Change

Letzte Woche flatterte eine Benachrichtigung über ein Einschreiben ins Haus. Diese muss man in Schweden nämlich wie die meisten Pakete auch bei der Postagentur abholen.

Es war wie erwartet mein Zeugnis. Nun bin ich also auch offiziell ein „Master of Science“, mit einem „major in physics“, wer es genau wissen möchte. Es ist damit mein Lebenstraum erfüllt: endlich kann ich bei den ganzen unnötigen Meinungsumfragen, an denen ich teilnehme, „abgeschlossenes Hochschulstudium“ als Ausbildung ankreuzen. Kann es ein größeres Glück geben?

Der Titel des Posts lautet aber „Change“ nicht nur wegen meines geänderten Akademikerstatus, sondern wegen der Dinge, die sich auf der anderen Seite des Atlantiks heute abspielen. Ich werde heute nacht mitfiebern. Weil ich begeistert bin, was ein schwarzer Senator mit einer cleveren Taktik und großen Visionen in zwei Jahren geschafft hat und in den kommenden vier Jahren noch schaffen kann. Weil ich mir wünsche, auch in Europa würde man wieder an eine bessere Zukunft glauben und mit ähnlichem Enthusiasmus dafür einstehen. Und, ganz nebenbei, weil ich dann nicht nach Hessen schauen muss.

Promotion in dreist

Für ein Medienunternehmen tätig zu sein hat oft den Nebeneffekt, dass viele PR-Menschen versuchen, ihre Kunden zu platzieren, und einen daher mit allerlei Kontaktversuchen bedrängen. Meistens geschieht das in Form schlichter Werbung oder dem Versand von Pressemeldungen.

Nie um eine Innovation verlegen, versuchte einer es nun auf die dreiste Art:

Hallo Fabian,

möchtest Du das kommende […] Hörbuch vorstellen bzw. rezensieren?

Deine Zugangsdaten für einen kompletten MP3 Download + Jingles sende ich Dir gerne zu. Was meinst Du?

Über einen Beitrag von Dir würde ich mich sehr freuen.

Beste Grüße

Matthias

Offenkundig hat derjenige die Hoffnung, dass ich bei diesem kumpelhaften Ton annehme, ich hätte ihn auf irgendeiner Veranstaltung getroffen und könne mich nur aufgrund anschließender Volltrunkenheit nicht mehr daran erinnern.

Würde es sich um einen verzweifelten PR-Mann handeln, der einen vollkommen aussichtslosen Künstler vertritt, könnte ich vielleicht sogar noch etwas Verständnis aufbringen.
Es handelt sich jedoch um einen recht bekannten Künstler, der sein Hörbuch präsentiert, und somit ist diese Mail eigentlich eine Frechheit.

Gegen den Wind

Da sage nochmal einer, es wäre etwas für Weicheier, die Brustwarzen abzukleben.

Wie schnell kann man sich steigern? Dieser Sommer ist definitiv vorbei, und von über 100 kg Kampfgewicht bin ich auf unter 90 kg gekommen. Jetzt stehen die letzten Läufe an, und nachdem ich mich schon beim Lidingöloppet bemerkenswert geschlagen hatte, war nun doch fraglich, was bei einem Halbmarathon auf flacher Strecke drin sein würde.

Nach dem spaßigen Wochenende im Vorjahr wollte ich auch dieses Jahr den Åland-Halbmarathon nicht verpassen. Das Event glänzt nach wie vor mit einer extrem langweiligen Laufstrecke, die nicht für den Straßenverkehr gesperrt wird. Überrascht war ich dennoch darüber, dass die Teilnehmerzahl niedriger war als im Vorjahr, denn das Marathonpaket von Eckerölinjen war schon ausgebucht, so dass wir mit einem anderen Hotel ohne Pastadinner vorlieb nehmen mussten.

Andreas und Arne konnten dieses Jahr nicht, aber dafür Marcus. Das Hotel war schlicht, aber vollkommen in Ordnung, und das Abendessen auf extrem niedrigen Preisniveau – Essen mit Getränk gerade einmal 11,50 €.

Der von mir angekündigte Inga-Lindström-Abend auf SVT2 entpuppte sich als eine ganze deutsch-schwedische Breitseite. Neben zwei Lindström-Filmen die angesprochene Schären-Dokumentation und abschließend „Brottsplats: Kiel“.

Der Lindström-Film, den wir anschauten, war nicht ganz so zum Fremdschämen wie befürchtet. Die Dialoge waren bis auf die letzten 20 Minuten nicht so dick aufgetragen, so dass es sich in Grenzen hielt. Jedoch hätte ich gerne live mitgebloggt, den offenkundige „Fehler“ – Dinge, die es in Schweden einfach nicht gibt – fanden sich im Minutentakt. Da gab es allein praktizierende Ärzte, die nicht nach der Personnummer fragen, und eine florierende Bäckerei. Der dazugehörige Bäcker ist nicht nur Bürgermeister – ein in Schweden in der gezeigten Form nicht mehr existentes Amt – sondern auch offenkundig der reichste Vertreter seiner Zunft auf der Nordhalbkugel. Er hat zwei Boote, fährt einen Mercedes, und hat ein traumhaftes Haus mit Bootssteg. Die Aufzählung ließe sich noch fortsetzen.

Die folgende Dokumentation war nicht schlecht, aber die Macher hatten sich vorwiegend auf Utö herumgetrieben, das nur noch im weiteren Sinne vor Stockholm liegt. Zwar ist die Insel durchaus touristisch erschlossen, aber mit den Massen, die nach Grinda, Finnhamn und v.a. nach Vaxholm fahren, ist das aber wohl kaum ein Vergleich.

Der Knüller war allerdings „Brottsplats“, was nichts anderes als „Tatort“ heißt. Die Tatort-Reihe wird auch ansonsten in Schweden ausgestrahlt, wenn auch nicht als feste Institution am Sonntagabend. Zu dieser Gelegenheit haben die SVT-Oberen eine besondere Folge ausgewählt. In dieser geht Axel Milberg als Kieler Kommisar dem seltsamen Verschwinden des Kapitäns der Fähre nach Göteborg nach. Der Film hat alles, was Inga Lindström eben nicht hat: echte Schweden, die mit echten schwedischen Akzenten sprechen. Großartig.

So wurde es doch spät abends, bis wir zur Ruhe kamen. Glücklicherweise findet der Åland-Marathon immer am Wochenende der Zeitumstellung statt, was einem eine Stunde extra gibt.

Wettermäßig mussten wir mit dem schlimmsten rechnen. Regen, 10 °C. Das Positive: der Regen blieb weitgehend aus. Das Negative: dafür gab es Böen mit annähernd Orkanstärke. Das lag mir gar nicht, wie ich bald feststellen musste – dann doch lieber Hügel wie beim Lidingöloppet. Meinen ursprünglichen Plan, auf meine Wunschzeit von 2 Stunden einen Vorsprung herauszulaufen, von dem ich dann in der zweiten Hälfte zehren kann, musste ich bald aufgeben. Beim Wendepunkt war ich gerade mal schnell genug wie der gewünschte Schnitt. Natürlich fiel ich ab da immer weiter zurück. Letztendlich ging ich nach 2:06:23 übers Ziel, und damit gerade noch rechtzeitig vor den 2:06:36, die einen Schnitt von 6 Minuten pro Kilometer repräsentieren.
Nicht perfekt also, aber unter den Gegebenheiten vollkommen akzeptabel – und ganz nebenbei wieder einmal mein zweitbester Halbmarathon.

Schmerzhaft wurde es im Nachhinein – auf dem Weg zum Hotel wies mich Marcus darauf hin, dass ich blute. Das war mir echt noch nie passiert, obwohl ich die Startnummer immer mit Sicherheitsnadeln anbringe. Mir war es nicht einmal aufgefallen bis auf ein leichtes Ziehen, was aber bei solchen langen Läufen echt nicht ungewöhnlich ist. Nächstes Mal passe ich sicher mehr auf, denn das Duschen danach war echt kein Spaß.

Nach der Rückkehr ging es direkt ins Bett, und Montagmorgen dann nach Frankreich – aber davon ein anderes Mal.

23:37 Uhr im Labor, Caen, Frankreich

Meine erste Reise als Doktorand, und ich fühle mich nicht mehr in der Lage, einen Bericht über den Åland-Marathon oder sonst irgendetwas zu schreiben.

Daher lasse ich ein paar besonders schräge Zeitgenossen zu Wort kommen:

Wer sich fragt: nein, weder „Bis Baldrian“ noch „Bis Dennver“ waren je Jugendsprache noch sonst in irgendeiner Form angesagt.

Die Börsenkrise erreicht…

…mich. Keine Angst, der Konkurs dieser Seite konnte durch ein Rettungspaket der Regierung noch abgewendet werden.

Bei der Börse muss ich jedoch bluten. Als Großaktionär war ich eingestiegen bei Eniro. Dieses Unternehmen betreibt eine Art Gelbe Seiten sowie einen Konkurrenten zu Google Maps. Die Angebote sind alle kostenlos, was die Firma aber nicht davon abhält, massenweise Werbung im Fernsehen zu schalten.

Dieses stimmige Geschäftskonzept überzeugte mich natürlich völlig, und ich investierte – der Moment schien günstig, denn nach einer 75%-Talfahrt war die Aktie bei 20 kr (ca. 2 €) angekommen. Und die Aktie stieg und stieg, bis auf 28 kr. Ich hätte ein Vermögen verdienen können.

Doch ich wartete ab – und der Börsensturz machte den Rest. Heute sank die Aktie auf 16 kr. Ich glaube, meine 40 € kann ich wohl abschreiben.

Nachtrag

Die angesprochene Kobra-Sendung gibt es auch im Netz zum Anschauen: hier. Man braucht allerdings einen Real Player.

Interessant sind einige Aussagen und Fakten:

  • In Deutschland gibt es 200 Schulen, die nach Astrid Lindgren benannt sind, in Schweden nur eine.
  • Über 10 Plätze in Deutschland sind nach Olof Palme benannt, in Schweden jedoch nur 2.
  • Der „Scenograf“ (keine Ahnung, was das auf deutsch ist) der Lindström-Filme gibt unumwunden zu, dass sie hier ein deutsches Produkt verkaufen und dass die Schweden allesamt dargestellt werden, als hätten sie mindestens zwei Pferde und ein wunderschönes Haus.
  • Ein weiterer Macher sagt, dass man das in Schweden macht, weil es das Bedürfnis nach heiler Welt befriedigt und das Image Schwedens durchweg gut sei in Deutschland. Dazu gibt die Landschaft mehr her als in Dänemark. Außerdem habe man schon versucht, solche Filme in Italien spielen zu lassen, aber es sei vollkommen unglaubwürdig gewesen, dass die Rollen von deutschen Schauspielern gespielt werden. Kommentar dazu vom Sprecher aus dem Off: „Mit Schweden kann man es wohl machen.“

Das Bullerbü-Syndrom

Eingefleischte Inga-Lindström-Gucker wissen: so sehen alle Häuser in Schweden aus.

Es ist fast soweit. Wer in Schweden wohnt und überhaupt gar nichts besseres zu tun hat, kann sich an diesem Samstag vor den Fernseher setzen und SVT2 einschalten. Dieser öffentlich-rechtliche Fernsehkanal besticht häufig durch die Ausstrahlung von Gottesdiensten sowie Sendungen, die sogar Marcel Reich-Ranicki erfreuen würden. Nächtens glänzt er mit dem Testbild oder subtilem Rauschen.

Diesen Samstagabend jedoch stellt er sich zur Verfügung, einen erschreckenden Einblick in die Wünsche und Sehnsüchte der Deutschen zu geben.

Um 21:25 Uhr läuft nämlich
:

Inga Lindström: Sandbergens Magie

Schwedisch duftende deutsche Romantik von 2008.
Auf einer seiner täglichen Fischtouren findet Magnus Sigge eine bewusstlose Frau an einem Strand nahe Sandbergen. Als sie aufwacht, erinnert sie sich weder daran, wer sie ist noch woher sie kommt. Lucia, wie sie beschließen, sie zu nennen, findet sich jedoch schnell zurecht mit Magnus und ihrem neuen Dasein im gesamten. Eines Tages kommt jedoch die Wahrheit heraus, als ihr Lebensgefährte Bernd an die Türe klopft. Selma Alander, wie sie eigentlich heißt, muss sich zwischen dem Idyll in Sandbergen und ihrem früheren Leben entscheiden.

Für alle Schweden, die nach diesem Schmalz noch nicht denken, dass alle Deutschen vollkommen gaga sind, wird gleich noch eine Reisereportage des deutschen Fernsehens über die Schären und Stockholm ausgestrahlt.

Dass die Filme von der aus Oberschwaben stammenden Christiane Sadlo, wie Inga Lindström wirklich heißt, mit der schwedischen Realität nichts zu tun haben, ist allgemein bekannt. Das beginnt mit dem Namen, denn Lucia heißen in Schweden gerade einmal 2400 Menschen (für die Top 100 bräuchte es schon 20000) – von Bernd ganz zu schweigen – , und endet mit dem ganzen Rest.
Das schwedische Publikum mit diesem Paralleluniversumsschweden zu konfrontieren ist aber neu.

Was die Drehbuchschreiberin antreibt, sich ein ganzes Land als Szenerie für seichte Unterhaltung hinzubiegen, kann man schön in einem Artikel der Berliner Morgenpost nachlesen.

Dort ist auch von dem Soziologen Bernhold Franke die Rede, der die Vorliebe der Deutschen für diese Filme das „Bullerbü-Syndrom“ nennt. Laut ihm ist es nicht die Sehnsucht nach Schweden, sondern der Wunsch nach einer Idylle. Wie es der Autor gut auf den Punkt bringt:

Die Sehnsucht der Deutschen nach Schweden ist nichts weiter als die Sehnsucht der Deutschen nach einem besseren Deutschland.

Was sich in vieler Hinsicht auch mit dem deckt, was ich in verschiedenen Schwedenforen von auswanderwilligen Deutschen so lese. Schweden wird zur Projektionsfläche des Wunsches nach einer besseren Welt. Auch wenn die meisten Deutschen es weit von sich weisen: ein bisschen glauben wir doch alle daran, dass es besser ist, wo die Wiesen weit, die Häuser rot und die Elche allgegenwärtig sind.

Dass dieses Land genauso seine Probleme hat, schiebt man lieber weit von sich, denn das Gras auf der anderen Seite muss per Definition grüner sein.

Die Schweden werden dieser Einstellung etwas unverständig und amüsiert gegenüber stehen. Die gestrige Ausgabe des Magazins „KOBRA“, ebenfalls in SVT2, hat dies anscheinend schon getan.