Selten habe ich auf einen Dienstschluss hingefiebert – letztendlich war es aber doch nicht so spektakulär. Ein Streik hat heutzutage nur noch wenig mit den gewalttätigen Arbeitskämpfen von vor 100 Jahren zu tun.

Das Ganze ist so wohlorganisiert, dass man glauben könnte, Arbeitnehmer und Arbeitgeber hätten es gemeinschaftlich organisiert. So darf man auf Anfrage die Toilette benutzen, und alle Busfahrer werden pauschal als streikend angesehen – man muss anrufen, wenn man doch nicht streiken will.

In Schweden sind Arbeitgeber wie Arbeitnehmer in Branchenverbänden organisiert, die die Konditionen zentral aushandeln. Das entspricht auch irgendwo der schwedischen Mentalität, denn man möchte ja im steten Streben nach allgemeiner Gleichheit keine Ungleichheiten zwischen den Arbeitgebern und Regionen schaffen.

So scheinen weder Busslink noch die lokale Sektion der Gewerkschaft den Konflikt als ihr persönliches Problem zu betrachten. Wenn gestreikt wird, dann ist das eben so. Zwar hing irgendwo eine Stellungnahme der Arbeitgeber aus, aber dabei blieb es eben auch – keine der beiden Seiten ist auf Polemik aus.

So warteten wir ab, ob es nicht doch zu einer Last-Minute-Unterzeichnung kommen würde. Den ganzen gestrigen Abend hieß es zwar immer, der Streik noch nicht sicher, aber da sich am Wochenende nichts getan hatte, war nun am Montag nicht damit zu rechnen. Den Abend über hatte man die Möglichkeiten der modernen Technik benutzt und per Funk an den Buscomputer übermittelt, eine Information zum Streik im Display anzuzeigen – bis dahin wusste ich nicht einmal, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Einige Fahrgäste fragten auch wegen des Streiks. Eine Frau, auf die ich extra lange gewartet habe, sagte zu mir „Danke – und ich hoffe, ihr kriegt eure Lohnerhöhung“. Ein junger Mann sagte zu mir „Kämpft nur dafür“. Wirklich negativ eingestellt schien keiner.

Gegen 23 Uhr ging dann die allgemeine Botschaft herum, dass der Streik ab Mitternacht in Kraft tritt.
Das hieß konkret, dass man die letzte Tour, die vor 0 Uhr begann, noch zu Ende fahren und dann ins Depot zurückkehren sollte. In meinem Fall traf sich das ganz gut, denn meine Tour endete um 0:03 Uhr am Radiohuset. So blieb die letzte Fahrt (Abfahrtszeit 0:05 Uhr) nach Gullmarsplan aus. Ich versuchte, das wie vorgesehen der Zentrale zu melden, aber ich erhielt keine Antwort – ich vermute, die litten dort nicht an Unterbeschäftigung.

Auf der Fahrt zum Depot waren wir schon drei Busse, und als ich meinen Bus abstellt, kamen weitere im Minutentakt herein. Mittlerweile war auch ein Wohnwagen für die Streikwache aufgestellt worden. Die Ausfahrt der Garage war durch eine Sitzgruppe blockiert. Hier kommt wohl doch noch etwas die Revolution durch. Zwar sollen Streikbrecher nicht gestört werden, aber diese müssen dann erst einmal an dieser Sitzgruppe vorbei.

Schlecht zu sehen, aber trotzdem da: Wohnwagen der Gewerkschaft.

Ich blieb noch ein bisschen bei den Kollegen stehen. Einer erzählte, der letzte Streik vor 9 Jahren hätte 10 Tage gedauert. Dann beschloss ich, meinen Streik von zuhause aus fortzusetzen.

Die Meldungen heute morgen waren gemischt. Zwar war es in den U-Bahnen wohl deutlich enger als sonst, aber ansonsten blieb es wohl recht ruhig. Die Straßen scheinen auch recht ruhig zu sein.