Wo die Deutschen sind – der Großraum Stockholm und die deutschen Einwanderer

Anteil der in Deutschland geborenen Einwohner an der Gesamtbevölkerung in der jeweiligen Gemeinde. Für Botkyrka, Upplands Väsby und Sundbyberg ist mir die Zahl der Deutschen nicht bekannt, weswegen nur eine obere Grenze, dargestellt durch einen Farbverlauf, angegeben werden kann. (Bild: eigene Erstellung auf Basis der Daten in der DN, Daten des Statistiska Centralbyrån und der Kommunengrenzenkarte des Wikipedianutzers Lokal_Profil, Lizenz CC-BY-SA 2.5)

Es ist nicht zwingend investigativ, wenn Journalisten sich ein paar statistische Daten kommen lassen und daraus ein Thema basteln. Das Ergebnis kann dennoch interessant sein.

Meine tägliche Zeitung, die in Stockholm erscheinende Dagens Nyheter, hatte Ende 2009 den Lokalteil abgeschafft. Auf Anfrage sagte man mir, dass man die entsprechenden Themen lieber auf die entsprechenden Fachrubriken verteilen wolle. Das fand ich nicht so gut, und viele andere wohl auch nicht. Seit dem neuen Layout, das wohl so vor ca. einem Jahr eingeführt wurde, gibt es wieder einen umfänglichen Stockholmer Lokalteil.

Teil der Chronistenpflicht ist natürlich, festzustellen, wie sich die Region entwickelt. Das tat die Zeitung vorige Woche auf mehreren Seiten zu dem Thema, woher die Einwanderer stammen, die mittlerweile gut 20% der Bevölkerung des Großraum Stockholms ausmachen. Das Ergebnis ist eine Doppelseite mit allerlei Grafiken. Woher die Daten stammen, steht zwar nicht direkt dabei, aber es kann dafür nur eine Quelle geben: die Statistikbehörde Statistiska Centralbyrån (SCB). Diese erhebt u.a. die Staatsbürgerschaft und das Geburtsland der Einwohner. Letzteres ist ein gutes Maß für die Zahl der Einwanderer, auch wenn es z.B. natürlich im Ausland geborene Schweden gibt.

Schweden hat sich erst spät zum echten Einwanderungsland entwickelt – heute ist es eines der wenigen Länder, die das Asylrecht sehr ernst nehmen und entsprechend handeln. Daher gibt es viele Einwanderer aus dem Irak, Somalia und anderen Krisenregionen. Lange Zeit kamen Einwanderer aber vor allem aus einem Land: Finnland, das seit jeher eine schwedischsprachige Minderheit hat und zudem erst in letzter Zeit so wohlhabend wurde.

Bis heute sind die Finnen in 23 der 26 Gemeinden im Großraum Stockholm die größte Einwanderergruppe, aber das ändert sich langsam aber sicher. Einwanderung aus und Auswanderung nach Finnland ist praktisch ausgeglichen, so dass die aus Finnland stammenden Menschen langsam aber sicher in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen und andere Einwanderergruppen stärker werden. In Botkyrka gibt es mittlerweile deutlich mehr Türken. Södertälje ist mittlerweile für die Aufnahme von Irakern bekannt, die dort mittlerweile fast 10% der Bevölkerung ausmachen. In Sollentuna sind die Iraner knapp stärker vertreten. In Huddinge werden die Iraker die Finnen wohl auch bald überholt haben. Wachsende Einwanderergruppen sind die Polen, die zumindest im Sommer die schwedischen Baustellen bevölkern, und Asiaten, neben Einwanderern aus dem Nahen Osten.

Warum ich diese Erhebung so interessant finde? Als deutscher Einwanderer finde ich es spannend, zu sehen, wie die Deutschen hier vertreten sind und ob es irgendwelche Verdichtungen gibt. Nach Kommunen aufgeschlüsselt sind diese Daten kostenlos bei SCB nicht verfügbar. So kann ich zwar anhand der dortigen Datenbank herausfinden, dass es 48442 in Deutschland geborene Menschen in Schweden gibt (Stand: 2011), aber nicht, wie diese regional verteilt sind, denn diese Daten sind wiederum nur allgemein auf im Ausland geborene Menschen verfügbar, aber nicht nach Herkunftsland aufgeschlüsselt. Die Deutschen sind eine kleine, aber nicht unerhebliche Einwanderergruppe. Über uns wird wenig gesprochen, so dass es für mich umso interessanter ist, zu sehen, wo wir sind und welchen Anteil an der Bevölkerung wir stellen.

Die Tabellen der Dagens Nyheter geben hier einen Einblick. Laut denen waren 2011 insgesamt 11757 in Deutschland geborene Menschen in der Provinz Stockholm wohnhaft – das ist ja schonmal eine deutsche Kleinstadt und reicht für einen siebten Platz hinter Finnland, Irak, Polen, Iran, der Türkei und Chile. Mit Ausnahme von Botkyrka im Südwesten, Upplands Väsby im Norden und der flächenmäßig kleinsten schwedischen Gemeinde Sundbyberg direkt nördlich der Hauptstadt sind die Deutschen in den Top 10 der Einwanderernationen.

Anteil der in Deutschland geborenen Menschen an allen im Ausland geborenen Menschen. Für Botkyrka, Upplands Väsby und Sundbyberg ist mir die Zahl der Deutschen nicht bekannt, weswegen nur eine obere Grenze, dargestellt durch einen Farbverlauf, angegeben werden kann.(Bild: eigene Erstellung auf Basis der Daten in der DN, Daten des Statistiska Centralbyrån und der Kommunengrenzenkarte des Wikipedianutzers Lokal_Profil, Lizenz CC-BY-SA 2.5)

Bleibt die Frage, wie sie sich auf die Region verteilen. Dazu habe ich zwei Grafiken ähnlich denen in der DN erstellt. Es entsteht der Eindruck einer relativ gleichmäßigen Verteilung, der aber angesichts der geringen Zahlen etwas täuscht. Zwar machen die Deutschen ungefähr 0,6 % der Gesamteinwohnerschaft aus und sind nirgendwo komplett abwesend, aber die Schwankungsbreite liegt in den 23 erfassten Kommunen zwischen 0,3 % und 0,8 %.

Interessant ist, dass es kein klares Muster gibt – die 10 Gemeinden mit dem höchsten Anteil an Deutschen sind:

  1. Lidingö: 0,84 % (371 in Deutschland geborene)
  2. Danderyd: 0,84 % (268)
  3. Södertälje: 0,83 % (731)
  4. Täby: 0,81 % (520)
  5. Österåker: 0,75 % (297)
  6. Solna: 0,68 % (473)
  7. Vallentuna: 0,63 % (193)
  8. Salem: 0,60 % (94)
  9. Upplands-Bro: 0,60 % (144)
  10. Nacka: 0,58 % (527)

(Anmerkung: in Botkyrka ist die Anzahl unbekannt, aber der Anteil liegt irgendwo im Intervall 0 % bis 0,74 %)

Es scheint im Wesentlichen zwei Kategorien zu geben:

  1. Gutsituierte Vorortgemeinden: Lidingö, Danderyd, Täby und Nacka sind wohlhabende Vorortgemeinden. Dass die Deutschen eher dort wohnen, mag daran liegen, dass es sich bei ihnen den tendenziell um besser ausgebildete und damit auch besser verdienende Einwanderer handelt. Es dürfte aber auch etwas damit zu tun haben, dass diese Gemeinde allgemein unterdurchschnittlich viele Einwanderer haben.
  2. Landschaftlich attraktive ländliche Gemeinden: bei Södertälje, Vallentuna, Österåker, Salem und Upplands-Bro dürfte sich vor allem das Bullerbü-Syndrom Wirkung zeigen: es handelt sich um großflächige, eher ländliche Kommunen, wo man sich den Traum vom roten Holzhäuschen im Grünen erfüllen kann, ohne weit von den Arbeitsplätzen in der Stadt entfernt zu sein. Zudem sind die Häuser dort relativ gut bezahlbar. Man muss aber auch sagen, dass man Nacka und Täby hier auch hinzurechnen kann – die Immobilienpreise sind zwar hoch, aber die Struktur ist in weiten Teilen schon recht ländlich.

Solna passt in keine der Kategorien. Ich kenne Deutsche, die dort leben, aber wieso gerade diese Gemeinde deutlich weiter oben steht ist mir nicht ersichtlich. Eine Erklärung ist vielleicht, dass Solna de facto eigentlich ein Teil Stockholms und nur aus historischen Gründen administrativ eigenständig ist. Das Gemeindegebiet schließt sich unmittelbar an das Stockholmer Stadtgebiet hat und ist sehr dicht besiedelt. Meine Vermutung ist, dass Solna damit am ehesten den mittelständischen und gut bürgerlichen Teilen Stockholms entspricht, in denen deutsche Einwanderer etwas überdurchschnittlich anzutreffen sind, während in anderen städtisch geprägten Gemeinden wie Stockholm, Sundbyberg oder Botkyrka auch große Mietshaussiedlungen, nicht selten soziale Brennpunkte, die Deutschen etwas weniger anziehen oder sie zumindest nicht lange halten.

Hier zeigt sich auch die Schwäche einer solchen Erhebung: die Gemeinden in sich selbst sind natürlich auch nicht homogen. Stockholm hat mit Östermalm das wohl teuerste Wohngebiet des ganzen Landes, aber mit z.B. Rinkeby und Tensta eben auch große soziale Brennpunkte. Södertälje ist als Anziehungspunkt für irakische Flüchtlinge bekannt, hat aber auch eine große Fläche, wo Einfamilienhäuser die Regel sind. Ein Gesamtdurchschnitt der Gemeinde kann dies nicht wiedergeben.

Interessant ist ein Blick auf die Platzierungen unter den Einwanderergruppen. Nirgends sind die Deutschen die größte Gruppe, aber in Danderyd und Täby schaffen sie es auf Platz 4, in Österåker und Lidingö auf Platz 3. Der zweite Platz wird aber nur in einer Gemeinde erreicht: Värmdö (auf den Karten ganz rechts mit den Inseln), mein Wohnort. Nun wird vielleicht jemand unken, ich hätte mich hier in ein Nest von Landsmännern begeben – die Grafiken oben zeugen vom Gegenteil. Die Erklärung ist simpel. Värmdö ist trotz seines gewaltigen Wachstums in den letzten Jahrzehnten noch sehr klassisch strukturiert: beim Einwandereranteil liegt die Kommune mit 11% auf Platz 23 (von 26), und die Finnen übertreffen alle anderen Einwandergruppen bei weitem. So leben hier 1342 Finnen, die also gut ein Viertel der 4337 hier lebenden im Ausland geborenen Einwohnern stellen. Weit abgeschlagen folgen dann die 211 Deutschen.

Das Fazit ist also ein bisschen so wie erwartet: es gibt zwar deutliche Unterschiede, aber ein deutsches Nest gibt es wahrscheinlich nirgends, und wenn, dann bräuchte man noch feiner aufgeschlüsselte Daten.

Nochmal Zäune oder wie austauschbar doch alles ist

Mit etwas scharfer Polemik zum Verhältnis Deutsche-Schweden habe ich offenbar einen Nerv getroffen – zumindest, was die Ausführungen zum Buch von Sandra Eichinger angeht. Vielleicht hätte ich etwas mehr abwägen sollen beim Schreiben, denn wie man in den Kommentaren sieht, hat es nicht an Missverständnissen gemangelt. Vielleicht verstehe ich auch Frau Eichinger falsch und bewerte den von mir kritisierten (und mittlerweile leider nicht mehr frei verfügbaren) Abschnitt ihres Buches über.

Um zum Thema zu kommen: Linda war bei einem Treffen von vier schwedischen Frauen, die in Deutschland leben. Die Ausführungen dazu sind hochinteressant. Ich habe beim Lesen das Gefühl, dass man nur „Schweden“ mit „Deutsche“ und „Messmör“ mit „ungesüßtes Brot“ vertauschen müsste, und schon hätte man eine treffende Beschreibung von dem, was viele Deutsche in Schweden so umtreibt.

Hier ein Satz in Übersetzung, um das mal zu illustrieren:

Man nutzt alles aus, was in Deutschland besser ist als in Schweden, aber man klagt trotzdem darüber wieviel besser es doch in Schweden ist, und man verkehrt nur mit anderen Schweden.

Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass wir uns doch viel ähnlicher sind, als wir wahrhaben wollen.

Arboga-Update

In der Woche meiner Abwesenheit ging die Verhandlung um die Morde von Arboga weiter. Bislang letzter Höhepunkt war die Vernehmung der angeklagten 32-jährigen Deutschen. Die fand vor 8 Tagen statt – seither werden über 50 weitere Zeugen angehört. Laut Aftonbladet hat die Anklage mittlerweile weitere Dokumente vorgelegt.

Hier eine kleine Zusammenfassung (mit der Freiheit, etwas zu kommentieren):

  • Sie machte ihre Aussage auf deutsch, was man aber auf keinen Fall gegen sie interpretieren sollte. Müsste ich vor Gericht aussagen, würde ich dies auch in meiner Muttersprache machen wollen. Die Angeklagte war nicht lange in Schweden, und treffsichere Formulierungen zu erwarten wäre ungerechtfertigt, denn man muss schließlich auch die Schwere der Anklage beachten. Es wäre fatal, wegen Missverständnissen des Mordes für schuldig befunden zu werden.
  • Wie vorher schon bekannt war, hielt sie sich am Tag der Tat in Arboga auf. Sie sei nach der Ankunft direkt zur Besichtigung der Halvardsborg, einer Wallburg aus dem 5. Jahrhundert, von der aber nur noch Ruinen übrig sind, gefahren. Sie sei danach auch direkt wieder zurück und um 19 Uhr wieder abgereist. Am zweiten Vernehmungstag wurde sie vom Staatsanwalt damit konfrontiert, dass sie zuerst angegeben habe, sie sei dort gewesen, um sich einige spezielle Sachen anzuschauen. Später jedoch habe sie gesagt, dass sie zum Fotografieren dort gewesen sei. Sie sagte, dass der Staatsanwalt auf kleinen Details herumreite. Der Staatsanwalt führte weiter an, dass keine Spuren der angeblichen Fotos der Burg auf der Speicherkarte der Kamera gefunden worden seien. Die Angeklagte antwortete darauf, dass sie sich nicht auf den Techniker verlasse. Gegen die Angeklagte sprechen auch ihre Zeitangaben, die zum Teil auch widersprüchlich sind. Die Fahrt von Stockholm nach Arboga dauert ca. 90 Minuten. Sie gab an, sie sei um 14 Uhr angereist. Der Spaziergang zur Burg dauerte angeblich eine Stunde. Das Ganze ist natürlich wenig glaubwürdig. Im März sind die Tage noch nicht übermäßig lang (Sonnenuntergang war ca. um 18 Uhr). Selbst wenn sie schon um 14 Uhr in Arboga war, wäre sie erst um ca. 15 Uhr an der Burg gewesen. Ein erstaunlich großer Aufwand, um die Reste einer frühmittelalterlichen Burg in den letzten Stunden vor Sonnenuntergang zu fotografieren. Alles in allem wäre sie 5 Stunden unterwegs gewesen (Bahn plus Laufweg), um die Burg drei Stunden sehen zu können.
  • Die Beschreibung der Beziehung deckt sich in vielen Punkten mit den vorangegangenen Aussagen. Man habe sich auf Kreta kennengelernt, und nach einigen Treffen danach habe er Schluss gemacht. Das habe sie schwer getroffen, und sie gab auch einen Selbstmordversuch zu. Anscheinend war dies die Kurzfassung der vorigen Aussagen. Wenn man es bewerten wollte, könnte man auch sagen, dass sie einfach das erzählt hat, was ohnehin längst bekannt war.
  • Dementsprechend einsilbig wurde sie nämlich bei dem nächsten Punkt. Sie hatte gegenüber dem Lebensgefährten der schwer verletzten Mutter behauptet, dass sie ein Kind von ihm geboren und dieses zur Adoption freigegeben habe. Darauf angesprochen sagte sie nur „Warum fragen Sie das?“. Der Richter erklärte, dass sie nicht darauf antworten müsse, aber dann erklären müsse, wieso sie es nicht tue. Sie erklärte daraufhin, dass dies eine Privatangelegenheit sei und sie ihre Privatsphäre schätze. Merklich in Nöten durch die Fragen des Staatsanwaltes sagte sie, dass sie den Brief nicht an das Gericht, sondern den Lebensgefährten des Opfers geschrieben habe. Wenn man auch hier etwas interpretieren darf, gab sie damit indirekt zu, den Brief geschrieben zu haben – nur die abstruse Geschichte wollte sie nicht bestätigen. Damit bleibt die Sache eine der seltsamsten Aspekte des Falls. Laut den neuen Materialien, die die Staatsanwaltschaft vorgelegt hat, soll sie behauptet haben, ein Mann namens „Thomas Emmerich“ habe das Kind adoptiert. Die deutsche Polizei habe versucht, diesen ausfindig zu machen. Es ist aber schon sehr seltsam, dass sie den Namen überhaupt kennen will – meines Wissens werden Eltern, die ihr Kind zur Adoption freigeben, nicht über den Verbleib des Kindes informiert.
  • Das Verhalten der Angeklagten ist auch etwas undurchsichtig. Sie soll bei manchen Verhören gelacht haben, relativierte dies aber im Prozess. Allerdings sagte sie auch kurz und knapp, dass es fürchterlich sei, angeklagt zu sein. Zur Sprache kam ebenso, dass sie Cannabis konsumiert habe. Das bestätigte sie zwar, wies aber jegliche Beeinflußung durch die Drogen von sich. Hier ist vielleicht anzumerken, dass man in Schweden sehr viel strenger ist, was Drogen angeht. Cannabiskonsum ist weder gesellschaftlich akzeptiert noch wird er strafrechtlich auf die leichte Schulter genommen.
  • Am zweiten Vernehmungstag wurde sie darauf angesprochen, dass sie die Adresse des Tatorts bei sich gehabt habe. Sie hatte zunächst erklärt, sie wisse nicht, wie dies passiert sei. Vor Gericht erklärte sie jedoch, sie habe die Adresse gehabt, um sie dem neuen Vater des adoptierten Kindes zu geben. Dieser habe um einen Vaterschaftstest gebeten.
  • Auf einem beschlagnahmten Computer sind Spuren davon nachgewiesen worden, dass nach „Arboga“ und dem Namen des Lebensgefährten des Opfers gesucht worden ist. Die Angeklagte gab an, die Festplatte des Computers sei zweimal gelöscht worden wegen eines Virus. Sie habe ihn daher zweimal, einmal im Dezember und einmal im Januar, weg gegeben. Ein Bekannter eines Freundes habe sich darum gekümmert. Die Angeklagte besteht darauf, dass sie gefundenen Suchworte nicht eingegeben habe.
  • Die Angeklagte habe angegeben, dass sie an dem Tag schwarze Schuhe der Marke Vans getragen habe. Diese habe sie aber in Deutschland in den Müll geworfen, da sie ein Loch in der Sohle gehabt hätten. Die Schuhabdrücke, die am Tatort gefunden wurden, konnten bislang allerdings keinem Schuh zugeordnet werden.
  • In der heutigen Aftonbladet sind einige weitere Anhaltspunkte veröffentlicht, die nun von der Staatsanwaltschaft eingereicht wurden. Allerdings sind davon wenige wirklich interessant.
  • So habe die Analyse des deutschen Handys der Angeklagten ergeben, dass sie mit diesem Handy weder in Köping war noch jemanden in Köping – übrigens der Ort des Prozesses – angerufen habe. Die Angeklagte hatte aber behauptet, sie hätte „geheime“ Freunde in Köping.
  • Wirklich interessant ist, dass die Daten aus dem Facebook-Konto der Angeklagten ergeben haben, dass sie den Lebensgefährten des überlebenden Opfers am 8. März als Freund gelöscht habe, also 9 Tage vor dem Mord. Sie hatte aber angegeben, er wäre dort nie als ihr Freund eingetragen gewesen.
  • Der Rest bezieht sich auf vage Hinweise wie die vermeintliche Erinnerung der überlebenden Mutter, ihre ermordeten Kinder hätten am Abend des Mordes noch die Kindersendung „Bolibompa“ geschaut, was die Behauptung stützen soll, die Erinnerungen des Opfers an den Mordabend seien zuverlässig.

Ohne Frage: die Geschichte stinkt zum Himmel. Bei der Masse von Indizien ist es schwer vorstellbar, dass die Angeklagte nicht die Mörderin ist. Es kommt alles zusammen, was zu einem Mord gebraucht wird: irrationale Gefühle, eine geistig verwirrte potenzielle Täterin und der geradezu unglaubliche Zufall, dass die Angeklagte in der Stadt gewesen ist, aber eben nicht bei ihrem Ex-Freund. Zwar erscheint mir die Berichterstattung insbesondere in den Boulevardblättern als sehr wertend („Die Deutsche lügt“), aber bei der Faktenlage fällt es wirklich schwer, an die Unschuld der Angeklagten zu glauben.

Dennoch fehlen jegliche handfeste Beweise – und so bleibt die entscheidende Frage, ob die Indizien ausreichen werden, eine Verurteilung zu rechtfertigen.

German Service

Früher war ich immer sehr beschämt, wenn ich auf Auslandsreisen sofort als Deutscher erkannt wurde. Heute muss ich aber selbst feststellen, dass ich irgendwie einen Sinn dafür habe, Deutsche zu erkennen.

Mir ist es in den letzten Wochen mehrfach passiert, dass Deutsche beim Einsteigen kaum mehr als zwei Worte gesagt haben und ich sofort wusste, woher sie kommen. Bei der Intonation, die Deutsche im Englischen haben, ist das öfters auch nicht so schwer.

Ich glaube aber irgendwie, ich sollte meine Strategie ändern. Oft sind die Reaktionen verduzt bis reserviert, zum Einen aus der doch offenkundigen Frage heraus, ob ich denn nun ein sehr germanophiler Schwede bin (angesichts des badischen Dialekts wäre das aber leicht auszuschließen), und zum Anderen aus der Peinlichkeit heraus, gleich als Deutscher erkannt worden zu sein, obwohl man sich doch so schön bemüht hat. Mein Überschwang, Deutschen in meiner Muttersprache bei Fragen zum Nahverkehr helfen zu können, bleibt so wohl auf der Strecke.

Vielleicht – und das ist ein bisschen meine Befürchtung – kommt das Verhalten der Passagiere schlichtweg daher, dass sich hartnäckig die Annahme hält, jeder könne doch mindestens so ein bisschen deutsch.

Rette sich, wer kann

Bratwurst - sxc.hu

Mütter, passt auf eure Töchter auf – die Deutschen kommen!
Sie kommen in unglaublichen Massen und jagen der Bevölkerung Angstschauer über den Rücken…

So ähnlich kommt zumindest eine Geschichte in der U-Bahn-Zeitung Stockholm City vom letzten Freitag (ebenso in den Göteborger und Malmöer Schwesterblättern) daher, die Rainer entdeckt hat. Eine selbst für City-Verhältnisse extrem bescheuerte Überschrift hat man sich dann auch noch für die Zeitungsboxen ausgedacht, so dass man auch ja eine Ausgabe mitnimmt – dort wird geradezu ein Einfall der Deutschen suggeriert.

Im Text gibt man sich deutlich moderater. Der Grund für die Geschichte ist aber offensichtlich – der Redaktion ist wieder einmal überhaupt gar nichts eingefallen, und so bequatschte wohl ein Redakteur seine deutsche Bekannte, um daraus notdürftig eine Titelstory zu basteln.

Die vermeintliche Invasion der Deutschen mag im Bereich Tourismus ja noch stimmen – in der Altstadt wimmelt es in der Tat nur so. Eine allgemeine Wanderungsbewegung kann man aber nicht direkt attestieren. Laut dem statistischen Jahrbuch der Stadt Stockholm ist die Zahl der Deutschen von 1670 im Jahr 1990 auf 2153 im Jahr 2005 gestiegen. Das entspricht einem Anstieg von 13%. Damit sind gerade einmal 3,1 % der Ausländer in Stockholm Deutsche. Dieser Anteil ist zwar gestiegen, aber die Gruppe EU25 (also alle Mitgliedsländer bis einschließlich 2006) hat im gleichen Zeitraum einen Anstieg von rund 25% zu verzeichnen. Dazu sollte man auch nicht vernachlässigen, dass 405 der aktuell 2153 Teutonen schon in Schweden geboren wurden. Das werden also zumeist doppelte Staatsbürger sein.

Auch gehört Deutschland nicht zu den stärksten Herkunftsländern bei Einwanderern, die nach Schweden kommen. So stehen 1908 im Jahr 2006 eingewanderten Deutschen stolze 5922 eingewanderte Polen und 3764 eingewanderten Serben gegenüber. Von den Irakern gar nicht zu sprechen – hier sind es über 10000.

Die Story ist also einmal wieder nichts anderes als heiße Luft. Weder ist ein gewaltiger Anstieg zu erkennen, noch läuft Stockholm Gefahr, einer Germanisierung zum Opfer zu fallen.

Fast schon possierlich ist der Text der Geschichte. So erfährt man, dass die präsentierte Beispieldeutsche – Nicole Gläser ist ihr Name – frische Bratwurst vermisst und ihre Freunde damit erfreut hat, dass sie schon lebende Elche gesehen hat. Nächste Abfahrt Klischeestadt.

Die Sache mit der Bratwurst ist insofern seltsam, als dass Bratwurst gerade eines der wenigen deutschen Produkte ist, das man in jedem größeren Supermarkt erwerben kann. Über Qualität lässt sich natürlich streiten, aber immerhin ist es verfügbar. Zudem ist Bratwurst meiner Einschätzung auch nicht gerade ein Bestandteil der täglichen Ernährung, sondern eher im Bereich Imbiss und (Grill-)Fest anzusiedeln. Brot wäre da ein besseres Beispiel gewesen.

Bei meinen Recherchen habe ich übrigens eine interessante Entdeckung gemacht. In der Statistik wird auch gezeigt, welche Gemeinden in Stockholm und Umland am schnellsten wachsen. Zu meinem Erstaunen ist dies ausgerechnet Vaxholm, das Ferien- und Sommerdomizil für neureiche Städter. Am langsamsten wachsen hingegen Norrtälje und Upplands-Väsby. Das wiederum kann ich verstehen.