Studienjahrbeginn

Heute morgen: diese fünf Herren stehen an der Straßenseite

Das Leben in Schweden kehrt zurück. Gestern sah ich die ersten Führungen der KTH für die neuen Studenten. Wieder einmal bin ich erstaunt über diesen Teil der Studentenkultur in Schweden, insbesondere an der KTH. Viele Studenten tragen Overalls, deren Farbe je nach Fachrichtung verschieden ist, und Mützen, die auch die fünf Herren auf dem Bild tragen. Dieses Quintett zeigt auch die alternative Uniform: Frack, Sonnenbrille, Studentenmütze und nach Möglichkeit ein Bart. Um das Ganze noch beeindruckender zu machen, stellen sie sich wie hier in Pose und bewegungslos irgendwohin oder marschieren in Formation. Die Kleidung wird oft mit allen möglichen Aufnähern dekoriert.

Einen tieferen Sinn hinter solchen Studententraditionen vermag ich nicht zu erkennen, und man sollte ihn wohl auch nicht vermuten.

Dass die Fünf sich genau dort aufgestellt haben – die Anlage rechts neben ihnen war übrigens nicht angeschaltet – liegt wohl darin, dass sie etwas Eindruck auf die zahlreichen zur KTH strömenden Studenten machen wollen. Oder sie warten auf jemanden bestimmten. Auf jeden Fall traute sich niemand, mich eingeschlossen, direkt an ihnen vorbeizugehen,

Ich habe großen Respekt für die vielfältige und kreative Studentenaktivität an der KTH. Jedes Jahr findet ein sogenannte Studentenkarneval statt: jedes dritte Jahr mit einer großen Parade durch die Stadt (Quarnevalen), und die übrigen Jahre durch eine Bootparade, bei der Gruppen ihre Boote selber bauen müssen (Squvalp). An letzterem habe ich sogar selbst schon einmal teilgenommen. Die Studentenschaft hat ein eigenes Ferienhaus (Osqvik), macht massig Partys in seinem Haupthaus, und auch die mittlerweile zur unabhängigen Studentenradiostation Studentradi08 umgewidmete Radiostation THSRadio, Heim meiner einst geliebten Hello-Everybody-Show, war Teil der Organisation.

An anderen schwedischen Universitäten wie Uppsala scheinen solche Aktivitäten auch üblich zu sein. Weil ich nun an der Universität Stockholm bin und es dort so etwas schlicht nicht gibt, fällt es mir umso mehr auf. So oder so ist es mein letzter Studienjahrbeginn an der Universität – nächstes Jahr ist meine akademische Karriere beendet.

Studentenschwund in Schweden – Hochschulvertreter äußern sich

Thomas hat auf einen Debattenbeitrag hingewiesen, der gestern in der DN erschien.

Dort äußern sich zwei Uni-Vertreter, einer von der KTH hier in Stockholm und einer aus Göteborg, zu den Studiengebühren und den Effekten. Sie sind sehr kritisch gegenüber den Studiengebühren und meinen, man müsse die beiden Hauptargumente für die Gebühren – zuviele (und damit teure) Studenten sowie Qualität statt Billigheimer – noch einmal überprüfen.

Leider bleibt es dabei aber auch. Es kommen keine weiteren handfesten Fakten, welche die Argumentationslinie, dass die außereuropäischen Studenten Schweden auch etwas brachten, unterstützen würden. Allenfalls den naheliegenden Effekt, dass viele Kurse einfach ganz eingestellt werden, benennen sie konkret.

Sie stellen u.a. fest, dass die schwedische Wirtschaft und Gesellschaft die Absolventen bräuchten. Das ist alles wohl wahr, aber beantwortet nicht die Frage, inwieweit Wirtschaft und Gesellschaft diese auch bekommen haben, solange das Studium kostenlos war. Ich hoffe, dass es hierzu konkreteres geben wird.

Studentenschwund – die Folgen der Studiengebühren in Schweden (2)

Helsinki

Als ich noch Masterstudent war, bezahlte mir die KTH einmal eine Fahrt nach Helsinki samt Übernachtung. Das war in der Tat sehr großzügig, aber nicht ganz so großzügig wie in den Jahren zuvor – da fuhr der ganze Kurs Reaktorphysik nach Belgien. Der Grund dafür war schlicht, dass man einen entsprechenden Reaktor für die Experimente in Schweden nicht mehr hat.

Eine kleine Geschichte zwischen Finnland, Schweden, Pakistan und einem Forschungsreaktor

In meiner Gruppe waren zwei pakistanische Studenten, die ich in dem Rahmen etwas kennenlernen durfte. Ich zeigte ihnen das bisschen von Helsinki, das ich kannte. Die beiden waren sehr nett, zurückhaltend und bescheiden. Es war recht offensichtlich, dass sie mit sehr begrenzten Mitteln wirtschafteten. Wohl nicht nur aus religiösen Gründen hatten sie etwas Toastbrot und Brotaufstrich dabei, um ein paar Mahlzeiten zu ersetzen. Bei politischen Fragen wollte ich nicht allzu tief bohren, aber es war schon interessant zu hören, dass sie unumwunden sagten, es lohne sich bei ihnen nicht, zur Wahl zu gehen, weil sie sowieso nicht sauber verlaufe. Die Aussage, dass die Taliban es immerhin geschafft hätten, Afghanistan einigermaßen stabil zu regieren, konnte ich zwar bestätigen – freilich aus einem anderen Blickwinkel. Vor einem Sex-Shop in Helsinkis Innenstadt fragten sie, ob sie denn da reingehen dürften. Ich antwortete, dass sie das natürlich dürften. Ausprobiert haben sie es nicht. Schade eigentlich, denn das hätte dieser interkulturellen Begegnungsreise noch einiges hinzugefügt.

Wir führten allerlei kleine Experimente an einem Forschungsreaktor in Helsinki durch, die wir anschließend auswerten und in einem Bericht zusammenfassen sollten. Frisch vom blauen Tscherenkow-Licht angestrahlt kehrten wir nach Stockholm zurück. Ab dem Zeitpunkt ging es bergab. Wir einigten uns darauf, dass ich den Bericht zusammenstellen sollte und jeder ein Drittel der Aufgaben bearbeiten würde. Die Stücke, die meine Mailbox erreichten, waren weitaus schlimmer als erwartet.
Nicht dass ich ein perfektes Englisch erwarten würde – wir sind alle keine Muttersprachler – aber dass die Texte auch einmal gelesen werden schien nicht zuviel verlangt. Stattdessen erhielt ich Texte, die mit Fehlern übersät waren. Die Analysen waren weitgehend nicht nachvollziehbar gemacht, die Resultate unvollständig.

Als wir das einreichten, war das Urteil wenig überraschend: nicht akzeptiert. Man musste sich also zusammensetzen und alles noch einmal überarbeiten. Das scheiterte schon daran, dass einer der beiden im Sommer nach Pakistan gereist und seither nicht mehr erreichbar war. Es musste angenommen werden, dass er nicht mehr zurückkehren würde. Das Ende kann man erahnen: der andere zeigte immerhin noch etwas Interesse, aber das allermeiste blieb an mir hängen. Das Gemachte konnte man wegen Unverständlich- und Unbrauchbarkeit in die Tonne treten. Stattdessen machte ich die Aufgaben selbst.

Die Situation war schon grotesk: ich hatte den Kurs nur spaßeshalber belegt und brauchte die Punkte nicht. Die beiden hingegen machten einen Reaktorphysik-Master, bei dem dies natürlich ein Pflichtkurs war. Wichtigkeit und Engagement standen in deutlichem Widerspruch. Ich beschloss, in diesem Fall einmal unsolidarisch zu sein und den Tutoren zu empfehlen, dem entschwundenen Kommilitonen den Kurs nicht anzurechnen – physische Anwesenheit war schon irgendwo vorauszusetzen, fand ich. Es ist nicht ganz ohne Unbehagen, wenn ich mir überlege, dass er vielleicht mit seiner halbfertigen Ausbildung und derart offenkundigen fachlichen Mängeln in Pakistan an den Reglern eines dortigen Kernkraftwerkes sitzen könnte.

Etwas aus dem Fenster gelehnt: was die beiden hierher brachte

Was hat diese Anekdote mit dem Thema zu tun? Mehr als man denkt.

Die beiden Kollegen scheinen mir nicht untypisch zu sein. Bei beiden hatte die Familie schon eine Ehe arrangiert. Sie lebten in bescheidenen Verhältnissen dicht gepackt in einem Zimmer. Sie verdienten sich etwas Geld durch das Verteilen von U-Bahn-Zeitungen hinzu.

Ich glaube nicht, dass der Grund ihrer Anwesenheit in Schweden akademische Bildung oder gar Exzellenz war, ja nicht einmal die Ausbildung an sich. Sie waren eher Vertreter der pakistanischen gehobenen Mittelschicht, die mit den Mitteln der Familie ins Ausland geschickt wurden, um dort irgendetwas zu studieren, auf dass man einen vorzeigbaren Sohnemann habe. In Schweden zu bleiben war zu keinem Zeitpunkt eine Option, und die Wahl fiel auf das Land nur, weil man hier eine englischsprachige Ausbildung ohne Studiengebühren erhalten konnte.

Die Frage ist, ob dies wirklich so typisch ist. Dazu habe ich morgen einen recht authentischen Erfahrungsbericht eines ehemaligen pakistanischen Studenten.

Das radioaktive Orchester

Manchmal erfährt man über 5 Ecken, was neben einem passiert. Die Kollegen von der KTH haben ein sehr interessantes Projekt gestartet: die Energien von Gamma-Zerfällen in Musik umwandeln. Der Musiker, mit dem sie das zusammen entwickelt haben, will daraus sogar echte Stücke machen.

Für den Moment gibt es aber schon einmal ein sehr schickes Präsentationsvideo (schwedisch mit englischen Untertiteln):

Und natürlich kann man auch selbst ein paar radioaktive Isotope nehmen und das Ganze klimpern lassen, nämlich auf der Webseite von The Radioactive Orchestra.

Eine lustige Sache, zumal Kooperationen zwischen Kunst und Naturwissenschaft nicht übermäßig oft vorkommen, und nebenbei auch der pädagogische Zweck verfolgt, zu erklären, dass es tatsächlich natürliche Radioaktivität gibt.

Bo Cederwall sitzt interessanterweise nur einen Korridor unter mir, und fast hätte ich einmal einen Kurs bei ihm gemacht. Vielleicht werde ich meinen Enkeln einmal erzählen müssen, dass ich einen Kurs bei einem der bedeutendsten Musiker des 21. Jahrhunderts geschmissen habe.

[via Geeks are Sexy]

Feuer in der Architekturhochschule

Die Architekturschule der KTH - nach Meinung vieler das hässlichste Gebäude Stockholms (Bild: Oscar Franzén, Public Domain)

Über Großbrände zu berichten ist zwar nicht gerade mein Metier, aber in dem Fall ist das Feuer keine 1,5 Kilometer von hier entfernt: die Architekturschule der KTH brennt, und zwar mächtig. Glücklicherweise kam niemand zu Schaden, aber das Dach wurde schon gesprengt, und zur Stunde ist der Brand noch nicht unter Kontrolle.

Das Ganze hat vor allem eine gewisse Ironie, weil die Architekturschule ein ausnehmend hässliches Gebäude ist. Als ich es vor gut 5 Jahren zum ersten Mal sah, dachte ich, es handele sich um ein Parkhaus oder etwas anderes wenig heimeliges. Dass darin ausgerechnet Architekten ausgebildet werden, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.

Besonders witzig ist irgendwie, dass das Feuer noch nicht einmal aus und schon die ersten Spekulationen im Umlauf sind, ob man das Gebäude denn nicht lieber abreißen und durch etwas ansehnlicheres ersetzen sollte. Worüber wir hier im Büro diesen Morgen noch scherzten, ist jetzt schon schlagzeilentauglich. Spontan wäre ich dafür – das bisherige ist nun wirklich keine Zierde für Stadt und Hochschule.

Auswandererguide Teil XVIII: Studieren in Schweden – Master und Doktor

Wie man an den bisherigen Ausführungen erkennen konnte, ist die Aufnahme eines Grundstudiums in Schweden nicht ohne Tücken. Neben den eventuell hohen Anforderungen in Sachen Sprache, belegte Fächer und Noten gibt es eventuell auch finanzielle Probleme zu meistern.

Ein Fortsetzungsstudium in Schweden ist daher für viele die ideale Möglichkeit, nach Schweden zu kommen – da bin ich mit eingeschlossen. Mit Fortsetzungsstudium ist gemeint, dass man zuvor schon einen Bachelor oder Master (bzw. vergleichbares) erworben hat und nun in Schweden mit einem Master bzw. Doktor weitermachen möchte.

Finanziell ist es weniger kritisch, weil zumindest der Doktor bezahlt ist. Sprachlich ist es weniger kritisch, weil Fortgeschrittenen- und Graduiertenkurse häufig auf Englisch sind.

Masterprogramme

Hinzu kommt, dass Schweden eine große Bandbreite an internationalen Masterprogrammen anbietet, die speziell für ausländische Studenten gedacht sind und in denen komplett auf englisch unterrichtet wird. Allerdings sollte man bedenken, dass die Anforderungen in diesen Studiengängen auch speziell darauf zugeschnitten sind. Das soll heißen, das Bewerbungsverfahren stellt unter Umständen besondere Ansprüche, die zwar als Vorsichtsmaßnahme bei nichteuropäischen Studenten sinnvoll erscheinen, aber auf europäische Studenten nur befremdlich wirken.

Bei meiner Bewerbung wurde zum Beispiel verlangt, dass man zwei Empfehlungsschreiben und ein ärztliches Attest über einen guten Gesundheitszustand einreicht sowie den TOEFL-Test bestanden hat. Dies soll offenkundig verhindern, dass Leute von dubiosen Hochschulen sich nach Schweden schleichen oder jemand zum Schein ein Studium beginnt, um eine in seiner Heimat nicht bezahlbare medizinische Behandlung auf Kosten des schwedischen Staates machen zu lassen.
So streng war es letztendlich nicht bei mir. Den TOEFL hatte ich nicht, was nicht bemängelt wurde, und auch das Attest hätte ich mir vermutlich sparen können. Verlassen kann man sich aber nicht darauf, dass man als Europäer nicht alle Anforderungen erfüllen muss, denn ich kam von einer Partnerhochschule der KTH, was die Bewertung wohl etwas gnädiger ausfallen ließ.

Nur auf eines kann man sich verlassen: EU-Bürger dürfen nicht diskriminiert werden, was soviel heißt, dass die Hochschule keine Anforderung an EU-Bürger stellen darf, die sie nicht auch an Schweden stellt. Insofern gilt es, die Anforderungen sehr gründlich durchzulesen.

Die Bewerbung für solche Programme erfolgte früher manchmal direkt bei der Hochschule (auch in meinem Fall), mittlerweile aber praktisch flächendeckend über studera.nu, die dann analog zu dem vorher beschriebenen System die eingeschickten Unterlagen beurteilen. Leider gibt es anscheinend keine Liste der Masterprogramme auf studera.nu – also ist es besser, sich durch die einzelnen Hochschulseiten durchzuklicken, um herauszufinden, welche Programme es gibt. Ein gutes Stichwort ist „magisterprogramm“ bzw. dessen bestimmte Form „magisterprogrammet“.

Promotion

Spätestens im Postgraduiertenbereich wird ohnehin alles etwas internationaler und unabhängiger. Hier laufen die Bewerbungen natürlich direkt über die Hochschule, so dass es auch nicht mehr ganz so standardisiert ist. Daher kann ich hier nur sehr bedingt einen Überblick über die schwedischen Besonderheiten in diesem Bereich geben.

Man ist im Gegensatz zu Deutschland kein reiner Hochschulmitarbeiter, sondern auch noch Student – man spricht vom forskarstudent (Forscherstudent). Das äußert sich leider nicht nur in einem netten Studentenausweis, mit dem man die üblichen Vergünstigungen erhält, sondern auch daran, dass verlangt wird, eine bestimmte Menge von ECTS-Punkten zu erwerben. Allerdings ist das auch individuell verschieden – je nach Vorausbildung werden bestimmte Kurse erlassen.

Auch ist das Doktorandenstudium länger als in Deutschland. Vier Jahre sind hier üblich. An vielen Stellen kann man auch fünf Jahre machen und dann 20% der Zeit für andere Dienste am Institut verbringen. Oft sind das Aufgaben in der Lehre wie die Betreuung eines Tutoriums, aber es können auch andere Dinge sein. Dies ist für Schweden oft nicht uninteressant, da sie dadurch 5 Jahre lang eine gesicherte Anstellung haben und Pensionsansprüche erwerben.

An vielen Hochschulen gibt es zudem das Licentiat. Es handelt sich dabei um ein Zwischenexamen, das nach zwei Jahren abgelegt wird – sozusagen als Generalprobe für die Doktorarbeit. Es ist für sich genommen zwar auch ein akademischer Grad, aber kaum jemand dürfte danach direkt aufhören. International ist es ohnehin unbekannt.

Als Doktorand wird man üblicherweise bezahlt. Jedoch haben auch hier die Hochschulen ihre Tricks, Geld zu sparen. So wird bei vielen Doktoranden über Teile der vier Jahre statt eines Lohns ein sogenannter Utbildningsbidrag (Ausbildungsbeitrag) bezahlt. Es ist eine Art Stipendium, und da es kein Lohn im formellen Sinne ist, kann sich die Hochschule die üblichen Arbeitgeberabgaben sparen. So kommt das gleiche Netto bei weniger Kosten für die Hochschule heraus. Als Doktorand hat dies den Nachteil, dass darauf nicht die gleichen Pensionsleistungen entrichtet werden wie auf einen Lohn. Also fallen hier eventuell Ansprüche weg. Auch im Falle von Krankheit oder Arbeitslosigkeit (zugegebenermaßen unwahrscheinlich) kann dies Schwierigkeiten machen, da man natürlich keinen Lohnersatz erhalten kann, wenn man gar keinen Lohn erhalten hat.

Zur Höhe der Bezahlung sei noch gesagt, dass man davon leben kann, es aber für schwedische Verhältnisse meist am unteren Ende der Lohnskala liegt. Ich erhalte beispielsweise rund 1500 € brutto – als Vollzeitbusfahrer wären es gut 30% mehr.

Auswandererguide Teil XV: Studieren in Schweden – Austausch

IMAG0005

Freizeitaktivitäten für Austauschstudenten: Begrüßungspicknick

Die ohne Frage leichteste Art, nach Schweden zu kommen, ist ein Austauschstudium. Nicht nur, weil die Anmeldeprodezur oft unkompliziert ist und ein Platz leicht zu bekommen ist. Die Hochschule unterstützt bei der Wohnungssuche, das Studium ist locker und zudem wird auch noch ein Freizeitprogramm angeboten.

Das klingt nach einem halben bzw. einem ganzen Jahr Müßiggang mit Party in internationaler Gemeinschaft. Und das ist es oft auch – es kann aber auch eine Chance sein, Kurse zu machen, die in der Heimat nicht angeboten werden. Gelegenheiten wie z.B. Praktikumsangebote wahrzunehmen, die sich im Lebenslauf gut machen. Oder gleich die Fühler für eine eventuelle spätere Promotion auszustrecken.

Die Möglichkeiten, die ein Austausch bietet, sind also vielfältig.

Da fast aller europäischer Austausch im Rahmen des Erasmus-Programms abläuft, beschränke ich mich hier darauf.

Erasmus-Programm

Das Erasmus-Programm fällt in vieler Hinsicht aus dem Rahmen, weil nur wenige, die mit dessen Hilfe nach Schweden kommen, beabsichtigen, länger zu bleiben. Recht wenig dürfte Schweden als Erasmus-Ziel von anderen Ländern unterscheiden, was den allgemeinen administrativen Ablauf angeht. Dieser Abschnitt ist bewusst allgemein gehalten, denn ich kann und möchte keine Liste aller Erasmus-Kooperationen zwischen den Hochschulen im deutschsprachigen Raum mit den Hochschulen in Schweden präsentieren. Ansprechpartner an der eigenen Hochschule zu finden ist nun auch nichts, was einen halbwegs begabten Studenten überfordern dürfte.

Schweden ist bei deutschen Studenten recht beliebt. Wenn man diese Statistik anschaut, so sieht man für das akademische Jahr 2006/2007, dass Schweden auf Platz 4 der beliebtesten Ziele lag, und mit einem Anteil von 8,3% deutlich vor den anderen nordischen Ländern und sogar vor Italien. Für eine relative kleine Nation ist Schweden also überproportional beliebt. In besagtem Jahr kamen 27,6% der Austauschstudenten in Schweden aus Deutschland, weitere 4,8% aus Österreich. Wenn man dann die Schweizer dazu nehmen könnte (die leider in der Liste fehlen), landete man wohl bei ca. einem Drittel deutschsprachiger Austauschstudenten.

Die Gründe hierfür kann man an verschiedenen Stellen suchen.

Soweit ich das bisher erlebt habe, nehmen beide Stockholmer Hochschulen äußerst bereitwillig Austauschstudenten auf. Dies ist alleine schon deswegen bemerkenswert, weil sie dabei auf erhebliche Probleme in der Unterbringung stoßen und teilweise schon auf Container als Wohnraum zurückgegriffen haben. Aber auch auf ganz Schweden bezogen scheint das so zu sein, denn Schweden liegt in der genannten Aufstellung auf Platz 5 der Gastländer – und damit vor Ländern mit erheblich größerer Bevölkerung. Letztendlich gehen auch viel weniger schwedische Studenten ins Ausland als die schwedischen Hochschulen an Austauschstudenten aufnehmen.

Die Beliebtheit Schwedens hat aber auch eine ganz simple Ursache: Sprachlernfaulheit. Denn die Schweden der akademischen Welt erwarten irgendwie auch gar nicht, dass man ihre Sprache lernt. Im akademischen Umfeld ist englisch hier oft nicht nur Zweitsprache, sondern sogar Erstsprache. Auch nach über 3 Jahren in Schweden habe ich keinen einzigen Kurs gemacht, der rein auf schwedisch abgehalten wurde. Auch die Studentenwohnheimsgesellschaft SSSB, die mein Studentenzimmer unterhielt, waren grundsätzlich alle Informationen zweisprachig. In nur wenigen Ländern wird man es so leicht haben in dieser Hinsicht.

Bei deutschen Studenten kommt sicherlich auch noch dazu, dass Schweden natürlich mit gewissen sentimentalen Vorstellungen behaftet ist. Die notorische Tendenz der Deutschen, dieses Land für ein großes Bullerbü mit blonden Menschen, Elchen und grandioser Natur zu halten, in dem alles besser sein muss (weil in Deutschland ja alles so furchtbar schlecht sei), dürfte zumindest unterschwellig die Entscheidung für ein Austauschland beeinflussen.

Soweit ich es beurteilen kann, sind die schwedischen Hochschulen sehr bemüht um ihre Austauschstudenten. Dass betrifft nicht nur den umfangreichen Einsatz bei der Unterkunftssuche, sondern auch ein recht umfängliches Programm mit Bootsfahrten nach Tallinn und Trips nach Russland, an denen Austauschstudenten aus ganz Schweden teilnehmen. Die Betreuung lässt also anscheinend wenig zu wünschen übrig.

Dem Ruf als größtes Reisebüro der Welt kann Erasmus jedoch auch in Schweden nicht entfliehen, denn ein Austauschjahr ist noch lange keine Garantie für Studienleistungen. Für viele Studenten ist ein Erasmus-Austausch Urlaub, in dem man einige Alibi-Punkte sammelt, um später sagen zu können, im Ausland studiert zu haben. An der KTH gab es zur Unterstützung dieses Unterfangens einen Kurs namens „Swedish Culture and Society“, der zu guten Teilen aus Studienbesuchen bestand und eine einfache Methode war, ECTS-Punkte zu erwerben. Flankiert wurde das ganze vom Anfänger-Schwedischkurs. Während die ersten zwei der insgesamt vier Kursniveaus noch gut besucht waren, nahm die Beteiligung darüber rapide ab. Letztendlich lief es also darauf hinaus, dass kaum ein Austauschstudent in der Lage war, auch nur einfaches Schwedisch im Alltag zu nutzen. Dass ein gutes Viertel der Austauschstudenten Deutsche sind, dürfte auch nicht gerade zur sprachlichen Kompetenzentwicklung beitragen.

Daher gilt wohl der allgemeine Rat für alle Erasmus-Studenten unabhängig vom Gastland: ein Jahr Ausland auf dem Lebenslauf sieht nett aus, beeindruckt heute aber für sich genommen keinen Chef mehr.

Trotzdem ist ein Erasmus-Jahr ohne Frage eine tolle Sache, die man sich keinesfalls entgehen lassen kann. Letztendlich ist es eine wertvolle Erfahrung, die mit keiner zuhause erreichbaren Studienleistung zu vergleichen ist. Wenn man es historisch sieht, dann dürfte das Erasmus-Programm zwar nicht unbedingt zur Förderung einer besseren Lehre beitragen, aber sicherlich zur Förderung der europäischen Verständigung.

Wer sich nach diesen ganzen Ausführungen fragt, wie er denn nun per Erasmus nach Schweden kommt. Ganz einfach: erst informieren, wann man denn überhaupt im Studium ins Ausland kann, denn in den ersten Semestern geht das selten. Dann das Akademische Auslandsamt der Heimatuni fragen, denn die wissen am besten bescheid, welche Austauschverträge bestehen, d.h. zu welchen schwedischen Hochschulen man kann.

Der Rest ergibt sich.

Auswandererguide Teil XIV: Studieren in Schweden – Allgemeines

IMG_3323

Beweis meiner bezahlten Beiträge: Studentenausweise

Es ist wieder einmal Zeit für eine lange geplante, aber immer wieder verschobene neue Staffel des Auswandererguides. Bei meinen Aktivitäten in Schwedenforen kommen öfters Fragen auf, wie man in Schweden studieren kann.

Die individuellen Fälle sind dabei sehr vielfältig – manche kommen nur für ein Jahr in Schweden, andere möchten ein Fortsetzungsstudium machen. Einige ganz ambitionierte wollen ihr ganzes Studium in Schweden absolvieren. Prinzipiell geht das alles, aber die Informationen hierzu zu finden ist mühsam.

Diese und die folgenden Seiten werden hoffentlich etwas erleuchtend diesbezüglich sein.

Allgemeines

Wenn man Berichte wie diesen liest, mag man in den Glauben verfallen, an schwedischen Hochschulen herrschten ganz und gar paradiesische Zustände. In der Tat ist einiges verschieden von deutschen Hochschulen, soweit ich dies aus meinen Erfahrungen an der KTH und der Stockholmer Universität im Vergleich zur Uni Karlsruhe, an der ich früher studiert habe, sagen kann.

Studiengebühren gibt es in diesem Sinne nicht. Es gab Diskussionen, sie für Nicht-EU-Bürger einzuführen, aber weit gediehen ist dies nicht. Zahlen muss man lediglich die sogenannte „kåravgift“, die der Studentenschaft zukommt. Die Höhe dieser Abgabe ist verschieden. Bei der KTH lag sie bei ca. 30 €, an der Stockholmer Universität ist sie etwas höher. An der KTH war zudem ein Teil der Abgabe optional. Wollte man z.B. das Studentenradio unterstützen (was ich natürlich tat), konnte man den Beitrag um einen festgelegten Satz erhöhen. Anscheinend ist es jedoch so, dass man auch studieren kann, wenn man die Abgabe nicht bezahlt. Will man jedoch sein Abschlusszeugnis beantragen, braucht man einen Nachweis, dass man gezahlt hat. Die Zahlungsmoral kann also von regelmäßig bis alles zum Schluss schwanken.
Die Abgabenpflicht soll aber nach dem Willen der derzeitigen Regierung zum Sommer 2010 abgeschafft werden. Und wie ich diese Regierung kenne, wird das auch so kommen.

Das Konzept von Abschlussprüfungen ist in Schweden anscheinend nicht bekannt. Viele Kurse werden in Seminarform abgehalten, und die klassische allesentscheidende Klausur am Ende gibt es zwar in manchen, aber längst nicht in allen Kursen. Ein Dozent sagte zu uns sogar mal ganz offen, dass dies im Arbeitsleben ja auch nicht passiere, dass man vom Chef 4 Stunden lang in ein Zimmer gesperrt wird und dann ohne Hilfsmittel ein Problem lösen muss. Diese Art von Praxisbezogenheit war mir in Deutschland nie begegnet. Studienabschlussprüfungen, bei denen man praktisch alles, was man einmal gelernt hat, parat haben muss, existieren daher meines Wissens nicht. Das Studium ist kumulativ angelegt, d.h. man sammelt seine Punkte in Pflicht- und Wahlkursen. Sobald man eine gewisse Punktzahl zusammen hat, kann man mit dem Schreiben einer Abschlussarbeit beginnen. Man kann während des Schreibens und danach weiterhin an Kursen teilnehmen, um alle Anforderungen des Studiengangs letztendlich zu erfüllen.

Die Abschlussarbeit hat je nach Fach und akademischem Grad unterschiedliche Bezeichnungen. Bacheloraspiranten schreiben beispielsweise einen „C-uppsats“ (C-Aufsatz), Magister einen „D-uppsats“. Ich schrieb eine Examensarbete, was wohl in technischen Fächern die übliche Bezeichnung ist. Daher spricht man auch vom „Exjobb“, wobei es sich aber nicht um einen echten Job handelt, denn viele dieser Stellen sind unbezahlt. Das ist auch mit ein Grund, dass es zumindest in meinem Fach Physik nicht unüblich ist, diese Arbeit extern, also beispielsweise in einer Firma zu schreiben. Welche Firma hat nicht gerne einen jungen Forscher, der annähernd kostenneutral etwas entwickelt, was von Nutzen für den eigenen Betrieb sein könnte?

Das Studieren selbst läuft auch etwas anders ab. Eine Massenvorlesung habe ich noch nicht erlebt. Es gibt zwar eine Reihe größerer Vorlesungssäle, aber sowohl in Format als auch in der Anzahl war ich aus Karlsruhe anderes gewohnt. Der Kontakt mit den Dozenten ist wie in Schweden üblich von flachen Hierarchien und damit direktem Kontakt geprägt.

An Leseplätzen u.ä. hat es mir eigentlich nie gemangelt, wobei dies natürlich nicht repräsentativ sein kann. Was die Lehrmittel angeht, ist es jedoch ein erheblicher Unterschied zu Karlsruhe insofern, als dass dort die Standardkursliteratur in zigfacher Ausfertigung in den Regalen der Bibliothek stand und sich daher fast jeder Student für die Dauer des Kurses eines ausleihen konnte. In der Bibliothek hier gibt es bestenfalls zwei oder drei Ausgaben, wobei eigentlich nur ein weiteres Buch angeschafft wird, wenn eine neue verbesserte Auflage verfügbar ist. Mehrere Bücher identischen Inhalts wird man also kaum finden.

Einen Typus Student habe ich hier bislang kaum gesehen: den Bummelanten. Während einige Leute in Karlsruhe es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, die Aktivitäten im selbstverwalteten Wohnheim zu unterstützen, und die üblichen Verdächtigen, ihres Zeichens Studenten im 35+ Semester, regelmäßig in den einschlägigen Kneipen versumpften, habe ich hier zwar schon Studenten jeden Alters gesehen, aber keiner schien mir einer zu sein, der im Studium hängengeblieben ist. Dies mag auch an der Art der Studienförderung hier liegen (dazu mehr auf den folgenden Seiten).

Das Alter ist durchaus ein interessanter Aspekt, denn das lebenslange Lernen scheint in Schweden deutlich stärker vertreten zu sein als in Deutschland. Als ich hier anfing, hatte ich einen Kommilitonen jenseits der 40, und auch in anderen Vorlesungen saßen ernsthafte Studenten, die rund 10 Jahre älter als ich waren.

Immer diese High Society

img_2481

Ich bin mir ja meiner Prominenz vollkommen bewusst. Welche Gesellschaftsveranstaltung würde schon gerne auf mich verzichten?

Nun habe ich aber eine Einladung zur Diplomübergabe der KTH im Stadshuset erhalten. Kurz darauf flatterte auch noch eine Einladung zum Willkommensabend für Doktoranden an der Stockholmer Universität herein. Allerdings war ich bei beiden Veranstaltungen schon im letzten Winter zugegen.

Das finde ich dann doch etwas anbiedernd.

Change

Letzte Woche flatterte eine Benachrichtigung über ein Einschreiben ins Haus. Diese muss man in Schweden nämlich wie die meisten Pakete auch bei der Postagentur abholen.

Es war wie erwartet mein Zeugnis. Nun bin ich also auch offiziell ein „Master of Science“, mit einem „major in physics“, wer es genau wissen möchte. Es ist damit mein Lebenstraum erfüllt: endlich kann ich bei den ganzen unnötigen Meinungsumfragen, an denen ich teilnehme, „abgeschlossenes Hochschulstudium“ als Ausbildung ankreuzen. Kann es ein größeres Glück geben?

Der Titel des Posts lautet aber „Change“ nicht nur wegen meines geänderten Akademikerstatus, sondern wegen der Dinge, die sich auf der anderen Seite des Atlantiks heute abspielen. Ich werde heute nacht mitfiebern. Weil ich begeistert bin, was ein schwarzer Senator mit einer cleveren Taktik und großen Visionen in zwei Jahren geschafft hat und in den kommenden vier Jahren noch schaffen kann. Weil ich mir wünsche, auch in Europa würde man wieder an eine bessere Zukunft glauben und mit ähnlichem Enthusiasmus dafür einstehen. Und, ganz nebenbei, weil ich dann nicht nach Hessen schauen muss.