Delengkal Weblog

Sinnfragen von einer Insel vor Stockholm

Weihnachten in Schweden

Kaum zu glauben, aber in 30 Stunden sitze ich schon im Flieger nach Deutschland.

Einige Highlights der Weihnachtszeit:

  • Interessanterweise habe ich das Lied „Last Christmas“ noch nicht in voller Länge gehört.
  • Die Stadt Gävle, ca. 150 km nördlich von Stockholm, stellt jedes Jahr einen grossen Weihnachtsbock aus Stroh auf. Der Bock ist ein schwedischer Brauch, aber einen Bock der Grösse gibt es wohl nur in Gävle. Diese Tradition besteht in der Stadt nun schon seit 40 Jahren, und fast genauso traditionell ist es, dass fiese Brandstifter das Strohtier anzünden wollen. In dem daraus entstandenen Kampf zwischen Stadtverwaltung und Brandstiftern liegen letztere leicht vorne: 22 mal in den 40 Jahren brannte der Bock ab. Dieses Jahr waren sie aber (bislang) erfolglos, was aber auch daran liegt, dass die Stadt eine norwegische Firma beauftragt hat, den Bock vor einem Brand zu schützen. Nun ist er feuerfest beschichtet. Ein erster Attentsversuch ist bereits fehlgeschlagen.
  • Sankta Lucia, das Lichterfest am 13. Dezember, gehört natürlich zu schwedischer Weihnacht dazu. Die U-Bahn-Zeitung „Stockholm City“ liess aus 10 Kandidatinnen eine wählen, die dann „Stockholms Lucia“ werden sollte. Als Chefredakteur würde ich mich ziemlich ärgern, denn auch nach 4 Wochen eifrigen Trommelns in der Zeitung kamen nicht allzuviele Besucher. Es begann auch wenig beschaulich im Nobelkaufhaus NK, wo die gewählte Lucia sekundiert von 8 ehemaligen Konkurrentinnen vor Publikum sangen. Die armen Mädels mussten lange auf Applaus warten. Danach ging es weiter per Kutsche nach Skansen, wo sich einige hundert Leute den Eintrittspreis von 50 kr (ca. 5 €) abgerungen haben, um ein kleines Chorkonzert anzuhören, das von einem Moderator künstlich in die Länge gezogen wurde. Höhepunkt war der Vertreter der sizilianischen Tourismusindustrie, der die Lucia nach Sizilien einlud. Alles in allem eine PR-Veranstaltung ohne eigenen Charakter. Nächstes Jahr wieder richtiges Lucia-Konzert, würde ich sagen.
  • Christer Fuglesang ist als erster Schwede im All und hat vier Weltraumspaziergänge gemacht. Sein deutscher Kollege fand schwedische Süssigkeiten anscheinend ganz gut – was mit der Elchwurst passiert ist, weiss ich nicht. Es ist jedenfalls sicher, dass Fuglesang wie ein Held empfangen werden wird.
  • Heute abend wird es richtiges schwedisches Weihnachtsessen geben: Julbord – letztes Jahr verpasst, so dass ich dieses Jahr gespannt bin, wie gut das denn ist.
  • Noch vor Jahresende ist meine grosse Politonovela beendet: Anna Sjödin ist zurückgetreten. Im Verband steht man natürlich voll hinter ihr, aber man meinte wohl, dass es so nicht weitergehen könne. Schuld waren natürlich die bösen Medien. Sie bereut nichts, ausser dass sie an dem Abend in besagten Nachtclub ging. Ausserdem habe sie eh nie etwas anderes vorgehabt als SSU-Vorsitzende zu werden. Ja, ja – deine Mudder, sage ich da nur. Man kann jetzt schon Wetten darauf abschliessen, wo sie 2010, wenn über die ganze Sache Gras gewachsen ist, kandidieren wird.
  • Kurioses zum Schluss: in Helsingborg wurde der Journalist Kristian Lundberg gefeuert, weil er eine Buchkritik über einen Roman geschrieben hat, den es gar nicht gibt. Die Autorin in spe Britt Marie Mattsson hat die Pläne für das Buch nämlich nie veröffentlicht. Gut so, würde ich sagen, denn Lundberg hatte schon messerscharf erkannt, dass die Geschichte „vorhersagbar“ und die Charaktere „eindimensional“ sein würden, sofern das Buch denn geschrieben würde. Da hat sich Mattsson ja viel Arbeit erspart.

Sachen passieren

Bin gerade zum Waschen nach unten, und an der Tür des Supermarkts hängt ein Schild

Stängd pga rån
Closed

Also wurde der Laden heute nacht ausgeraubt. Ich habe leider nichts gesehen – also keine sachdienlichen Hinweise von mir.

Die grosse Politonovela

Tja, da war ich mal wieder etwas zu schnell.

Für neue Leser kurz einmal die Zusammenfassung: Anna Sjödin, ihres Zeichens Vorsitzende der schwedischen Jusos, war Anfang dieses Jahres in einer Stockholmer Disko. Am nächsten Morgen trat sie mit blauen Flecken im Gesicht vor die Presse und sagte, der Türsteher hätte sie zusammengeschlagen. Der wiederum sagte, Sjödin hätte ihn rassistisch beleidigt, wäre sturzbetrunken gewesen und hätte mit der Schlägerei angefangen. Sjödin verlor den Prozess in allen Anklagepunkten und muss nun um ihre politische Zukunft, die in ihrem Amt in der Regel recht rosig ist, bangen. Einen Rücktritt lehnt sie jedenfalls ab. Sie ging in Berufung, aber nahm eine Auszeit, um das weitere Verfahren abzuwarten. In der Zwischenzeit hat sie dann auch noch ihren Führerschein wegen Raserei verloren. Heute morgen wurde ihr Einspruch gegen das Urteil abgewiesen, und ihr Rücktritt wäre zu erwarten gewesen.

Doch sie gibt nicht auf. Auch wenn sie langsam aber sicher untragbar werden dürfte, spekuliert sie wohl auf ein Photo-Finish zu ihren Gunsten und darauf, dass das alle vergessen haben, bis die Sozis 2010, vielleicht (oder besser gesagt wahrscheinlich) erst 2014 wieder die Macht übernehmen. Also geht sie zum höchsten Gericht Schwedens. Mein Tipp für wettfreudige Zeitgenossen: ich würde auf den Türsteher setzen.

So bleibt mir diese grosse Politonovela in meinem Blog erhalten. Ich gehe allerdings nicht mehr von einem Happy-End für die Hauptdarstellerin aus.

Eine andere grosse Story ist die Suche nach einem Parteivorsitzenden. In Deutschland hat ja Franz Müntefering einmal gesagt, SPD-Vorsitzender sei das zweitschönste Amt nach dem Papst – zumindest, solange man keine Nervensäge wie Andrea Nahles im Nacken hat. Der Vorsitz der schwedischen Sozialdemokraten scheint weniger begehrt zu sein.

Drei heisse Kandidaten, im Sinne der allgegenwärtigen Gleichstellung hier alle weiblich, sind im Rennen:

  • Margot Wallström, EU-Kommissarin für Schweden in Brüssel
  • Carin Jämtin, Oppositionschefin im Stockholmer Stadtrat
  • Mona Sahlin, die schon alles mögliche war – jüngste Abgeordnete des Reichstags, Arbeitsministerin. Sie wäre 1995 fast Vorsitzende geworden, wenn sie nicht in der so genannten Tobleroneaffäre des Missbrauchs von Dienstkreditkarten und -wagen überführt worden wäre.

Alle wollen anscheinend Wallström und Jämtin. Erstere sagt schon seit Monaten beharrlich nein und will in Brüssel bleiben. Jämtin hat nun auch gesagt, dass sie ihre Zukunft in Stockholm sieht.

Ehrlich gesagt kommt mir das alles so vor, als wollten sie das Amt vielleicht schon, aber nicht in der derzeitigen Situation. Es könnte nämlich passieren, dass sie ihren Posten wegen irgendwelcher Komplikationen des Schlags oben genannter Tobleroneaffäre räumen müssen, bevor die Sozialdemokraten wieder an die Macht kommen. Man muss wohl auch wissen, wann man ins Spiel einsteigt.

Halb-Hallelujah

Es dauert natürlich doch wieder ein bisschen, bis der letzte Nobelstreich kommt.

Meine kleine Freude für das Scheitern der Bundesregierung vor dem Europäischen Gerichtshof in Sachen Tabakwerbungsverbot will ich aber nicht verhehlen. Selten hat eine Klage so offensichtlich lobbyistische Hintergründe gehabt wie in diesem Fall. Zwar war man dem Urteil zuvorgekommen und hat es schon im November umgesetzt. Trotzdem ein kleiner Erfolg. Leider betrifft es nur Medien, aber nicht Plakatwände. Es würde nicht schaden, wenn diese endlose Quelle von Lucky-Strike-Witzen letztendlich versiegen würde. Genauso könnte man übrigens gleich Werbung für alkoholische Getränke verbieten. Ich glaube jedenfalls nicht, dass das den Absatz deutlich gefährden würde.

Weniger begeisternd, zumindest für die Betroffene, dürfte die aktuelle Folge meiner grossen Anna-Sjödin-Story sein. Ja, auch hier dürfte es sich um die zumindest vorletzte Episode handeln. Das Hofgericht hat ihren Antrag auf Berufung abgelehnt. Damit ist die vorige Verurteilung rechtskräftig – und ihr Rücktritt eigentlich kaum noch zu verhindern. Um genauer zu sein, es ist eher eine Frage von Stunden denn von Tagen, bis sie ihren Hut nimmt.

Zum Abschluss eine kleine schwedische Sprachanekdote. Wenn Politiker Rede und Antwort stehen müssen, heisst dies anscheinend „Ställ politikerna mot väggen“, also „Stell die Politiker gegen die Wand“ – Politikverdrossenheit extrem.

Die Hoffnung stirbt zuletzt oder the long way to a Rauchverbot

Nun ist es also endgültig gescheitert, das bundeseinheitliche Rauchverbot für Restaurants – und zwar aus verfassungsrechtlichen Gründen. Mein mittlerweile schon zum Dauergesang gewordenes Klagelied von der Unfähigkeit der deutschen Politik zu im Grunde harmlosen, aber mutigen Versuchen stimme ich hier nicht noch einmal an.

Ein paar Denkansätze will ich aber dennoch nicht unterschlagen.

  1. Das Verbot ist nun an verfassungsrechtlichen Bedenken gescheitert. Ich bin kein Jurist und gebe auch nicht vor, einer zu sein. Allerdings möchte ich doch mal die Frage in den Raum stellen, ob die Väter und Mütter des Grundgesetzes 1949 wirklich im Sinn hatten, einen Staat zu schaffen, in dem die Länder eigentlich nur unwichtige Dinge regeln dürfen, aber gleichzeitig noch Grund genug sind, Gesetzesentwürfe mit kontroversem Inhalt ins Nirvana zu schicken. Ich denke da wie die Redaktion der SZ an das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG). Mich würde da auch wirklich einmal interessieren, wo genau die Zuständigkeit der Länder sein soll – ich sage nur „Bundesrecht bricht Landesrecht“ (Art. 31 GG), und wenn diese Vorschrift eigentlich nicht den Zweck hat, den ich hier meine, so macht mir die ganze Sache doch deutlich bewusst, dass Deutschland erheblich besser bedient wäre, wenn es einen stringenten Aufbau wie die USA hätte. Dort dürfen die Staaten alles regeln, was der Bund nicht regelt. Die Städte dürfen alles regeln, was der Staat nicht regelt. Wenn man diese Pyramide auf das deutsche System übertragen könnte, könnten sich Länder durch eigene Steuern um ihre Staatsfinanzen kümmern und auch unkonventionelle Wege probieren. Dieser Wettbewerb hätte auch seine kritischen Seiten, würde aber auf alle Fälle die festgefahrenen Strukturen deutlich flexibler machen. In jedem Fall muss man den sündhaft teuren Länderparlamenten endlich Mittel an die Hand geben, einige Wege zu gehen, ohne dabei gleichzeitig den Bund handlungsunfähig zu machen. Dies würde den Landtagen endlich eine echte Daseinsberechtigung geben. Denn, seien wir mal ehrlich: wenn Kleinigkeiten wie eine Verbraucherschutzrichtlinie und ein Rauchverbot an den föderalen Strukturen scheitern, dann ist es um dieses System nicht gut bestellt. Der Föderalismus steht nicht zur Disposition, denn er ist schon aus historischen Gründen eine absolute Notwendigkeit. Eine Frischzellenkur könnte er aber dringend vertragen.
  2. Groteskerweise gibt es sogar eine Mehrheit für ein Rauchverbot in Restaurants, und auch die Umfragewerte für striktere Lösungen sind nicht gerade vernichtend. Die Politiker können sich also nicht darauf berufen, in der Bevölkerung gäbe es keine Mehrheit für erste Schrittein diesem Bereich.
  3. Welche politischen Kräfte stecken wirklich dahinter? Das erzkonservative Bayern prescht nun vor und wollen Schritte zu einem Rauchverbot unternehmen. Der aus einem ganz anderen Flügel der Union kommende Peter Müller gibt hingegen hirnfreie Sätze wie „Ob in Restaurants oder Bars geraucht werden darf, sollen Besitzer und Kunden entscheiden“ von sich. Meine Hoffnung bleibt, dass die Weitergabe der Entscheidung an die Länder zu einer Vielfalt der Lösungen wie bei den Ladenschlusszeiten führen wird. Wünschenswert wäre beispielsweise eine Vorreiterrolle der Großstädte. Wenn Berlin und Hamburg, aber auch bevölkerungsreiche Länder wie Nordrhein-Westfalen ein absolutes Rauchverbot in der Öffentlichkeit einführten, hätte das Signalwirkung für das ganze Land, denn hier sind so viele wichtige kulturelle Zentren. Wenn man in Berlin in keiner Kneipe rauchen darf, in Stuttgart aber schon, dann werden bald die Unterschiede und vor allem die Vorteile sichtbar werden, die ein solches Verbot hat. Groteskerweise könnte dies aber wieder an die Grenzen der Verfassung gehen, denn die Lebensbedingungen sollen ja überall gleich sei – der Barkeeper im Raucherland riskiert dann täglich seine Gesundheit, der im rauchfreien Land nicht. Mich würde interessieren, wie da das Bundesverfassungsgericht entscheiden würde.
  4. Wo bleibt die EU? Bisher gibt sie nur mahnende Worte und Absichtserklärungen von sich. In unserem schönen bald 27 Länder umfassenden Staatenverbund kann man nicht nur überall arbeiten und leben. Es sind auch viele Dinge geregelt, die nach Ansicht vieler (um nicht zu sagen fast aller) gar nicht von der EU geregelt werden müssen. Die Form von Gurken beispielsweise oder die Beschaffenheit von Traktorsitzen. Eine EU-Richtlinie zum Rauchverbot in allen öffentlichen Plätzen würde dem ganzen Drama in Deutschland endlich ein Ende setzen. Und ganz nebenbei den Millionen Europäern helfen, die bisher noch nicht einmal ein Rauchverbot in ihrem Land in Aussicht haben.
  5. Die Hoffnung stirbt zuletzt – vor 20 Jahren hatten wir Kalten Krieg, in 20 Jahren bestimmt auch ein Rauchverbot

In diesem Sinne: ich geh jetzt keine rauchen.

Nicht aufregen (Update)

An meinem heutigen Geburtstag rege ich ich mich aus Prinzip nicht auf. Daher nur die Feststellung, dass Lobbyisten eines Tages das Ende der westlichen Welt sein werden.

Update: Vielleicht kann man den Herrschaften der CDU über abgeordnetenwatch.de mal fragen, wieso sie das Rauchverbot nun plötzlich kippen wollen. Eigentlich könnte man gleich bei der Tabaklobby nachfragen.

Übrigens: Aufregen darf sich auch der schwedisch Astronaut Christer Fuglesang nicht. Der sitzt nämlich noch am Boden nach einem Startabbruch.

Morgen dann endlich: tolle und weniger tolle Nobelfotos zum großen Nobelwochenende!

Crazy times

  • Tragisch: In Russland muss IKEA sein neuestes Kaufhaus in Nischni Nowgorod für 30 Tage schliessen, weil es ein Gericht angeordnet hat. Der Grund: ein fünfjähriger Junge kam um, weil ein Kunde die Kontrolle über seinen Einkaufswagen verlor und die 200 kg schweren Einkäufe aus dem Wagen und auf den Jungen fielen.
  • Erfreulich: Christer Fuglesang wird morgen als erster Schwede mit dem Space Shuttle ins All fliegen. Mit dabei sind vier andere Weltraum-Neulinge und Elchwurst
  • Störrisch: Margot Wallström will immer noch nicht aus Brüssel zurückkommen, um den sozialdemokratischen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Das hat sie zwar schon hundert mal gesagt, aber man kann ja immer nochmal fragen.
  • Skandalös: Zwei Jungs haben in der Schule schmutzige Wörter an die Tafel geschrieben. Daraufhin zeigte die Lehrerin ihre Brüste. Nun wurde sie dafür verurteilt. Schade, dass mir das in der Schule nie passiert ist. Also das mit den Brüsten, nicht die Verurteilung.
  • Diskriminiert: Eine Eishockeyjungenmannschaft einer Schule posiert seit Jahren mit nacktem Oberkörper im Jahrbuch der Schule. Nun wollte die Mädchenmannschaft gleichziehen, und wurde von der Schulleitung gestoppt. Die Zeitungen sind entrüstet angesichts derartiger Ungleichheit – die Schulleitung entschuldigte sich unbeholfen.
  • Ausgelassen: eine christliche Schule in Arkansas hat beschlossen, das bisherige absolute Tanzverbot zu lockern. Ab sofort sind Tänze zu genehmigten Anlässen erlaubt, sofern es sich um solche mit „strukturierten Bewegungsmustern“ handelt. Ordnung muss sein – get the party started.
  • Gefährlich: als glatzköpfiger Elvis-Imitator lebt hat man es fast genauso schwer wie als Ex-KGB-Spitzenagent. Dieser kahle Waliser musste jedenfalls schon Todesdrohungen hinnehmen.
  • Unglaublich: der HSV hat 3:2 gewonnen. Ich dachte erst, der Online-Ticker wäre kaputt.

ÖPNV-Wunderland

Neue Kampagne Media Markt (1)

Die neue Media Markt-Kampagne – Übersetzung eigentlich unnötig

SL, seines Zeichens Nahverkehrsverbund für ganz Stockholms Län, ist in vieler Hinsicht einzigartig.

Er ist beispielsweise ein Kabinett der Absurditäten. Obwohl die Züge der U-Bahn hochmodern sind und so langsam wohl auch der allseits verhasste Nahverkehrszug Pendeltåg unter neuer Führung ab und an pünktlich kommt, leistet man sich allerhand Anachronistisches. Vor allem gibt es keine Fahrkartenautomaten – ja, diese nicht gerade moderne Einrichtung hat Stockholm noch nicht erreicht. Den Verkauf von Einzelkarten nehmen dann Leute in den Kabinen am Stationseingang vor. Zwar will ich meine Partei hier nicht anschwärzen, aber mir kommt es manchmal so vor, als seien diese Arbeitsplätze das Ergebnis einer verzerrten sozialdemokratischen Philantropie. Denn man scheint bewusst einiges in Kauf zu nehmen, um diese Jobs zu erhalten – koste es, was es wolle, im wahrsten Sinne des Wortes.
Wenn beispielsweise ein solcher Fahrkartenverkäufer Pause macht – und das kommt meiner Einschätzung nach ziemlich oft vor – dann kann jeder die Sperre vor ihm ganz offiziell passieren, ohne ein Ticket kaufen zu müssen. Es ist die amtliche Absegnung der Schwarzfahrerei. Ohne zu übertreiben kostet so eine 10minütige Pause den SL mehr, als dieser Mitarbeiter in der Stunde verdient. Hinzu kommt, dass diese Leute auch nicht gerade ein Beitrag zum Service sind. Drückt irgendein Idiot am Wochenende auf den „Nödstopp“ der Rolltreppen, so bequemt sich dieser nicht etwa mit dem entsprechenden Schlüssel hin und wirft das Gerät wieder ein an. Nein, notfalls steht sie es bis Montagmorgen.
Ebenso seelenruhig schauen sie auch zu, wenn Schwarzfahrer die elektronischen Sperren überspringen. Noch schlimmer ist es, wo es solche Sperren gar nicht gibt und sie die Fahrkartenkontrolle direkt übernehmen. Schwarzfahren kann man hier eigentlich immer, wenn man sich nicht allzu blöd anstellt.

.SE Reklam Pamuk

Die Domainendung .se ist in Schweden nicht allzu beliebt – .nu und .com werden nämlich sehr gerne genutzt. Daher macht man jetzt Werbung für .se-Domains und nimmt dazu auch gerne den aktuellen Literaturnobelpreisträger zu Hilfe. Ich nehme allerdings nicht an, dass der diese Woche Busse fahren wird.

Sicherlich kann man ihnen die letzteren beiden Dinge im Interesse ihrer eigenen Sicherheit nicht wirklich vorwerfen. Dennoch stellt man sich die Frage, was diese Menschen mehr tun als ein Fahrkartenautomat mit Abstempelfunktion. Man kann bei ihnen ja nicht mal alle Fahrkartensorten erwerben. Ausser 10er-, 20er- und Einzeltickets gibt es bei ihnen nämlich nichts zu kaufen – den Verkauf von Dauerkarten aller Art übernehmen Kioske.
Es gibt übrigens einen Pilotversuch für die Einführung von Fahrkartenautomaten – diese verkaufen aber nur Dauerkarten.

Der Gipfel der Absurdität kommt in der aktuellen Debatte um die Busfahrer. Die wurden in der letzten Zeit nämlich des Öfteren ausgeraubt, was schon einmal kurzzeitig zu der Massnahme führte, dass sie keine Karten mehr verkaufen durften, um keine Geldbestände an Bord zu haben. Ab 1.1.2007 ist das nun auch der Dauerzustand: Karten gibt es an Bord nicht mehr. Ein paar hellen Köpfen bei SL und den regionalen Behörden ist nun dann auch schon gedämmert, dass man dann ja nirgendwo mehr Karten kaufen kann, es sei denn, ein Kiosk ist unmittelbarer Nähe der Haltestelle.

Manchmal scheint es mir nicht verwunderlich, dass die Monatskarte über 60 € kostet.

Für manche Dinge kann der SL aber wenig. Als im Frühjahr der Versuch zur Gedrängesteuer („Trängselskatt“) genannten Stadtmaut für Stockholm lief, wurden die Einnahmen daraus direkt in den öffentlichen Nahverkehr gepumpt. Heraus kamen u.a. eine Menge Buslinien, die zur Kenntlichmachung mit einem X versehen wurden. Das erweiterte Budget für 2006 konnte wegen des Machtwechsels nicht mehr gesichert werden. Dementsprechend fallen die X-Linien von 151X bis 815X dem Rotstift zum Opfer. Die kürzen Intervalle der U-Bahn bleiben aber glücklicherweise erhalten – wenn sie denn nicht von technischen Problemen geplagt ist.

Die neue Regierung hat auch schon erste Massnahmen beschlossen. So soll im nächsten Jahr eine verbilligte Monatskarte für Studenten eingeführt werden (endlich!). Dafür wird aber die reguläre Karte teurer und das Zonensystem für die Tarife der Einzelfahrkarten wird auch wieder eingeführt.

Richtig weit vorne ist SL in Sachen Umwelt. Sie machen derzeit Werbung mit dem hier:

SL Biogas (1)

SL Biogas (2)

Darauf bedankt sich SL bei all denjenigen, die kürzlich Sushi, Köttbullar usw. gegessen haben. Der Grund: aus den Abwässern Stockholms wird Biogas gewonnen, mit dem die Biogasbusse fahren.
Na dann Guten Appetit!

PS: Der Anlass dieses Artikels ist meine heutige Busfahrt hierher, auf der ich diese Fotos geschossen habe.

Ein Kessel Buntes

Weil mir nach den letzten trockenen Themen hier gerade mal nichts dringendst auf den Nägeln brennt (außer meine wie fast immer festgefahrenen Studien), beginne ich die Woche, in der ich voraussichtlich 26 werden werde, mit einem bunten Streifzug dessen, was mir so über den Weg gelaufen ist.

Letzten Freitag war ich beim deutschen Stammtisch, der irgendwie mit der deutsch-schwedischen Handelskammer zusammen hängt, aber offiziell nichts mit ihr zu tun. Während ich also noch nicht wirklich begriffen habe, wie die Organisation hinter dieser Veranstaltung funktioniert, steht aber zumindest fest, dass er jeden ersten Freitag im Monat um 20 Uhr in der Gaststätte „Löwenbrau“ in Kungsholmen (das ist eine der Inseln von Stockholm) stattfindet. Gut 30 Deutsche und Schweden (welche natürlich deutsch sprechen) waren dort, alle ziemlich jung. Highlight neben netten Gesprächen war das authentische Bier: Bitburger und Erdinger so gezapft, wie es sich gehört und dazu auch noch ohne unpassende „Extras“ wie Zitronenscheiben.

Samstag war ich auf dem Skansen-Weihnachtsmarkt und im neuen Bond-Film. Beides sehr gut – alles weitere dieses Tages wird nicht öffentlich, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass es weit weniger gut war.

Seither herrscht Lethargie, auch ob dieser wunderbar kurzen Tage im Moment. Heute war Sonnenuntergang schon vor 15 Uhr und das Wetter gewohnt schlecht. Zur Krönung habe ich auch noch die Küche geputzt. Es wird Zeit, dass ich meine kitschige Weihnachtskette anbringe, um Licht ins Dunkel zu bringen. In dieser Hinsicht zuvorgekommen ist mir Yvonne, eine Freundin von mir. Die hat ihren Lichterbogen aufgestellt und ist in damit Sachen Stil weit vor meiner Blinkmaschine.

Was ist sonst noch so passiert?

Die Frage würde sich gar nicht erst stellen, wenn ich ganz großer KSC-Fan wäre – was ich aber zugegebenermaßen langsam werden. Die Jungs spielen nämlich unglaublich gut diese Saison, was meine Theorie bestätigt, dass meine Abwesenheit ein Segen für den badischen Fußball ist. Zumindest den mittel- und nordbadischen. Freiburg ist in der Zeit ja nicht wirklich vom Fleck gekommen.
Im Moment ist aber die Trauer groß – der KSC hat seine Serie nach 14 Spielen beendet und wurde von Erzgebirge Aue mit 1:0 geschlagen. Jammerschade, denn nun ist Hansa Rostock die einzige Mannschaft im europäischen Profifußball, die ungeschlagen ist. Naja, Aufbau Ost muss ja auch vorankommen.

Zum Abschluss noch ein kleines Fundstück, auf das Jörn gestoßen ist: irgendwelche Idioten schicken ja immer noch die wahnsinnig tolle Entdeckung herum, dass wenn man in Google „failure“ oder auch „miserable failure“ eingibt, die Homepage von George W. Bush kommt. Man solle das ganz schnell anschauen, bevor Google das wieder entferne – nun, auch nach 2 Jahren ist es noch da. Der Grund ist simpel: Google wertet Links aus, und da die Homepage von W ziemlich hoch im Kurs steht, ist es eben auch bei diesen Suchbegriffen ganz weit vorne.

Wie aber die Suche „mail to news“ als ersten Treffer eine Feministenseite ausspuckt, ist mir ein Rätsel:

Ich habe gleich einen Screenshot davon gemacht, denn das ist definitiv ein Fehler, weil die Suchbegriffe darin gar nicht vorkommen, und wird wohl bald aus der Datenbank verschwinden. Lustig ist es trotzdem.

PS: keine Sorge – es ist Nobelwoche und bald kommen auch wieder bildliche Kontraste zu diesen Textwüsten.