Die Deutsche – Vier Jahre nach den Morden in Arboga

Montag, 17. März 2008, ca. 19 Uhr: in einem Haus in der schwedischen Stadt Arboga, ca. 120 km westlich von Stockholm gelegen, findet ein Mann seine Lebensgefährtin, die 23-jährige Emma Jangestig, und deren zwei Kinder mit schwersten Verletzungen auf. Bei den Kindern, einjährig und dreijährig, kann im Krankenhaus nur noch der Tod festgestellt werden. Die Mutter überlebt und kann 10 Tage später aus dem künstlichen Koma aufgeweckt werden.

Zwei Männer werden festgenommen und verhört, darunter der Mann, der die Schwerverletzten auffand. Beide haben ein Alibi und werden schon bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Drei Tage nach dem Mord wird Haftbefehl erlassen. Die Gesuchte ist Christine Schürrer, 31 Jahre alt und aus Hannover stammend. Vorübergehend in Deutschland wieder freigelassen, landet sie in Untersuchungshaft und wird kurze Zeit später nach Deutschland Schweden ausgeliefert.

„Die Deutsche“

Was sich in den folgenden 11 Monaten abspielte, war ein Armutszeugnis für den schwedischen Journalismus und eine höchst fragwürdige Kampagne. Die Verdächtige war nämlich in den Medien nie „Christine S.“, sie war „Tyskan“ – die Deutsche. Gerade, wenn man als Ausländer in einem Land lebt, möchte man nach seinen Taten beurteilt werden, nicht nach dem, was man sowieso nicht ändern kann (und möchte). Ich empfand die Reduktion einer Tatverdächtigen auf ihre Nationalität, flankiert von der Angabe ihres vollen Namens und dem wenig sparsamen Einsatz von Fotos als eine Schmierenkampagne. Es mangelte nicht nur an Respekt gegenüber der Angeklagten, für die in jedem Fall die Unschuldsvermutung gelten muss. Es leben auch über 25.000 Deutsche in Schweden, die nolens volens in Zusammenhang mit einem schrecklichen Verbrechen gebracht wurden. Man kann davon ausgehen, dass die Schweden sich nicht von ihren Boulevardblättern mitreißen lassen, aber eine derartig billige und plumpe Kampagne hat sicher ihre Spuren hinterlassen – weswegen der Fall schon damals meine Aufmerksamkeit hatte.

Verschlimmert wurde das Ganze noch dadurch, dass die Berichterstattung klar parteiisch war. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeile „Die Deutsche lügt“. So wurde die Öffentlichkeit natürlich gleich für eine Seite vereinnahmt. Gegen Ende des Prozesses in der ersten Instanz äußerte eine Schöffin öffentlich, sie hätte nie an die Unschuld der Angeklagen geglaubt. Der abgelehnte Antrag auf Befangenheit spielte aber letzten Endes keine Rolle, da der Fall noch in zweiter Instanz geprüft wurde.

Die Aufregung um den Fall wurde noch dadurch verstärkt, dass weite Teile der Ermittlungsakten im Internet gelandet sind. Ich bin bei einer harmlosen Google-Bildersuche nach „Christine Schürrer“ auf ein Obduktionsfoto eines der Kinder gestoßen. Ich kann keinem raten, es mir nachzutun – es sieht schrecklich aus.

Vermutlich aus diesen Quellen speiste sich aus eine obskure Bewegung im Internet, die überzeugt war, Schürrer sei unschuldig, und dies mit allerlei Dokumenten in einem Blog zu belegen suchte. Das scheiterte aber schon schlicht daran, dass man den Wust kaum durchschauen konnte und der Autor nicht viel tat, um dies in eine leichter nachvollziehbare Form zu bringen. Ich habe mir ehrlich gesagt auch nicht die Mühe gemacht, es komplett zu durchwühlen.

Schuldig oder nicht?

Den ganzen Umfang dieses Falls kann und will ich daher nicht im Detail beschrieben. Schon im August 2008 hatten sich über 3000 Seiten Material angesammelt. Dieses enthielt alles bis auf eines: den eindeutigen Beweis, dass Schürrer zur Tatzeit am Tatort war. Stattdessen gab es unzählige Indizien, so dass ich Zweifel hatte, man würde sie auf der Basis verurteilen können.

Man tat es letztendlich, und zwar in beiden Instanzen. Aber: ist sie wirklich schuldig?

Ich glaube ja, unabhängig von der Medienkampagne gegen sie.

Es ist gesichert, dass Schürrer sich in den Lebensgefährten der schwer verletzten Emma Jangestig verliebt hatte und offenkundig seinetwegen nach Schweden gezogen war. Sie lebte zuletzt in Stockholm. Als Tatmotiv galt daher Eifersucht. Unbestritten ist zudem, dass sie zum Tatzeitpunkt in Arboga war. Bei den Fragen nach diesem Tagesausflug verstrickte sie sich in Widersprüche. Sie wollte die 120 km nur gefahren sein, um kurz vor Sonnenuntergang eine Ruine anzuschauen und zu fotografieren. Trotz dieses Aufwands fehlten die Fotos. Ihre Angaben zur Rückfahrt waren auch widersprüchlich. Dann behauptete sie, Freunde hätten sie mitgenommen. Sie war jedoch nicht bereit, deren Identität preiszugeben. Die Mutter belastete sie zudem, als sie aussagte, dass die Person, für die sie Tür am Tattag geöffnet habe, sie auf Englisch angesprochen und sich als Tine oder Tina zu erkennen gegeben habe. Jedoch ist dies zweifelhaft, da die Mutter schon vor dem Mord von Schürrers Existenz wusste und im Krankenhaus zunächst sagte, sie erinnere sich an nichts – dies kann also autosuggestiv gewesen sein.

Die Indizien zeichnen den Ablauf so nach, dass sie unauffällig und schlecht identifizierbar gekleidet nach Arboga fuhr. Sie klingelte an der Tür und schlug zu, als die Mutter öffnete, höchstwahrscheinlich mit einem Hammer.

Ein perfider Plan

Ihr weiteres Verhalten zeichnet – zumindest für mich – das Bild eines Versuchs, sich durch Vernichtung der Beweismittel und Absetzen ins Ausland erst einmal der Strafverfolgung zu entziehen, um dann später am besten in Deutschland aus Mangel an Beweisen freigesprochen zu werden. Nach ihrer Rückkehr entsorgte sie Tatwaffe und Kleidung. Man konnte Schuhabdrücke am Tatort finden, die zu Schuhen passten, die Schürrer besessen hatte, aber nach der Tat nicht mehr auffindbar waren. Tags darauf flog sie vom Flughafen Skavsta aus nach Deutschland. Man nahm ihr bei der Sicherheitskontrolle einen Hammer ab, auf dem sich aber keine DNA-Spuren fanden. In dem Kontext kann man das als Dreistigkeit auslegen, die zeigen soll, dass ihr die Strafverfolgungsbehörden nichts anhaben können. Fast hätte es geklappt, aber im Prozess kamen die angesprochenen Schwächen in ihrem Alibi auf den Tisch, und gerade in der zweiten Instanz scheint sie in Panik jeden guten Rat ihres Anwalts missachtet zu haben. Gegen Ende versuchte sie, durch Einsendung von Datenträgern und Ausbrüchen vor Gericht ihre Sicht der Dinge darzustellen. Brauchbares Belastungsmaterial schien aber nicht dabei zu sein.

Ich weiß nicht, ob ich genauso geurteilt hätte. Zwar habe ich keine Zweifel, dass sie die Täterin ist, aber ob die zahllosen Indizien wirklich einen unumstößlichen Beweis ersetzen, weiß ich nicht.

Im Jahr 2009 wurde Schürrer zu lebenslanger Haft und zur Zahlung von Schadensersatz verurteilt. Ihr wurde außerdem untersagt, jemals nach Schweden zurückzukehren.

Nachspiel

Die nächsthöhere Instanz wies ihre Berufung ab. Seither sitzt sie in Haft, und es ist ruhig geworden um den Fall.

Emma Jangestig hat es zu zweifelhafter Medienaufmerksamkeit gebracht. Seit Oktober 2010 betreibt sie auf der Seite der Boulevardzeitung Aftonbladet ein Blog „Arbogamamman“ (Die Arbogamama). Wenig später erschien das Buch „Varför gråter inte Emma?“ („Wieso weint Emma nicht?“). Wenn es ihr hilft, die Erlebnisse zu verarbeiten, dann ist das natürlich positiv, aber ich bin skeptisch, wenn Verbrechensopfer sich derart exponieren. Die Gefahr ist zu groß, dass es mehr einen öffentlichen Voyeurismus befriedigt als irgendeine Hilfe darstellt.

Christine Schürrer versuchte im Januar 2012 erneut, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Unter anderem sandte sie einen Brief an die Justizministerin. Beim Högsta Domstolen, dem höchsten schwedischen Gericht, reichte sie einen Antrag ein. Die 17-seitige Begründung enthielt aber nach Auffassung des Gerichts nichts, was Anlass zu einem neuen Verfahren gegeben hätte. Ich habe den Antrag überflogen und kann es nachvollziehen – es scheint kaum etwas darin zu stehen, was nicht auch schon zum Zeitpunkt des Verfahrens bekannt war. Dass bei der Untersuchung Fehler unterlaufen sind, war damals schon bekannt. Es bleibt nicht viel, was die früheren Instanzen nicht in die Bewertung mit einbeziehen konnten. Es wird nicht versucht, irgendetwas vorzulegen, das Schürrers fragwürdiges Alibi untermauert, sondern vielmehr, Löcher in einige der Indizien zu schlagen. Ein legitimes Ansinnen, aber kaum ein Anlass, die Verteidigungslinie, die schon zweimal gescheitert ist, noch einmal überprüfen zu lassen.

Im Frühjahr 2012 soll sie nach Deutschland ausgewiesen werden. Ich weiß nicht, wie die deutsche Justiz das handhabt, aber angesichts der Schwere des Verbrechens hoffe ich darauf, dass der Fall so behandelt wird wie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, die eine automatische Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren nicht erlaubt.

Was bleibt

Dies war vermutlich das letzte Kapitel. Es war nicht der einzige bemerkenswerte Kriminalfall, seit ich nach Schweden gekommen bin, aber der einzige, in dem man die Herkunft des Verbrechers als vordringliches Merkmal präsentierte. Der langfristige Schaden dürfte gering sein, aber es ist ein medialer Sündenfall, und was noch viel schlimmer ist: einer, der den Verantwortlichen nicht bewusst zu sein scheint. Es wurde nicht darüber reflektiert, ob diese Berichterstattung denn redlich sei. In dem Artikel zu dem Netzwerk, das Schürrers vermeintliche Unschuld beweisen will, spricht Aftonbladet gar davon, dass Schürrer „lange unter dem Namen ‚die Deutsche‘ bekannt war“ – dabei war es nicht zuletzt Aftonbladet selbst, die ihr diesen „Namen“ verpasst haben. Die seriösen Zeitungen hielten sich etwas zurück – immerhin.

Auch der anonyme Blogger, der Schürrers Unschuld beweisen wollte, hat mittlerweile aufgegeben und verweist auf eine andere Seite, wo es von Verschwörungstheorien wimmelt – was wohl auch die Qualität des Ganzen widerspiegelt.

Es bleibt die Erinnerung an ein schreckliches Verbrechen, eine widerliche Medienkampagne und eine Mörderin, die der Allgemeinheit nicht den Gefallen getan hat, zu gestehen.

Palme-Nachschlag

Meine Beiträge zum 25. Jahrestag der Ermordung des damaligen schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme waren natürlich nicht die einzigen zum Thema.

Daher noch einige Hinweise auf weitere interessante Fundstücke, die mir untergekommen sind:

  • Der Deutschlandfunk berichtet in seinem Hintergrund gewohnt fundiert und unaufgeregt über das Thema. Besonders erfreulich finde ich, dass sie sich nicht auf eine These stürzen, sondern verschiedene Aspekte streifen.
  • Genau letzteres kann man über zwei weitere Beiträge nicht sagen. Einer wurde mir dankenswerterweise über die Kommentare zugetragen: der Artikel „Mordsmäßiges Schweigen“ von Henrik Andersson, der im Tagesspiegel veröffentlicht wurde. Nachdem der Autor konstatiert, dass immer wieder dubiose Theorien zum Mord auftauchen, präsentiert er direkt seine eigene, die selbstverständlich nicht dubios ist. Andere Kandidaten werden mit schnellen Bemerkungen zur Seite gewischt, und stellenweise grenzt das Ganze an Verschwörungstheorie.
  • Ähnlich gingen vor 10 Jahren die Macher des Films „Mord in Stockholm“ vor. Da läuft es auch so heraus, dass es doch glasklar sei, wer Palme ermordet habe. Die Sendung lief auf BR Alpha am 27. Februar, aber ist online anscheinend nicht verfügbar.
  • Bayern 2 hingegen weist darauf hin, dass Palme doch tatsächlich vor seiner Ermordung ein Leben geführt hat, über das es auch etwas zu erzählen gibt. Es ist ein schönes Palme-Porträt geworden mit einigen schönen Abschnitten, in denen er sein mit großem Wortschatz ausgestattetes, fast fehlerfreies, aber stark schwedisch eingefärbtes Deutsch spricht.

Mord verjährt auch in Schweden nicht (mehr)

Es ist eine Binsenweisheit, die sich ins deutsche Bewusstsein eingefressen hat: ein Mord verjährt nie.

Dabei war das keineswegs immer so. Bis 1965 gab es eine Verjährungsfrist von 20 Jahren. Da man den 8. Mai 1945 als frühestmögliches Datum für die Verfolgung von Nazi-Verbrechen nahm, drohte sie auszulaufen. Diese Verbrechen ungesühnt lassen wollte man aber nicht. Das Anfangsdatum wurde zunächst auf 31. Dezember 1949 versetzt, was also eine Verlängerung bis 1969 bedeutete. Dann wurde die Frist auf 30 Jahre angehoben, und 1979 wurde die Verjährung endgültig abgeschafft. Heute ist dies praktisch unumstritten.
Sinnigerweise sind es die Neonazis, die jeden August mit Spruchbannern „Mord verjährt nicht“ durch die Lande ziehen, um zu proklamieren, dass man ihren verblichenen Helden Rudolf Heß ermordet haben soll – was freilich auf einer nur sehr dürftig mit Fakten untermauerten Verschwörungstheorie fußt.

Olof Palme in den 1970er Jahren. Der Mord an ihm wird wohl nie aufgeklärt werden. (Bild: Oiving, CC)

In Schweden, weit weg von solchen Dingen, verjährte Mord seit jeher nach 25 Jahren. Im Normalfall spielt das keine Rolle, denn nach 25 Jahren werden kaum noch Morde aufgeklärt. Aber es gibt einen, der noch immer großes Interesse hervorruft: der Mord an Schwedens Regierungschef Olof Palme am 28. Februar 1986, der an jenem Tag nach einem Kinobesuch von einem Unbekannten niedergeschossen wurde und noch vor Ort verstarb.

Damals ging viel bei der Ermittlung schief, aber wohl nicht nur deswegen ist bis heute nicht klar, wer der Täter war. Die abstrusesten Theorien wurden aufgestellt: die Südafrikaner, die RAF – alle wollen und können es gewesen sein. Erst neulich wollte ein ehemaliger jugoslawischer Geheimdienstmann die Welt wissen lassen, dass natürlich sein Geheimdienst Palme getötet habe. Mit Christer Pettersson, ein schon einmal wegen Totschlags verurteilter Drogenabhängiger, konnte man einen Verdächtigen präsentieren, der aber letztinstanzlich freigesprochen wurde. Er ist bis heute einer der wahrscheinlichsten Kandidaten, schon weil Palmes Witwe ihn identifizierte und es als es recht sicher gilt, dass er in der Umgebung des Kinos war. Aber selbst wenn er es war, wird man es nie klären können: er verstarb 2004.

Damit ist auch das Dilemma dieses Verbrechens schon beschrieben: es ist soviel gesagt, geschrieben und gemutmaßt worden, dass man den Täter nie finden wird.

Normalerweise hätte man sagen können: eine Woche noch, dann sind die 25 Jahre um und das Thema damit gegessen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dann einer vortritt und sagt, wie es wirklich war, ist verschwindend gering. Vor einem Jahr beschloss aber der Schwedische Reichstag, dass alle Morde, die nach dem 1. Juli 1985 begangen wurden, nicht mehr verjähren. Das Gesetz trat am 1. Juli 2010 in Kraft, womit Verbrechen, die eigentlich schon verjährt waren, nicht wieder „entjährt“ werden.

Die Motivation hierzu ist offiziell, dass die internationalen Rechtsnormen sich mit der Zeit gewandelt hätten und deswegen Mord und Völkermord nicht mehr verjähren sollen. Dass damit der Palme-Mord auch nicht mehr verjährt, ist aber wohl kaum Zufall. Eins ist jedenfalls sicher: damit hat man der schwedischen Polizei ein ziemliches Ei gelegt.

Anders ist die kuriose Pressekonferenz, die gestern abgehalten wurde, kaum zu erklären. Die Presse war in voller Stärke angerückt, um genau das zu hören, was sie erwartet hatte: es gibt nichts Neues zum Palme-Mord, aber es wird weiter ermittelt – auf schwedisch nennt sich das sinnigerweise auch noch „förundersökning“ („Voruntersuchung“), was natürlich nach so einer langen Zeit ein schlechter Witz ist.

Sehr amüsant auch die Antwort auf die Frage eines Journalisten, wie alt denn die Ermittler seien. Um die 60 sind sie, und damit alle kurz vor der Pension. Die Ermittlungen gingen natürlich weiter in den Händen von Nachfolgern, wurde sogleich versichert, aber es drängte sich schon der Verdacht auf, dass die Palme-Kommission ein ruhiger Arbeitsplatz für die etwas älteren Semester der Polizei ist. Nicht dass die nichts zu tun hätte: zwei bis drei Hinweise kommen täglich immer noch herein . Aber etwas Neues ist selten dabei, und so kann man die allermeisten sofort zu den Akten legen. Von welcher „Qualität“ die meisten Tipps sind, kann man nicht nur an solchen Räuberpistolen wie dem oben erwähnten jugoslawischen Geheimdienstkomplett ersehen, sondern auch daran, dass in den 25 Jahren nicht weniger als 130 Personen den Mord an Palme gestanden haben. Dummerweise konnte keiner von denen das glaubwürdig vermitteln.

Es sieht so aus, dass die Polizei hier auf lange Zeit ein paar Planstellen für Polizisten einrichten muss, die Freude daran haben, wertlose und skurrile Hinweise zu bearbeiten, aber ohne Ermittlungserfolge leben können. Die entsprechenden Beamten rechnen nach der heutigen Medienaufmerksamkeit schon damit.

Prinzipiell halte ich es für richtig, dass Mord niemals verjährt. Das hier ist einer der Fälle, wo man das Prinzip auch dann noch hochhalten muss, wenn als Kollateralschaden Steuergelder für eine offenkundig aussichtslose Ermittlung ausgegeben werden.

Urteil gegen Christine S. bestätigt – das letzte Kapitel?

Wie schon erwartet worden war, wurde Christine S. heute erneut wegen zweifachen Mordes verurteilt.

Aus der Pressemitteilung des Gerichts:

Das Oberlandesgericht (Svea hovrätt) hat heute eine Frau aus Deutschland wegen des Mordes an zwei Kinder sowie des Mordversuchs an der Mutter der Kinder zu lebenslanger Haft und Ausweisung verurteilt. Das Gericht ändert das Urteil der ersten Satz nur insofern ab, als dass der Schadensersatz für die Eltern der Kinder […] auf 100.000 Kronen angehoben wird.

[…]

In beiden Verfahren hat die Mutter die deutsche Frau als Täterin identifiziert. Die erste Instanz zweifelte im Hinblick auf die schweren Kopfverletzungen der Mutter daran, dass sie authentische Erinnerungen hatte […]. Das Gericht beurteilt dies teilweise anders und sieht es als untersucht an, dass die Mutter gewisse Erinnerungsfragmente von der Tat hat […]. Diese Umstände sind keine direkte Identifizierung, aber ein starkes Indiz […].

Die übrige Beweisführung zeigt u.a., dass die deutsche Frau sich zur Tatzeit in Arboga befand und dass sie unrichtige Angaben über den Grund des Besuchs gemacht hat, dass sie Zugang zu einem mittlerweile verschwundenen Hammer gehabt hat und dass sie unrichtige Angaben über ein Paar verschwundener Schuhe gemacht hat, deren Sohlenmuster mit einem Abdruck übereinstimmt, der am Tatort hinterlassen wurde.

Zusammengefasst findet das Hovrätt, dass die Beweiskette eine solche Stärke hat, dass sie die Frau an die angeklagten Taten bindet. Die Untersuchung gibt keinen Raum für einen anderen Täter. Es ist offenkundig, dass sie von ihrem früheren Freund besessen war, eine Besessenheit, die sich mit der Zeit steigerte und zu einer fortgeschrittenen Form der Verfolgung mit manipulativen Zügen überging. Die Mutter und die Kinder hinderten die Frau daran, dass sie eine Beziehung und ein gemeinsames Leben mit ihrem ehemaligen Freund haben konnte. Das Gerichte befindet, dass ohne begründeten Zweifel feststeht, dass sie die Kinder getötet hat und versucht hat, deren Mutter zu töten. Die Frau wird deshalb wegen Mord und Mordversuch verurteilt. Eine andere Folge als lebenslange Haft kann es nicht geben. Sie wird weiterhin für alle Zukunft aus Schweden ausgewiesen.

Damit bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen – will die Verurteilte den eigentlich aussichtslosen Versuch unternehmen, vor dem höchsten schwedischen Gericht in Berufung zu gehen?

Urteilsverkündung im Arboga-Fall am Montag

Am Montag wird das Urteil im Arboga-Fall verkündet. Knapp einen Monat nach den Schlussplädoyers hat das Gericht also eine Entscheidung getroffen.

Sollte Christine S. verurteilt werden, wird sie ihre Strafe voraussichtlich in Deutschland absitzen.

In zwei Briefen hat sie sich an das Gericht gewandt.

Hier ein Auszug, wie er heute in Expressen zu lesen ist:

Hiermit schicke die DVD (Backup), die ich versprochen hatte, einzureichen. Die DVD/das Backup meiner Bilder wurde am 5. Dezember erstellt, und es findet sich auf ihr kein Foto des Hauses, in dem das Verbrechen geschehen ist, wie ich es in meiner Aussage vor dem Gericht in Västerås gesagt habe. Ich bin mir bewusst, dass es zu spät ist, „Beweismaterial“ einzureichen, und dass das Gericht sie wahrscheinlich ignorieren wird, aber es hat lange gedauert, die DVD zu finden. Es handelt sich nicht um neues Material, und ich hatte versprochen, die DVD einzureichen. Ich will nur mein Versprechen halten.

Weiterhin hat sie sich über die „mangelhafte und nachlässige“ Untersuchung des Falles beschwert. Sie verlangt die Bildung einer Untersuchungskommission.
Ihr Anwalt Per-Ingvar Ekblad wusste von den Briefen nichts. Die ungeschickte Formulierung kann man ihr aber nachsehen, denn beide Briefe wurden auf schwedisch verfasst.
Die Staatsanwaltschaft sah sich zu keiner Reaktion veranlasst, denn das Hovrätt (ca. Oberlandesgericht) ist für deren Überprüfung gar nicht zuständig.

Wenn man das ganze Verfahren anschaut, bleibt ein verstörender Gesamteindruck.
Anscheinend hat Christine S. schon vor einiger Zeit aufgehört, auf ihren Anwalt zu hören. Darauf deutet auch der Ausbruch im Gericht hin, als sie versuchte, Briefe vorzulesen, um ihre Sicht der Dinge zu belegen. Sie hat immer noch nicht begriffen, um was es eigentlich geht. Als wäre sie des Falschparkens angeklagt, glaubt sie die vermeintliche Ungerechtigkeit des Systems an den Pranger stellen zu können. Dass gewaltige Mengen Indizien gegen sie vorlegen und sie bis heute kein glaubwürdiges Alibi liefern konnte, ficht sie anscheinend nicht an. Es ist anzunehmenderweise kaum mehr als eine Masche. Erst glaubte sie, sie könne durch Kooperationsverweigerung einen Freispruch aus Mangel an Beweisen erreichen. Nun, da es für sie eng wird, stilisiert sie sich als Opfer des Systems, als Märtyrerin ohne Ziel.
Der aktuelle Versuch zeigt auch, wie entrückt von der Realität sie mittlerweile ist. Wer soll ihr ernsthaft glauben, dass es über ein Jahr gedauert hat, eine DVD zu finden? Zumal diese DVD entscheidende Fragen nicht beantwortet. Wenn ihr wirklich an einer Entlastung gelegen wäre, hätte sie beispielsweise die Freunde benennen können, die sie am Tattag angeblich abgeholt haben. Diese hätten ihr ein wasserdichtes Alibi bescheren können. So muss wohl davon ausgegangen werden, dass es sie gar nicht gibt.

Sollte Christine S. am Montag verurteilt werden, hat sie voraussichtlich mindestens 15 Jahre Zeit, darüber nachzudenken.

Arboga-Prozess verlängert

Für die Leser, die es interessiert: das Berufungsverfahren zum Mord in Arboga wurde verlängert, da man im vorgesehenen Zeitraum bis 22. Dezember nicht alle Zeugen hören konnte. Momentan hört man nicht viel in den Medien davon, und so ist es mir entgangen, dass auch noch weitere Zeugen aufgerufen wurden. Neues Datum für die Schlussplädoyers ist der 19. Januar.

Es geht wieder los: Arbogamord wird neu verhandelt

Die 32-jährige Christine S., die im August wegen des Mordes an zwei kleinen Kindern sowie des versuchten Mordes an deren Mutter verurteilt wurde, ist wie erwartet in Berufung gegangen. Seit heute morgen, 9 Uhr, wird in Västerås vor dem Tingsrätt verhandelt, was laut Radio Schweden einem Oberlandesgericht gleichkommt.

Die Verhandlung soll am 22. Dezember abgeschlossen werden. Weihnachtliche Stimmung wird dabei kaum aufkommen, denn die Details sind bereits bekannt.
Neue handfeste Beweise sind nicht zu erwarten, aber es gibt neue Zeugen. Die Anklage will eine neue deutsche Zeugin verhören, die Christine S. im Sommer 2007 in Kreta getroffen haben soll. Die Angeklagte habe damals geäußert, dass sie einen skandinavischen Mann liebe, dessen Kinder der Beziehung im Weg stünden. Die Verteidigung begann daher gleich mit einem Antrag der Verteidigung, die Hauptverhandlung zu verschieben. Es gäbe drei namentlich bekannte Zeugen, die sich in Mitteleuropa befänden und bestätigen könnten, dass Christine S. zu jener Zeit gar nicht auf Kreta war.
Die Verteidigung hat außerdem eine Zeugin, die bestätigen soll, dass Christine S. gar kein ernsthaftes Verhältnis mit dem Stiefvater der ermordeten Kinder hatte haben wollen. Dies soll das Motiv entkräften, die Angeklagte sei von dem Stiefvater besessen gewesen und habe den Mord begangen, um sämtliche Hindernisse für eine Beziehung aus dem Weg zu räumen.

Man darf gespannt sein, wie die höhere Instanz den Berg von Indizien und die vollkommene Abwesenheit direkter Beweise bewerten werden.

Eines ist sicher: die wertende Berichterstattung samt Vorverteilung in der schwedischen Presse wird weitergehen. Expressen legt heute schonmal vor und spricht von der „eiskalten Taktik“ der Angeklagten, sich auf den Prozess vorzubereiten.

Nur eines ist sicher: die Angeklagte wird unabhängig vom Ausgang des Verfahrens nie wieder in der Lage sein, sich normal in Schweden zu bewegen. Sie müsste um ihr Leben fürchten, denn ihr Name und ihr Gesicht sind schon überall in den Medien gewesen.

Update (12:50 Uhr): Laut expressen.se befinden sich die drei Entlastungszeugen nicht in Mitteleuropa, sondern in Griechenland. Das Gericht legte eine Pause und wies dann den Antrag der Verteidigung ab. Der Prozess wird also wie geplant fortgesetzt.

Einige interessante Details, die mir vorher nicht bekannt waren, befinden sich ebenso in dem Artikel:

  • Die Anklage sagt, sie hätte ein Reisetagebuch von Christine S., das das Zusammentreffen mit der neuen Zeugin belegt.
  • Christine S. zog laut Anklage im Sommer 2007 nach Schweden, ohne eine Wohnung und einen Job zu haben. Das widerspricht natürlich der Behauptung der Angeklagten, der Umzug sei nicht wegen des Stiefvaters der ermordeten Kinder erfolgt.
  • Sie hatte weiterhin angegeben, im Januar in Örebro gewesen zu sein. Dies ist laut Anklage ebenso falsch, da der Kilometerstand des Mietwagens sich nur um 300 km geändert habe. Örebro liegt knapp 200 km westlich von Stockholm, Arboga jedoch nur 150 km in dieselbe Richtung.
  • Die Handydaten aus dem Fürhjahr 2008 zeigen, dass Christine S. in Arboga war.

In den Nachrichten

Heute morgen fielen mir schon zwei Artikel in der Zeitung auf. Jetzt ist noch ein drittes Thema des Tages dazu gekommen, was die beiden natürlich überstrahlt.

  • Zum Verfahren über die Morde von Arboga ist eigentlich alles gesagt. Heute wurde das endgültige Urteil gesprochen: die deutsche Studentin Christine S. wurde heute wegen zweifachen Mordes und Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Danach wird sie auf Lebenszeit aus Schweden ausgewiesen. Weiterhin muss sie 457.829 schwedische Kronen Schadensersatz an die Mutter bezahlen, und weitere 131.329 Kronen an die übrigen Kläger. Da Deutschland ein Abkommen nicht unterzeichnet hat, das die Überführung eines Verurteilten gegen seinen Willen in sein Heimatland erlaubt, kann man sie nicht zwingen, ihre Strafe in Deutschland zu verbüßen. Das wird sie auch nicht wollen, denn sie hat ja Berufung eingelegt. Allerdings scheint noch nicht bekannt zu sein, wann sich die höheren Instanzen mit dem Fall beschäftigen werden.
  • Um einen harten Schwenk ins Amüsante zu machen: in echt schwedischer Manier gibt es Aufrufe, Ryanair zu boykottieren. Wer jetzt erwartet, dahinter stecke die fast schon dreiste Art, Preise zu verschleiern und einem „Zusatzleistungen“ anzudrehen, der liegt falsch. Der schwedische Werberat fand nämlich eine Werbung von Ryanair sexistisch, bei der ein leicht bekleidetes Mädchen für tolle Preise zum Schulanfang warb. Dieses Schwerverbrechen gegen die Gleichberechtigung wird aber noch dadurch verschärft, dass Ryanair seine Missetat nicht einmal einsieht. Sie nennen den Werberat einen „Spielverderber“ und verkündet auf der Homepage, auch „künftig das Recht der schwedischen Frauen zu verteidigen, die leicht bekleidet sein möchten.“. Was wieder einmal beweist, dass die Ryanair-Chefetage nicht nur derben Humor mag, sondern sich auch immer wieder gerne als politische Partei geriert, wenn es dazu dient, mehr Flugtickets zu verhökern. Birgitta Ohlsson, Abgeordnete der der liberalen Volkspartei, findet das jedenfalls so skandalös, dass sie zum Boykott aufruft. Was Birgitta nicht begreift: genau solche Publicity will Ryanair haben. Sich darüber aufzuregen bringt nichts. Im Übrigen ist diese Werbung auch eine Ausnahme – es ist ja nicht so, dass Ryanair öfters sexistische Reklame einsetzen würde. Und die hehren Absichten der Birgitta möchte ich ehrlich gesagt auch bestreiten, denn wenn man es mit so einem Käse in die Zeitungen schafft, dann ist das wohl auch nicht ganz uneigennützig.
  • Jan Lewenhagen, Korrespondent der DN in Berlin, schrieb heute morgen über Bo Lundgren. Diese ist Chef der Riksgälden, einer Art Verwaltungsbehörde für die Staatsschulden Schwedens. Bo war im ZDF groß präsentiert, was Lewenhagen dazu veranlasste, ihn zu einem künftigen schwedischen Markenzeichen für die Deutschen zu erklären. In einer Reihe mit Pippi Langstrumpf und IKEA. Leider ist der Artikel nicht online, aber ich vernahm in dem Unterton, dass das wohl nicht ganz so ernst gemeint ist. Hoffentlich.

501!

Es steht ein rundes Jubiläum an: dies ist der 501. Beitrag. Die letzten Jubiläen habe ich selbstverständlich beim 101. und 251. Beitrag gefeiert. Spaß beiseite – als ich gestern den letzten Beitrag schrieb, wurde mir erst klar, dass ich die vor kurzem noch so entfernt scheinende 500 erreicht habe.

Ja, 500 Beiträge und gut 3 Jahre nach Start dieses Blogs scheint es tatsächlich Leute zu geben, die das ganze Zeug hier lesen – wofür ich mich bedanke, auch wenn es die Texte manchmal nicht wert sein dürften.

Besonders freue ich mich auch über Kommentare, die zwar zahlreicher kommen als früher, aber gerne noch viel zahlreicher kommen dürfen.

Ein Best-Of will ich nicht wirklich machen – dazu hat sich in der Zeit auch viel zu viel verändert, und wenn es nach den Zugriffen ginge, ist ohnehin der Auswandererguide die Nummer eins.

Daher möchte ich diesen Artikel den verirrten Besuchern widmen, die wohl eigentlich etwas anderes gesucht haben und dann hier gelandet sind. Bestimmte Artikel erhalten nämlich Zugriffe, obwohl sie teilweise schon uralt sind:

  • In den letzten Monaten waren vor allem die Artikel zum Mord in Arboga beliebt – wenig verwunderlich.
  • Aber schon auf Platz 2 geht es kurios weiter. Eine uralte Parodie auf die „Du bist Deutschland“-Kampagne, bei der es um den glücklosen Karl Ranseier ging, findet auch heute noch viele Freunde.
  • Irgendwie kommt es oft vor, dass Leute nach „Jesus“ im Netz suchen und dann hier landen. Die Frage ist für mich eher, was sie denn zu finden hofften.
  • Weniger genau möchte ich allerdings wissen, was die Leute dazu anregt, nach „Schwanznutten“ zu suchen. Der dazugehörige Artikel war jedenfalls lange Zeit ein Dauerbrenner und der Suchbegriff steht heute auf Platz 6.
  • Nicht anders verhält es sich mit dem Film „Transsexuals barebackin‘ it“
  • Auch meine heißgeliebte Fistel regt immer wieder bei Google Suchende an, auf meine Seite zu kommen.
  • Leider habe ich viele von Dingen, die mir in der Statistik angezeigt wurden, vergessen. Manchmal sind allerdings urkomische Dinge dabei.

In diesem Sinne ein Gruß an diejenigen, die nicht gefunden haben, was sie hier suchen.

Vor allem aber einen Dank an meine treuen Leser, von denen es doch einige zu geben scheint! Ich werde mich bemühen, auch in Zukunft ab und zu etwas zu schreiben, das man vielleicht sogar lesen möchte.

Presseschau

Ehrlich gesagt ist es wieder ernüchternd, zu sehen, wie weit es in Schweden mit der Presseethik her ist. Direkt nach der Verurteilung konnten es die Boulevardzeitungen Aftonbladet und Expressen kaum abwarten, Bilder von Christine S. abzudrucken – mit vollständigem Namen, versteht sich.

Dass zumindest theoretisch denkbar ist, dass die Verurteilte den Doppelmord doch nicht begangen hat, scheint hier keine Rolle zu spielen. Man stelle sich vor, Christine S. komme nach einem Revisionsprozess frei. Dann würde sie, obwohl von einem ordentlichen Gericht freigesprochen, um ihr Leben fürchten zu müssen. Dieser schamlose Umgang mit den Bildern ist ein Ansporn zur Selbstjustiz.

Eine Rückkehr in ein normales Leben wird ihr auch dann versagt bleiben, wenn sie ihre Strafe abgesessen hat, denn die Bilder werden auf ewig ein Kainsmal bleiben – und damit ist der Gedanke, dass ein Verbrecher nicht nur bestraft, sondern auch in ein rechtschaffenes Leben zurückgeführt werden soll, unterminiert.

Auf dem schwedischen Blog „The Evolving Ape“ wurde auch ihr Bild plakativ mit dem Titel „So sieht die ‚Arboga-Deutsche‘ aus“ publiziert. Immerhin macht sich der Autor in dem Artikel Gedanken darüber, ob und wann es rechtens ist, die Bilder von Verdächtigen und Verbrechern zu veröffentlichen. Ich habe auch etwas in den Kommentaren mitdiskutiert.

Eigentlich sollte es eine große Presseschau werden, aber ehrlich gesagt sehe ich mich nicht dazu bemüßigt. Es gibt kaum etwas neues.

Expressen füllt in der heutigen Ausgabe geschlagene 10 Seiten mit dem Thema. Neben den angesprochenen Bildern geht es vor allem darum, dass die Verurteilte angeblich kollabiert sei und gerufen habe, dass sie unschuldig sei. Das ist aber auch nichts neues. Dreist finde ich allerdings in dem Kontext, unbewegte Bilder, auf denen Christine S. lächelt, mit Bildunterschriften zu belegen, die andeuten, sie hätte die Opfer regelrecht durch „Lachausbrüche“ im Prozess verhöhnt – um dann scheinheilig darüber zu berichten, dass es sich ja um eine psychische Krankheit handeln könnte und sie auch darauf nun untersucht würde. In den seriösen Medien war davon wenig zu lesen. In der Hannoverschen Allgemeinen habe ich sogar einen Artikel gesehen, ider die Frau zwar als rätselhaft, kühl und berechnend darstellt, aber sicher nicht als fiese Frohnatur, die sich am Unglück der Opfer ergötzt. Expressen garniert das ganze mit Tränendrüsen-Stories über die Mutter („Nun kann Emma wieder lachen“).

Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass gerade der Boulevard in den letzten Wochen einiges daran gesetzt hat, glatte Meinungsmache gegen Christine S. als seriöse Berichterstattung zu maskieren, obwohl es ja wirklich nicht so klar war, dass sie die Mörderin ist – „Bild“ hätte es nicht besser gekonnt. Wenn Berichte mit den Sätzen anfangen wie „Die Deutsche lügt“, braucht man sich nicht zu wundern, wenn ihr selbst eine glaubwürdige Geschichte über den Mordtag nicht geglaubt worden wäre.

Heute dann noch ein weiterer kleiner Skandal. Cecilia Uggla, eine der Richterinnen, wurde heute morgen im „Expressen“ mit dem Satz zitiert:

Ich habe nie ganz geglaubt, dass sie unschuldig ist.

Sie hat daraufhin ihren Rücktritt eingereicht, was die Konkurrenz vom Aftonbladet natürlich gleich ausschlachtet. Chefrichter Per Kjellsson äußerte sich verärgert über das Ganze. Hierdurch können auch weitere rechtliche Konsequenzen drohen, denn eine befangene Richterin darf natürlich kein Urteil sprechen, und im Extremfall muss der Prozess wiederholt werden – was ohnehin wahrscheinlich ist, da die Verteidigung in Berufung gehn will. Bei den Dagens Nyheter klingt das alles auch weit weniger dramatisch. Dort heißt es mehr oder weniger nur, dass der Prozess eben mit den verbleibenden zwei Beisitzerinnen weitergeht.

Die seriösen Zeitungen haben das Thema insgesamt auch weiter nach hinten geschoben, es weit unaufgeregter behandelt und bewahren auch die Anonymität der Angeklagten – womit einmal mehr bewiesen wäre, dass man weder in Deutschland noch in Schweden Zeitungen mit großen Buchstaben kaufen sollte.

PS: Manche mögen sagen, dass es heuchlerisch ist, das Publizieren von Bildern von anderen anzuprangern, aber selbst dann einen Zeitungsständer abzubilden und entsprechende Artikel zu verlinken. In der Tat habe ich überlegt, darauf zu verzichten und die Bilder unkenntlich zu machen. Allerdings sehe ich darin keinen Zweck mehr: die Bilder sind in der Welt und der Name auch – daran wird sich nichts ändern lassen. Sollten die Zeitungen ihre Linie nochmals ändern, werde ich dem Folgen und auch die Bilder wieder unkenntlich machen.