Willkommen zur großen „Das war meine Woche“-Revue. Es wird nötig sein, sie in mehrere Teile zu spalten, denn die verfügbare Freizeit stand in den letzten Tagen in einem ziemlichen Missverhältnis zu dem, was ich hier gerne schreiben würde. Und eigentlich bin ich jetzt schon fast wieder auf dem Sprung.

Darum nun der erste Teil: Beyond 20

Sehr beruhigend, loszuziehen, wenn zumindest das Nötigste erledigt ist – soll heißen: meine Praktikumspartnerin Sandra und ich haben es noch rechtzeitig geschafft, die ersten drei Praktikumsprotokolle fertigzustellen.

Eigentlich sollte die Reise ja schon am Samstag losgehen, aber die Mannschaft der Regina Baltica dachte sich wohl, man könnte mal eben so zum 11. Jahrestag des Estonia-Unglücks eine Fähre auf Grund setzen. Also wurde unsere Reise einen Tag nach hinten verlegt, und wir durften stattdessen am Sonntag mit der modernsten Fähre, der Victoria, losfahren.

Über die Absichten der Reise braucht man sich keine Illusionen zu machen: in Estland ist Alkohol nur halb so teuer. Man versuchte auch nicht, dies mit einem vermeintlich kulturellen Beweggrund für die Reise zu verdecken. Wir fuhren einfach nach Tallinn – und das wars dann auch schon.

Tallinn
Bianca, Norbert, eine Leiter und eine Dose estnisches Bier in eine der 4-Bett-Kabinen

Mein einziger Kabinennachbar war Miguel aus Portugal – eigentlich war die Kabine für vier Leute vorgesehen. Ich will allerdings nicht wissen, wie es zugegangen wäre, wenn wirklich vier Leute da gewesen wären. Wir dinierten im schiffseigenen Fast-Food-Restaurant „Fast Food 25h“. Der Name soll wohl eine Anspielung darauf sein, dass man eine Zeitzone weiterreist mit dem Schiff. Konsequenterweise müsste der Name also auf der Rückfahrt „Fast Food 23h“ lauten – wenig verwunderlich, dass dies nicht der Fall war. Das toller Burger-Sonderangebot war auch in anderer Hinsicht besonders: der Belag bestand nicht aus dem üblichen Salat oder Tomaten, sondern Kraut. Essen konnte man es jedenfalls. Der zu erwartende Umtrunk wurde kosteneffizient mit einer Palette estnischem Dosenbier auf dem Sonnendeck begonnen. Es war deutlich zu merken, dass wir kein fünfprozentiges Bier mehr gewöhnt sind. In jedem Fall waren wir innerhalb kürzester Zeit ziemlich angetrunken. Details von unglaublichen Alkoholexzessen habe ich allerdings keine zu bieten, schon alleine weil es eigentlich keine gab. Gegen 1 Uhr estnischer Zeit schwankten die meisten unserer Gruppe ins Bett. Ich lag 20 Minuten später in meiner Koje. Irgendwann um 4 Uhr nachts kam auch Miguel und begann, mir ausführlich darüber zu berichten, wie betrunken er jetzt doch sei. In meiner Eigenschaft als höflicher und gemütsruhiger Mensch, zudem zu müde zu wirklichen Wutausbrüchen, verzichtete ich auf nennenswerte Erwiderungen. Eigentlich hätte ich ihm sagen sollen, er möge den Mund halten und schlafen gehen.

Um 10 Uhr quälten sich alle nach und nach aus dem Bett. Miguel schloß mit dem Fortsetzungsvortrag „Oh man, I’m still so drunk“ nahtlos an seine nächtliche Informationsveranstaltung an. Ich zog mich an und begab mich draußen. Unser Gepäck konnten wir glücklicherweise in der Kabine lassen.

Ich selbst war zwar nicht gerade auf der Höhe meiner Kondition, aber es war noch ganz passabel. Bei anderen sah das allerdings bedeutend schlechter aus. Offenbar gab es auch einen Unterschied zwischen An-Land-Trinken und Auf-einem-Schiff-Trinken. Erst eine Weile nach der Passkontrolle – diesmal EU-bedingt leider nur noch ohne Einreisestempel – war wieder richtig Leben.

Tallinn
Norbert, Moritz und Bianca in der Altstadt von Tallinn

Bianca und Moritz entpuppten sich als intime Kenner das Gesamtwerks von Rolf Zuckowski – insbesondere was Verkehrsregeln betrifft, hat dieser Ausnahmekünstler mit seiner Schulweg-Hitparade offenkundig Bahnbrechendes geleistet. Jedenfalls reichte das Repertoire zur durchgehenden Unterhaltung bis zur Altstadt aus.

Selbige kam mir irgendwie fremd vor. Entweder streiften wir die ganze Zeit durch Ecken, die ich noch nicht kannte, oder es hatte sich wirklich allerhand verändert.
Nach einiger Diskussion über das Frühstück bzw. wie selbiges aussehen sollten, entschieden wir uns, gleich zum Mittagessen überzugehen, und besuchten ein Restaurant, das wenig überraschend in mittelalterlichem Ambiente daherkommt.

Tallinn

Weitere Highlights: mittelalterliche Straßen, mittelalterliche Plätze und die japanische Botschaft. Norbert kam auf die Idee, sich davor zu stellen und japanische Trinklieder zu singen – bzw. das eine, das sie kennen. Glücklicherweise kam dieser brillante Plan nicht zur Ausführung. Stattdessen stellten wir uns vor die deutsche Botschaft und sangen die Nationalhymne – war ja schließlich 3. Oktober. Über vereinzelte Textunsicherheiten schweige ich mich aus.

Tallinn
Vor der deutschen Botschaft

Bevor wir zurück aufs Schiff gingen, stand der Einkauf von beträchtlichen Mengen Alkohol an. Hier meine Einkaufsliste:

  • Eine Palette Dosenbier „Saku Original“ aus Estland
  • Eine kleine Flasche Fernet Branca
  • Eine große Flasche Bacardi
  • Vier Flaschen Wein aus Frankreich und Italien
  • Absolut Raspberry Vodka für eine Bekannte aus meinem Schwedisch-Kurs, den ich durch diese Reise bedingt einmal verpasste

Tallinn

Genug, um meinen Rucksack mörderisch schwer zu machen. Zurück auf dem Schiff stand ein ruhiger Abend an – nach einer Wiederholung des Vortags war uns allen nicht zumute. Lediglich die Reste von Sauvignon Blanc, einem billigen Weißwein im Pappkarton, den wir am Abend zuvor angebrochen hatten, wurde geleert. Andere hingegen wollten sich unbedingt noch einmal richtig betrinken. Dazu gehörte auch Miguel, der im 10-Minuten-Takt hereinkam und irgendwelche Getränke nachfüllte – und mich jedes Mal damit aufweckte.
Ein konstruktiver Vorschlag, er solle den ganzen Scheiß doch einfach mit rausnehmen, beantwortet er mit „Man, on a scale of drunkenness from zero to twenty, I’m on a thirty“. Als er dann endlich doch schlafen ging, musste er unbedingt noch loswerden, dass es mit seiner potenzielle angebeteten Belgierin nicht klappe, weil deren Beziehungsverhältnisse ohnehin schon recht komplex seien. Auch wenn dieses Thema zweifellos interessanter war als das vorabendliche „Ich bin so betrunken“ und ich auch zugeben musste, dass die Betreffende doch recht attraktiv ist, so hatte ich dennoch kein unmittelbares Interesse an einer großen Diskussion. Schon gar nicht um 5 Uhr morgens.

Nach der Ankunft beeilte ich mich, so schnell wie möglich zur Bekanntgabe des Physik-Nobelpreises zu kommen. Aber davon das nächste Mal mehr.

Heute gehe ich auf ein Seminar für Neumitglieder bei den sozialdemokratischen Studenten. Entweder wird es ein Volldebakel oder sehr angenehm – das hängt vorwiegend davon ab, wie sich meine Schwedischkenntnisse bewähren. Am Sonntag muss ich ohnehin wegen meiner Teilnahme am Hässelbyloppet verfrüht abreisen. Daher am Sonntagnachmittag an dieser Stelle mehr.