Gedanken zum Tage

  • Kristina Axén Olin, bislang Finansborgarråd (Finanzbürgermeisterin) der Stadt Stockholm und damit als prima inter pares die Bürgermeisterin der Stadt, ist am Mittwoch zurückgetreten. Schon Anfang 2007 hatte sie eingestanden, dass es nach dem Wahlsieg 2006 „zuviele Kopfschmerztabletten und zuviel Alkohol“ gewesen seien, auch wenn sie bestritt, Alkoholikerin zu sein. Sie nahm eine Auszeit im November 2007, kam nun aber zum Schluss, dass es für sie und ihre Familie am besten sei zurückzutreten. Das ist freilich ein herber Schlag für die konservative Stadtregierung, denn dort wechseln die Bürgermeister fast genauso häufig wie die Minister der nationalen Regierung, und Axén Olin war recht beliebt. Als Nachfolger ist Sten Nordin im Gespräch, der zwar kompetent und solide ist, aber als Volkstribun anscheinend nicht taugt. Als Außenseiterin gilt übrigens die Frau von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt, Filippa Reinfeldt. Ziemliches Manko dabei: sie müsste nach Stockholm umziehen, denn bisher wohnt Familie Reinfeldt im reichen Vorort Täby.
  • Aus dem Grund verpasste Axén Olin auch den Staatsbesuch des Großherzogs von Luxemburg. Ich arbeitete am Mittwoch und wunderte mich schon die ganze Zeit, ob nun Staatsbesuch aus Luxemburg oder den Niederlanden da sei, denn die Flaggen ähneln sich doch ziemlich. Ich lag mit meinem Tipp aber richtig: hell ist Luxemburg, dunkel ist Niederlande.
  • Wenn man schonmal bei Politischem ist: ich frage mich, wie es denn um meine Parteiliebe zur SPD noch bestellt ist, wenn ich über einen solchen Titel herzlich lachen kann. Noch schlimmer ist allerdings, dass der Gute in einigen Punkten sehr recht hat.
  • An selbigem Mittwoch musste ich mich auch unerwarteten Herausforderungen stellen: eine neue Linie und der erste Arbeitstag seit langem im Berufsverkehr. Ging aber einigermaßen gut.
  • Zum aktuellen Mörderwatch:
    • Der Mörder der kleinen Engla ist schon mehrfach vorbestraft, u.a. wegen mehreren Vergewaltigungsversuchen anderen derartigen Delikten. Jetzt ist natürlich auch einigermaßen klar, wieso die Polizei ihn eine Woche lang verhört hat, obwohl sie anfangs ja nicht mehr hatte als ein Foto, das beweist, dass er kurz nach ihr über dieselbe Straße gefahren ist. Die örtliche Polizei hat sich übrigens selbst angezeigt, da man den Mann bei früheren DNA-Untersuchungen außen vor gelassen hatte, so dass man ihm schon früher den Mord an der 31-jährigen Pernilla hätte nachweisen können und er schon länger hinter Gittern säße.
    • Die tragischen Kindermorde in Arboga sind wegen der Engla-Tragödie etwas aus dem Blickfeld geraten. Sie sind noch nicht aufgeklärt, aber die verdächtigte 31-jährige Deutsche wurde nun an Schweden ausgeliefert. Anscheinend gab es entsprechende DNA-Indizien, aber viel mehr ist nicht bekannt. Sie hatte bei ihrer Ausreise einen Hammer bei sich, der im Flughafen konfisziert wurde. Ob es sich dabei um die Tatwaffe handelt, steht aber ebenfalls noch nicht fest. Die Polizei hält sich bislang bedeckt, was ihre Aussagen angeht. Zuletzt hatte es geheißen, sie habe die Aussage verweigert. Bei der ersten Vorverhandlung war die Beweislage aber anscheinend noch so dünn, dass der Verteidiger die Freilassung forderte.
    • Von deutschen Medien weit weniger bemerkt wurde ein 64-jähriger Schwede in Stuttgart ermordet. Der Mörder wurde schon gefasst.

    Ich habe nicht vor, das zu einer regelmäßigen Rubrik zu machen, weil mir diese übertriebene Präsentation jedes Mordes zuwider ist. Trotzdem hielt ich es in dem Fall auch einmal für nötig.

Korrektur: Die Deutsche wurde noch nicht nach Schweden ausgeliefert. Dies soll aber im Mai geschehen. Die überlebende Mutter der beiden ermordeten Kinder soll angeblich gesagt haben, dass die Deutsche den Mord begangen habe. Eine Bestätigung der Polizei steht aber noch aus.

Gedanken zum Tage

  • Die DN schreibt heute unter der Überschrift „Deutsche Zeichen„:

    Noch ein trauriges Beispiel für das schwächer werdende Band zwischen Schweden und Deutschland: am 31. März stellt Sveriges Radio sein deutsches Programm auf SR International nach 70 Jahren ein. Der Grund – genau wie beim Beschluss, das schwedische Generalkonsulat in Hamburg zu schließen – sind sind die Kosten.
    In Europa sprechen über 100 Millionen Menschen deutsch, und Deutschland ist Schwedens wichtigster Handelspartner. Aber warum sich um solche Details kümmern.

    Dann folgt noch das Beispiel Norwegens, das 2003 ebenfalls sein Generalkonsulat in Hamburg schloss und bald einsah, dass das ein Fehler war. Danke an den Autor Peter Wolodarski, kann ich da nur sagen – schön, dass das Thema auch in der schwedischen Öffentlichkeit einmal aufgegriffen wird. Die Reduktion des deutschen Programms auf einen Nachrichtenblock ist ein echter Verlust.

  • Heute abend wartet das große Finale von Melodifestivalen, dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Meine Favoritin ist ja Amy Diamond, aber ich fürchte, dass eine der Teilnehmerinnen der Kategorie „Blonde Frau mit Schnulzentitel, deren Haare von einem Gebläse aufgeweht werden“ gewinnen wird. Wer es sich nicht entgehen lassen will: heute abend auf SVT1 oder international auch per Radio über P4.
  • Ein kleines Update zu meinem Auswandererguide: in Schweden gibt es ja keine Eigentumswohnungen, sondern nur das Bostadsrätt, wo man Teil einer Genossenschaft ist, die das Haus als Gesamtes besitzt. Ein Nachteil davon sind die monatlichen Beiträge, die nicht selten fast genauso hoch sind wie die Miete in einer vergleichbaren Wohnung. Das ergibt sich daraus, dass die Mieten nicht nach Marktgesetzen festgelegt werden und die Bostadsrättsgebühren auf nicht ganz nachvollziehbare Weise verwendet werden. In vielen Fällen ist jedenfalls nicht ersichtlich, wo das ganze Geld denn hingeht. Echte Eigentumswohnungen gibt es bislang nicht, was daran liegt, dass die rechtlichen Grundlagen in Schweden fehlen. DN berichtete kürzlich über ein Beispiel aus Norwegen, wo dies anders ist. Der Vergleich fällt recht positiv aus, da die monatlichen Abgaben deutlich niedriger liegen – selbst im teuren Norwegen sind es in dem Beispiel einer 60-Quadratmeter-Wohnung gerade einmal 1800 norwegische Kronen. Für ein vergleichbares Bostadsrätt in Schweden zahlt man gut und gerne das Doppelte. Nebenbei wurde dort auch erwähnt, dass die schwedische Regierung plant, ab 2009 Eigentumswohnungen in Schweden einzuführen. Ein begrüßenswerter Schritt, wie ich finde, denn ein beträchtlicher Teil der Schweden wohnt in einem Bostadsrätt und zahlt de facto die Miete an die Bank, weil die Wohnung nur auf Pump erworben wurde. Bei einem Ägarrätt, wie dann die Eigentumswohnungen heißen würden, hätte der Mieter mehr Luft, die Wohnung abzubezahlen und wäre nicht bis in alle Ewigkeit verschuldet. Die Details muss man aber erst noch abwarten, denn man kann Norwegen auch nicht wieder mit Schweden vergleichen, da es bei den Norwegern diese umfangreichen genossenschaftlichen Wohnungsorganisationen nicht gibt. Der Wohnungsminister Mats Odell hat auch angekündigt, dass es vorerst wohl nur um neu gebaute Wohnungen gehe, wenn das Ägarrätt kommen sollte. Die Blogosphäre scheint positiv zu reagieren. Außer einer Kritik am Schreibstil des Artikels sind die meisten Beiträge recht wohlwollend. Allerdings ist ein Kommentator auch Vorsitzender des Jugendverbands der Zentrumspartei und muss daher auch alles gut finden, was die Regierung vorhat.
  • Auf deutsche Politik komme ich im Moment lieber nicht zu sprechen. Da wird mir nämlich immer so übel, v.a. wenn ich an meinen Parteivorsitzenden denke.
  • Da denke ich doch lieber an den heutigen Tag, wo ich die Linien 1, 4 und 40 mit meinem fahrerischen Können beglücken darf.

On the night shift

Die Woche neigt sich dem Ende zu.

  • Dass ich eine neue Linie fahren muss, ist schon länger nicht mehr vorgekommen. Diese Woche war es wieder so weit – allerdings war es nur die Linie 94, und die ist identisch mit der Linie 4. Der einzige Unterschied ist: es ist die Nachtversion, die zwischen 2 Uhr und 5 Uhr verkehrt. Ich habe nämlich zum ersten Mal Nachtschicht. Sonst hörte ich spätestens um 2 Uhr auf oder fange frühestens um 4:45 Uhr an. Es hat auch seine angenehmenen Seiten, denn es ist wenig los und man fährt in den Tag hinein. Der Nachteil ist, dass es sehr eintönig ist, weil ich 7 Stunden lang immer die gleiche Linie fahre. Letzte Nacht hatte ich aber Glück in Sachen Fahrgäste. Es waren wenig renitente Betrunkene dabei. Allerdings musste ich nach der ersten Runde feststellen, dass jemand auf den Boden gekotzt hatte. Keine Ahnung, wer es war, denn die sahen eigentlich alle einigermaßen fit aus. So musste ich gleich mal wegen Buswechsel anfangen. Der zweite Bus hatte dafür eine kaputte Motorhaube, die dauernd wieder aufging. Mal sehen, was mich heute nacht erwartet.
  • Immer wieder gespannt bin ich ja auf neue Seiten über Nordkorea. Nun ist eine ziemlich ungewöhnliche Seite online gegangen: ein Webshop, der allerlei nordkoreanische Dinge verhökert. Allerdings ist die Seite fast nie zu erreichen, wie auch der SPIEGEL-Artikel dazu andeutet. Wer es geschafft hat, die Seite anzuschauen, kann mir ja einen Screenshot schicken 🙂

Im ARD-Studio Stockholm

ARD-Studio Stockholm

Beschaulich im Grünen: das ARD-Studio Stockholm – Studio und Korrespondentenwohnsitz in einem

Busfahrer sind von Natur aus gefragte Medienstars. Dementsprechend wurde ich von Bayern2Radio, dem Kultur- und Informationsprogramm des Bayerischen Rundfunks, zum Interview gebeten. Ich wusste ja immer: irgendwann komme ich mal ganz groß raus.

Naja, ganz so glamorös ist es nicht – über Bekanntschaften innerhalb der großen ARD-Familie wurde mir das Interview angetragen, und für beste Qualität macht man das Interview eben im Studio, wo man dann auch eine Direktverbindung nach München aufbauen kann. Das ARD-Studio Stockholm ist dabei ganz einfach im Haus des Korrespondenten gelegen, welches wiederum schön im Grünen in Djursholm liegt, keine 5 km von mir entfernt. So unterhielt ich mich nett mit dem Korrespondenten und seiner Frau, saß dann 20 Minuten lang mit Headset im Studio und beantwortete ein paar Fragen.

Das Ganze war aber nur voraufgezeichnet: morgen läuft es zwischen 11 und 12 Uhr auf Bayern2Radio.

Unfall gebaut

Der heutige Tag – mein erster ohne Begleitung im Linienverkehr – beginnt exzellent. Ich fahre schlecht und nach knapp zwei Stunden reiße ich den Kühler des Busses auf, so dass ich gleich mal bei der Zentrale anrufen darf. Schöne scheiße.

Daraufhin kommt ein Ersatzbusfahrer, der mir einen neuen Bus bringt und den alten mitnimmt. Interessanterweise fährt er ohne Begutachtung des Schadens weiter – ich frage mich, wie weit er gekommen ist.

Mehr Infos und zwei Videos zum Tage gibt es hier.

License to drive

Körkortsremsa

Heute morgen, 8 Uhr – Vägverket, die schwedische Straßenverkehrsbehörde, hat ihre Abteilung für Busfahrprüfungen ziemlich weit draußen, nämlich auf einem Flugplatz. Dort hat man mehr oder weniger auf der grünen Wiese ein paar Container (links im Bild) hingestellt. Mein Fahrprüfer ist schon da, kontrolliert meinen Führerschein, und schon geht es los. Die mühsam eingeübte Sicherheitskontrolle wird von ihm kaum betrachtet. Er steht nämlich draußen, raucht eine und unterhält sich mit dem Vertreter meiner Fahrschule. Danach die „Funktionsprüfung“, einem kurzen Gespräch über bestimmte technische Details des Busses. Er will etwas über die Parkbremse wissen – meine Paradedisziplin.
Das Fahren lief auch gut. Der Prüfer meinte allerdings, ich wäre zu schnell von der Autobahn abgefahren. Das ist insofern seltsam, als dass ich in den Fahrstunden einen kleinen Anschiss kassierte, als ich es genau so machte, wie er es heute gerne gehabt hätte. Der Vertreter meiner Fahrschule war zudem der Meinung, ich wäre insofern zu schnell unterwegs gewesen, dass das Einbremsen vor Ampeln und Kreisverkehren für die Fahrgäste ungemütlich würde. Das erstaunte mich insofern, als dass ich solche Kritik seit mindestens 10 Fahrstunden nicht mehr gehört hatte und zudem das Gefühl hatte, in der Prüfung eher langsam gefahren zu sein.

Wie dem auch sei: ich habe den Führerschein. Der oben abgebildete Abrissstreifen gilt maximal ein Jahr lang als Führerscheinersatz innerhalb Schwedens, bis mein neuer Führerschein ausgestellt wurde. Das ist weiter aber kein Problem, denn das dauert normalerweise nur eine Woche.

Montag geht es dann mit der Ausbildung zum Linienverkehr weiter.

Uppkörning

Wenn man in Schweden zur praktischen Fahrprüfung antritt, dann nennt man das „Uppkörning“, sehr frei übersetzt „auffahren“. Das darf ich in Kürze auch machen, nämlich am 27. Juli. Drückt mir die Daumen!

Weitere Highlights:

  • Gestern hatte ich wegen des starken Regens einen Fahrgast, da er mit dem Fahrrad zur Fahrschule gekommen war und wir in dann besser mitnahmen. Das Erstaunlich war jedoch, dass er ein Deutscher im gesetzteren Alter ist und damit ein noch unwahrscheinlicherer Kandidat für eine Arbeit als Busfahrer. Wie sich herausstellte, hat er sogar mal ein halbes Jahr lang in Rastatt gewohnt und ist nun wegen Familie seit 5 Jahren in Schweden.
  • Heute morgen hatte ich einen Erste-Hilfe-Kurs. Der war mit insgesamt 3 Stunden Umfang noch lächerlicher als der deutsche Kurs für den Führerschein. Leider hatte er trotzdem zwei Beatmungspuppen dabei.
  • Nachmittags dann ein Brandschutzkurs, der mich als ehemaliger Feuerwehrmann auch nicht wirklich beeindrucken konnten. Dass wir selbst einmal Schaum- und Kohlendioxidfeuerlöscher ausprobieren durften, war allerdings nicht schlecht. Mit einer Brandschutzdecke auf eine Puppe springen hätte allerdings nicht unbedingt sein müssen.
  • Hier noch etwas anderes zum Thema Führerschein in Schweden.