Die zweite Woche in Stockholm ist halb vergangen. Ich mache organisatorische Fortschritte und beginne, richtig zu arbeiten. Das Wetter ist mäßig, aber ich laufe viel. Vorläufiger, aber wohl nicht endgültiger Höhepunkt: das schwedische Dinner.

Der langsame Gang in die Normalität beginnt – diese Woche erscheint geradezu ereignislos, wenn man es mit der letzten Woche vergleicht. Dennoch ist es keineswegs so, dass nichts passiert wäre.

Die Aussicht auf die beiden ersten Monatsmieten, die ich in Kürze überweisen werden muss, ist natürlich weniger begeisternd. Ich habe unter anderem deswegen mit der Arbeit für DASDING begonnen. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber in den letzten Monaten ist so viel liegen geblieben, dass es ohnehin höchste Zeit wurde, einige Dinge in Angriff zu nehmen- zumal der Chat in den letzten vier Wochen praktisch unbenutzbar war.

Nach einigen Versuchen habe ich es auch geschafft, Skype und das web.de-Freephone als einen Ersatz für ein richtiges Telefon zu konfigurieren. Die Einstellung ist zwar etwas abenteuerlich (das Mikrofon für Skype ist das der Webcam, nicht das des Headests), aber wenigstens funktioniert es. Nach einigen Versuchen habe ich sogar Silvia in Istanbul erreicht. Ganz problemlos funktioniert die Geschichte zwar nicht, aber billiger dürfte es kaum gehen – die Minute nach Istanbul kostet 6,3 Cent. Das haben wir allerdings auch weidlich ausgenutzt.

Mein Programme Coordinator ist aus dem Urlaub zurückgekehrt und hat mir das Gebäude gezeigt, wo die Physik-Fakultät untergebracht ist. Im kommenden Jahr werde ich wohl ziemlich unter „Beobachtung“ stehen, denn mir scheint es, als ob hier jeder jeden persönlich kennt. Die Anonymität von Massenvorlesungen wird es dann wohl auch nicht geben. Mein Programm ist recht umfangreich. Interessant und sehr nützlich: es gibt einen Onlinevorlesungsplaner, der auch den Export als Kalenderdatei anbietet. Das ist auch bitter notwendig, denn im Gegensatz zu Deutschland finden Vorlesungen einfach nicht regelmäßig jede Woche an den gleichen Wochentagen und zu den gleichen Uhrzeiten statt, sondern ständig wechselnd. Keine zwei Wochen sind im Plan identisch.
Letztendlich kommt heraus, dass ich wohl in der nächsten Woche auf einen Account und eine Zugangskarte für die Gebäude hoffen kann.
Wenigstens kann ich die Anmeldung zu den Sprachkursen jetzt machen. An der Reaktion der dafür zuständigen Frau merke ich allerdings, dass meine Chancen nicht unbedingt gut sind, einen Kurs zu kriegen. Ich hoffe dennoch.

Die Studentenaktivitäten gehen auch diese Woche weiter, wenn auch nicht mehr so intensiv. Zum Kinoabend am Montag komme ich dummerweise eine halbe Stunde zu spät und stehe mit einigen anderen (welch Zufall: es sind auch Deutsche dabei) vor der verschlossenen Tür. Allerdings erreiche ich Norbert auf dem Handy, der uns die Tür öffnet. Der Film „Tillsammans“ ist eine (Tragi-)komödie über eine Kommune in den Siebzigern – mit allem was dazugehört: Kapitalismusdiskussionen, bemalte VW-Busse, freie Liebe und Kartoffelbrei. Mir gefällt er ziemlich gut.

Während die Finnen nach und nach abreisen, kommen nach und nach neue Mitbewohner an. Zumindest habe ich eine bisher gesehen. Oanda, eine rumänische Studentin, die schonmal in Stockholm studiert hat und auch mit einem Schweden liiert ist, ist im anderen Flügel eingezogen. Überrascht bin ich, als ich ihr Zimmer sehe. Es ist doppelt so groß wie meines, weil offenbar für Behinderte gedacht – die Dusche ist einfach in einem komplett eigenen Raum und nicht so halb integriert wie bei mir. Hätte ich das Zimmer, würde ich mir wohl deutlich weniger Gedanken über einen eventuellen Umzug machen.
Ich verstehe mich mit Oanda auf Anhieb ziemlich gut – was mir wie ihr Hoffnung machen dürfte, denn es steht schon zu befürchten, dass der Flur in den kommenden Wochen extrem chaotisch werden wird. Zumindest, wenn wir hier nicht nur eine bunte Mischung aus aller Herren Länder haben werden, sondern sich für eine Nationalität eine Mehrheit ergibt. Dann dürfte es schwierig sein, Regeln zu finden, die auch alle befolgen.
In der Nacht sitzen Oanda, Michele (der Italiener, der mit mir eingezogen ist), zwei ausgesprochen attraktive Finninen und ich bis spät in der Nacht in der Küche – ich hoffe, es wird sowas in Zukunft öfter geben können. Übermäßig zuversichtlich bin ich allerdings nicht.

Der vorläufige Höhepunkt der Woche ist das schwedische Dinner am Mittwoch. Am Empfang gibt es einen komischen alkoholhaltigen Saft, in dem etwas ähnliches wie Preiselbeeren schwimmt. Er ist recht sauer und wird daher nicht nur begeistert aufgenommen. Drinnen gibt es dann für jeden zwei Flaschen schwedisches Bier, Schnaps steht auf den Tischen bereit. Wie ich schon auf einer Lucia-Feier in Karlsruhe festgestellt habe, tendieren Schweden zum Singen beim Alkoholgenuss. Der Konsum des Schnaps ist denn auch nur nach Gesang erlaubt. Ich habe in der Ecke bei zwei Italienern, ein paar Deutschen, einem Australier, einem Schotten, einem Engländer und einer Irin Platz gefunden. Letztere drei sind ein Novum für mich – Studenten von den Britischen Inseln machen ja selten Austausch. Wir sind uns sofort einig, dass Bier aus Plastikbechern recht stillos ist.
Derweil kommen die ersten Trinklieder – nachdem die Organisatoren ein schwedisches Lied vorgelegt haben, ziehen die Franzosen nach. Wir Deutschen, schließlich die größte Fraktion unter den Austauschstudenten, überlegen, was man denn an deutschem Liedgut präsentieren könnte. Das reichlich angestaubte „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ gräbt zum Glück keiner aus – etwas besseres fällt allerdings auch keinem von uns. Letztendlich macht jemand aus einer anderen Reihe den Anfang mit „Eisgekühlter Bommerlunder“, was einem guten Kompromiss nahekommt, auch wenn wohl kaum einer der Anwesenden je in seinem Leben dieses Getränk konsumiert haben dürfte. Die Beiträge werden mit der Zeit allerdings schlimmer – am Ende wird sogar „Viva Colonia“ ausgegraben. Zu der Zeit ist das Dinner allerdings auch schon vorbei und es geht oben im Pub weiter. Über das Essen selbst gibt es nicht übermäßig viel zu sagen. Geschmeckt hat es zwar, aber es war eben ein billig für eine große Gruppe fabriziertes Essen.
Da die Welt zweifellos noch mehr schlecht belichtete Partybilder braucht, folgt nun eine kleine Auswahl meiner gestrigen Schnappschüsse:

Swedish Dinner Swedish Dinner
Am Eingang (zu sehen: Norbert) Der eine der beiden Italiener
Swedish Dinner Swedish Dinner
Der andere der beiden Italiener (zu dumm, wenn man nie nach den Namen fragt) Terry, der Schotte
Swedish Dinner Swedish Dinner
Die anderen 🙂 Katarina vom ISS (International Student Service) hält eine Ansprache
Swedish Dinner Swedish Dinner
Die Organisatoren singen Später auf der Party im Pub
Swedish Dinner Swedish Dinner
Später auf der Party im Pub Im Nebenraum, wo herrliche 90er-Jahre-Dance-Kacke wie "Mr. Vain" lief. (Im Vordergrund Ben)
Swedish Dinner
Im Vordergrund Bianca (Physikstudentin aus Heidelberg)

Mittlerweile ist Donnerstag. Nachdem ich gestern auf dem Hötorget (täglicher Markt im Stadtzentrum) war, bin ich wieder etwas mit Lebensmitteln versorgt. Nebenbei habe ich mich mit einem anständigen Wörterbuch ausgestattet, weil der kleine Reise-Langenscheidt doch etwas knapp ist.

Das Wetter ist ziemlich wechselhaft. Heute werde ich zum letzten mal vor dem Midnattsloppet am Samstag laufen gehen. Meine Standardstrecke hat 9 km und schöne Steigungen zwischendrin. Nachdem ich ja in der Woche des Umzugs 3 Kilo verloren habe, ist es jetzt wieder etwas mehr geworden, aber ich bin immer noch auf gutem Wege, endlich Normalgewicht zu erreichen. Der unangenehme Nebeneffekt ist freilich, dass mir selbst die Auswahl der Sachen, die ich mitgenommen habe, nicht wirklich passt. Im Laufe der Zeit werde ich mich wohl noch etwas einkleiden müssen.

Mittlerweile ist die Bahn wohl ein Dutzend Mal hier vorbeigefahren. Zeit für das Zitat, das man sich merken sollte:

Nymålat!

(Frisch gestrichen)