Budgetpromenaden

Eine interessante politische Tradition in Schweden ist Budgetpromenaden, der „Haushaltsspaziergang“. Jedes Mal, wenn die amtierende Regierung ihren Haushalt vorliegt, geht der Finanzminister vom Finanzministerium aus die Drottninggatan hinunter zum Reichstag. Meist ist es ein Bündel Papiere, das hübsch mit einer blau-gelben Schleife zusammengebunden ist. In der Vergangenheit gab man sich modern mit CD-ROM oder USB-Sticks statt Papier. Ab 2006 kehrte die damals neue bürgerliche Regierung zum Papier zurück.

Die neue Finanzministerin Magdalena Andersson von den Sozialdemokraten scheint dabei geblieben zu sein, als sie heute ihren ersten Spaziergang unternahm:

Ungewöhnlich war eher, dass es sehr eng zu ging und anscheinend auch ein Fotograf zu Boden fiel.

Ich glaube allerdings nicht, dass das mit der Spannung zu tun hat, die mit diesem Haushalt verbunden ist. Er ist nicht nur der erste der neuen Regierung. Er wurde auch von der Linkspartei mit abgesegnet, obwohl diese nicht an der Regierung beteiligt ist. Die drei Parteien (Sozialdemokraten, Umweltpartei die Grünen, Linkspartei) sind jedoch weit von einer eigenen Mehrheit entfernt.

Die braucht man in Schweden streng genommen auch nicht unbedingt. Es genügt, wenn es keinen anderen Vorschlag gibt, für den mehr stimmen. Sollten die rechtspopulistischen Schwedendemokraten also einen gemeinsamen Oppositionsvorschlag unterstützen, hätte die Regierung also ein Problem. Genauer gesagt wäre sie dann erledigt, und es käme schon im Dezember zu Neuwahlen.

Das erscheint nicht übermäßig wahrscheinlich. Auch haben sich in den letzten Tagen schon erste Risse in der vormaligen Regierungskoalitionen aufgetan, als der ehemalige Bildungsminister Jan Björklund von der liberalen Volkspartei den Schwarzen Peter für die Niederlage der vorigen Regierung gleich mal dem größten Koalitionspartner, den Moderaten, zuschob.

Pedal to the metal – der ultimative Freischein im schwedischen Straßenverkehr

Geschwindigkeitsüberwachungskamera in Schweden (Foto: Riggwelter, CC-BY-SA 2.5)

Der deutsche Autofahrer kann einem schon leid tun. Nicht nur soll man künftig nicht mehr 18 Punkte anhäufen dürfen, sondern nur noch acht. Diese verjähren jetzt sogar noch schneller. Und wenn man mal 20 km/h zu schnell fährt, muss man horrende 35 € (innerorts) / 30 € (außerorts) zahlen. Wie glücklich sind da doch die Schweden: sie bezahlen nur 2400 schwedische Kronen, also schlappe 281 €.

OK, das ist natürlich ironisch. Die schwedischen Behörden scheinen das Konzept zu verfolgen, wenig zu kontrollieren, aber bei einer festgestellten Regelüberschreitung drakonisch zu strafen. Denn kontrolliert wird nur auf zwei Arten:

  1. Die Polizei erwischt einen mit der Laserpistole. Abkassiert wird dann anscheinend sofort. So wahnsinnig oft kommt das aber nicht vor.
  2. Es sind Verkehrsüberwachungskameras (siehe Bild) aufgestellt, die einen Blitzer integriert haben. Das Lustige an diesen Geräten ist, dass sie mit einem Schild (siehe Bild) angekündigt werden müssen.
Informationsschild auf schwedischen Straßen: gleich kommt ein Blitzer.

Es gibt also keine unangekündigten Blitzer, und wer in einem der angekündigten erwischt wird, ist dann irgendwo auch selbst schuld.

Das passiert trotzdem auf einigen Strecken nicht allzu selten: laut einer Liste des schwedischen Fernsehen sind auf der E20 zwischen Hassle und Holmestad in diesem Jahr schon 1637 eilige Zeitgenossen erwischt worden. Stockholm ist in der Top Ten mit Ausnahme von Platz 3, wo zwischen Ladvik und Vaxholm auf Landstraße 274 immerhin 1385 Schnellfahrer geblitzt wurden, bemerkenswert abwesend.

Umgekehrt gibt es aber auch eine Reihe Kameras, wo in den annähernd 200 Tagen dieses Jahres noch kein einziger erwischt wurde.

Die Polizei hat nebenbei in dem Bericht auch ein anderes Detail preisgegeben. Der Knaller ist nämlich folgendes:

[Der stellvertretende Leiter der Verkehrskameraabteilung der Polizei] Urban Widell weist auch darauf hin, dass die Polizei nur in nordischen Ländern registrierte Fahrzeuge weiter ermittelt. „Wir ermitteln keine außernordischen Fahrzeuge; kommt ein Deutscher oder ein Franzose, ermitteln wir nicht gegen sie“ [, sagt er.]

Für die Zukunft hofft man, Zusammenarbeit auch mit anderen ausländischen Polizeibehörden aufzubauen, weil die schwedische Polizei laut Urban Widell derzeit nicht weiß, an wen man sich in den übrigen europäischen Ländern wenden soll.

Unglaublich. Zusammengefasst bedeutet dies also, dass mit einem deutschen (oder anderem nichtnordischen Kennzeichen) einen Freischein hat. Mehr noch: da die Polizei offenkundig auch keinen Schimmer davon hat, wie gültige ausländische Kennzeichen aussehen – erst kürzlich sah ich ein sündhaft teures Auto mit ebenso dreist wie dilettantisch gefälschtem deutschen Kennzeichen – kann man sich hierzulande kosten- und sorgenfrei durch den Straßenverkehr bewegen. Freundlicherweise ist es nämlich auch keine Pflicht, den Fahrzeugschein mitzuführen.

Bravo.

Eine PR-Aktion zieht Kreise: Schwedens Twitter-Konto mit Skandälchen

Als ich vor knapp einem halben Jahr darauf hinwies, dass das Twitter-Konto @Sweden im wöchentlichen Wechsel von normalen Schweden mit Kurznachrichten beliefert wird, hätte ich angenommen, dass es schnell versandet.

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein.

Will erster Nicht-Schwede werden, der im Twitter-Konto @Sweden schreibt: Stephen Colbert, amerikanischer Komiker (Bild: David Shankbone, Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Derzeit hat der von mir sehr geschätzte amerikanische Komiker Stephen Colbert eine für ihn typische Aktion gestartet. Nachdem ein Laufband auf der Internationalen Raumstation nach ihm benannt wurde und fast eine ungarische Brücke, will er nun der erste Nicht-Schwede werden, der eine Woche lang für @Sweden twittern darf. Er wirbt auf der Homepage seiner Sendung damit, man solle an curatorapplication@visitsweden.com schreiben und erklären, wieso er denn unbedingt den Account haben müsse. Alternativ soll man den Hashtag #artificialSwedener twittern, und der Resonanz dort nach zu urteilen läuft das bestimmt nicht so schlecht.

Aber auch @Sweden selbst läuft sehr passabel – die New York Times brachte kürzlich ein großes Stück über die ersten Monate mit dem Account.

Natürlich ist das Ganze eine PR-Aktion, aber man muss den Machern schon lassen, dass sie den ausgewählten Schweden große Freiheiten lassen. Die Grenzen hat ohne Frage Sonja Abrahamsson ausgelotet, die mit etwas abwegigem Humor wie diesem Tweet

Before WW2 Hitler was one of the most beautiful names in the whole wide world. I know. Its as chocking as dolphin rapists.

Schweden auf ganz eigene Art vertritt. Man verfährt offenbar nach dem alten Prinzip „Any publicity is good publicity“.

Das kann man unkorrekt finden, albern oder auch amüsant. Eines kann man aber nicht: den Machern vorwerfen, sie würden sich mit Elch-und-Blondinen-Klischees und kreuzbraven Werbebotschaften anbiedern. Man scheut sich nicht, echte Schweden zu präsentieren. Und in Kürze vielleicht sogar unechte wie Stephen Colbert.

Finde ich irgendwie gut.

Wo die Deutschen sind – der Großraum Stockholm und die deutschen Einwanderer

Anteil der in Deutschland geborenen Einwohner an der Gesamtbevölkerung in der jeweiligen Gemeinde. Für Botkyrka, Upplands Väsby und Sundbyberg ist mir die Zahl der Deutschen nicht bekannt, weswegen nur eine obere Grenze, dargestellt durch einen Farbverlauf, angegeben werden kann. (Bild: eigene Erstellung auf Basis der Daten in der DN, Daten des Statistiska Centralbyrån und der Kommunengrenzenkarte des Wikipedianutzers Lokal_Profil, Lizenz CC-BY-SA 2.5)

Es ist nicht zwingend investigativ, wenn Journalisten sich ein paar statistische Daten kommen lassen und daraus ein Thema basteln. Das Ergebnis kann dennoch interessant sein.

Meine tägliche Zeitung, die in Stockholm erscheinende Dagens Nyheter, hatte Ende 2009 den Lokalteil abgeschafft. Auf Anfrage sagte man mir, dass man die entsprechenden Themen lieber auf die entsprechenden Fachrubriken verteilen wolle. Das fand ich nicht so gut, und viele andere wohl auch nicht. Seit dem neuen Layout, das wohl so vor ca. einem Jahr eingeführt wurde, gibt es wieder einen umfänglichen Stockholmer Lokalteil.

Teil der Chronistenpflicht ist natürlich, festzustellen, wie sich die Region entwickelt. Das tat die Zeitung vorige Woche auf mehreren Seiten zu dem Thema, woher die Einwanderer stammen, die mittlerweile gut 20% der Bevölkerung des Großraum Stockholms ausmachen. Das Ergebnis ist eine Doppelseite mit allerlei Grafiken. Woher die Daten stammen, steht zwar nicht direkt dabei, aber es kann dafür nur eine Quelle geben: die Statistikbehörde Statistiska Centralbyrån (SCB). Diese erhebt u.a. die Staatsbürgerschaft und das Geburtsland der Einwohner. Letzteres ist ein gutes Maß für die Zahl der Einwanderer, auch wenn es z.B. natürlich im Ausland geborene Schweden gibt.

Schweden hat sich erst spät zum echten Einwanderungsland entwickelt – heute ist es eines der wenigen Länder, die das Asylrecht sehr ernst nehmen und entsprechend handeln. Daher gibt es viele Einwanderer aus dem Irak, Somalia und anderen Krisenregionen. Lange Zeit kamen Einwanderer aber vor allem aus einem Land: Finnland, das seit jeher eine schwedischsprachige Minderheit hat und zudem erst in letzter Zeit so wohlhabend wurde.

Bis heute sind die Finnen in 23 der 26 Gemeinden im Großraum Stockholm die größte Einwanderergruppe, aber das ändert sich langsam aber sicher. Einwanderung aus und Auswanderung nach Finnland ist praktisch ausgeglichen, so dass die aus Finnland stammenden Menschen langsam aber sicher in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen und andere Einwanderergruppen stärker werden. In Botkyrka gibt es mittlerweile deutlich mehr Türken. Södertälje ist mittlerweile für die Aufnahme von Irakern bekannt, die dort mittlerweile fast 10% der Bevölkerung ausmachen. In Sollentuna sind die Iraner knapp stärker vertreten. In Huddinge werden die Iraker die Finnen wohl auch bald überholt haben. Wachsende Einwanderergruppen sind die Polen, die zumindest im Sommer die schwedischen Baustellen bevölkern, und Asiaten, neben Einwanderern aus dem Nahen Osten.

Warum ich diese Erhebung so interessant finde? Als deutscher Einwanderer finde ich es spannend, zu sehen, wie die Deutschen hier vertreten sind und ob es irgendwelche Verdichtungen gibt. Nach Kommunen aufgeschlüsselt sind diese Daten kostenlos bei SCB nicht verfügbar. So kann ich zwar anhand der dortigen Datenbank herausfinden, dass es 48442 in Deutschland geborene Menschen in Schweden gibt (Stand: 2011), aber nicht, wie diese regional verteilt sind, denn diese Daten sind wiederum nur allgemein auf im Ausland geborene Menschen verfügbar, aber nicht nach Herkunftsland aufgeschlüsselt. Die Deutschen sind eine kleine, aber nicht unerhebliche Einwanderergruppe. Über uns wird wenig gesprochen, so dass es für mich umso interessanter ist, zu sehen, wo wir sind und welchen Anteil an der Bevölkerung wir stellen.

Die Tabellen der Dagens Nyheter geben hier einen Einblick. Laut denen waren 2011 insgesamt 11757 in Deutschland geborene Menschen in der Provinz Stockholm wohnhaft – das ist ja schonmal eine deutsche Kleinstadt und reicht für einen siebten Platz hinter Finnland, Irak, Polen, Iran, der Türkei und Chile. Mit Ausnahme von Botkyrka im Südwesten, Upplands Väsby im Norden und der flächenmäßig kleinsten schwedischen Gemeinde Sundbyberg direkt nördlich der Hauptstadt sind die Deutschen in den Top 10 der Einwanderernationen.

Anteil der in Deutschland geborenen Menschen an allen im Ausland geborenen Menschen. Für Botkyrka, Upplands Väsby und Sundbyberg ist mir die Zahl der Deutschen nicht bekannt, weswegen nur eine obere Grenze, dargestellt durch einen Farbverlauf, angegeben werden kann.(Bild: eigene Erstellung auf Basis der Daten in der DN, Daten des Statistiska Centralbyrån und der Kommunengrenzenkarte des Wikipedianutzers Lokal_Profil, Lizenz CC-BY-SA 2.5)

Bleibt die Frage, wie sie sich auf die Region verteilen. Dazu habe ich zwei Grafiken ähnlich denen in der DN erstellt. Es entsteht der Eindruck einer relativ gleichmäßigen Verteilung, der aber angesichts der geringen Zahlen etwas täuscht. Zwar machen die Deutschen ungefähr 0,6 % der Gesamteinwohnerschaft aus und sind nirgendwo komplett abwesend, aber die Schwankungsbreite liegt in den 23 erfassten Kommunen zwischen 0,3 % und 0,8 %.

Interessant ist, dass es kein klares Muster gibt – die 10 Gemeinden mit dem höchsten Anteil an Deutschen sind:

  1. Lidingö: 0,84 % (371 in Deutschland geborene)
  2. Danderyd: 0,84 % (268)
  3. Södertälje: 0,83 % (731)
  4. Täby: 0,81 % (520)
  5. Österåker: 0,75 % (297)
  6. Solna: 0,68 % (473)
  7. Vallentuna: 0,63 % (193)
  8. Salem: 0,60 % (94)
  9. Upplands-Bro: 0,60 % (144)
  10. Nacka: 0,58 % (527)

(Anmerkung: in Botkyrka ist die Anzahl unbekannt, aber der Anteil liegt irgendwo im Intervall 0 % bis 0,74 %)

Es scheint im Wesentlichen zwei Kategorien zu geben:

  1. Gutsituierte Vorortgemeinden: Lidingö, Danderyd, Täby und Nacka sind wohlhabende Vorortgemeinden. Dass die Deutschen eher dort wohnen, mag daran liegen, dass es sich bei ihnen den tendenziell um besser ausgebildete und damit auch besser verdienende Einwanderer handelt. Es dürfte aber auch etwas damit zu tun haben, dass diese Gemeinde allgemein unterdurchschnittlich viele Einwanderer haben.
  2. Landschaftlich attraktive ländliche Gemeinden: bei Södertälje, Vallentuna, Österåker, Salem und Upplands-Bro dürfte sich vor allem das Bullerbü-Syndrom Wirkung zeigen: es handelt sich um großflächige, eher ländliche Kommunen, wo man sich den Traum vom roten Holzhäuschen im Grünen erfüllen kann, ohne weit von den Arbeitsplätzen in der Stadt entfernt zu sein. Zudem sind die Häuser dort relativ gut bezahlbar. Man muss aber auch sagen, dass man Nacka und Täby hier auch hinzurechnen kann – die Immobilienpreise sind zwar hoch, aber die Struktur ist in weiten Teilen schon recht ländlich.

Solna passt in keine der Kategorien. Ich kenne Deutsche, die dort leben, aber wieso gerade diese Gemeinde deutlich weiter oben steht ist mir nicht ersichtlich. Eine Erklärung ist vielleicht, dass Solna de facto eigentlich ein Teil Stockholms und nur aus historischen Gründen administrativ eigenständig ist. Das Gemeindegebiet schließt sich unmittelbar an das Stockholmer Stadtgebiet hat und ist sehr dicht besiedelt. Meine Vermutung ist, dass Solna damit am ehesten den mittelständischen und gut bürgerlichen Teilen Stockholms entspricht, in denen deutsche Einwanderer etwas überdurchschnittlich anzutreffen sind, während in anderen städtisch geprägten Gemeinden wie Stockholm, Sundbyberg oder Botkyrka auch große Mietshaussiedlungen, nicht selten soziale Brennpunkte, die Deutschen etwas weniger anziehen oder sie zumindest nicht lange halten.

Hier zeigt sich auch die Schwäche einer solchen Erhebung: die Gemeinden in sich selbst sind natürlich auch nicht homogen. Stockholm hat mit Östermalm das wohl teuerste Wohngebiet des ganzen Landes, aber mit z.B. Rinkeby und Tensta eben auch große soziale Brennpunkte. Södertälje ist als Anziehungspunkt für irakische Flüchtlinge bekannt, hat aber auch eine große Fläche, wo Einfamilienhäuser die Regel sind. Ein Gesamtdurchschnitt der Gemeinde kann dies nicht wiedergeben.

Interessant ist ein Blick auf die Platzierungen unter den Einwanderergruppen. Nirgends sind die Deutschen die größte Gruppe, aber in Danderyd und Täby schaffen sie es auf Platz 4, in Österåker und Lidingö auf Platz 3. Der zweite Platz wird aber nur in einer Gemeinde erreicht: Värmdö (auf den Karten ganz rechts mit den Inseln), mein Wohnort. Nun wird vielleicht jemand unken, ich hätte mich hier in ein Nest von Landsmännern begeben – die Grafiken oben zeugen vom Gegenteil. Die Erklärung ist simpel. Värmdö ist trotz seines gewaltigen Wachstums in den letzten Jahrzehnten noch sehr klassisch strukturiert: beim Einwandereranteil liegt die Kommune mit 11% auf Platz 23 (von 26), und die Finnen übertreffen alle anderen Einwandergruppen bei weitem. So leben hier 1342 Finnen, die also gut ein Viertel der 4337 hier lebenden im Ausland geborenen Einwohnern stellen. Weit abgeschlagen folgen dann die 211 Deutschen.

Das Fazit ist also ein bisschen so wie erwartet: es gibt zwar deutliche Unterschiede, aber ein deutsches Nest gibt es wahrscheinlich nirgends, und wenn, dann bräuchte man noch feiner aufgeschlüsselte Daten.

Mia und ihre Schwestern – Inga Lindström in Hochform

Also mal ernsthaft: für die Verhältnisse von Inga Lindström handelte es sich beim heutigen Herzschmerz-ZDF-Film um hochwertige Kost. Da werden echte Beziehungsprobleme erörtert, anstatt den alten einfach für den einzig richtigen in den Wind zu schießen. Und das, obwohl der Film von 2009 ist, als die Geschichten doch anscheinend noch viel seichter waren als ohnehin schon.

Ja, ich habe es mir einmal wieder angetan: Pseudo-Schwedin Inga Lindström schrieb ein Schmonzette, die in Pseudo-Schweden spielt. Der Film heißt „Mia und ihre Schwestern“ und ist angeblich „nach der gleichnamigen Erzählung“. Das ist natürlich Schmarrn, denn die „Erzählung“ existiert in erster Linie als Drehbuch. Dass daraus auch mal gedruckte Schmöker werden, ist ein Nebenprodukt.

Wie der Titel nahe legt, geht es um Mia und ihre ausgesprochen gut aussehenden zwei Schwestern. Diese haben auch eine Mutter, die passenderweise von Gaby Dohm gespielt wird. Die konnte auch schon früher die starke Mutter spielen, aber das war im Gegensatz hierzu große Fernsehunterhaltung (ich gestehe: da mag ich falsch liegen, denn meine Erinnerungen an die Schwarzwaldklinik sind doch sehr vage).

Jede der vier hat ein mehr oder weniger gravierendes Problem. Die Mutter hat sich im fortgeschrittenen Alter mit dem Klassikmusikproduzenten Franz verlobt, der es wagt, nicht aus Schweden zu kommen, sondern extrem subversiv bei der Konkurrenz in Oslo wohnt. Sie traut sich aber nicht so recht, das ihrer Familie zu sagen. Agneta ist wegen nicht weiter spezifizierten Symptomen bei einem Arzt. Gott allein weiß, wie sie es hinbekommen hat, am Telefon nicht abgewimmelt („Nehmen sie etwas Paracetamol und legen sie sich hin“) zu werden. Der Arzt hat ein unglaubwürdig schickes und großes Büro, das er in dem Fall dazu verwenden darf, Agneta mitzuteilen, dass sie schwanger ist. Das passt ihr so gar nicht, denn mit einem Kind hatte sie angesichts vermuteter Unfruchtbarkeit nicht mehr gerechnet. Sie möchte nicht alleinerziehend sein und der Vater ist verheiratet.

Anna ist die zweite Schwester. Sie ist mit dem unverschämt gut aussehenden Jan verheiratet, der so unschuldig neckisch um seine Schwägerinnen herumscharwenzelt, dass man Böses vermuten müsste, wenn er nicht so ein sympathischer Kerl wäre.

Und dann gibt es da noch Mia, die Fotografin ist und eigentlich schon immer in Jan verliebt. Was zu weiteren Komplikationen führt, da Anna ihren Mann kürzlich betrogen hat. Die beiden haben sich auseinander gelebt, und da kann man auch schon mal die Schwester anschauen, denkt sich Jan – bleibt schließlich in die Familie. Wirklich schlecht kommt dabei aber keiner weg, auch wenn das jetzt erstmal so klingt. Ein Wochenende bei der Mutter sortiert das alles schön.

Den Rest des Herzschmerzes erspare ich dem geneigten Leser: Agneta behält das Kind trotz der Probleme, Anna und Jan trennen sich wegen intensiver Auseinandergelebtheit, und Mia probiert es mit Jan. Die Mutter zieht ganz unverschämt vom Naturidyll in die böse böse Großstadt (in dem Fall ausnahmsweise Oslo), und Agneta will ihr Kind in dem Haus aufziehen. Der Eierkuchen muss dieses Mal wegbleiben, aber alle arrangieren sich am Ende.

Wie gesagt ist alles ganz in Ordnung, wenn man die Maßstäbe entsprechend ansetzt.

Man sehe mir meine Pedanterie nach, aber es ist wieder einmal witzig, wenn man als Einwohner der Region sieht, wie die Örtlichkeiten in vollkommen absurder Anordnung lustig aneinandergebastelt werden, wie schon bei der überschallschnellen Prinzessin geschehen. Das dürfte sogar dem aufmerksamen Stockholmtouristen auffallen.

So wohnt Jan mit Frau und Kind im schicken, neuen und sehr umweltfreundlichen Hammarby Sjöstad, wo sie ihr Auto direkt am Wasser parken. Das kann man durchaus, vorausgesetzt, man ist bereit, ca. 150 € in der Woche für Knöllchen zu zahlen. Von dort aus geht es los zur Kanzlei der Eltern, und in der nächsten Szene fahren sie von Skeppsholmen herunter. Die Familienkutsche muss ein Amphibienfahrzeug sein.

Um das zu illustrieren:

Knifflige Aufgabe: man fahre von Hammarby Sjöstad (rechts unten) nach Blasieholmen und benutze hierzu die Brücke zu Skeppsholmen, und zwar in Richtung Blasieholmen. (Bild: OpenStreetMap, CC-BY-SA 2.5)

Anderes ist hingegen erstaunlich plausibel. So muss man, um zu dem Haus der Mutter zu kommen, erst Drottningholm passieren und dann eine Autofähre nehmen. Eine solche Fähre gibt es sogar, und sie fährt tatsächlich wie im Film behauptet um 8:30 Uhr – soviel Realitätsnähe ist vermutlich Zufall. Das Haus – die Bezeichnung Palast im schlanken 1,5 Mio. Euro-Preissegment trifft es wohl eher – muss daher eigentlich auf der Insel Adelsö stehen. Was hingegen gar nicht dazu passt, ist Mias Ausflug in den „Hafen“. Dieser scheint in Trosa zu sein, was 80 km entfernt ist.

Aber wer will denn über solchen Unsinn nachdenken, wenn Stadt und Land so schön sind?

Schweden, die DDR und deren Spitzel – die schwedischen „Stasiakten“

Auch in Schweden aktiv: Die Stasi (Foto: Flickr-User Rande Archer, CC BY-ND 2.0)

Im September erschien unter dem Titel „Inte bara spioner… Stasi-infiltration i Sverige under kalla kriget“ („Nicht nur Spione… Die Infiltration durch die Stasi in Schweden während des Kalten Krieges“) ein Buch über Stasispitzel in Schweden. Die Verfasserin Birgitta Almgren ist Wissenschaftlerin an der Södertörns Högskola, eine vor gut 15 Jahren gegründete Hochschule im Süden Stockholms, und hat sich anscheinend auf das Thema Verbindungen zwischen der DDR und Schweden spezialisiert. Schon 2009 veröffentlichte sie „Inte bara Stasi – relationer Sverige – DDR 1949-1990“ („Nicht nur Stasi – Beziehungen zwischen Schweden und der DDR 1949-1990“), das zufällig auf meinem Bücherregal herumlungert und intensiv Staub ansetzt. So spannend das Thema, so dröge fand ich die Umsetzung. Das Buch war schlicht zu lang. Hätte sie sich etwas mehr auf das Wesentliche beschränkt und das Ganze etwas mitreißender verfasst, wäre daraus ein spannendes Stück Zeitgeschichtenbearbeitung geworden. So stellte ich es leider nach dem ersten Drittel wieder weg.

Spannend oder nicht – das neue Buch ist eingeschlagen wie eine Bombe. Almgren gelang es, einen bislang einzigartigen Datenzugriff zu erhalten. Nicht nur konnte sie in die Stasi-Unterlagen der Gauck/Birthler/Jahn-Behörde schauen. Die schwedische Säpo, Geheimdienstabteilung der schwedischen Polizei, warf um 2001 einen tiefen Blick in das eigene Archiv, um Stasi-Tätigkeiten in Schweden zu untersuchen und aufzuarbeiten. Almgren wurde nun erlaubt, Einblick in das Archiv zu erhalten. Bedingungen: alle beschriebenen Personen müssen anonym bleiben und Almgrens Aufzeichnungen müssen vernichtet werden.

Dem leistete sie auch Folge, aber die Anonymität konnte nicht gewahrt werden. Anscheinend konnten Journalisten anhand der Angaben im Buch einzelne Personen ausfindig machen. Die Sache zog weitere Kreise.. Am sichtbarsten war die von Reporter des Expressen gefundene Marianne Ersson. Laut dem Buch könnte die Flucht ihres Ex-Mannes aus Ostdeutschland im Jahr 1961 nur eine Finte gewesen sein, um sie im Stil eines Romeo-Agenten anzuwerben. Sie hat unter anderem als Fluglotsin gearbeitet und als Lehrer für deutsch und schwedisch an einer ostdeutschen Universität. In ersterer Funktion habe sie die schwedische Abwehr ausgespäht, in letzterer geriet sie ins Visier der Säpo. Diese konnte jedoch nie irgendwelche Beweise finden, obwohl sie den Fall dreimal aufnahm. Laut dem Buch fanden die Ermittler aber, dass daran etwas seltsam sei – konkretisiert konnten sie es anscheinend nicht. Ersson wehrt sich mit aller Kraft gegen diese Vorwürfe. Interessanterweise gibt sie aber eine Geheimdiensttätigkeit zu, nur eine ganz andere: sie habe für den schwedischen Dienst SSI verschiedene Anlagen in der DDR fotografiert. Später kam zudem heraus, dass die Stasi-Unterlagenbehörde anscheinend gar keine Akte zu Ersson hat. Auch ihr Ex-Mann Freimut Möschler äußerte sich später und wies alle Anschuldigungen als „Lügen“ zurück.

Vermutlich enthält das Buch also allerlei Schlüsse, die nicht durch Fakten gedeckt sind oder auf Mutmaßungen der Säpo basieren. Was nun genau daran ist, kann man nur schwerlich sagen. Mehrere Anzeigen gingen ein, und gegen die Autorin Almgren wurde sogar ermittelt – meines Wissens bislang aber ohne Ergebnis. Diese wehrt sich ebenso, weil sie der Maßgabe zur Anonymisierung nachgekommen sei.

Viel interessanter ist, welche Debatte hieraus entstanden ist. Es kann nämlich schon merkwürdig erscheinen, dass ein Land, in dem das Öffentlichkeitsprinzip Verfassungsrang hat, restriktiv mit den Akten seiner Polizei- und Geheimdienste umgeht. Mit anderen Worten: sollten Forschung und Betroffene nicht auch Gelegenheit erhalten, das zu erfahren, was die Stasi nach Wissen der Säpo in Schweden angestellt hat? Schließlich, und das ist wohl die eigentliche Problematik hier, waren es oft Schweden, die im Auftrag der Stasi andere Schweden ausspionierten und so gegen das eigene Land und seine Menschen arbeiteten.

Im November letzten Jahres sprachen sich daher einige Parteien, darunter die zur Regierung gehörende Zentrumspartei, für eine Öffnung aus, und auch die Justizministerin äußerte sich positiv. Als Vorbild wird nicht selten ausgerechnet Deutschland genannt, was schon wie ein Treppenwitz erscheint, denn normalerweise ist Schweden hier weit voraus. Vor kurzem folgten Berichte über die Arbeit der deutschen Unterlagebehörde und Geschichten von schwedischen Betroffenen, die von der Stasi überwacht wurden.

Natürlich ist das Thema nicht mehr so heiß wie im Herbst, aber es schwelt, und man kann wohl davon ausgehen, dass auch in Zukunft noch allerlei Dinge ans Tageslicht kommen werden, spätestens wenn es eine allgemeine Regelung zur Akteneinsicht geben wird.

Piraten und Birnen

Die deutsche Piratenpartei ganz groß in Dagens Nyheter vergangenen Dienstag

Der Vergleich liegt eigentlich nahe, wird aber selten gemacht: während die deutsche Piratenpartei derzeit in aller Munde ist und bei einer Fortsetzung des Trends im Herbst 2013 locker 65 Prozent der Stimmen einheimsen wird, schaut keiner mehr auf die Wurzeln dieser Bewegung: Schweden.

Hier wurde dereinst im Jahr 2006 die erste Piratenpartei gegründet. Der Name stammte von der Trackerseite The Pirate Bay, die Links zu allerlei urheberrechtlich geschütztem Material anbietet. Gegen die Verantwortlichen der Seite wurden im Januar 2008 hierfür angeklagt. Eigentlich begann an diesem Punkt die Geschichte der schwedischen Piratenpartei erst richtig. Scharen von jungen Menschen traten der Partei bei, was freilich nicht zuletzt damit zu tun hatte, dass die Mitgliedsbeiträge freiwillig sind.

Als von Februar bis April 2009 der Prozess stattfand, war diese Welle auf dem Höhepunkt. Kurz danach, im Juni 2009, fanden die Europawahlen 2009 statt, und die Piratenpartei holte stolze 7,1 Prozent.

Es liegt also nahe, dass der in Stockholm sitzende ARD-Korrespondent Albrecht Breitschuh einen Blick auf die schwedischen Piraten warf. Ich schätze seine Arbeit im Allgemeinen sehr, aber dieses Stück ist doch irgendwie ziemlich misslungen.

Bei ihm geht die Geschichte ungefähr so: auf einmal waren die 2009 da und alle waren total überrascht. Dann hat der Vorsitzende vorgeschlagen, auch Kinderpornos zu legalisieren, und Bumm waren sie weg, bekamen nur noch 0,7 Prozent im Jahr 2010 bei den Reichstagswahlen. Seither siecht die Partei.

Nicht ganz so, aber doch zumindest in Ansätzen ähnlich geht ein Artikel des Spiegels vor, der die verschiedenen europäischen Piratenparteien zum Thema hat. Dort ist die Geschichte verkürzt auf: erst ging’s hoch, dann runter. Flankiert wird das von einem wenig vertrauenserweckenden Foto der schwedischen Piratenvorsitzenden Anna Troberg.

Das alles ist – freundlich ausgedrückt – bestenfalls die halbe Wahrheit. Die Piraten schafften es aus genau zwei Gründen in das Europaparlament:

  1. Seien wir realistisch: die Europawahlen interessieren keine Sau. Die Wahlbeteiligung ist niedrig und die Chancen für irgendwelche populistischen Quatschbananen (z.B. FDP und deren entdoktorierte blonde Vorzeigefrau) groß. In Schweden schaffte es so 2004 die „europakritische“ Juniliste souverän ins Parlament und 2009 ebenso souverän wieder hinaus. Die Piraten fallen genau in dieses Schema, dass bestimmte Wählergruppen sich bei solchen wenig beachteten Wahlen leichter hervortun können.
  2. Die Unterstützung basierte einzig und allein auf dem Thema Pirate Bay. Jugendliche, die weiterhin frei Sachen aus dem Netz ziehen wollen, wählten eine Partei, die genau für dies eintrat.

Dummerweise lässt sich auf so einer Plattform nicht lange bestehen, und genau das ist das Problem der schwedischen Piratenpartei. Die zigtausend Menschen, die ihrer Partei beitraten, haben sie genauso schnell wieder verlassen. Denn in Zeiten der Klickdemokratie war eine Partei, die keine zwingenden Mitgliedsbeiträge hat, perfekt für Leute, die keinesfalls etwas für ihre Downloads bezahlen wollen. Diese wollen aber auch keinen Aufwand betreiben, und so hatte man nicht plötzlich Scharen von Aktivisten, die Plakate klebten, demonstrierten und Flyer verteilten, sondern ein Mitgliederdatenbank voller Karteileichen.

Die schwedischen Gepflogenheiten in Sachen Parteienmitgliedschaft tun ihr übriges. Eintrittsanträge muss man nämlich genauso wenig stellen wie Austrittsanträge. Wer Mitglied werden bzw. bleiben will, zahlt, wer nicht, eben nicht. Die schwedischen Piraten machen dies ähnlich: die Mitgliedschaft gilt immer 365 Tage. Wer sie nicht erneuert, fliegt automatisch raus – und genau das ist offenkundig tausendfach passiert.

Es handelte sich also nicht um einen Massenexodus, sondern um eine geplatzte Scheinmitgliederblase.

Man braucht eben mehr als ein Thema, mehr als nur einen vielbeachteten Gerichtsprozess. Zum Zeitpunkt der Reichstagswahl 2010 waren die Leute von der Pirate Bay schon lange verurteilt. Das kurz danach verkündigte Ergebnis der Revision (schuldig) fand so gut wie kein Interesse mehr. Dummes Geschwätz des Vorsitzenden hatte auf den Untergang wenig Einfluss, denn die Wähler, die sie gebraucht hätten, waren da schon lange entschwunden.

Der Unterschied zu den deutschen Piraten

Genau diese Gemengelage macht auch den Unterschied zu den deutschen Piraten aus. Ich gebe gerne zu, dass ich den Piraten noch vor kurzem nicht viel zugetraut habe. Mir erschien es unwahrscheinlich, dass eine Partei mit so einem seltsamen Namen und für den Normalbürger so exotischen Themen wie der Netzpolitik punkten kann. Zudem galten sie als ziemlich zerstritten.

Doch passen sie sehr gut in die Zeit von Stuttgart 21 und dem Wutbürger, der sich von der Politik nicht mehr hinreichend repräsentiert fühlt. Die deutschen Piraten kommen daher mit ihren Zielen an. Genau dies fehlt den schwedischen Piraten aber. Der schwedische Bürger empfindet zumindest noch nicht eine so große Kluft zu seinen Politikern, und mangelnde Transparenz kann auch nur wenig beklagt werden, nicht zuletzt wegen des Öffentlichkeitsprinzips. Die schwedische Allgemeinheit – wohl auch dank der umfänglichen Auswahl von ganzen 8 Parteien – hat anscheinend nicht das Bedürfnis nach noch einer Partei. Solange die schwedischen Piraten nicht irgendein nachhaltig relevantes Thema finden, haben sie keine Chance.

Der oben gezeigte Artikel aus Dagens Nyheter – leider anscheinend nicht online – zeigte nun auch die schwedische Sicht auf die deutschen Piraten. Die fällt nüchtern aus: sympathisch, aber ohne richtiges Programm und wahrscheinlich auch nicht mit dem Potenzial, sich dauerhaft zu etablieren. Ich bezweifle, dass die schwedischen Wähler ihre Piraten da wiedererkennen werden.

Denn das ist der Punkt: der Vergleich zwischen deutschen und schwedischen Piraten ist einer zwischen Äpfel und Birnen. Außer den gemeinsamen Wurzeln haben sie nichts miteinander gemein. Die schwedische Öffentlichkeit schaffte für kurze Zeit ein höchst fragiles Biotop für das zarte Pflänzchen – als dieses vorteilhafte Klima schnell zusammenbrach, war es vorbei. Die deutsche Piraten hingegen wuchsen unter kühlen Bedingungen langsam heran, um dann bei der nun schon etwas länger anhaltenden Wärme zu gedeihen.

Ob sie danach genügend Kraft haben werden, auch den Winter zu überstehen, wird sich freilich noch zeigen.

Die Deutsche – Vier Jahre nach den Morden in Arboga

Montag, 17. März 2008, ca. 19 Uhr: in einem Haus in der schwedischen Stadt Arboga, ca. 120 km westlich von Stockholm gelegen, findet ein Mann seine Lebensgefährtin, die 23-jährige Emma Jangestig, und deren zwei Kinder mit schwersten Verletzungen auf. Bei den Kindern, einjährig und dreijährig, kann im Krankenhaus nur noch der Tod festgestellt werden. Die Mutter überlebt und kann 10 Tage später aus dem künstlichen Koma aufgeweckt werden.

Zwei Männer werden festgenommen und verhört, darunter der Mann, der die Schwerverletzten auffand. Beide haben ein Alibi und werden schon bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Drei Tage nach dem Mord wird Haftbefehl erlassen. Die Gesuchte ist Christine Schürrer, 31 Jahre alt und aus Hannover stammend. Vorübergehend in Deutschland wieder freigelassen, landet sie in Untersuchungshaft und wird kurze Zeit später nach Deutschland Schweden ausgeliefert.

„Die Deutsche“

Was sich in den folgenden 11 Monaten abspielte, war ein Armutszeugnis für den schwedischen Journalismus und eine höchst fragwürdige Kampagne. Die Verdächtige war nämlich in den Medien nie „Christine S.“, sie war „Tyskan“ – die Deutsche. Gerade, wenn man als Ausländer in einem Land lebt, möchte man nach seinen Taten beurteilt werden, nicht nach dem, was man sowieso nicht ändern kann (und möchte). Ich empfand die Reduktion einer Tatverdächtigen auf ihre Nationalität, flankiert von der Angabe ihres vollen Namens und dem wenig sparsamen Einsatz von Fotos als eine Schmierenkampagne. Es mangelte nicht nur an Respekt gegenüber der Angeklagten, für die in jedem Fall die Unschuldsvermutung gelten muss. Es leben auch über 25.000 Deutsche in Schweden, die nolens volens in Zusammenhang mit einem schrecklichen Verbrechen gebracht wurden. Man kann davon ausgehen, dass die Schweden sich nicht von ihren Boulevardblättern mitreißen lassen, aber eine derartig billige und plumpe Kampagne hat sicher ihre Spuren hinterlassen – weswegen der Fall schon damals meine Aufmerksamkeit hatte.

Verschlimmert wurde das Ganze noch dadurch, dass die Berichterstattung klar parteiisch war. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeile „Die Deutsche lügt“. So wurde die Öffentlichkeit natürlich gleich für eine Seite vereinnahmt. Gegen Ende des Prozesses in der ersten Instanz äußerte eine Schöffin öffentlich, sie hätte nie an die Unschuld der Angeklagen geglaubt. Der abgelehnte Antrag auf Befangenheit spielte aber letzten Endes keine Rolle, da der Fall noch in zweiter Instanz geprüft wurde.

Die Aufregung um den Fall wurde noch dadurch verstärkt, dass weite Teile der Ermittlungsakten im Internet gelandet sind. Ich bin bei einer harmlosen Google-Bildersuche nach „Christine Schürrer“ auf ein Obduktionsfoto eines der Kinder gestoßen. Ich kann keinem raten, es mir nachzutun – es sieht schrecklich aus.

Vermutlich aus diesen Quellen speiste sich aus eine obskure Bewegung im Internet, die überzeugt war, Schürrer sei unschuldig, und dies mit allerlei Dokumenten in einem Blog zu belegen suchte. Das scheiterte aber schon schlicht daran, dass man den Wust kaum durchschauen konnte und der Autor nicht viel tat, um dies in eine leichter nachvollziehbare Form zu bringen. Ich habe mir ehrlich gesagt auch nicht die Mühe gemacht, es komplett zu durchwühlen.

Schuldig oder nicht?

Den ganzen Umfang dieses Falls kann und will ich daher nicht im Detail beschrieben. Schon im August 2008 hatten sich über 3000 Seiten Material angesammelt. Dieses enthielt alles bis auf eines: den eindeutigen Beweis, dass Schürrer zur Tatzeit am Tatort war. Stattdessen gab es unzählige Indizien, so dass ich Zweifel hatte, man würde sie auf der Basis verurteilen können.

Man tat es letztendlich, und zwar in beiden Instanzen. Aber: ist sie wirklich schuldig?

Ich glaube ja, unabhängig von der Medienkampagne gegen sie.

Es ist gesichert, dass Schürrer sich in den Lebensgefährten der schwer verletzten Emma Jangestig verliebt hatte und offenkundig seinetwegen nach Schweden gezogen war. Sie lebte zuletzt in Stockholm. Als Tatmotiv galt daher Eifersucht. Unbestritten ist zudem, dass sie zum Tatzeitpunkt in Arboga war. Bei den Fragen nach diesem Tagesausflug verstrickte sie sich in Widersprüche. Sie wollte die 120 km nur gefahren sein, um kurz vor Sonnenuntergang eine Ruine anzuschauen und zu fotografieren. Trotz dieses Aufwands fehlten die Fotos. Ihre Angaben zur Rückfahrt waren auch widersprüchlich. Dann behauptete sie, Freunde hätten sie mitgenommen. Sie war jedoch nicht bereit, deren Identität preiszugeben. Die Mutter belastete sie zudem, als sie aussagte, dass die Person, für die sie Tür am Tattag geöffnet habe, sie auf Englisch angesprochen und sich als Tine oder Tina zu erkennen gegeben habe. Jedoch ist dies zweifelhaft, da die Mutter schon vor dem Mord von Schürrers Existenz wusste und im Krankenhaus zunächst sagte, sie erinnere sich an nichts – dies kann also autosuggestiv gewesen sein.

Die Indizien zeichnen den Ablauf so nach, dass sie unauffällig und schlecht identifizierbar gekleidet nach Arboga fuhr. Sie klingelte an der Tür und schlug zu, als die Mutter öffnete, höchstwahrscheinlich mit einem Hammer.

Ein perfider Plan

Ihr weiteres Verhalten zeichnet – zumindest für mich – das Bild eines Versuchs, sich durch Vernichtung der Beweismittel und Absetzen ins Ausland erst einmal der Strafverfolgung zu entziehen, um dann später am besten in Deutschland aus Mangel an Beweisen freigesprochen zu werden. Nach ihrer Rückkehr entsorgte sie Tatwaffe und Kleidung. Man konnte Schuhabdrücke am Tatort finden, die zu Schuhen passten, die Schürrer besessen hatte, aber nach der Tat nicht mehr auffindbar waren. Tags darauf flog sie vom Flughafen Skavsta aus nach Deutschland. Man nahm ihr bei der Sicherheitskontrolle einen Hammer ab, auf dem sich aber keine DNA-Spuren fanden. In dem Kontext kann man das als Dreistigkeit auslegen, die zeigen soll, dass ihr die Strafverfolgungsbehörden nichts anhaben können. Fast hätte es geklappt, aber im Prozess kamen die angesprochenen Schwächen in ihrem Alibi auf den Tisch, und gerade in der zweiten Instanz scheint sie in Panik jeden guten Rat ihres Anwalts missachtet zu haben. Gegen Ende versuchte sie, durch Einsendung von Datenträgern und Ausbrüchen vor Gericht ihre Sicht der Dinge darzustellen. Brauchbares Belastungsmaterial schien aber nicht dabei zu sein.

Ich weiß nicht, ob ich genauso geurteilt hätte. Zwar habe ich keine Zweifel, dass sie die Täterin ist, aber ob die zahllosen Indizien wirklich einen unumstößlichen Beweis ersetzen, weiß ich nicht.

Im Jahr 2009 wurde Schürrer zu lebenslanger Haft und zur Zahlung von Schadensersatz verurteilt. Ihr wurde außerdem untersagt, jemals nach Schweden zurückzukehren.

Nachspiel

Die nächsthöhere Instanz wies ihre Berufung ab. Seither sitzt sie in Haft, und es ist ruhig geworden um den Fall.

Emma Jangestig hat es zu zweifelhafter Medienaufmerksamkeit gebracht. Seit Oktober 2010 betreibt sie auf der Seite der Boulevardzeitung Aftonbladet ein Blog „Arbogamamman“ (Die Arbogamama). Wenig später erschien das Buch „Varför gråter inte Emma?“ („Wieso weint Emma nicht?“). Wenn es ihr hilft, die Erlebnisse zu verarbeiten, dann ist das natürlich positiv, aber ich bin skeptisch, wenn Verbrechensopfer sich derart exponieren. Die Gefahr ist zu groß, dass es mehr einen öffentlichen Voyeurismus befriedigt als irgendeine Hilfe darstellt.

Christine Schürrer versuchte im Januar 2012 erneut, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Unter anderem sandte sie einen Brief an die Justizministerin. Beim Högsta Domstolen, dem höchsten schwedischen Gericht, reichte sie einen Antrag ein. Die 17-seitige Begründung enthielt aber nach Auffassung des Gerichts nichts, was Anlass zu einem neuen Verfahren gegeben hätte. Ich habe den Antrag überflogen und kann es nachvollziehen – es scheint kaum etwas darin zu stehen, was nicht auch schon zum Zeitpunkt des Verfahrens bekannt war. Dass bei der Untersuchung Fehler unterlaufen sind, war damals schon bekannt. Es bleibt nicht viel, was die früheren Instanzen nicht in die Bewertung mit einbeziehen konnten. Es wird nicht versucht, irgendetwas vorzulegen, das Schürrers fragwürdiges Alibi untermauert, sondern vielmehr, Löcher in einige der Indizien zu schlagen. Ein legitimes Ansinnen, aber kaum ein Anlass, die Verteidigungslinie, die schon zweimal gescheitert ist, noch einmal überprüfen zu lassen.

Im Frühjahr 2012 soll sie nach Deutschland ausgewiesen werden. Ich weiß nicht, wie die deutsche Justiz das handhabt, aber angesichts der Schwere des Verbrechens hoffe ich darauf, dass der Fall so behandelt wird wie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, die eine automatische Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren nicht erlaubt.

Was bleibt

Dies war vermutlich das letzte Kapitel. Es war nicht der einzige bemerkenswerte Kriminalfall, seit ich nach Schweden gekommen bin, aber der einzige, in dem man die Herkunft des Verbrechers als vordringliches Merkmal präsentierte. Der langfristige Schaden dürfte gering sein, aber es ist ein medialer Sündenfall, und was noch viel schlimmer ist: einer, der den Verantwortlichen nicht bewusst zu sein scheint. Es wurde nicht darüber reflektiert, ob diese Berichterstattung denn redlich sei. In dem Artikel zu dem Netzwerk, das Schürrers vermeintliche Unschuld beweisen will, spricht Aftonbladet gar davon, dass Schürrer „lange unter dem Namen ‚die Deutsche‘ bekannt war“ – dabei war es nicht zuletzt Aftonbladet selbst, die ihr diesen „Namen“ verpasst haben. Die seriösen Zeitungen hielten sich etwas zurück – immerhin.

Auch der anonyme Blogger, der Schürrers Unschuld beweisen wollte, hat mittlerweile aufgegeben und verweist auf eine andere Seite, wo es von Verschwörungstheorien wimmelt – was wohl auch die Qualität des Ganzen widerspiegelt.

Es bleibt die Erinnerung an ein schreckliches Verbrechen, eine widerliche Medienkampagne und eine Mörderin, die der Allgemeinheit nicht den Gefallen getan hat, zu gestehen.

Alles, was ich habe

Dieser Blogeintrag auf PetaPixel kam mir kürzlich unter. Die Fotografin Sannah Kvist hat in den 1980er Jahren geborene Schweden gebeten, alle ihre Habseligketen in eine Ecke ihrer Wohnung zu räumen, und sie daneben fotografiert.

Es ist ein interessanter Einblick in diese Generation von Schweden. Neben der Variation in den Räumlichkeiten und der Art der Besitztümer – da hat einer tatsächlich noch einen Röhrenmonitor – finde ich v.a. die Menge interessant. Es kommt mir nicht als sonderlich viel vor, v.a. in Anbetracht der Mengen, die wir bei meinem letzten Umzug transportieren mussten.

Nachtrag 17:23 Uhr: Ich hatte übersehen, dass es dazu auch in Interview in der Zeit gibt. Die geringe Menge der Habseligkeiten ist demnach kein Zufall, sondern soll zeigen, dass die junge Generation die erste ist, der es schlechter geht als ihren Eltern. Sannah Kvist deutet auch an, dass es sich bei den gezeigten Leuten um solche handelt, die in untervermieteten Wohnungen leben und daher oft umziehen müssen.

Breaking News: Victoria auf der Geburtsstation

6:40 Uhr: Ich bin jetzt kein besonderer Royalist, aber das verfolge ich doch gerne. Wie ich gerade in den Nachrichten gehört habe, ist Kronprinzessin Victoria mittlerweile in der Geburtsstation des Karolinska-Krankenhauses. So wie es aussieht, hat Schweden eine neue Nummer zwei in der Thronfolge. Prinz Daniel wird um 7 Uhr vor die Presse treten und mehr bekanntgeben.

7:08 Uhr: Schweden hat um 4:26 Uhr eine neue Prinzessin bekommen. 55 cm lang, 3280 g schwer. Der Name wird erst später bekanntgegeben.

7:56 Uhr: ich korrigiere, es sind nur 51 cm Prinzessin heute angekommen.