Der moderne Mensch sieht sich nur noch wenigen Bedrohungen ausgesetzt – die Rationalität hat Einzug gehalten, so dass Vulkanausbrüche nicht mehr notwendigerweise der Zorn der Götter sind. In der Schifffahrt muss man nicht mehr befürchten, vom Rand der scheibenförmigen Erde zu fallen, und man hat sogar akzeptiert, dass der Aderlass und starke Stromströße deutlich weniger gesund sind, als man früher annahm. Eigentlich sind alle Risikofaktoren auf rein vernunftbegabte Abschätzungen heruntergebrochen worden.

Aber es gibt Ausnahmen.
Eben beispielsweise durfte ich in epischer Breite im Podcast vernehmen, welche bösen Viren von überall her auf uns einschwirren und vor was man gefälligst Angst haben sollte.

Viel schlimmer ist es aber bei Radioaktivität. Eine vermeintlich seltene Strahlung, die man nicht sieht, spürt, hört oder schmeckt, scheint perfekt zu sein, um irrationalste Ängste hervorzurufen. Kürzlich fuhren wir ja mit einem Mietwagen nach Gävle. Ich habe mich gefragt, wie der Mann am Schalter der Tankstelle reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass wir radioaktive Quellen dabei haben. Zumindest zögerlich, schätze ich. Es ist genau die Art Angst, die 1986 zu absurdesten Reaktionen auf die Katastrophe von Tschernobyl geführt.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die aktuelle Berichterstattung über den Fall Litwinenko diese Ängste nur anheizt. Überall lauert die Gefahr, ist die Botschaft – schließlich kann man sich radioaktive Stoffe problemlos besorgen.
Was dabei gerne übersehen wird, ist, dass wir ohnehin die ganze Zeit von Strahlung umgeben sind. Salz mit Kalium ist radioaktiv. Aus allen Wänden verströmt der Beton Radon, ein Edelgas, das hierdurch allgegenwärtig ist, wenn auch in geringen Konzentrationen. Die Zerfallsprodukte können sich in der Lunge ablagern und dort ab und zu einmal Krebs erzeugen. Bevor jetzt jemand aufschreckt: das ist die sogenannte natürliche Radioaktivität – die war schon immer da, und wird auch immer da sein. Dass sie auch schaden kann, ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Laut Wikipedia sind 10% aller Lungenkrebsfälle durch Radon verursacht – also 4.000 im Jahr in Deutschland. Es sterben allerdings 6.000 Menschen jedes Jahr in Verkehrsunfällen. Der einfache Schluss: es ist gefährlicher, Auto zu fahren, als Radon einzuatmen. Solche plakativen Beispiele sollen nur verdeutlichen: Radioaktivität erhöht in den allermeisten Fällen nur das Risiko.

Dem sind sich die meisten Menschen natürlich nicht bewusst, und das ist auch nur zu gut verständlich. Doch ich stelle mir schon die Frage, ob durch die Medien irrationale Ängste nicht zunehmen.

Momentan ist es Polonium, das zum ultimativen Teufelszeug gemacht wird. Dass so gut wie jedes Schwermetall hochgiftig ist, fällt hier unter den Tisch. Zudem ist es auch nicht der einzige Alpha-Strahler. Entgegen der landläufigen Meinung, dass Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlen nach deren Gefährlichkeit benannt sind, ist es nämlich so, dass gerade die Alpha-Strahlung zwar sehr kurze Reichweiten hat, dafür aber auf dieser sehr viel Energie abgibt und damit Körperzellen schnell schädigt. Auch unterschlagen wird dabei, dass auch andere Polonium-Isotope als Teil der natürlichen Radioaktivität in der Luft sind – und sie sind alle radioaktiv.

Polonium wird also nicht unbedingt der Nachfolger von Zyankali als Lieblingsmordinstrument für Schwiegermütter werden. Wenn man es sich leisten kann, könnte zum Beispiel auch Plutonium nehmen – der Iran bietet demnächst sicher günstig welches an 🙂

Litwinenko ist wahrscheinlich schlicht daran gestorben, dass er erhebliche Mengen des Metalls im Körper hatte und sowohl an den Vergiftungs- als auch an den Strahlungsschäden gestorben ist. Gerade letztere entstehen übrigens um ein Vielfaches stärker, wenn die Quelle im Körperinnern ist. Dort ist nämlich auch das Gewebe für solche Einwirkungen schlechter gerüstet.

Das Ende der Litanei: ich würde mir wünschen, dass ich solche Sätze nicht mehr lesen muss, weil die Leute bei radioaktivem Material nervös werden:

An Bord der beiden Maschinen nur „sehr niedrige“ radioaktive Spuren entdeckt worden, teilte British Airways mit. Das Risiko für Unbeteiligte sei „gering“.

PS: Scotland Yard hat übrigens auf den Maschinen nicht nachgesehen, um Bürger vom Killermaterial Po-210 zu schützen. Das war schlicht und einfach Spurensicherung.