Delengkal Weblog

Sinnfragen von einer Insel vor Stockholm

Zum Kotzen

Nein, nicht meine liebe Erkältung, die nun anscheinend ihren letzten Zügen liegt, belastet meinen Magen.

Vielmehr ist es die politisch bescheidenste Meldung seit der Wahlniederlage hier. Das Rauchverbot in Deutschland ist massiv am kippen. Ich will hier kein Plädoyer beginnen – die Argumente sind hinlänglich bekannt. Es stimmt mich einfach traurig, dass man selbst bei so kleinen, aber sinnvollen Dingen vor Lobbyisten einknickt und nicht mehr in der Lage ist, eine anständige Lösung hinzubekommen.

So war es mit der vollkommen absurden Klage gegen das Tabakwerbeverbot, so ist es nun mit dem Rauchverbot. Dass man bei einer Gesundheitsreform vielleicht mehr Druck bekommt, ist ja noch nachzuvollziehen. Aber eine derartige Kapitulation vor der Tabaklobby, die wohl die einzige Interessentin an einer Nichteinführung eines solchen Verbotes sein kann, ist ein Armutszeugnis für die deutsche Politik.

Offenkundig muss man erst in Brüssel ein solches Verbot beschließen. Und dann ist eine Klage aus Berlin wohl auch schon sicher…

Media Markt (4)


Media Markt Sverige 4

Originally uploaded by HansBaer.

Das vorletzte Bild der Serie – eben hatte ich auch eine schöne Diskussion in der Kantine über diese Kette und ihre höchst fragwürdigen Methoden.

Der Text ist dieses Mal weniger originell: „Danke Schweden ‚for the music‘. Jetzt geben wir euch Stockholms grösste Unterhaltung.“ Gemeint ist wohl das Unterhaltungsangebot.
Ebenso interessant: dieser Artikel im Spiegel über die Zukunft Deutschlands als Autoproduzent.
Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis man in Deutschland begreift, dass man weg von der Autoproduktion muss.

Reiche Irre

Tag 7 meiner großartigen Erkältung, mittlerweile mit einem exzellenten Husten. Ich hoffe, das ist bald durchgestanden. Meine Sendung am Freitag hat es mir jedenfalls ziemlich versaut.

Mein Thema des Tages ist vollkommen spontan: Scharlatanerie.

Naja, ganz konkret habe ich vor einer Weile einmal die Doku „Freie Energie – Der Wettlaufzum Nullpunkt“ gesehen. Was wie eine Dokumentation über Kühlsysteme klingt, stellt sich schon bei oberflächlicher Betrachtung als purer Unsinn heraus. Die Macher sind der Ansicht, dass ja die ganzen Atome im Raum Energie hätten und überall Energie rumwabert – dazu packen sie die schon seit Einstein widerlegte Theorie aus, dass es einen Äther gebe. Witzigerweise benutzen sie als Unterstützer ausgerechnet Einstein. Man muss die tolle Energie also nur anzapfen. An einer stelle wird behauptet, dass es nämlich in 10 hoch 108 Joule pro Kubikzentimeter gäbe. Bei diesem irrsinnig hohen Wert braucht man erst gar nicht zu rechnen. Das ist derart viel, dass man damit in einem oder wenigen Kubikzentimetern mehr Energie vereinigt hätte als im ganzen Universum. Der Film ist doppelt grotesk, weil dort lauter Amateurerfinder ihre vermeintlichen Perpetuum Mobiles vorführen und sich darüber empören, dass keiner die tollen Maschinen kaufen wil.

Der Link: http://video.google.com/videoplay?docid=-8943205214784769158

Noch kurioser wird es bei diesen Videos:

http://video.google.com/videoplay?docid=-8876945364600278217

http://video.google.com/videoplay?docid=5230352501705525326

Ein Laienprediger nimmt dabei Bibelzitate und setzt sie ein, wie er gerade lustig ist. Sonstige Fakten sind dünn. In jedem Fall sind natürlich die Illuminaten an allem schuld. War ja auch klar. Wer auf den Quatsch hereinfällt, hat es nicht besser verdient.

Zuletzt ein wirklich guter Film: http://video.google.com/videoplay?docid=3288261061829859642

Ist exzellent – was will man von Arte auch anderes erwarten.

Nachtrag zu den Media Markt-Geschichten: Das erste Motiv ist überschrieben mit „Danke Schweden für eure schönen Naturfilme. Jetzt zeigen wir euch die beste Technik.“ Auch hier muss man den Hintergrund kennen. Das Filmplakat ist von dem Film „Hon dansade en sommar“ („Sie tanzte einen Sommer“), wo die Hauptdarstellerin Ulla Jacobsson mit entblößten Brüsten zu sehen ist, was in den 1950er Jahren natürlich für einigen Aufruhr sorgte.

In eigener Sache

Weil in letzter Zeit der Kommentarspam massiv zugenommen hat, habe ich einen Authentifizierungscode eingebaut, der abgetippt werden muss, bevor man den Kommentar abschickt.

Ich entschuldige mich für den zusätzlichen Aufwand, aber ich würde gerne auch mal wieder Kommentare moderieren, die auch wirklich Kommentare sind.

Media Markt (3)




Media Markt Sverige 3

Originally uploaded by HansBaer.

Dieses Plakat ist purer Zynismus – wie alle Media Markt-Kampagnen will man offenbar auch provozieren.

Der Text lautet „Danke Schweden für eure preiswerten Schilder! Nun geben wir eurch die niedrigsten Preise“

Um das zu verstehen, muss man den Hintergrund kennen.

Das abgebildete Schild findet sich, ähnlich wie in Deutschland Schilder für Wildwechsel, auf vielen schwedischen Strassen. Es erfüllt einen wichtigen Zweck, denn die Überlebenschancen bei einer Kollision mit einem Elch sind vergleichsweise gering. Das Tier ist gross, so dass man ihm die Beine wegfährt und der gewaltige Körper auf das Auto fällt.
Leider ist das Schild wohl auch das, das am meisten gestohlen wird. Deutsche sind in Schweden dafür bekannt, dass sie besonders häufig hinter diesen Diebstählen stecken.

Ob das stimmt, ist natürlich kaum festzustellen.
Allerdings hat die schwedische Strassenbehörde vor längerem begonnen, die Schilder auch zu verkaufen, um die Zahl der Diebstähle zu reduzieren. Und nicht wenige der Käufer sind anscheinend Deutsche.

Media Markt (2)




Media Markt 2 (Drottningholm)

Originally uploaded by HansBaer.

Eines muss man dem Media Markt lassen: die Kampagne ist mal wieder gut.

Dieses Motiv überschreibt Schloss Drottningholm, dem Wohnsitz der königlichen Familie, mit „Danke Schweden, dass ihr unserer Olympiahostess ein so schönes Heim gegeben habt. Nun wird Stockholm das Heim für superniedrige Preise“.
Mehr in den nächsten Tagen.

Derweil ist Schweden von ganz anderen Dingen eingenommen. In Göteborg ist zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen ein Auto explodiert. Gestern war es eine Handgranate – was es heute war, weiss man noch nicht.

Die neue Regierung fängt schon an, sich zu zanken, bevor sie überhaupt zustande gekommen ist. Während die Zentrumspartei und die Volkspartei, welche schon im Wahlkampf teilweise Gleichstellungsthemen aufgriffen, Frauen und Männer zu gleichen Teilen in der Regierung haben wollen, sind hingegen die Christdemokraten, denen wohl der Abstand zwischen Frau und Herd allgemein zu gross geworden ist, und die Moderaten dagegen. Das wird noch lustig.

Es bleibt einem auch nichts erspart




Media Markt Sverige

Originally uploaded by HansBaer.

Die Wahl ist verloren, der ungarische Ministerpräsident lügt, dass sich die Balken biegen, ich bin meine Erkältung immer noch nicht los – kann es noch schlimmer kommen?

Ja, Media Markt kommt nach Schweden.

Es gibt bisher ja nur ElGiganten, Siba und OnOff, die die Leute mit überhöhten Preisen bescheißen.

„It’s the end of the world as we know it…

…and I feel fine“

REM – End of the World

Gestern morgen hatte man ja noch leise Hoffnungen. Mein erster schwedischer Urnengang war spannend – man darf die Briefe nicht selbst in die Urne werfen, und man muss sie zukleben. Das sind im Wesentlichen die Hauptunterschiede zu Deutschland.
Ich möchte nicht behaupten, ich hätte es schon vorher gewusst, aber eine leise Vorahnung hat mich den ganzen Tag begleitet. Eigentlich hatte ich schon die ganze Woche das Gefühl, dass das eigentlich nichts werden kann.

Wenn man auf einen knappen Sieg spekuliert, geht das immer schief. Das vermeintlich kontrollierbare tut letztendlich doch, was es will. Professor Murphy lässt grüssen.Dann kommt es so wie beim Autounfall, wo ein Meter fehlt, beim WM-Halbfinale, wo man doch nur noch zwei Minuten hätte aushalten müssen, oder bei Steve Irwin. Und letztendlich ist es nicht anders bei den schwedischen Sozialdemokraten, die wussten, dass sie dieses mal nicht die Trümpfe in der Hand und den schlechteren Spitzenkandidaten haben. 70 Jahre annähernde Dauerregierung sind letztendlich doch kein Garant.

So sind wir gestern abend mit gemischten Gefühlen zur offiziellen Wahlparty in Norra Latin, einer der Zentralen schwedischer Sozialdemokratie gegangen. Ich hatte zuvor sogar meine bescheidenen Krawattenbindkünste angestrengt, um auch etwas herausgeputzt zu erscheinen. Die Wahlparty war gross, das Fernsehen war da, und man konnte zwischen dem öffentlich-rechtlichen SVT und dem privaten TV4 entscheiden. Leider muss ich konstatieren, dass SVT zumindest anfangs die erheblich schlechtere Wahl war.

In einem Tiefpunkt der Medienpädagogik zeigten sie, wie man die Prognose nicht präsentieren sollte. Kurz hier der Ablauf:

  • 20 Uhr: der Balken der Linkspartei schnellt hoch. Es wird gejubelt, bis einen Moment später klar wird, dass es sich um das Ergebnis von 2002 handelt.
  • der Prognosebalken schnellt hoch, keiner jubelt. 2 Prozent minus für die Linkspartei – die werden uns nachher auch fehlen.
  • jeder wartet auf den nächsten Balken. Stattdessen wird zunächst ein Linksparteiler interviewt, der bitte jetzt kommentieren soll, dass seine Partei möglicherweise wahrscheinlich eventuell zwei Prozentpunkte eingebüsst hat. Idiotisch, zumal keiner die anderen Ergebnisse kennt. Auf der TV4-Seite des Gebäudes schlagen dagegen die Emotionen hoch. Ich hätte dort sein sollen.
  • Als nächstes die Sozis. Wieder Jubel – 39,9 % – aber wieder nur das Ergebnis von 2002.
  • Der Jubel verstummt, als die Prognose auftaucht – 34 %, ein Debakel.
  • Nach dem Schema geht das weiter. Nach 10 Minuten wissen wir endlich, was Sache ist.

Nun beginnt die eigentliche Zählerei. Hochrechnungen sind in Schweden auch noch genau das: Hochrechnungen. Man nimmt einfach die schon angekommenen Ergebnisse und rechnet sie hoch. Gut gemeint aber unrealistisch. Die Grossstädte sind traditionell eher konservativ. Dementsprechend führen wir auch bis kurz vor 23 Uhr. Wenigstens konnten wir so vorher noch jubeln.

Ich rede mit einigen Genossen, sehe Mädchen weinen. Sie tragen es mit Fassung, aber es scheint ein bisschen durch, dass sie im inneren nur bedingt darauf gefasst waren. Viele werden Tage, vielleicht sogar noch länger brauchen, um zu verstehen, dass auch im Sozi-Land Schweden eine rot geführte Regierung nicht gottgegeben ist. Dass die immer hoch gehaltene Demokratie heissen kann, ja sogar heissen muss, in die Opposition zu gehen. Ich frage mich leise, ob sie denn das können. Die SPD konnte es 1982 nicht. 16 Jahre Kohl waren die Folge.

Ich sehe es trotz allem mit einem gewissen Amüsement. Die SAP hat 9 % mehr als ihr stärkster Herausforderer bekommen und ist dennoch im Tal der Tränen. Aus deutscher Sicht eine groteske Situation. Als leidgeprüfter ehemaliger Einwohner von Baden-Württemberg kann ich da nur Schmunzeln.

Der NDR ist übrigens auch da und interviewt eines der weinenden Mädchen und deren beiden Freundinnen. Letztere sind eher gefasst. Er redet minutenlang mit ihnen. Ich zweifle stark daran, dass diese Aufnahmen viel hergeben. Ich frage den Reporter, wann der Beitrag läuft. Heute morgen – nehme ich mir auf.
Die Schweden haben ihre Regierung abgewählt. Ob mit Recht oder nicht, das ist nicht mehr das Thema. Nun heisst es analysieren, und Fragen stellen – auch unbequeme.

Wir haben auf allen Ebenen verloren. Nicht nur der Reichstag, auch der Landsting (eine Art grosser Kreistag) und vor allem der Stockholmer Stadtrat sind nicht mehr links dominiert. Es ist klar, dass die Leute uns nicht mehr wollen.

Woran lag das?

Der offensichtlichste Grund hat zwei Namen: Fredrik Reinfeldt und Göran Persson. Reinfeldt wird der neue Statsminister (Ministerpräsident) werden. Er ist alles, was Persson nicht ist: jung und dynamisch. Die Leute hatten die Schnauze voll von Persson, der sich zwischenzeitlich nicht gerade schlau angestellt hatte, aber auch einiges Pech hatte. 2003 verlor er seine Kronprinzessin Anna Lindh durch einen irren Mörder. 2004 kam der Tsunami, und Tausende Schweden sassen in den betroffenen Gebieten fest. Vor allem Laila Freivalds, die Nachfolgerin Lindhs als Aussenministerin, musste sich Vorwürfe gefallen lassen, halbherziges Krisenmanagement betrieben zu haben. Im Frühjahr 2006 trat sie dann endgültig zurück. Ihr Nachfolger Jan Eliasson wurde gestern 65 Jahre alt – ein Kronprinz kann er nicht sein, soll er nicht sein und will es wohl auch nicht werden. Auch sonst musste Persson einiges einstecken. Sein mondänes Anwesen ausserhalb Stockholms, das rund 2 Millionen Euro gekostet hatte, machte auf die Schweden, die immer ein sehr genaues Auge auf die Diäten der Politiker werfen, alles andere als einen guten Eindruck.

Persson ging aus diesen Unbillen nicht unbeschadet hervor. In den Beliebtheitswerten rangierte er zuletzt auf mittelmäßigen Plätzen, während Reinfeldt strahlte. Kein Wunder, dass man mit dem Plakatieren von Perssons Konterfei bis fast zum Ende wartete – und dann bekam er auch immer mindestens einen Minister zur Seite gestellt, damit er nicht ganz so verloren da steht. Der krönende Abschluss war der ein Versuch, sich den bürgerlichen Parteien anzubiedern – die Presse zerriss das als Hilferufe eines Ertrinkenden, und hatte wahrscheinlich nicht einmal unrecht damit. Dazu kam noch die Ankündigung, keine volle Legislaturperiode mehr machen zu wollen. „Ihr seid mich eh bald los“ – diese Wahlkampfbotschaft ist schlichtweg töricht.
Reinfeldt hatte so unnötig leichtes Spiel. Dass die Fernsehdebatten im Allgemeinen ausgeglichen gewertet wurden, konnte die Gesamtsituation nicht verdecken.
Die entscheidende Frage, die sich nun stellt, ist, wie sehr die Sozialdemokraten als Partei darunter gelitten haben. Dies war das niedrigste Wahlergebnis seit 1920 – deutet sich hier vielleicht ein strukturelles Problem an? Laut den Statistiken sind die Moderaten bei Gewerkschaftern komplett gescheitert – der Schachzug, sich als neue Arbeiterpartei darzustellen, ist also gescheitert. Woher kamen dann aber dann die Wähler? Verlieren wir vielleicht gewisse Bevölkerungsschichten als Stammklientel? Oder war es letztendlich „nur“ der Erdrutschsieg in Stockholm? Diese Probleme sind aus Deutschland zur Genüge bekannt – die CDU gewinnt nicht bei den Frauen und in den Städten, die SPD nicht bei den Bauern. Man wird sich damit auseinandersetzen müssen.
Nun hat die „Allianz“, wie sich der bürgerliche Block nennt, eine knappe aber klare Mehrheit. Die Allianz, das sind 4 Parteien, die in der Vergangenheit nicht immer dicke Kumpels waren. Nun arbeiten sie zusammen. Ob dieses Bündnis weit kommen wird, ist mehr als fraglich.
Was aber, wenn doch? Viele Sozialdemokraten mögen wohl nun denken, man müsse sich einfach vier Jahre in einer Höhle verkriechen und abwarten.
Das aber wäre ein fundamentaler Fehler. Die Partei muss sich personell und programmatisch erneuern, und das schnell genug, um in 4 Jahren wieder angreifen zu können.

Persson hat heute seinen Rücktritt eingereicht, was aber ohnehin die übliche Formalie ist. Das Entscheidende: im März wird ein Sonderparteitag einen neuen Vorsitzenden wählen. Doch wer kommt in Frage?

Einer der in den Raum geworfenen Namen ist Wanja Lundby-Wedin. Sie ist die Vorsitzende von LO, einer Art schwedischem DGB. Der Verband steht der Partei äußerst nahe – soweit, dass sie sogar Hauptrednerin beim Kampagnenauftakt im Frühjahr war. Ob sie das Zeug dazu hat, bezweifle ich aber. Sie scheint mir keine Ikone zu sein.

In einer Webumfrage der Tageszeitung Dagens Nyheter führt derzeit die schwedische EU-Kommisarin Margot Wallström. Auch der recht junge nun Ex-Justizminister Thomas Bodström scheint laut dieser Umfrage passable Chancen zu haben.

Die Diskussion wird sicherlich die nächsten Wochen und Monate in Anspruch nehmen. Für mich als halb Außenstehender wird dies eine spannende Zeit werden und wahrscheinlich auch eine einzigartige Gelegenheit sein,diese ungewöhnliche politische Konstellation zu sehen. Das alles kann aber nicht verdecken, wie ernst das alles ist – die Zukunft der Partei und damit auch des Landes wird damit eng verknüpft sein.

In Da Ghetto (Hey, Ho)


Valstuga Hjulsta

Originally uploaded by HansBaer.

Der letzte Tag der Wahlkampagne, und meine Genossen machten ausgerechnet da Wahlkampf, wo wir ohnehin die meisten Stimmen abräumen: in Tensta.

Der Ort ist Suburbia vom Feinsten. Mittel bis sehr hässliche Gebäude gruppiert, die Straßen bevölkert von Leuten, die nicht gerade dem schwedischen Klischee in Sachen Aussehen entsprechen. Wer trotzdem blond ist, sieht zumindest arbeitslos aus.

Kurzum: Der Ausländeranteil ist gigantisch hoch, die Arbeitslosigkeit nicht gerade niedrig. Hier wählen uns die Menschen, weil sie sich von einer konservativen Regierung nicht gerade eine Verbesserung der Situation versprechen können.

Vielleicht ist es deshalb gerade da so wichtig, trotzdem Wahlkampf zu machen. Denn – ohne jetzt gehässig oder polemisch sein zu wollen – ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung dort ist sich der Bedeutung einer Wahl wohl nicht bewusst. Wenn wir dort viele erreichen, haben wir gleichzeitig eine große Ausbeute. Denn moderat wählen die bestimmt nicht.

Das Foto zeigt übrigens das „Zentrum“ von Hjulsta, Endstation der U-Bahn und wohl auch von so manchem, der hier wohnt. Links am Bildrand hat sich der Kurdenverein einquartiert.

Morgen wird in Schweden erstaunlicherweise weiter um Wähler gekämpft. Man verteilt Rosen und Stimmzettel – eine Besonderheit der Wahl hier nämlich ist, dass man Stimmzettel oft als eine Art Werbung zugeschickt bekommt, oder eben vor dem Wahllokal in die Hand gedrückt bekommt. Wähler exotischer Parteien können sich daher nicht einmal darauf verlassen, dass ein Stimmzettel für sie im Wahllokal ist. Nur Parteien, die schonmal einen gewissen Erfolg hatten, sind auch garantiert zu finden.

Dass Sozis Stimmzettel verteilen, ist aber etwas fragwürdig, denn zum Einen haben die Leute ihre Wahl schon beim Weg zum Wahllokal getroffen. Zum Anderen aber können sie die Stimmzettel ohnehin drinnen bekommen. Vielleicht werde ich mich morgen aber trotzdem noch beteiligen.

Morgen abend geht es auf jeden Fall auf die Wahlparty. Und um 20 Uhr wissen wir wirklich mehr.

(Wenig) Neues

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein überragender Erlebnisbericht von meinen ersten Schwimmversuchen stehen, aber ich habe bisher noch nicht recht die Muse dazu gefunden.

Die Schwimmerei ist Teil meines Masterplans zur Erlangung überragender Fitness in diesem Winter. Außerdem will ich noch Saunagänge, mittellange Läufe (5-15 km) und etwas Fitnessstudio (es gibt eines hier im Lappis) einbauen.

Apropos Lauf: der Staffellauf mit den Genossen war recht erfolgreich. Zwar waren wir mit 2:08 Stunden natürlich viel langsamer als letztes Jahr, waren aber immerhin die zweitschnellste Sozi-Staffel – von drei, nur damit da keine falschen Rückschlüsse aufkommen.

Der Wahlkampf geht in die Endphase. Leijongate ist fast vergessen und andere dicke Skandale zeichnen sich auch nicht ab. Stattdessen wird mir mehr und mehr einer der Hauptgründe klar, warum die Regierungsmehrheit gefährdet scheint: Göran Persson. In den Beliebtheitsumfragen ist Persson nicht einmal unter den Top 5, weshalb es auch nicht verwundert, dass man bei den Sozis erst seit kurzem Personen auf den Wahlplakaten zeigt, und dann auch nur mit Ministern zusammen. Eine auf Persson zugeschnittene Kampagne brächte keine Vorteile. Nach 12 Jahren Persson haben die Leute keine rechte Lust mehr auf ihn, und das zeigt sich wohl oder übel auch beim Wahlverhalten. Meine Genossen sagen zwar, dass es vor vier Jahren genauso aussah und dann doch noch ein klarer Sieg herauskam. Aber damals hatte man noch Anna Lindh, eine Lichtgestalt und Ministerpräsidentin in spe. Die letzten Wahlduelle liefen trotzdem ganz gut für uns, wenn auch der Vorstoß Perssons Richtung Volkspartei und Zentrumspartei eher als unbeholfener Versuch gewertet wurde, sich an der Macht festzuklammern. Die beiden Parteien lehnten das natürlich prompt ab – ob das nur Wahlkampftaktik ist, wird sich nur dann zeigen, wenn der Sonntag sehr überraschend verläuft. Ansonsten heißt es Persson gegen Reinfeldt, links gegen bürgerlich, rot gegen blau. Und am Sonntagabend wissen wir mehr.

Rechtsradikale muss man hier glücklicherweise wenig fürchten. Die Sverigedemokraterna, auf den ersten Blick zumindest ein rechtspopulistischer Haufen im Stile der Republikaner, liegen zwar unter 4%, könnten aber wohl durch ein paar unglückliche Konstellationen mit einem Abgeordneten einziehen – das ist aber recht unwahrscheinlich. Sehr schön übrigens dieser Bericht. Wie man in die Parlamente reinkommt, haben die Nazis offenbar mittlerweile gelernt. Wie man aber auch wirklich was erreicht, nicht. Nach Muster 1933 kann es nicht funktionieren – seien wir froh drum.

Und nun zu etwas völlig Anderem: Meine unglaubliche Radiokarriere geht weiter. Heute abend moderiere ich ab 21 Uhr die Studentradio Top 20 – also die Charts der schwedischen Studentenradios. Zugegebenermaßen nicht übermäßig anspruchsvoll, aber eine neue Spielweise mit Potenzial.
Wer reinhören will: die Webseite von THSRadio.