Es sind mittlerweile zwei Wochen in Stockholm. Eine gewisse Normalität hat sich eingestellt, und es wird Zeit, etwas dagegen zu tun, dass dieses Blog zu einem Bericht über Durchfall, Wetterumschwünge und ähnlich spektakuläre Dinge wird.

Es wird also Zeit, meine journalistischen Ambitionen auszugraben und etwas zu schreiben – freilich mehr um des Selbstzweck willen, aber man muss ja in Übung blieben. Wenn man das schon so macht, dann doch am liebsten in einer Textgattung, die immer Freude bereitet: den hart an der Glosse streifenden Kommentar.

Nun denn:
Stockholm ist von deutschem Territorium 600 Kilometer entfernt. Irgendwie sehr beruhigend…

Leisetreter im Schneckengalopp

Wenn man mich heute nach deutscher Politik fragen würde, müsste ich sagen, dass ich dazu einigen Abstand habe – zumindest räumlich. Hier in Stockholm interessieren sich die Leute nicht für deutsche Politik, auch nicht für bewusstlose Piloten und jüdische Siedler im Gaza-Streifen, sondern vielmehr für Hochspringer Stefan Holm und dessen bescheidenes Abschneiden bei der Leichtathletik-WM in Helsinki. Fernsehen habe ich leider nicht – so sehe ich den Wahlkampf zuhause im Netz. Hohe Sprünge suche ich dort aber auch vergebens.

Vor drei Jahren trat die Union erstmals seit 1976 mit einem Bayern als Kanzlerkandidaten an, der immer wieder versicherte, dass „Deutschland ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen“ sei. Fast hätte der Coup auch geklappt, denn der Wahlkampf war einwandfrei. Edmund Stoiber hielt sich mit dem Rezitieren von Statistiken zurück, trug beim Fernsehduell eine rote Krawatte und gab sich auch sonst recht mediensicher. Dank etwas Schützenhilfe einer namhaften Tageszeitung war man bestens aufgestellt. Das Klischee des polternden erzkonservativen Bayern war entweder falsch oder zumindest gut kaschiert worden. So scheiterte das Unternehmen Regierungsübernahme denn auch nur an rund 6500 Stimmen – man ärgerte sich und analysierte, dass man die fehlenden Wähler wohl bei den Frauen, in Großstädten und in Ostdeutschland suchen müsse.

Drei Jahre später hat man aus den Fehlern gelernt. Die Union will nicht nur eine Frau auf den erhöhten Kanzlersessel im Bundestag setzen, sie kommt sogar aus dem Osten. Das dritte Kriterium „Großstadt“ war zwar wegen akuten Mangels an Großstädten in Angela Merkels Heimat Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr zu erfüllen, aber es stand fest: der Kanzler kann solange intime Details über seine Hausschuhe herauslassen, wie er will – an der Union kommt er mit keinem Schuhwerk vorbei.

Da kommt einer daher, mit dem niemand gerechnet hatte. Nicht Joschka Fischer in Turnschuhen, sondern Ex-Kandidat Edmund Stoiber ist in unspektakulären Halbschuhen an die Spitze des Wahlkampfs gesprintet und hat seine Vorstellung von der deutschen Bevölkerung zum Besten gegeben. Ossis seien nicht nur „frustriert“, sondern wählten auch noch die falschen Parteien – man mag sich gar nicht ausmalen, wenn das jeder machen würde. Denn nur die „dümmsten Kälber“ wählten ihren Metzger. Die Menge muss gegröhlt haben, denn Stoiber machte gerade in Bayern Wahlkampf, und dort kann man so etwas schon einmal sagen, oder?

Der Wahlkampf hat sein Thema endlich gefunden: Rindviecher. Dicht gefolgt von dem Unterschied zwischen Brutto und Netto.
Wie beruhigend ist es doch, dass man sich über die wirklich wichtigen Dinge unterhält. Wen kümmern schon Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Bürokratie, Wirtschaftsschwäche, kaputte Autobahnen, Bildungsnotstand und Kinderarmut? Dass Deutschland endgültig beim Nullwachstum angekommen ist, hat sich mittlerweile sogar hier in Schweden herumgesprochen, nur in Deutschland wohl nicht.

Es mangelt an Perspektiven, es mangelt an Ideen – und daran hat dieser Wahlkampf nichts geändert. Solange Stoiber durch die Gegend poltert und alle paar Tage ein Flugzeug abstürzt, kommt wenigstens keine Langeweile auf.

Völlig in den Hintergrund gerät dabei, dass keine Partei ein wirkliches Konzept hat: die SPD hat nur das, mit dem man eine Landtagswahl nach der anderen verlor. Die FDP möchte Steuern senken, aber mehr hat sie auch nicht wirklich zu sagen. Die Union hat die Bierdeckel mittlerweile in den Müll geworfen und will stattdessen – wie innovativ – irgendwelche Steuersätze verschieben. Und die Grünen? Von denen hört man wenig, aber sie lassen nicht aus, klarzustellen, dass man natürlich wie gehabt weiterregieren wolle.

Was vielversprechend begann, ist nach und nach zu einem Kasperletheater erster Güte geworden. Alle hüpfen munter von Wahlkampfveranstaltung zur Talkshow und zurück, grinsen und klatschen in die Hände. Kasperle und Räuber Hotzenplotz duellieren sich zwar nur in der Zeitung, aber die Frage ist die Gleiche: „Seid ihr alle da?“ – und das Wahlvolk soll am 18. September „Ja“ schreien. Ob es das tun wird, ist mehr als fraglich. Die Wahlbeteiligung wird wohl eher unterirdisch sein.

Gute vier Wochen hat dieser Wahlkampf noch. Zeit genug für alle Beteiligten, noch Fortschritte zu machen. Man könnte ja mit einem neuen Paar Schuhe beginnen.

Es ist zwar vollkommen utopisch, dass jemand Texte von mir haben geschweige denn kaufen will, aber sollte dem doch so sein: jederzeit gerne 🙂