Ich sollte dieses Blog in „Albano Watch“ umbenennen. Genügend Stoff zu berichten gäbe es allemal – obwohl oder gerade weil hier ein Haufen Müll rumliegt, treiben sich höchst seltsame Gestalten herum. Gestern gab es folgende Szenerie zu beobachten:

Ein männliches Model zeigte sich in Bademeisterpose auf dem mondänen Schotterhaufen vor der Bahnstrecke – gelegentlich zog er sich sogar um. Schade, dass es keine Frau war. Einen Schnappschuss konnte ich mir dennoch nicht verkneifen. Ich gab allerdings vor, die vorbeifliegenden Heißluftballons zu fotografieren.

Derweil trieb sich weiter vorne ein Mann mit dem Aussehen einer Vogelscheuche herum und sammelte herumliegenden Müll ein. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war er aber kein Mitarbeiter der Parkplatzfirma, die mich mit einem Ticket beglückte, sondern ein Obdachloser. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die werden aus der Innenstadt mittels einer Taktik vertrieben, die auch im Hamburger Hauptbahnhof für erhebliche Veränderungen gesorgt hat: an einigen Geschäften in der Nähe von T-Centralen (Hauptbahnhof für alle Bahnen) wird die Straße mit recht lauter Musik beschallt. Der Effekt ist einfach, dass unerwünschte Menschen auf Dauer davon genervt sind und weiterziehen.

Und nun zu etwas völlig anderem: Samstag.

Ja, Samstag. Eigentlich wollte ich ja einkaufen gehen, stellte aber nach einer eingehenden Analyse fest, dass ich keinen Bock hatte. Also wartete ich den Nachmittag ab und fuhr zum Halbmarathon S:t Eriksloppet. Ich war nach einem Essen um 13 Uhr und Ankunft eine Stunde vor Start recht gut gerüstet.

Kurz vor Abgabe des Gepäcks wurde ich von einer älteren Frau auf schwedisch angesprochen, wo denn der Start sei. Erstaunlich ist, dass ich es nicht nur auf Anhieb verstanden habe, sondern sogar in der Lage war, zu antworten. Allerdings war es offenkundig eine Einwanderin – eine „echte“ Schwedin hätte ich wohl nicht so leicht verstanden. Kurz darauf half ich einer Frau bei der Anbringung des Chips am Schuh. Interessant vor allem deshalb, weil sie zu dem geringen Teil der Menschen hier gehört, der kein oder minimal Englisch spricht. Oder sie traute sich nicht – wer weiß.

Ein Mann sprach mich an, als er meine großartige Garmin 201 GPS-Uhr am Arm entdeckt. Er fragt mich, ob es eine 201 oder eine 301 sei. Das folgende Gespräch bewegte sich analog zu Gesprächen über die Fähigkeiten des eigenen Autos, Computers oder ähnlichem. Es ist schon erstaunlich, wie sich dabei innerhalb dieses untechnischen Sports Nischen zur Zurschaustellung von Statussymbolen gebildet haben. Schließlich soll ja jeder wissen, dass man den längsten weit und breit hat.

Die Kulisse war beeindruckend – gutes Wetter, und der Start war direkt vor der Stirnseite des königlichen Palasts. 16:35 Uhr ging es los, und nach dem üblichen Anfangsgedränge konnte man gut laufen. An manchen Stellen war ich überrascht, wie gut ich mich in der Stadt schon auskenne. Auf meine Anfragen hin hatten sich sogar zwei Unterstützerteams für mich postiert. Zum Einen Maral und Daniela, meine beiden Mitbewohnerinnen. Zum Anderen Dave, Ruben und Mary. Leider habe ich sie beide nicht gesehen, weil sie wohl kurz vor meinem Vorbeilauf zum Bus nach Osqvik mussten. Sehr schade, aber auch so ging es recht gut. Ab Kilometer 18 musste ich zwar etwas beißen, weil ich sich die übersäuerten Muskeln deutlich bemerkbar machten. Insgesamt ging es jedoch sehr angenehm. Meine eben angesprochene GPS-Uhr bescheinigte mir zwar insgesamt einen deutlichen längeren Lauf, prophezeite aber mir aber gleichermaßen einen beträchtlichen Vorsprung gegenüber dem Limit von zwei Stunden, das ich ja unterschreiten wollte.

Am Ende stand folgendes Ergebnis:

Gesamtzeit: 1:53:59 Stunden
Platz: 2375 von insgesamt 3261 Männern (Frauen und Männer werden bei diesem Lauf komplett getrennt gewertet)
Pace: 5:24 Minuten pro Kilometer

Wenn ich überlege, dass ich bis vor kurzem noch Probleme hatte, überhaupt einen Schnitt von deutlich unter 6 Minuten pro Kilometer zu laufen, kann ich damit sehr zufrieden sein. Meine bisherige Halbmarathon-Bestzeit von 2:13 Stunden habe ich damit auch souverän um 19 Minuten verbessert. Einen Marathon hätte ich ehrlich gesagt aber nicht laufen wollen. Ich spüre auch heute noch den Muskelkater.

Die Stimmung war gut, auch wenn man merkte, dass der Lauf trotz der interessanten Streckenführung nicht übermäßig groß ist. Lediglich an einigen markanten Punkten standen wirklich viele Leute an der Strecke.

Jedenfalls hatte ich dieses Mal keinen Punkt, wo ich mich fragte, ob das mit der Lauferei wirklich so eine gute Idee ist – natürlich gab es Höhen und Tiefen, aber insgesamt war ich sehr zufrieden.

Abends auf der Osvik-Party war ich dann auch der Held – jedenfalls sprachen mich wildfremde Menschen darauf an. Für die meisten sind die 21,1 km auch eine extrem beeindruckende Distanz, was objektiv betrachtet auch nicht so falsch ist. Die meisten sind sich wohl auch des Unterschiedes zwischen Halb- und ganzem Marathon nicht bewusst. Effekte in Form von riesigen Horden unglaublich hübscher Bewunderinnen blieben aber leider aus.

Die Beteiligung an der Party war dieses Mal deutlich geringer. Zudem merkte man die Folgen des sehr früh angesetzten Beginns. Als ich um 22 Uhr hinkam, waren einige Leute schon mehr als nur betrunken. Ruben war recht gut in Stimmung, Dave nicht minder. Ich unterhielt mich mit Nazim, einem Iraner aus dem oberen Stockwerk, über iranische Politik und seine Konflikte mit der Regierung – er war anscheinend schon mehrer Wochen im Gefängnis gewesen. Derweil hatte sich ein anderer Mitbewohner auf einer Bank schlafen gelegt und entleerte seinen Mageninhalt auf den Boden. Ähnliche Erscheinungen fortgeschrittener Alkoholisierung waren auch bei anderen zu beobachten.

Einige meinten, man könne Nordlichter sehen. Mich erwartete jedoch „nur“ ein wunderschöner sternenklarer Himmel. Ich setzte mich einige Zeit ans Feuer, trank zwei Bier und eine Jackie-Cola – was keine so wahnsinnig gute Idee war, denn angesichts der nach dem Lauf doch etwas angeschlagenen Gesamtform spürte ich die Effekte deutlich.

Eigentlich wollten wir, d.h. in dem Fall Ronney und ich, ja um 2 Uhr mit dem Bus zurück – aber der war voll. So war es dann letztendlich 4 Uhr, als ich zuhause war – das hat dann auch gereicht.