Irgendwann komme ich nochmal ganz groß raus

Peter Wide – Artificial Human Sensors; der Autor ist ein schwedischer Professor aus Örebro

Meine Bekanntheit als Fotograf ist beschränkt, was vermutlich vor allem dran liegt, dass ich kein übermäßig guter bin. In letzter Zeit bin ich zunehmend unzufrieden. Dass jemand meine Machwerke drucken will, hätte ich aber auch vorher schon nicht erwartet.

Doch es kam anders. Im Februar 2010 meldete sich das Verlagshaus Pan Stanford Publishing bei mir. Man wolle ein Foto von mir verwenden, und zwar dieses:

Mein Platz beim Nobelbankett 2005 – Bild aufgenommen mit einer grottenschlechten Billigkamera und für die Wikipedia bereitgestellt.

Dieses prächtige Bild zeigt das Service, welches sich mir am Nobelbankett 2005 präsentierte. Ich hatte die Lotterie für Studenten gewonnen und durfte teilnehmen. Als Kamera diente eine ND-4020, die ich bei Lidl erworben hatte. Man kann das wohl als Beleg dafür sehen, dass man auch mit einer schlechten Kamera mal etwas Glück haben kann.

Das Foto sollte in dem Buch „Artificial Human Sensors“ von Peter Wide, der an der Universität Örebro lehrt, erscheinen. Die Bedingungen für den Deal waren: Namensnennung und ein Probeexemplar. Mit Geld hätte ich ohnehin nicht gerechnet, und so stimmte ich zu.

Man bedankte sich, und dann geschah erstmal nichts mehr. Gelegentlich schaute ich, ob das Buch denn erschienen war. Das zog sich noch eine ganze Weile hin, nämlich bis in den März dieses Jahres. Von Pan Stanford hörte ich freilich auch danach nichts. 80€ und mehr wollte ich nicht ausgeben, um mein Foto in einem Buch zu bewundern. Also fragte ich beim Verlag nochmal an.

Mit etwas Verzögerung erhielt ich also mein Probeexemplar:

Mein kleiner Beitrag zum Buch: ein Bild vom Nobelbankett 2005

Da ist es also, schwarz-weiß mit dieser etwas allgemein gehaltenen Bildunterschrift versehen. Nicht nur deswegen habe ich auch nicht verstanden, wieso das Bild in dem Buch drin sein soll. Auch die anderen Bilder erscheinen mir eher als Methode zur Vermeidung einer Textwüste, weniger als inhaltlicher Beitrag. Trotzdem diene ich natürlich gerne auf diese Art der Wissenschaft. Bei Gelegenheit werde ich das Buch mal durchschmökern.

Der Witz bei der ganzen Sache ist aber letztendlich: der „Courtesy“, das Bild abdrucken zu dürfen, hätte es gar nicht bedurft. Ich hatte das Foto ka schon in der Wikipedia unter eine Creative-Commons-Lizenz bereitgestellt, die eine Weiterverwendung erlaubt hätte. Man hätte mich also gar nicht nach Erlaubnis fragen müssen. Es hätte genügt, die Lizenz und meinen Namen irgendwo im Impressum zu nennen. Bei einem Verlagshaus müsste man das eigentlich wissen, aber vielleicht wollten sie einfach die ausdrückliche Genehmigung.

Mir soll es recht sein – schließlich wird einem nicht jeden Tag eine solche Ehre zuteil.

Happy Birthday

Da sich die Medien schon Tage im Voraus auf den 10. Geburtstag der Online-Enzyklopädie Wikipedia stürzten, will ich hier keine große Lobeshymnen mehr schreiben. Zumal ich selbst mitarbeite bei diesem Werk, dem feste Daten eigentlich eher fremd sind, denn jede Sekunde wird dort etwas verändert.

Daher verweise ich auch gerne auf dieses tolle Spielzeug, das immer anzeigt, was gerade so geändert wird in der deutschen Wikipedia:

In diesem Sinne: Alles Gute und auf weitere zehn Jahre!

Zur Geburtstagsparty werde ich aber leider nicht kommen – ich weile in einer Stadt, wo es keine solche gibt.

Die Oligarchie und Besserwisserei der Online-Enzyklopädisten

Mit Interesse habe ich diesen Artikel auf Spiegel Online gelesen.

Da ist von der Oligarchie der Wikipedia zu lesen, bei der ein kleiner harter Kern definiert, was relevant ist und was nicht, was Wahrheit ist und was nicht. Von wegen Mitmachenzyklopädie für alle, bei der die Masse in gegenseitigem Wettstreit ein rundes Gesamtprodukt zum Wohle der Menschheit fabrizieren.

Der Artikel hat so recht – und doch so unrecht. Das wirklich interessante an ihm ist, dass er auf Eigenschaften herumreitet, die man gerne mit dem deutschen Kulturkreis verbindet: Besserwisserei, Engstirnigkeit. Dabei fördert er selbst eine Eigenschaft, die man ebenso mit Deutschen verbindet: die Unzufriedenheit.

Wikipedia ist in der Tat eine Oligarchie. Der richtig aktive Kern ist klein, der Neueinstieg für Benutzer ist schon wegen der unkomfortablen Bedienung und wegen des ausladenden Regelwerks eine Herausforderung.

Ist das schlecht? Vielleicht, wenn man es auf den internen Umgang herunterbricht. Wo Menschen zusammentreffen, geht es nicht immer friedlich zu. Es ist für mich die interessanteste Frage hierbei, ob nicht gerade die deutsche Kultur – oder vielmehr ihre Verbissenheit – dafür sorgt, dass die deutschsprachige Wikipedia ein so rigoroses Regelwerk hat. Vielleicht wäre der im Artikel beschriebene Vorfall, bei dem sich die Leute darüber bekriegten, ob ein Turm nun ein Fernsehturm ist oder nicht, in einer anderssprachigen Wikipedia schon deswegen nicht passiert, weil Diskussions- und Streitkultur in anderen Kulturkreisen dies gar nicht zuließen.

Auch das muss nicht schlecht sein, kann es aber. Viel schlimmer ist die Heuchelei, die in der Verurteilung dieser Kultur inne wohnt. Besserwisserei wird als etwas Verachtenswertes empfunden. Ist es nicht grotesk, dass eine Kultur, die Besserwisserei in ihren Zügen trägt, diese so vehement verurteilt? Selbst wenn man nicht über die Vorzüge und Nachteile dieser Eigenschaft sinniert, so bleibt doch einmal festzuhalten, dass einer Enzyklopädie eher ein Mangel an Besserwisserei schaden kann als dessen Übermaß.

Das Problem mit dem Tenor des Artikels – und das lässt sich auf allerlei andere Wikipedia-Kritik übertragen – ist, dass man nicht mit dem zufrieden sein kann, was man hat. Dies ist eine sehr deutsche Eigenschaft, möchte ich behaupten. Diese Haltung zeigt sich daran, dass der Artikel die Schwärmereien über die soziale Revolution anklingen lässt, die Wikipedia hätte sein können: unzählige Menschen aus aller Welt arbeiten zusammen, um einen Wissenspeicher zu schaffen. Alles ist neutral, alles gleicht sich aus, alles wird toll.

Daran gemessen kann die Realität nur scheitern, und sie tut es. Dies führt zu einer paradoxen Situation: Tausende von Menschen arbeiten in ihrer Freizeit für die Errichtung einer kostenlosen und für jedermann verfügbaren Enzyklopädie, die in der deutschen Version über 1 Million Artikel hat. Das wird aber nicht honoriert – im Gegenteil wird umso intensiver nach den Fehlern gesucht. Mir ist es auch schon selbst untergekommen, dass manche sich über die Qualität eines Artikels beschweren als hätten sie dafür gezahlt und müssten nun enttäuscht feststellen, dass die gelieferte Ware schadhaft ist.

Dass man eigentlich eher denen einen Vorwurf machen müsste, die nur konsumieren, geht dabei unter. Die Zeiten scheinen vergessen, als man im Internet zu bestimmten Themen nichts oder nur Fragmente fand, die noch weniger vertrauenswürdig waren.

Der Bogen wird hier noch weiter gespannt, indem nahegelegt wird, die Aktiven der Wikipedia diktierten die Wahrheit. Der Klang des ganzen ist, dass mittlerweile anscheinend die Wikipedia für die Wahrheit gehalten wird und deswegen denjenigen, die sie mit dieser Wahrheit bestücken, Macht ausüben. Das ist aber eher ein Armutszeugnis für die Informationgesellschaft an sich, denn dieser Vorwurf bedeutet letztendlich nichts anderes, als dass Wikipedia nun eine Institution ist, die für sich genommen die Wahrheit repräsentiert.

Man kann einem Projekt, das nie behauptet hat, fehlerfrei zu sein, nicht ankreiden, dass es nicht fehlerfrei ist. Noch weniger kann man ihm vorwerfen, dass sich die falschen Leute für es engagieren – denn offen ist es immer noch für alle.

Kritisieren kann man vielleicht die Strukturen. Ob der Artikel hier einen wirklichen Einblick gibt, sei aber dahingestellt.

Schrumpfende Wikipedia

Mit Interesse habe ich gerade diesen Artikel auf SPIEGEL Online gelesen.

Der Autor mag da in einigem Recht haben. Jedoch beachtet er zwei Dinge nicht:
1. Die Oberfläche der Wikipedia ist dem Durchschnittsbenutzer so schwer zugänglich, dass mittlerweile nahezu jeder potentielle Mitschreiber, der sich in den Weiten des Internets bewegt, sich schon einmal daran versucht hat. Dass bei vielen Interesse und Zeit Grenzen haben, ist nur allzu verständlich. Daher ist es nur natürlich, dass irgendwann der Zustrom neuer Autor auf einem niedrigen Niveau stagniert. Das Projekt hat seine Jugend hinter sich, und so ist es kein Wunder, dass Ab- und Zustrom ein anderes Gleichgewicht erreichen werden als noch vor einiger Zeit.
2. Ein Artikel ist mit dem Einreichen ja nicht beendet. Er muss auch gepflegt werden. Die liberale Politik der englischen Wikipedia hat zur Folge, dass dort viele Artikel praktisch gar nicht mehr auf Vandalismus überwacht werden, weil eine Wartung von niemandem durchgeführt wird. Es ist ein Wildwuchs, der manchmal interessant ist, oft aber nur nutzlos. Egal, wie man Relevanzkriterien setzt, gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Artikeln, die zugelassen werden können. Die deutsche Wikipedia ist sehr nahe an dieser Wachstumsgrenze. Deswegen muss natürlich die kritische Prüfung von Artikeln dazu führen, dass ein immer größerer Anteil der eingereichten Artikel durchfällt. Ein unendliches Wachstum wurde nie postuliert, und daher sollte man es auch nicht als Ziel nehmen.

Insofern krankt die Wikipedia wohl weniger daran, dass ihr die Autoren massenweise weglaufen, sondern an der Zugänglichkeit für die Autoren. Manches hat sich da geändert, aber es bleibt eine Seite, die schlecht zu bedienen ist. Wenn die Wikipedia eine Herausforderung in der Zukunft da, dann liegt diese eher dort als an einem vermeintlich sinnvollen endlosen Wachstum.

Kurzes zum Tage

  • Mit der Tömilen 2008 endete heute die Stockholmer Laufsaison. Es lief mittelmäßig, aber ich war immerhin knapp 4 Minuten schneller als letztes Jahr. Man merkt, dass ich in der letzten Zeit viel zu wenig trainiert habe. Trotzdem spannend und ohne Frage ein Highlight: meine Freundin hat heute ihren ersten Lauf absolviert.
  • Morgen wird es leider auch nicht mehr zum Training kommen, denn ich muss Bus fahren. Zwar hätte ich gerne abgelehnt, aber ich komme momentan ohnehin kaum auf eine Mindestarbeitszeit, und so riskiere ich, diesen Nebenjob zu verlieren.
  • Es wäre eigentlich „Team Stockholm Marathon“ gewesen. Das ist ein Trainingstreff für diejenigen, die Stockholm Marathon laufen wollen. Und das will ich – die Anmeldung steht, und so wird es nach knapp 5 Jahren endlich zu meinem zweiten Marathon kommen. Daür muss ich aber noch mächtig trainieren.
  • Rechts steht daher ein Countdown zu den nächsten anstehenden Läufen. Unter anderem findet sich dort auch ein Lauf im Nachbarort des Dorfes, aus dem ich komme. Die Strecke geht auch an meinem Heimatort vorbei. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal dort würde einen Lauf machen können, denn früher gab es so etwas nicht. Geplant ist ein Halbmarathon mit meiner Schwester zusammen. Momentan versuche ich auch noch, meinen Bruder zu überreden.
  • Apropos Heimat: Selten war mir ein Wikipedia-Artikel ein so dauerhaftes Ärgernis wie der zum ehemaligen Rastatter Oberbürgermeister Klaus-Eckhard Walker. Noch nie habe ich mich mit einer derartigen Geduld immer wieder beleidigen und diffamieren lassen (siehe hier). Wer mich kennt, der weiß, dass ich nie um eine Antwort verlegen bin, aber in so einem Fall sehe ich einfach keinen Zweck mehr, überhaupt darauf einzugehen. Wenn sich irgendein Rastatter oder ein anderer Kenner der dortigen Lokalpolitik berufen fühlt, sich konstruktiv zu beteiligen, wäre ich darüber ausgesprochen erfreut.

Gedanken nach längerer Abwesenheit

Stilblüte
Very badisch: eine Stilblüte vom Feinsten

Weil ich einen Freund mit meinem spontanen Erscheinen zu seinem Geburtstag überraschen wollte, habe ich bislang verschwiegen, dass ich mich nach Deutschland begeben habe. Mittlerweile bin ich wieder zurück in Stockholm und bringe frohe Kunde aus D-Land.

    Welcome by Bergmann
    Mäßige Bildqualität, stellt aber ansonsten jede Stilblüte in den Schatten: eine Tanzschule in Baden-Baden heißt allen Ernstes so

  • Der Baden Airpark, a.k.a. „Karlsruhe/Baden“, ist zwar jetzt schöner und größer, aber solange die gesamte Einkaufsmeile nur aus Lastminute-Reisebüros besteht, in denen man sich noch nicht einmal hinsetzen kann, gewinnt ganz klar der Stuttgarter Flughafen. Dort gibt es nämlich einen Sexshop und eine Außenstelle der Arbeitsagentur.
  • Der Flughafen Skavsta wirkt aber noch viel bescheidener. Man hat den Eindruck, die Wände bestehen aus Pressspan, und die Warteschlangen bei der Sicherheitskontrolle sind so lang, dass der Flughafen überlastet zu sein scheint. Arlanda kommt da schon viel weltläufiger daher. Im Flughafenshop in Skavsta gab es auch nicht einmal Elchwurst.
  • Nun aber zu Deutschland: Die Rentner bekommen 1,1% mehr Geld. Sie tanzen auf den Straßen. Ihre Gehstöcke behindern den Verkehr. Ein Bild des Schreckens.
  • Maibaum

    Auch das gehörte dazu: der Maibaum

  • Beim Feuerwehrfest war das Räuberfleisch gewohnt lecker und fettig. Das Bibbeleskäsbrot war auch nicht schlecht 🙂
  • Etwas spektakulärer waren meine Ergebnisse in Sachen Ahnenforschung. Vor einiger Zeit habe ich meine Großtante Irma angerufen, um mehr Details zu meinen Urgroßeltern zu erfahren. Von Ottersdorf gibt es nämlich ein Ortssippenbuch, in dem alle vorhandenen Kirchenbucheinträge und sonstige Dokumente vor 1913 ausgewertet und zusammengefasst wurden. Auf diese Art kann man sich von Person zu Person hangeln und feststellen, wer mit wem verwandt ist. Die Beschränkung auf 1913 ist in erster Linie dem Datenschutz geschuldet. Auf diese Art können Rückschlüsse auf lebende Personen nicht so leicht gezogen werden. Von Ottersdorf gibt es aber auch eine Ortschronik, wo die Gefallenen der beiden Weltkriege verzeichnet sind. Das dürfte zumindest einzelne Fragen erleichtern. Der echte Schatz ist aber definitiv das Ortssippenbuch, denn die Fülle an Informationen ist gigantisch. In aufsteigender Linie konnte ich zum Beispiel herausfinden, dass mein Ururgroßvater Valentin beim Zusammensturz eines Gebäudes ums Leben kam. Die männliche Linie reicht aber noch viel weiter zurück. Der Name Seitz kommt nämlich von Lorenz Seitz, der aus Hügelsheim kam und 1784 in Ottersdorf verstarb. Er war beruflich ein markgräflich badischer Jäger. Was diese Tätigkeit beinhaltete, ist schwer zu sagen, aber ich vermute, dass dies auch polizeiliche Aufgaben beinhaltete. Die meisten anderen Vorafhren von mir waren aber Bauern oder Maurer. Die am weitesten zurück reichende Linie endet bei einem Vorfahr, der 1702 starb. Einige Linien führen auch in die Nachbardörfer Wintersdorf und Plittersdorf. Die Auswertung der Daten ist aufwändig, und es ist natürlich auch fraglich, ob man wieder die Verbindung zu lebenden „Verwandten“ wird machen können – interessant wäre auf alle Fälle, die losen Enden, d.h. Geburtseintrage ohne Sterbeeinträge darauf zu untersuchen, wohin die entsprechende Person gewandert ist. Mein Ururgroßvater war anscheinend vorübergehend in Pforzheim und hat dort wohl auch geheiratet. Jedenfalls fehlen mir bislang alle Daten zu seiner Frau. An einer Stelle ist es mir aber gelungen, eine extrem entfernte Verbindung zu finden. Ein Elsässer, der auch Ahnenforschung betreibt, hat mit mir den besagten Lorenz Seitz als Vorfahren gemeinsam. Wenn ich richtig gerechnet habe, sind wir damit Cousins 6. Grades. Anscheinend war die Familie insgesamt aber ziemlich sesshaft, denn sonst hätte ich kaum einen fast vollständigen Stammbaum erstellen können. Ein tragischer Aspekt kommt mittlerweile aber dazu: meine Großtante Irma, der ich gerne noch meine Ergebnisse mitgeteilt hätte, ist am Freitag verstorben.
  • Walker (Symbolbild) - from sxc.hu

    Walker (Symbolbild)

  • Es ist freilich schwer, davon zu einem anderen Thema überzuleiten. Seit einiger Zeit bearbeite ich den Wikipedia-Artikel zu Klaus-Eckhard Walker, bis vor kurzem noch Oberbürgermeister der Stadt Rastatt und immer wieder in den überregionalen Schlagzeilen zu finden. In der dazugehörigen Diskussiuonsseite bricht immer wieder eine etwas absurde Fehde auf. Ein offenkundig glühender Walker-Verehrer wirft mir vor, ich sei ein Ein-Mann-Komplott, das aus dem Sumpf der Walker-Gegner emporgestiegen ist, um dem Ex-OB Schaden zuzufügen. Dieses Urteil rührt natürlich vor allem daher, dass ich keinen Hehl daraus mache, dass ich nicht zu den Unterstützern zu Walker gehöre. Derartige Reaktionen sind ein Sinnbild dafür, in welcher Weise sich die Stimmung in den Jahren, seit ich in Rastatt noch politisch involviert war, radikalisiert hat. Walker und seine Unterstützer sehen eine Front gegen sich, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich als Don Quichote sieht, der gegen die Windmühlen der Rastatter CDU und der Presse kämpft. Ob das ganze die brutale Wirklichkeit oder eher einer Paranoia zuzuordnen ist, sei dahingestellt – die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Jedenfalls hat Walker nun mit seinen Mitstreitern einen neuen Verein gegründet, der rein zufällig genauso heißt wie sein Slogan zur OB-Wahl. Er ist auch Gründungsvorsitzender – ein Schelm, wer böses dabei denkt. Das alles soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei nicht nur um ein persönliches Anliegen von Walker handelt. In dem polarisierten Wahlkampf letzten Herbst haben ihm immerhin rund 47% der Wähler die Stimme gegeben, und das gegen alle Parteien und eine Bürgerinitiative, die eigens zu seiner Abwahl gegründet wurde. Diese Wähler sind definitiv nicht nur die, die ihn 16 Jahre zuvor ins Amt gehievt hatten – denn die waren auch aus Protest um die Vorgänge im CDU-nahen Lager zu ihm gewandert. Aus welchen Gründen auch immer sie ihn letztes Mal gewählt haben mögen: Ihre Stimme ist mittlerweile wohl weniger bei den etablierten Parteien zuhause, und das dürfte allemal genug sein, um „Für unser Rastatt“ zu einer politischen Kraft zu machen, die den einen oder anderen Stadtrat ins Rathaus bringen wird. Der Demokratie tut das nur gut. Der Lebhaftigkeit der Stadtratssitzungen vermutlich auch.
  • Wenn ich mich schon in lokalen und regionalen Themen ergehe, will ich ein Buch nicht unerwähnt lassen, das ich gerade in Rekordtempo verschlinge. „Wir können alles: Filz, Korruption & Kumpanei im Musterländle“, herausgegeben von Josef-Otto Freudenreich, erzählen vier Journalisten Geschichten, die sich so wohl nur im Südwesten ereignen können. Die ersten Kapitel hinterlassen den Eindruck, das Land werde von einer Clique Schwaben regiert, bei denen die persönlichen Seilschaften mehr zählen als jedes Gesetz. Diese Zusammenfassung ist nicht einmal übertrieben und etwa nicht von meiner badischen Warte aus verfälscht: Badner kommen in der Tat bis zu der Darstellung des berühmten Flowtex-Falls praktisch gar nicht vor. Dafür sind wir in den Kapiteln zu allerlei Wirtschaftsmauscheleien umso stärker vertreten. Zum Abschluss folgen dann noch ein paar Geschichtchen, die das Ganze langsam ausklingen lassen, aber nicht notwendigerweise Eigenheiten des Musterländles beschreiben, denn islamische Terroristen waren auch in Hamburg, nicht nur in Ulm, und dass die Justiz nur allzu leichtfertig zugunsten eines Bundesrichters entschieden hat, kann auch sonstwo in Deutschland passieren. Spannend sind aus meiner Sicht die ganzen Hintergrundgeschichten um hohe Landespolitiker – wer weiß schon, dass der Ministerpräsident in der Vergangenheit mehr als fragwürdige Freunde hatte? Das Ganze illustriert auf eindrucksvolle Weise, wie schlecht es der politischen Kultur in einem Land tut, wenn es permanent von derselben Partei regiert wird. Die politische Moral verfällt, und Machtspiele in der Partei bestimmen letztendlich, wer einen Posten besetzt – sicherheitshalber lässt man sich das alle 5 Jahre nochmals vom Volk bestätigen. Das Schöne an dem Buch ist, dass es aber genau dies nicht sagt, sondern ohne Ansehen der Partei Seilschaften aufdeckt, wo vereinzelt dann auch Sozialdemokraten und Grüne auftauchen. Sicherlich ist das Gros der Dargestellten von der CDU oder der FDP, aber die Autoren wenden ihre spitze Feder nicht gegen die Institution als solche, sondern immer nur gegen die handelnden Personen. Letztendlich zeigt es einfach, wie Macht im Kleinen korrumpiert und das Recht äußerst flexibel macht. Wer sich für den Schmutz interessiert, der sich hinter der biederen Fassade von Bollenhüten, Kuckucksuhren und Maultaschen so abspielt, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.
  • Es wird Zeit, den Bogen zurück nach Schweden zu schlagen. Im ArbogaMordfall ist wieder Bewegung. Vor einer Woche wurde die verdächdigte Deutsche von zwei schwedischen Polizisten abgeholt und nach Schweden gebracht. Dort wurde sie am Samstag erstmals dem Haftrichter vorgeführt. Sie bestreitet, etwas mit der Tat zu tun zu haben, ist aber weiter in Haft. Mittlerweile sind auch weitere Informationen eingetroffen. So habe sie eine Erklärung abgegeben, warum sie an jenem Tag in Arboga gewesen sei. Ihr Anwalt ist der Meinung, die Erklärung sei plausibel. Wie die Erklärung aber lautet, ist anscheinend noch nicht bekannt. Die Analyse einer DNA-Probe von ihren Fingernägeln hat ergeben, dass keine Spuren der Opfer darin sind. Weitere DNA-Analysen von der Kleidung und v.a. dem am Flughafen beschlagnahmten Hammer fehlen aber noch. Man weiß also im Grund genommen nichts, denn die Nägel dürften nach einigen gründlichen Reinigungen sauber sein, und ein guter Anwalt hat gefälligst alles plausibel zu finden, wenn es seinem Klienten nützt.
  • Erster Demonstrationszug

  • Frisch zurückgekommen durfte ich gleich wieder arbeiten – und zum ersten Mal seit letztem Sommer Überstunden machen. Ich wurde nämlich von gleich zwei verschiedenen Demonstrationszügen aufgehalten. Letzten Samstag gab es nämlich drei Demonstrationen in Stockholm für …. Jesus! Ja, die haben tatsächlich für Jesus demonstriert. Es ist bemerkenswert, dass es so etwas im säkularisierten Schweden gibt, insbesondere weil die mitlaufenden Menschenmassen echt beeindruckend war. Allerdings war daran wenig spontan. Die Schilder mit Sprüchen wie „Jesus ist mein Herr, mir wird nichts mangeln“ waren alle im gleichen Schrifttyp. Mir hat es eine halbe Überstunde eingebracht, aber was es sonst gebracht hat, entzieht sich meinem Verständnis.
  • Und gleich nochmal einer

  • Seit gestern ist mein Hintern offiziell geheilt. Hat ja nur 5 Monate gedauert…
  • Und damit kann es endlich mit dem Joggen wieder losgehen. Zwar bin ich nicht mehr fit und habe noch mehr auf den Rippen als zuvor, aber die 10 km, die ich am 20. Mai laufen soll, werde ich schon irgendwie überleben.