Die Enttäuschung kam schleichend. Das nordkoreanische leicht (um nicht zu sagen sehr) propagandistisch angehauchte Blatt „The Pyongyang Chronicles“ ist mittlerweile anscheinend eingestellt worden. Seit Oktober hatte ich meine neue Lieblingszeitung, wie ich sie gerne nannte, verfolgt, und der stetige Fluss von neuen Nachrichten versiegte letztendlich im Dezember. Heute ist das vormalige Magazin nur noch eine Ruine.

Die Frage nach dem Warum stellt sich normalerweise nicht, denn die Urheber und deren Motive bleiben normalerweise unbekannt. Wenn jemand dann den Spass daran verliert, täglich meist krude zusammengezimmerte Texte online zu stellen, so ist dies nur allzu verständlich.

The Pyongyang Chronicles 14th February 2007
Die Startseite der „Pyongyang Chronicles“ nach aktuellem Stand – eine vermeintliche Baustelle

In einer Hinsicht unterscheiden sich die „Pyongyang Chronicles“: sie erheben den Anspruch, direkt von Bürgern Nordkoreas erstellt worden zu sein. Nordkoreanische Seiten finden sich nur in geringer Anzahl im Netz, denn das Reich Kim Jong Ils ist kommunikationstechnisch vom Rest der Welt weitgehend abgeschnitte. Telefon und Fax gibt es zwar, aber dies auch nur eingeschränkt. So wurden die ersten ausgegebenen Mobiltelefone innerhalb kürzester Zeit wieder verboten und eingezogen. Freier Informationsfluss zwischen Ausland und Inland ist in Nordkorea unerwünscht, denn das Land kann, glaubt man Besucherberichten und Experten, nur durch diese Blockade überleben.

Schon ab dem Kindergarten wird den Einwohnern erklärt, dass ihre beiden bisherigen Führer, der verstorbene Präsident Kim Il Sung und dessen Kim Jong Il, gottgleiche Wesen seien, die als wahre Multitalente die Koreaner in die Glückseligkeit führe würden. Die allermeisten Bewohner dieses Orwellschen Universums, in dem jegliche externe Informationen fehlen, glauben dies – an was sollten sie auch sonst glauben?

Externen Berichten zufolge sind mittlerweile Zehntausende Flüchtlinge in China untergetaucht. Bei insgesamt 22 Millionen Einwohnern bleiben die Dimensionen damit weit unter dem Brain Drain, den die DDR vor dem Mauerbau ereilte. Dabei sind die Lebensbedingungen katastrophal – manche Schätzungen gehen davon aus, dass in den 1990er Jahren mehrere Millionen Menschen in dem Land verhungert sind.

Wie die interne Propaganda Nordkoreas aussieht, dürfen die wenigen Touristen, die das Land besuchen, selbst bewundern. Nach aussen wird sie aber nur bedingt getragen. Zwar berichtet die staatlichen Nachrichtenagentur KCNA fast täglich über Buchveröffentlichungen im Ausland, aber in den Buchhandlungen dürfte man diese vergeblich suchen. Kim Jong Il ist zwar laut Propaganda ein echter Vielschreiber, aber auch im grossen Internetbuchhandel Amazon bringt er es gerade einmal auf vier Einträge, von denen zwei auch noch auf Bücher verweisen, die nicht einmal 100 Seiten stark sind. Auch sein Vater Kim Il Sung, im Land als der „Grosse Führer“ bekannt, ist dort nur mit fünf Büchern vertreten – immerhin nehmen sich seine Bücher etwas umfangreicher aus.

Mit Ausnahme der offizielle KCNA-Meldungen dringt also kaum etwas zum aktuellen Zeitgeschehen nach aussen. Umso interessanter sind da die inoffiziellen Seiten. Eine solche ist das Songun Blog, wo in mehr oder weniger regelmässigen Abständen der grossen Heldenverehrung gefrönt wird. Abgesehen von grotesken Videos, die offenbar schon Jahrzehnte alt und mit informationsfreien Texten unterlegt sind, findet sich dort aber wenig. Manche der Videos legen aber nahe, dass es sich beim Ersteller am ehesten um einen koreanischstämmigen Amerikaner handelt, der seine verklärten Vorstellungen von Nordkorea der Welt verkünden möchte.

Ganz anders da die „Pyongyang Chronicles“, die zumindest behaupten, direkt aus dem Land zu kommen. Die Erklärung der Redaktion über das Zustandekommen ist abenteuerlich und haarsträubend: da die USA den Nordkoreanern den Zugang zum Internet verwehrten, würde man die Artikel einem externen Helfer faxen, der diese wiederum publiziere.

Ein Blick hinter die Kulissen der Zeitung deutet darauf hin, dass dies zumindest nicht vollkommen unsinnig ist. Die Adresse des Angebots ist auf die Domainendung .su registriert, die eigentlich der Sowjetunion gehörte, aber immer noch vergeben wird. Da die eigene Domainendung .kp inaktiv ist, liegt dieser Schritt nicht allzuweit weg. Interessanter sind allerdings die anderen Registrierungsdaten. Die Domain ist auf einen „Warren Murphy“ registriert, was wenig koreanisch klingt. Ein Mann dieses Namens ist, wenn man von einem literarisch scheinbar weniger wertvollen Abenteuerroman absieht, kaum mit Nordkorea in Verbindung zu bringen. Als Telefonnummer ist allerdings eine Nummer in Nordkorea eingetragen.

Die Seiten selbst sind technisch unbedarft erstellt worden, wie Struktur und die dahinterstehende Technik schnell verraten. Sie wurden nämlich mit dem reichlich angestaubten Programm Microsoft Frontpage 4.0 erstellt, das im Jahr 1999 erschien.

Der Server, auf dem die Seiten liegen, steht allerdings im Herzen des ideologischen Feindes: in Texas bei der Firma Softlayer. Die Seiten selbst wiederum verweisen auf einen Anbieter namens abrint.com, der in Brasilien ansässig, aber nicht erreichbar.

Dies alles ist verwirrend – fast so verwirrend wie das dahingeschiedene Magazin.

Dort fand man im Oktober nicht selten auf aktuelle Ereignisse bezugnehmend umgedichtete Meldungen vor. In den Pyongyang Chronicles bequemte sich etwa nicht die nordkoreanische Führung zurück an den Verhandlungstisch – nein, die angeblich nicht gesprächsbereiten Amerikaner sollen eingelenkt haben. Die Fragerubrik „Ask a Korean“ beantwortete ernstgemeinte Fragen von Lesern mit der Standardantwort, dass der Fragesteller offenbar westlicher Gehirnwäsche ausgesetzt gewesen sein. Die Artikeltexte sind aber selten so subtil. Meist zeigten sie nur die Naivität der Ersteller. Die Wahlberichterstattung über eine angebliche im Dezember abgehaltene Wahl glänzte mit enthusiastischen Berichten über angebliche Wahlkampfauftritte Kim Jong Ils und abschätzigen Tiraden auf alle anderen Parteien, worunter sich angeblich sogar eine grüne Partei befinden sollte.

Seit Ende Januar nun verkündet nun ein Begrüssungsbildschirm, dass die Webseite vorübergehend nicht erreichbar sei. Dies ist allerdings genauso erfunden wie der Rest der Seite – die Archive und sämtliche anderen Seiten sind nämlich nach wie vor erreichbar. Die letzte Meldung bleibt allerdings nach wie vor ein Neujahrsgruss.

Wer also auch immer hinter diesem seltsamen Propagandaorgan gesteckt haben mag – anscheinend sind in absehbarer Zeit keine Neuigkeiten mehr zu erwarten. Sollten es echte Nordkoreaner gewesen sein, dann dürfte wohl spätestens die Einigung bei den Sechs-Parteien-Gesprächen eine Fortführung der Zeitung erschwert haben. War es jemand anders, dann hat er wohl einfach keine Lust mehr.

Auf echte Nachrichten von der nördlichen Hälfte der koreanischen Halbinsel wird man also wohl noch länger warten müssen.