Delengkal Weblog

Sinnfragen von einer Insel vor Stockholm

Den Stöhner besiegt

Running - sxc.hu

Der gestrige Beitrag entstand früh morgens, um jegliche Minderung meiner Konzentration beim Höhepunkt des Tages zu vermeiden. Es stand nämlich der erste Lauf des Jahres an: Två sjöar runt – also „um zwei Seen herum“, was die Strecke schon recht gut beschreibt.
Da wollte ich natürlich mit nichts geringerem als dem Sieg nach hause gehen.

OK, genug geflunkert – der Beitrag entstand morgens, weil wir gestern abend mein neues Käsefondueset ausprobieren wollten. Und von Sieg kann keine Rede sein, schon gar nicht bei meiner derzeitigen Fitness.

Ich hatte mich für die kürze der beiden wählbaren Strecken entschieden, die 5,7 km umfasste, was mich auch so schon genügend auslastete.

Das Wetter war mässig und es nieselte bis kurz vor dem Start. Die Teilnehmerzahl war aber nicht deswegen so klein – es ist einfach der erste Lauf der Saison, an dem traditionell nicht so viele teilnehmen. In meiner Klasse „Männer kurz“ starteten daher auch nur 143 Teilnehmer, bei den gleichzeitig startenden Frauen gar nur 47. Normalerweise ist das ein Indiz dafür, dass nur Leute teilnehmen, die es auch wirklich ernst meinen, was mich naturgemäss auf die hinteren Plätze befördert. Glücklicherweise ist die Rentnerquote erfreulich hoch, so dass ich doch noch ein halbwegs passables Ergebnis erreichen konnte.

Nach dem Start ging es kurz etwas hoch, und dann irgendwie nur noch bergab, was schlecht ist, weil ich als Physiker weiss, dass das gleichzeitig bedeutet, dass es am Ende wieder nach oben geht. Die ersten 2 km gingen erfreulich schnell, bevor ich dann erstmal etwas langsamer machen musste. Irgendwann bei Kilometer 3 vernahm ich ein Stöhnen hinter mir. Es war rhythmisch und klang, als hätte der Verursacher in Kürze einen Herzinfarkt oder Orgasmus, möglicherweise sogar beides.

Was dem die Krone aufsetzte, war allerdings, dass der Verursacher, ein Mann mittleren Alters im neongelben Shirt, mich kurz danach überholte. Ich liess ihn davonziehen, auch wenn es schon einer Schmach gleichkam. Damit aber nicht genug – auf Kilometer 4 zu musste er, immer noch laut schnaubend, eine Gehpause einlegen, wodurch ich ihn wieder überholen konnte. Das nahm er wiederum zum Anlass, wieder loszulaufen und erneut an mir vorbeizuziehen.

Er wollte offenbar Krieg – und den konnte er haben. Nicht viel später ging er wieder, und dieses Mal war ich schneller. Beim Schlussanstieg stürmte ich einer Gazelle gleich nach oben. Ich wollte mir ja nicht die Blösse geben, gegen einen kollapsaffinen Frührentner den Kürzeren gezogen zu haben. Zwar wurde ich auf der Zielgerade noch von jemandem überholt, aber neongelb sollte ich erst nach der Ziellinie wieder erblicken.

Mein überragendes Endergebnis: 33:11 Minuten und damit der 101. Platz – zum Einen weit unter meinen Möglichkeiten, zum Anderen aber nicht so katastrophal wie erst befürchtet. Der Stöhner kam als 102. ins Ziel mit 33:23 Minuten – aus Respekt vor meinem Gegner verschweige ich seinen Namen.

Der nächste Lauf wird dann wohl irgendwann im April oder Anfang Mai sein – dann kommt aber wohl die typische Distanz hier in Schweden, die „mil“ – also 10 km.

WSEAML Teil 2: Saukrates

Wie angekündigt war gestern abend Konzert angesagt. Kritische Geister werden anmerken, dass man nicht unbedingt zu einem Nelly Furtado-Konzert müsse. Das mag stimmen, aber aus deutscher Sicht stellt sich die Sache auch etwas anders dar, da man, wie mir berichtet wurde, dort 90 € für eine Karte berappen musste. Ich kam mit schlappen 35 € davon.

Erst dachten wir, die Veranstaltungshalle Hovet im Süden Stockholms wird gar nicht voll. Die Schweden sind aber recht schlau und wissen, dass man zu Beginn erst einmal mit einer Stunde Wartezeit abgespeist wird. Also kamen sie einfach dementsprechend später.

Saukrates on the stage in Stockholm

Klar zu erkennen: Saukrates rockt die Halle

Eine Vorband gab es auch noch: der HipHopper „Saukrates“ beglückte die Halle mit seiner Musik – dieses Verb verbietet sich in dem Fall nicht, weil die Musik in den Pausen derart schlecht war, dass man Agressionen bekam. Es war so eine komische House-Lounge-Musik, die aber derart monoton daher kam, dass man das bald nicht mehr anhören wollte.

Saukrates war übrigens einer der Drummer Furtados, was sich später dann herausstellen sollte. Geige spielen kann er auch, so dass er mehr auf dem Kasten hat als so manch anderer seiner Zunft. Ich würde ihm nur eine Namensänderung raten – mit Saukrates kommt man in Deutschland nicht so weit.

Nelly Furtado Concert Stockholm

Im Vordergrund: Nelly Furtado

Um 20:30 Uhr ging es dann los – die Setlist bestand fast nur aus bekannten Titeln, wobei sie sogar auf Disco-Klassiker und derlei zurückgriff. Die Qualität war teilweise derart gut, dass man sich fragen musste, ob es sich Playback handelt.

Crazy

Sie hatte sich auch vorbereitet und wusste, dass man in Europa weiß, was Fußball ist. Dementsprechend bei „Forca“ flogen auch ein paar Fußbälle (bzw. eher Wasserbälle mit Fußballaufdruck) ins Publikum.

Insgesamt eine überzeugende Vorstellung, wenn auch natürlich von vorne bis hinten durchchoreographiert. (Meine treuen Leser werden merken, dass ich ein äußerst uninspirierter Konzert-Rezensent bin)

Die Frau Furtado

Morgen

Die Krux mit dem frühen Aufstehen ist, dass man auch am Wochenende lang nicht lange schläft.

So sitze ich hier zu früher Stunde und kann noch ein paar Highlights der Woche Revue passieren lassen.

Montag: Der Vortest bei meinem eventuell zulünftigen Arbeitgeber im Sommer, Busslink, hat geklappt, wenn auch durchwachsen. Man musste zwei kurze Theorietests bestehen, was mir gerade so gelang. Dies mag aber auch daran gelegen haben, dass ich wenig Detailkenntnisse über Straßenschilder habe, auf denen Schneemobile abgebildet sind. Das Auto für den Praxistest hatte ein sogenanntes Alkolås. Das ist ein Alkomat, der als Wegfahrsperre dient. Wer nicht pustet, darf nicht fahren. Ich durfte fahren, aber meine Performance war durchwachsen. Trotzdem kam ich durch. Am Dienstag ist Vorstellungsgespräch.

Dienstag: Ein langer Tag in Kista – ich bin erstaunlich effizient und meine Masterarbeit wird bald fertig sein.

Mittwoch: Ich schreibe Bewerbungen, was so mittelmäßig klappt, da ich darin ja schon ein bisschen Übung habe. Christine, eine Freundin von mir, konnte mit den Bewerbungen, die wir in Gemeinschaftsarbeit erstellt haben, gleich bei zwei Firmen landen.

Donnerstag: Der erste Besuch im „Gröne Jägaren“, einer Kneipe in Stockholm mit dem nachweislich billigsten Bier der Stadt. Hier gibt es Bier für unter 2 €, und das ist wirklich unschlagbar. Dafür hat der Laden einen Jägermeisterfimmel, einen Roulettetisch und jeden Abend Karaoke.

Freitag: Ich breche die Radiosendung nach der Hälfte ab, da mein designierter Partner wegen Problemen mit der U-Bahn nicht kommen kann. Das weiß ich zu dem Zeitpunkt nicht, aber mir nochmal 30 Minuten ohne Inhalt und geplante Musik aus den Finger zu saugen ist mir dann doch zu heikel. Anschließend geht es zur Party.

Und heute? Ja, heute spielt die Nelly Furtado ein zünftiges Konzert mit einer fidelen Kapelle hier in der Stadt. Heute abend geht es los und ich gehe hin. Fesch.

Beer für alle

Beer für Alle

Gesehen auf einem Plakat für einen Auftritt der schwedischen Band [ingenting].

Leider weiss ich jetzt schon, dass das billige Bier leider nicht gerade das allerbeste ist…

Alles Atze

Ich verweigere mich zwar im Allgemeinen einer intensiveren Beschäftigung mit „Comedians“ des Typus Atze Schröder.

Nun ist er aber vor Gericht gezogen, weil er nicht wollte, dass sein echter Name bekannt wird – und hat gewonnen.

Ich frage mich dazu nur: hätte das Gericht in seiner Weisheit nicht gleich auch noch beschliessen können, dass er diese Brille nicht mehr tragen darf, zum Friseur muss oder, noch besser, einfach nicht mehr im Fernsehen auftreten kann. Damit wäre der Allgemeinheit wirklich gedient gewesen…

Våren kommer – Der Frühling kommt

Sommer Schären - sxc.hu

Gestern habe ich erstaunt gesehen, dass es der dieswinterliche Kälterekord nicht einmal einen Monat her ist. Abends war ich nämlich joggen – im T-Shirt!

Meine Freundin war heute morgen auch deutlich mehr „morgonpigg“ (bedeutet soviel wie „morgens fit“) als ich, was zweifellos an dem schönen Wetter liegt. Eben musste ich doch tatsächlich erstmals überhaupt in meinem Büro die Jalousien herunterlassen. Ja, der Frühling ist auch nach Schweden gekommen, auch wenn 9 Grad (das Gradzeichen scheint es auf der schwedischen Tastaturen nicht zu geben) einen deutschen kaum beeindrucken dürften.

Man sollte sich aber nicht zu Dummheiten hinreissen lassen, wie jenes Paar letzten Sommer. Kurz die Geschichte: eine 49-jährige Frau war im Park unterwegs und litt unter starken Hormonwallungen. Glücklicherweise hatte sie ihren 29-jährigen Toyboy dabei, der auch gerade paarungswillig war. Dumm nur, dass die beiden von jemanden gesehen wurden, der die Polizei rief. Diese wiederum erwischte die beiden in flagranti.

Sie erklärte vor Gericht, ihr Partner hätte einen epileptischen Anfall bekommen und wäre auf sie gefallen. Er wiederum behauptete, sich an nicht zu erinnern, was insofern glaubwürdig ist, da er nach eigenen Angaben betrunken war.

Die beiden wurden auch hart bestraft: ungefähr 50 € mussten die beiden bezahlen. Angesichts der üblichen Bussgelder in diesem Lande ist das nicht gerade ein Grund, auf Outdoor-Erotik zu verzichten. Wozu auch? 🙂

Ich überlege mir gerade, welche Gemeinheiten man dem fiesen Denunzianten antun könnte…

Flagge raus

Namnsdag Victoria

Neustockholmern fällt im Laufe der Zeit auf, dass es Tage gibt, an denen die Busse ähnlich Staatskarossen Flaggen vorn an ihren Dächern haben. Das deutet meist darauf hin, dass gerade etwas ein wahnsinnig wichtiger Tag sein muss, und ein Blick in den Kalender verrät schnell, um was es sich handelt. Neben dem Nationalfeiertag (6. Juni) gehören dazu der Wahltag zum Reichstag und der 24. Oktober (Ratifizierung der Vereinten Nationen). Am wichtigsten sind aber natürlich die Namens- und Geburtstage der königlichen Familie. Heute hat beispielsweise Viktoria Namenstag, so das überall geflaggt ist, wie man auf dem Bild auch unheimlich deutlich erkennen kann.

Auch sonst bahnt sich grosses an – so wurde mein Beitrag vom Samstag bei einem anderen Schweden-Blog verlinkt, was mich natürlich sehr freut. Ausserdem habe ich heute morgen die Vorprüfung für den Beginn der Ausbildung zum Busfahrer bestanden. Meiner grossartigen Karriere auf Stockholms Strassen steht also nichts entgegen.

Es sei denn, ich kriege einen anderen Job, der weitaus abenteuerlicher ist als das Fahren eines Busses: Löcher bohren am Südpol. Ja, ich habe mich für ein Wissenschaftsprojekt beworben, das tiefe Löcher in das ewige Eis am Südpol bohrt und dort dann Messgeräte hinunterschickt. Ich bin gespannt, ob das klappen wird.

Das Gesetz der Vernunft

Um 9 Uhr morgens seltsame Anträge zu besprechen kann spaßig sein – manchmal aber auch nicht.

Das deprimierende an der Politik ist, dass Politiker sich am liebsten mit sich selbst beschäftigen. So ist es nicht verwunderlich, dass die längsten Debatten der ganzen Veranstaltung über die eigene Organisationsstruktur waren.

Unabhängig davon gelang der unglaubliche Durchbruch, dass nun nicht mehr gefordert wird, dass in der U-Bahn spielende Straßenmusiker vom Nahverkehrsverbund bezahlt werden sollen. Es tut sich also ohne Frage Großes.

Ein Spruch ist mehr von den letzten beiden Tagen in Erinnerung geblieben:

Als Sozialdemokraten haben wir im Wesentlichen nur drei Mittel:

1. verbieten
2. verstaatlichen
3. besteuern

Der Markt gehört aber nicht dazu.

Glücklicherweise ist die Sache dann doch nicht ganz so einfach.

Retter der Sozialdemokratie

Wenn mich einmal meine Enkel fragen werden, was ich nach einer gescheiterten Klausur und der absolut unverständlichen Ablehnung meiner Spitzenkandidaturbereitschaft seitens der SPD Hamburg so getrieben habe, werde ich, bescheiden, wie ich bin, sagen, dass ich mich bei der Rettung der Sozialdemokratie beteiligt habe. Oder so ähnlich.

Panoramic Shot ARSK 10th March 2007

Während der Pause – der Versammlungssaal

Während Michael Naumann sich also auf seine Aufgabe vorbereitet, saß ich gemütlich in der Parteizentrale der Sozialdemokraten Schwedens und war „Ombud“, d.h. Delegierter, bei der Årskonferensen von SSU Stockholm. Das ist ungefähr sowas wie der Jahresparteitag der Jusos Berlin – nur kleiner und linker.

Unter anderem wurde die Abschaffung der schwedischen Flagge beantragt mit der Begründung, das Kreuz sei ja ein christliches Symbol und hätte da nichts drin verloren. Es wurde auch ein Antrag von mir besprochen, in dem die Forderung nach mehr Open Source in Schweden vorgebracht wurde. Leider konnte ich bei der Debatte nicht anwesend sein, und seltsamerweise kam die Kapitalismuskritik nicht ganz so gut an. Der Kernsatz wurde akzeptiert, aber die weiteren Forderungen abgelehnt – schade.

Nichtsdestotrotz bin ich meiner hochheiligen Aufgabe als Demokratienutte voll nachgekommen – ich stimmte einfach dann mit ja, wenn es auch alle anderen taten. Bis ich heute abend herausfand, dass wir keine gemeinsame Linie vereinbart haben und jeder stimmen kann, wie er will.

Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich einem Antrag zur Verkehrspolitik zugestimmt, der leider abgelehnt wurde. Der konstatierte, dass ja jeder wisse: Rot steht für Aggressivitität und Vorwärtsdrang, blau (zufällig die Farbe der größten Regierungspartei) und grün hingegen für Stillstand und Ruhe. Daher wurde vorgeschlagen, die Ampelfarben umzustellen: ab sofort sollte man bei blau stehen bleiben und bei rot fahren. Das solle man dann auch europaweit durchsetzen.

Letzteres schien mir dann aber auch unrealistisch – eine schwarz-rote Ampel (für Deutschland) wäre technisch nämlich schwer zu realisieren.

Wandel leichtgemacht

Meine unglaublich vielen treuen Leser wissen ja, dass mein Verhältnis zum Nahverkehrsverbund in Stockholm, Stockholms Länstrafik, kurz SL, etwas zwiespältig ist.

Das Problem, dass Busfahrer ausgeraubt wurden, wollte man dadurch lösen, dass man gar keine Fahrkarten mehr im Bus verkaufen wollte. Da gab es nur ein kleines Hindernis: SL hat schlichtweg keine Fahrkartenautomaten. Das ist für so ein modernes Land schon recht grotesk. Umso überraschender die Ankündigung, man wolle bis April welche anschaffen. Ich hatte mich natürlich gefragt, wie man diese Neuentwicklung so schnell über die Bühne kriegen will – und hatte die SL-Menschen etwas unterschätzt, denn man hat dort eine recht pragmatische Lösung gefunden: man nimmt einfach entsprechende Parkscheinautomaten. Ich habe nämlich einen dieser Automaten entdeckt:

Fahrkartenautomat Stockholm

So simpel die Lösung auch ist, so elegant ist sie. Nur der Verkauf von Monatskarten wird hiermit natürlich nicht gehen.

Am Montag mache ich einen Anstellungstest, damit ich im Sommer als Busfahrer in Stockholm arbeiten kann. Drückt mir die Daumen!