In letzter Zeit wurde mir vermehrt von Reality-TV-Serien berichtet, wo grenzdebile Deutsche dabei gefilmt werden, wie sie mit idiotischen Ideen bestückt und logistisch schlecht vorbereitet auswandern, um dann festzustellen, dass die ganze Aktion ein totaler Griff ins Klo war und sich selbst gebastelte Sonnenhüte am Nordkap doch nicht so gut verkaufen.
Meist scheitert das ganze Vorhaben aber an der offensichtlichsten Hürde: der Sprache.

Braucht man wirklich schwedisch zu lernen, um in Schweden zu leben? Die Antwort ist ein klares Jein. Ich kenne zahlreiche ausländische Studenten, die ein Jahr (und mehr) in Schweden leben, ohne über Begrüßungs- und Dankesfloskeln herauszukommen. Gerade in Stockholm wird schon bei ersten Anzeichen des Unverstehens sofort Englisch angeboten. Dass Englisch als Option nicht offen stand, ist mir bislang auch nur wenige Male untergekommen. Laut Wikipedia sprechen 80% der Schweden Englisch und über 20% Deutsch. Wie gut die Sprachkenntnisse sind, geht daraus nicht hervor, aber im Allgemeinen ist das Niveau zumindest im Englischen sehr hoch. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Filme hierzulande nicht durch Synchronisierung verstümmelt werden, sondern mit Untertiteln versehen in Originalsprache laufen.
Sicherlich ist man in Stockholm diesbezüglich an einem privilegierten Ort des Landes, denn nirgendwo sonst dürfte Vielfalt und Umfang der Einwanderergemeinde so groß sein wie hier. Dafür sorgen nicht zuletzt internationale Institutionen und zahlreiche Botschaften.
Ob man in anderen Landesteilen auch immer so leicht mit Englisch durchkommt, kann ich nur aus meinen touristischen Erfahrungen erzählen, und die sind fast durchweg genauso wie in Stockholm: wer Englisch kann, kann sich immer verständigen.

„Durchkommen“ ist also nicht das Problem. Man sollte sich allerdings ernsthaft fragen, ob man in einem Land leben will, ohne dessen Sprache zu sprechen. Man nutzt letzten Endes auch das Entgegenkommen der Schweden aus, wenn man sich selbst nicht bemüht, ihnen entgegen zu kommen.

Man wird auch gegen eine Wand laufen, wenn es um die essentiellen Dinge des Lebens im Ausland geht: für die Integration ist es unerlässlich, mit den Einheimischen in ihrer Sprache kommunizieren zu können, und ohne ausreichende Schwedischkenntnisse einen Job zu finden, mag vielleicht für einen hochqualifizierten Softwarespezialisten eine Option sein – für die große Mehrheit der Stellen trifft dies nicht zu.
Die Schweden sind übrigens meist erfreut, wenn man ihre Sprache spricht. Ganz anders als wir Deutschen, die in ungerechtfertigten Weltspracheallüren Deutschkenntnisse voraussetzen.

Lernen wollen und wirklich lernen sind aber immer noch zwei verschiedene Dinge. Jeder der oben erwähnten ausländischen Studenten hat nämlich einen Anfängerkurs gemacht. Eine Sprache zu lernen ist natürlich selten wirklich leicht – dennoch ist es bei Schwedisch zumindest aus deutscher Sicht ein Luxusproblem.
Die deutsche Sprache hat nämlich viele Spuren hinterlassen, so dass Ähnlichkeiten im Wortschatz haufenweise vorhanden sind. Auch Ähnlichkeiten in der Grammatik gibt es einige. Erleichternd kommt hinzu, dass die Grammatik allgemein leichter ist, da es nur zwei Genera gibt und im Allgemeinen nicht dekliniert wird. Lediglich, dass Adverbien ihre Form je nachdem verändern, ob sie zu einem Wort im Plural oder Singular gehören, und dass es statt Artikeln bestimmte Anhängsel an Wörter gibt, macht es etwas schwerer. Hinzu kommt eine ziemlich gnadenlose Rechtschreibung, die die Sache aber erheblich leichter macht als im Deutschen.
Aus meiner Sicht ist es vor allem die Aussprache, die problematisch ist: o wird oft zu u, u zu ü, k manchmal zu sch, g manchmal zu j und in Sachen Betonung geht es melodisch hoch und runter. Da ist man als Deutscher am ehesten noch im südschwedischen Skåne heimisch, wo der Dialekt so stark vom Dänischen beeinflusst ist, dass er sich zu guten Teilen nicht an die allgemeinen Regeln hält. Hat man sich jedoch irgendwann einmal ins Rikssvenska (Reichsschwedisch) hineingehört, dann tut sich mit dem Dialekt aus Skåne schwer, und Dänisch klingt nur noch nach einem seltsam betonten Kauderwelsch.

Ich für meinen Teil konnte nach Kursen in Deutschland schon nach einigen Wochen die sprachlich anspruchslosen U-Bahn-Zeitungen Stockholms einigermaßen lesen. Heute sind es freilich Bücher und allerlei Zeitungen. Aktives Sprechen fällt mir jedoch immer noch schwer, weil ich die allermeiste Zeit in einer nichtschwedischen Umgebung verbringe, so dass einfach das tägliche Training fehlt. Dies ist auch ein Grund, wieso ich diesen Sommer Bus fahre.

Sprachtalentierten mag es gelingen, schon im Vorfeld in Deutschland ein passables Schwedisch zu erlernen – für mich war das leider nicht möglich, gab mir aber einen guten Start. Uni- oder VHS-Kurse sind in jedem Fall empfehlenswert. Im Übrigen sind die Angebote hier häufig besser als man glauben mag. An der stark naturwissenschaftlich geprägten Uni Karlsruhe gab es zeitweise drei verschiedene Kurse zur Auswahl.

Wer sich wundert, wo man denn in Schweden dann weiterlernen kann:

  • Sämtlichen Einwanderern steht „Svenska för invandrare“ (SFI) offen. Die Kurse sind meines Wissens kostenlos. Wie sich diese Kurse letztendlich zusammensetzen, weiß ich nicht – ich gehe aber davon aus, dass es weniger Europäer sind, sondern vor allem Menschen, die aus Krisenherden geflohen sind. Im Jahr 2006 war nämlich die größte Einwanderergruppe die der Iraker.
  • Für Studenten bieten die Hochschule oft Kurse an. Bei Austauschstudenten ist es sogar zumeist so, dass Extrakurse im Sommer veranstaltet werden, damit jeder die Gelegenheit hat, an einem solchen teilzunehmen. Die KTH organisiert auch Tandems, d.h. Treffen mit Schweden, bei denen man sich die jeweils andere Sprache gegenseitig beibringt.
  • Darüberhinaus gibt es kostenpflichtige Kurse, beispielsweise bei der Folkhögskola (Volkshochschule), aber auch bei anderen Organisationen.
  • Eine weitere Option für die schon etwas fortgeschrittenen Lerner ist das sogenannte „komvux„. Dies ist die „kommunal vuxenutbildning“ (kommunale Erwachsenenbildung), die in Form eines Abendgymnasiums zur Verfügung steht. Dort gibt es Schwedischkurse, die letztendlich das Hochschullevel erreichen. Geht man diesen Weg und beabsichtigt, später etwas auf Schwedisch zu studieren, erspart man das Ablegen des TISUS-Tests, einem Schwedischtest, der die Befähigung zur Aufnahme eines Hochschulstudiums in Schwedisch bescheinigt.

Wie gut man die Sprache letztendlich lernt, hängt freilich von einem selbst ab.

Ein positiver Aspekt der schwedischen Sprache ist für mich auch, dass es wie oben schon erwähnt Dialekte gibt. Zwar stöhnen manche Leute auf, wenn sie einen bestimmten Dialekt hören, aber es dominiert die Toleranz. So hört man auch in Radio und Fernsehen oft die verschiedenen Dialekte, was auch vollkommen akzeptiert wird. Damit trägt man auch zur Erhaltung dieser Vielfalt bei. Dies ist für mich als Dialektsprecher sehr erfreulich, denn in Deutschland landet man als solcher automatisch in der Ecke der Provinziellen und Ungebildeten. Man stelle sich vor, die Tagesschau würde einmal auf sächsisch verlesen…

Fazit also: die Sprache zu können ist für manche Tätigkeiten kein Muss, aber in jedem Fall ein Soll. Beabsichtigt man, längere Zeit in Schweden zu bleiben, sollte man sich aber schon darum bemühen, da sonst eine aktive Teilnahme an der Gesellschaft kaum denkbar ist und das Finden eines Jobs schwer wird. Die schwedische Sprache ist für deutsche Muttersprachler aber nicht so schwer, dass sie eine unüberwindbare Hürde wäre.