art von umverteilung kann doch wohl kaum der Sinn sein.

    So jetzt habe ich mir mal wieder den Frust von der Seele geschrieben…

    Jan

    1. Das ist ein wichtiger Punkt, wieso die Wohnungsverteilung nicht funktionieren kann. Solche Prioritätslisten sind überall üblich. Generell werden schon vorhandene Mieter bevorzugt. Ggf. wird nur an Leute vermittelt, die schon in der Kommune wohnen oder dort arbeiten. Die wenigen Wohnungen, die überhaupt frei werden – d.h. alle, die nicht schwarz untervermietet werden – erst einmal an privilegiertes Klientel weitergereicht. Das dürfte bei zunehmender Wohnungsknappheit einen sich selbst verstärkenden Effekt haben.

  8. Wenn ich in Stockholm (von Deutschland aus) einen Job suche und vorher schon den Innenstadtbereich und ein Problemviertel probegewohnt habe, dann habe ich ganz klar eine Bedingung, dass ich im Innenstadtbereich wohnen möchte. Da ich das Schlangensystem kenne und auch, dass guter Wohnraum superknapp ist, dann stelle ich, so selbstlos ich bin, die Bedingung an Jobvermittler, dass ich gerne eine Wohnung in der Innenstadt hätte. Ich weiß natürlich auch, dass es auch företagslägenheter zum Vermieten gibt. Und ich weiß auch, dass ich unter keinen Umständen erstmal in ein Randgebiet ziehen will und erst nach 10 Jahren vielleicht in den Genuss des Luxus kommen will, in der Innenstadt meine Miete zahlen zu dürfen – legal. Also bekomme ich zwar Jobangebote aus Stockholm, aber am „Dach überm Kopf“ scheitert es dann sehr schnell. Da mache ich mir gar nicht erst die Mühe andere Details zu klären, wenn ich schon von vornherein weiß, dass ich im Ghetto lande. Danke, aber dieses Schweden wollen nicht mal Ausländer.

    Es ist aber auch ein praktisches System sich das (ausländische) Mob vom Hals zu halten. Vielleicht wirds ja deshalb noch aufrecht erhalten. Manche kriegen nämlich bald genug und gehen in Europa woandershin.

    1. Das halte ich für etwas übertrieben. Keiner wird in München, Paris oder London auf Anhieb in die besten Teile der Innenstadt ziehen können, wenn er nicht gerade eine Spitzenkraft ist, dessen Firma das bezahlt.

      Man kann die Verhältnisse nicht nur an ihren Extremen messen. Zwischen den ganz schwachen Bezirken und den Nobelstadtteilen gibt es auch noch eine Menge Ecken, wo man als Ausländer durchaus hinziehen und ganz passabel leben kann.

      Mir ist noch nie ein Fall untergekommen, dass jemand nicht nach Stockholm gegangen wäre, weil er keine Wohnung auftreiben konnte. Ein Dach über dem Kopf findet man immer. Die Frage ist eher, wie lange man dieses behalten kann und wieviel man dafür zahlt. Wenn man nicht kaufen möchte, lassen sich die Kriterien bezahlbar, erreichbar und erträglich nur mit erheblichen Einschränkungen unter einen Hut bringen.

      1. In München, Paris oder London _gibt_ es aber einen normalen Mietmarkt und es geht eher um den Preis.

        Von Jobvermittlern höre ich nach solchen Forderungen natürlich nichts mehr. Aber ich verliere durch solche Forderungen nichts (es ist mehr ein Selbstschutz vor dem sozialen Abstieg) und in Deutschland gehts mir zu gut, um mich nochmal in solche Abenteuer zu stürzen.

        Dein letzter Satz ist die Archillesferse Stockholms. Die für mich bedeutsamste.

        Ich hätte ja nichts dagegen eine företagslägenhet zu bezahlen, wenn sie zentral liegt, aber in einen Außenbezirk ziehe ich freiwillig für keinen einzigen Tag. Das Problem an Außenbezirken ist, dass man vorher nicht weiß, was für Leute da wohnen. Im Innenstadtbereich scheint mir das Leben generell gepflegter abzulaufen.

        Von daher bleibt mir nur Warteschlangenzeit abzuwarten, um in einigen Jahren aus eigener Kraft eine passende Wohnung zu ergattern.

        1. Ich weiß ja nicht, welcher Tätigkeit du nachgehst, aber ich denke, du gehst mit einer falschen Haltung an die Sache heran. Selbst wenn es in Stockholm einen freien Mietmarkt gäbe, so wäre es für einen Arbeitgeber exorbitant teuer, solche Wohnungen zu kaufen und zu unterhalten.

          Leute, die in Enskede, in Stureby oder Vällingby wohnen sind keine sozialen Absteiger. Da wohnt die normale Mittelschicht, und die wohnt da ganz schön, auch wenn natürlich die Sehenswürdigkeiten einige U-Bahn-Stationen weiter weg sind. An deren Stelle wäre ich jetzt beleidigt. Im Übrigen wüsste ich niemanden, der wegen seines Wohnorts gebrandmarkt wäre.

          Ich kenne auch Leute, die teuer und gut in hübschen Ecken z.B. in Täby wohnen bzw. gewohnt haben. Lidingö, Danderyd, Täby, Nacka – das ist alles nicht Innenstadt, aber trotzdem gut situiert. Auch in Ekerö, Huddinge, Sollentuna, teilweise auch in Vallentuna oder Sigtuna gibt es solche Ecken. Innenstadt ist längst nicht alles, und ein Gegencheck mit Ortskundigen oder ein Blick auf Google Streetview/Eniro Gatuvy gibt einem ein schnelles Bild der Lage.

          Das Ganze ist eine Karriere mit kleinen Schritten. Auch in Deutschland zieht keiner in eine fremde Stadt und erwartet sofort die Traumwohnung. Dieser Beitrag ist nicht dazu gedacht, den Eindruck zu verbreiten, ein freier Mietmarkt würde den Wohnungsmangel lösen. Das wird er nämlich nicht, denn man kriegt nicht mehr Wasser, wenn man es in einen Eimer anstatt einer Schüssel füllt. Ein freier Markt würde die richtigen Anreize zu weiterem Wohnungsbau und ein ehrlicheres System schaffen, und darum geht es.

  9. Also was kostet eine anständige Wohnung in der Muenchner Innenstadt? Wenn der Preis keine Rolle spielt findest du auch ganz schnell auf Södermalm etwas. Ruf den Makler deiner Wahl an und er schuettet dich mit Angeboten zu. Dann gehst du zur Bank deiner Wahl und nimmst wie jeder andere mit halbwegs erträglichem Einkommen einen Kredit ueber ein paar Millionen SEK auf und zahlst nur die Zinsen an die Bank an Stelle der Miete.
    Andernfalls wuerde ich persönlich eine Wohnung auf Lidingö, Täby oder Danderyd Södermalm vorziehen, und selbst Flemmingsberg ist nichtmal zu verachten. Wenn du auf die Warteschlange wartest brauchst du 20 Jahre, bis dahin ist das System wahrscheinlich doch mal abgeschafft.

  10. Ich fühle mich im Angesicht der Diskussion auch zu einer Ergänzung verpflichtet: wenn ich in meinem Beitrag „Gettho“ geschrieben habe (ein gefährliches Wort, ohnehin) , dann ging es mir garantiert nicht um „(ausländischen) Mob“ – schließlich muss ich mich da ja selbst dazu zählen, doppelt sogar, weil meine bessere Hälfte schwedisch-brasilianisch ist und meine Kinder sowas von gemischt sind. ;O)
    Mit „Gettho“ meine ich Betonplattenbauten wirklich trostloser Gestalt. Eigentlich zwar in einer recht schönen Lage, aber eben nichts für das esthtetische Empfinden oder auch nur angenehm im Gedanken daran, mit Kleinkindern dort zu wohnen. Anderen, gut ausgebildeten und normal situierten Eltern hat es nichts ausgemacht, in einer vergleichbaren Wohnanlage sehr günstig in einer fünf Zimmer-Wohnung zu leben. Für uns war es nichts.
    Im weiteren halte ich mit hansbaer plus eben meiner Bedenken, dass sich hier (in dem Fall ist der Wohnungsmarkt ein weiteres Symptom) ein Gesellschaftsbild verändert. Ein Gesellschaftsbild, in dem man bisher wenig soziale Verachtung kannte und jeder gleich gut angesehen werden konnte, unabhängig vom Bankkonto. Jetzt scheint man (in meinen Augen) allerdings sehr bemüht, diese Art der Gleichheit abzuschaffen, ohne es allerdings allzu laut zu sagen. Lieber flüchtet man sich in Ideen wie „Mietwohnungen funktionierne in Stockholm nicht“ … statt dann, wie hansbaer schon sagt, wenigstens für ein ehrliches System zu sorgen, das offensichtlich macht, aus welcher Richtung der Wind bläst.

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