Bei der Kamera, die ich mir vor 2 Jahren bei Ebay ersteigert habe, waren Filme dabei – weit jenseits des Haltbarkeitsdatums, aber für ein paar anfängliche Versuche vielleicht noch brauchbar. Es handelt sich um ein Gerät der Marke Revue, noch in der DDR gebaut, eine Spiegelreflexkamera ohne jegliche modernen Erleichterungen wie einen Auto-Fokus oder elektrisch verstellbare Brennweite.
So lief ich herum und schoss Fotos von meiner Umgebung. Viele misslangen. Eines zeigt unseren Garten, von unserer Gartenlaube aus aufgenommen. Hinten links steht der Apfelbaum, rechts sitzt meine Oma.

Die Gartenlaube gibt es so nicht mehr – seit heute nacht gibt es auch meine Oma nicht mehr.

Schon alleine der Begriff „meine Oma“ spricht für sich, denn eine andere Oma hat es für mich nie wirklich gegeben – sie starb schon wenige Wochen nach meiner Geburt. Auch meine Großväter starben viel zu früh, als dass in meiner Erinnerung mehr als Schatten blieben.
Meine Oma war aber eine Konstante – etwas, das immer da war, als ob es kein Ende geben könnte. Ihre zunehmende Senilität, die fortschreitenden Schwierigkeiten beim Laufen nahmen wir denn auch hin, wohl mit dem Wissen, dass ihr ungezügelter Appetit ein sicheres Zeichen sei, dass es ihr nicht so schlecht gehen konnte.

So war es dann auch bis vor 3 Monaten, als sie wegen einer Infektion ins Krankenhaus eingeliefert musste. Fortan war es mit dem Laufen völlig vorbei. Es war klar, dass hier ein Bruch passiert war, der nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Ihre letzte Zeit verbrachte sie in einem Pflegeheim. So fuhr ich auch mit dem Wissen nach Schweden, dass es wohl nicht mehr so schnell besser werden konnte – und mit dem Wissen, dass in einem Alter von 86 Jahren gesundheilich eigentlich nichts mehr besser, bestenfalls gleich bleiben kann.

Mit einem Menschen geht vieles, nur Geschichten bleiben. Vor allem jene, die sie selbst so oft erzählt hat. Bittere wie die von ihrem damaligen Chef, bei dem sie „in Stellung“ – dem damaligen Begriff für die Arbeit als Hauswirtschafterin – war. Er hatte nicht nur eine SS-Uniform im Schrank gehabt und ihr eindringlich eingeschärft, dass wenn sie sich am Tresor in dem Haus zu schaffen machen würde, sie das den Kopf kosten könne. Das Schlimmste war für sie, als ihr Bruder Franz im Krieg starb, und sie das ihrem Chef mitteilte. Er hatte nur den Kommentar übrig, dass es sowieso zu viele Menschen auf der Welt gebe.

Aber auch spannende, teils fast schon amüsante Anekdoten bleiben. Die davon, dass sie die SA verärgerte, weil sie vergessen hatten, die Hakenkreuz-Flagge hinaus zu hängen. Oder dass mein Opa einmal für 4 Wochen im Gefängnis gesessen sei, weil er beim Heimweg von der Kneipe ein wohl nicht ganz so nazi-genehmes Lied gesungen hatte. Es sind Geschichten aus einer anderen Zeit, die man sich kaum noch vorstellen kann. Sie hatte ihren Mann quasi per Blind Date kennen gelernt, als er im Lazarett war. Die Hochzeit fand unter schwierigen Bedingungen im Frühjahr 1945 statt – beim Verlassen der Kirche donnerten Bomber über das Dorf. Eine Kopie von „Mein Kampf“ als Standardgeschenk gab es da schon nicht mehr, und das Hochzeitsgeschenk war bescheiden: eine Torte, die die ganze Familie sich aus den ohnehin dünn gesäten Lebensmittelmarken zusammengespart hatte.

Die Geschichten, die wir in Zukunft über sie erzählen werden, wird es auch geben. Am meisten die von ihren Marotten, die sich auch in all den Jahren nie verändert haben. Sie stammte aus einem kleinen Dorf direkt bei der Mosel, wo das jährliche Hochwasser normal war. Einmal hatte sie alle Waschmittelkartons im Keller auf die Regale gestellt, damit diese im Falle eines Falles unbeschadet bleiben würden. Dabei war der Grundwasserspiegel in den 50 Jahren, in denen sie in diesem Haus lebte, nie so hoch gestiegen, dass es unseren Keller betroffen hätte.

Auch der Krieg hatte permanente Spuren hinterlassen. Sie war nicht in der Lage, Lebensmittel wegzuwerfen. Einmal, als sie wegen einer kleinen Operation für ein paar Tage im Krankenhaus waren, durchforsteten wir ihre Lebensmittelvorräte. Manche Dinge waren so alt, dass noch gar kein Mindesthaltbarkeitsdatum aufgedruckt war. Unter anderem fanden wir ein Glas mit Johannisbeermarmelade, das vom eigenen Strauch im Garten stammte. Nur dass dieser Strauch schon nicht mehr stand, als meine Eltern sich vor knapp 30 Jahren kennenlernten. Als sie vom Krankenhaus zurückkehrte, war sie verständlicherweise stinksauer, dass wir einen ganzen Müllsack voller Lebensmittel weggeworfen hatten, ohne zu fragen. Ich bin sicher, sie hätte noch so manches davon gegessen, wenn wir es da gelassen hätten. Im Krieg hat uns das auch nicht geschadet, sagte sie dazu. Relikte einer lang vergangenen Zeit, die nun endgültig verloren sind.

Es bleiben nur Geschichten, die wir uns im Familienkreis immer wieder erzählen und über die wir vielleicht auch etwas lachen werden.

Nach Lachen ist mir freilich nicht zumute. Es tut weh, sehr weh.

Ich denke jetzt an die letzten Male von irgendwas zurück. Letztes Jahr waren wir zum Beispiel im Sommer gemeinsam essen. Sie fühlte sich dazu verpflichtet, weil meine Eltern in Urlaub waren und ich ihr gesagt hatte, dass ich meinen Bruder zum Kochen nötigen würde. Ihr Lieblingsrestaurant, der „Schütze“ in Rastatt, war ausgebucht. Nach langer Diskussion brachte ich sie dazu, in ein chinesisches Restaurant essen zu gehen. Sie war nicht restlos begeistert, aber zumindest zufrieden.
Ebenso letzten Sommer besuchte ich zum ersten Mal seit knapp 10 Jahren ihren Heimatort. Für mich war es eine Rückkehr zu verschwommenen Erinnerungen aus der Kindheit, und als Weihnachtsgeschenk gab es dann für sie ein paar eingerahmte Bilder von dem Besuch: Gebäude, Gassen – keine Menschen, denn von ihrer Familie lebte niemand mehr dort. Sie selbst konnte noch einmal dorthin zurück, als ihr Bruder Johann einen runden Geburtstag feierte. Ich kann nur ahnen, wie es für sie war, nochmal ihre noch lebenden Geschwister zu sehen – wohl wissend, dass es vermutlich das letzte Mal sein würde.

Meine letzte Begegnung mit ihr war am Tag vor meiner Abreise. Wir besuchten sie kurz vor der Nachtruhe. Ich kann nicht behaupten, ihr Zimmer sei schön gewesen. Es hatte keine Seele, auch wenn durch ein paar Bilder an der Wand, darunter eines von denen, die ich vergangenen Sommer gemacht habe, versucht worden war, es gemütlicher zu machen. Die Vorstellung, in diesem Zimmer ohne Bewegungsfreiheit zu leben, war beklemmend, auch wenn klar war, dass es dazu keine Alternative gab. Sie war verwirrt und redete teilweise ohne sinnvollen Zusammenhang, wohl immerwährend darüber nachdenkend, wann sie endlich in ihre Wohnung zuhause zurückkehren könne. So grotesk es klingt – es machte den Abschied etwas leichter.

Genau jener fällt nun schwer, 1500 km von zuhause entfernt in meinem Zimmer hier. Sicher könnte ich einen Flug nehmen, aber auch auf Empfehlung meiner Eltern verzichte ich darauf. Ich glaube auch kaum, dass eine katholische Beerdigung, wie ich sie aus Ottersdorf kenne und jetzt wieder erwarten müsste, irgendetwas helfen würde. Unpersönliches, nach Standardschema heruntergeleiertes Prozedere und Weihwasser können es in jedem Fall nicht. Ich werde wohl bis Weihnachten warten müssen, um an ihrem Grab stehen zu können – dann natürlich alleine, aber ich glaube, mit Trauer muss man am Ende immer selbst fertig werden.

Wenn man die Menschen fragt, wie sie sterben möchte, wünschen sich die meisten einen schnellen schmerzlosen Abgang, im Kreise der Familie und in der Erinnerung an ein glückliches Leben. Schmerzlos war es für sie wohl. Ob sie in ihren letzten Tagen glücklich war, kann ich nicht wissen. Ich fürchte nicht, aber ich hoffe es sehr.