Zum Thema Wohnungssuche habe ich mittlerweile das englischsprachige Stockholm Accommodation Wiki gestartet. Dieses soll Informationen besser sammeln und strukturieren, als es der Auswandererguide kann. Die Adresse: http://stockholmaccommodation.wikia.com

Lappis
Hier kann man wohnen – wenn man lange genug wartet und Student ist

Ein Dach über dem Kopf zu haben ist auf Dauer klar von Vorteil.

Schon lange vor meinem Schwedenaufenthalt habe ich fragmentweise Geschichten darüber gehört, nach welchen seltsamen Gesetzen der Wohnungsmarkt in Schweden funktioniert. Wie das ganze System aber funktioniert, kristallisierte sich erst lange nach meiner Ankunft hier heraus.

Ehrlich gesagt ist er auch immer noch befremdlich für mich, und ich halte von dem ganzen System auch ziemlich wenig. Ich würde gerne anderen den Lernprozess darüber etwas erleichtern und beschreibe daher alle Bereiche etwas genauer, damit einem klar wird, auf was man sich einlässt und wo die besten Chancen sind, für sich selbst etwas passendes zu finden. Aus meiner Sicht ist es nämlich wichtig, das Zusammenspiel des Marktes einigermaßen zu kennen, um zu verstehen, warum beispielsweise WGs und Zweifamilienhäuser im Privatbesitz eher selten sind und Horrorgeschichten von endlos langen Wartezeiten umgehen.

Eines sei vorneweg gesagt: in vollem Umfang trifft das Folgende eigentlich nur in den Großstädten, insbesondere Stockholm, zu, wo oft Wohnungsmangel herrscht und die Preise hoch sind.

Um Studenten gleich auf das hinzuweisen, was sie ohnehin wahrscheinlich suchen, beginne ich mit einer Wohnform, die speziell auf Hochschulstudenten zugeschnitten ist: studentbostad (Studentenwohnung)

Diese beinhalten nicht nur richtige Wohnungen, sondern auch Studentenwohnheime, wo jeder sein eigenes Zimmer hat, aber bestimmte Einrichtungen (Küche, evtl. auch Bad) zentral sind. Als Zwischenform gibt es auch noch größere Einzelzimmer, in denen eine kleine Küche eingebaut ist und die somit als Wohnung für eine Person dienen können.

Solche Wohnungen bieten meist genossenschaftlich organisierte Gesellschaften an. In Stockholm ist dies hauptsächlich Stiftelsen Stockholms Studentbostäder (kurz „SSSB). SSSB unterhält auch Studentenwohnheime mit möblierten Zimmern, was für eine große Beliebtheit bei ausländischen Studenten sorgt. Nebenbei buchen auch die ganzen Unis für ihre Austauschstudenten bei SSSB.
Aus dem Grund ist mein Studentenwohnheim, das sogenannte Lappis, auch ein internationales Dorf in Stockholm – jedes Jahr ab August kommen Massen von neuen Studenten, die kein Wort schwedisch sprechen. Die Vorteile sind zahlreich (schöne Lage, tolle Angebote), aber der Schwedenmangel sorgt dafür, dass man mit echten Schweden wenig Kontakt hat.

Auch wenn man zur Förderung der eigenen Schwedischkenntnisse woanders hinziehen möchte, bleibt einem meist gar nichts anderes übrig, als doch ein Zimmer hier anzunehmen.

SSSB (und wohl so ziemlich jede andere vergleichbare Institution des Landes) vergibt seine Plätze nämlich nach Wartezeit.
Man darf sich ab 16 Jahren online anmelden und sollte sich dann mindestens alle 3 Monate einloggen. Student zu sein ist hierfür keine Pflicht, so dass sich so mancher schon lange vor dem Studium anmeldet und dann natürlich schon eine Menge Wartezeit angesammelt hat, wenn es darum geht, sich ein Zimmer zu suchen.

Hinzu kommt, dass das Angebot nur langsam wächst, aber der Bedarf stark fluktuiert. Als ich 2005 nach Stockholm kam, boomte die Wirtschaft und es gab daher relativ wenige Studenten. So reichten schon ca. 120 Tage, um ein Zimmer in den Studentenwohnheimen Lappis oder Jerum zu erhalten. Die meisten Objekte lagen aber bei gut 300 Tagen Wartezeit. Dauerrekordhalter war und ist diesbezüglich das Wohnheim Lucidor in der Altstadt Stockholms, direkt am Stortorget. Dort braucht man damals wie heute in der Regel mindestens 1500 Tage Wartezeit, um den Zuschlag zu bekommen.
Gelegentlich gab es auch noch Last-Minute-Angebote – bei denen handelt es sich meist um Ladenhüter, die vorher keiner wollte oder die aus anderen Gründen nicht rechtzeitig vermittelt werden konnten.

Das ist mittlerweile aber weitgehend Makulatur. Die Krise ab 2008 hat die Studentenzahlen ansteigen lassen, und so sind auch die Wartezeiten gestiegen. Unter 300 Tagen erhält man derzeit nkaum noch etwas.

Wenn man dann etwas ergattert hat, muss man bei der Vertragsunterzeichnung nachweisen, dass man Student an einer Stockholmer Hochschule ist. Wohnungen erhält man übrigens normalerweise nur, wenn man einen Partner hat. Um das Zimmer behalten zu können, muss man beim ersten Mal nach einem Jahr, dann alle 6 Monate seine Studienfortschritte nachweisen. Wer pro Halbjahr keine Kurse im Wert von 15 Hochschulpunkten (entsprechen ECTS-Punkten) ableistet, wird gekündigt.
Ein Vorteil bei SSSB ist übrigens, dass viele Objekte im Juni und Juli mietfrei sind – das drückt die effektive Miete natürlich erheblich. Für Austauschstudenten ist das doppelt interessant, weil man so am Ende seines Aufenthalts einen miet- und vorlesungsfreien Zeitraum von zwei Monaten hat. Da lässt sich der schwedische Sommer natürlich genießen.

SSSB ist aber nicht der einzige Anbieter, nur der größte.

Hier eine Liste mit weiteren Anbietern in Stockholm und Umgebung:

  • Svenska Bostäder unterhält ca. 750 Studentenowhnungen. Man muss sich mindestens alle 6 Monate einloggen, und nach spätestens 2 Jahren fliegt das Wohnungsgesuch raus. Fröhliches Wartezeitsammeln ist hier also nicht möglich – und das ist wohl ganz gut so. Auch hier erwartet man 15 Punkte pro Semester.
  • Kista Studentbostäder hat ca. 400 Wohnungen in dem nicht ganz zentralen und nicht ganz schönen Stadtteil Kista. Dort sind Nanotechnologie und Informatik von KTH und Stockholms Universität (SU) angesiedelt. Außerdem hat man eine große Einkaufspassage (über der man mehr oder weniger wohnt) und die U-Bahn direkt vor Ort. Zur Anmeldung in der Warteschlange muss man 18 und aktiver Student sein. Alle Wohnungen sind unmöbliert.
  • Campus Roslagen hat 360 Wohnungen in Norrtälje zu bieten. Die Gegend Roslagen liegt nördlich von Stockholm und gehört zum am dünnsten besiedelten Teil der Region. Wer dort wohnt und nicht gerade zufällig an der dortigen Außenstelle des Karolinska Institutet (KI) studiert, muss lange Wege in Kauf nehmen – nach rund 1 km Fußweg nimmt man den Bus in die Stadt, der fast eine Stunde für den Weg braucht. Es scheint bei diesem Anbieter keine Warteschlange zu geben. Stattdessen kann man nur online sein Interesse an einer Wohnung bekunden.
  • Huge Studenbostäder hat 687 Wohnungen in Flemingsberg. Dieser Stadtteil liegt südlich von Stockholm und ist eher sozial schwach. Er ist durch die S-Bahn angebunden. In Flemingsberg gibt es ein großes Krankenhaus. Die Södertörns Hogskola (SH), das KI und die KTH haben hier auch Außenstellen. Um sich in die Warteschlange zu stellen, muss man 18 und aktiver Student (15 Punkte pro Semester) sein. Die Onlineanmeldung verlangt schon im ersten Schritt die Personnummer, die man als Student vor Ankunft gar nicht hat. Daher ist es wohl schlauer, sich postalisch anzumelden. Hier die Informationen auch in englisch.
  • Riksten Friluftstad trägt den Namen „Friluftstad“ (Freiluftstadt) nicht von ungefähr. Nicht dass man hier unter freiem Himmel übernachten müsste, aber die 176 Wohnungen sind in Botkyrka und ziemlich weit draußen, denn in die Stadt kommt man nur mit dem Bus und S-Bahn. Es ist nicht weit entfernt von Flemingsberg, so dass es für Studenten an SH, KI und KTH interessant sein kann. Es gibt auch hier ein Warteschlangensystem. Als Anforderung werden nur 7,5 Hochschulpunkte verlangt.
  • Proventum hat 330 Wohnungen in Haninge, südöstlich von Stockholm und auch eher sozial schwach. Von dort aus sind auch die Hochschuleinrichtungen in Flemingsberg relativ gut (mit Bus/S-Bahn ca. 30 Minuten) zu erreichen. Man kann online sein Interesse anmelden. Ob es eine Warteschlange gibt, ist nicht ganz klar.
  • Das Studenthemmet Tempus hat 230 Wohnungen und fällt etwas aus dem Rahmen, weil es sich sehr studentisch gibt. Das beginnt beim etwas ungewöhnlichen Design der Webseite und den kreativen Namen der vier Häuser. Dahinter steht aber allem Anschein nach trotzdem eine Investmentgesellschaft. Eine weitere Besonderheit ist, dass sämtliche Drogen verboten sind – und das schließt Alkohol mit ein. Exzessive Parties werden hier also nicht gehen. Dafür gibt es aber allerlei anderes interessantes. Die Wohnungen liegen im beschaulichen Vorort Bromma, direkt an der grünen Linie der U-Bahn. So ist die ganze Infrastruktur recht nahe und der Uni-Campus nur ca. 30 Minuten entfernt. Man kann sich online in die Warteschlange stellen.
  • Tumba Centrum ist in erster Linie ein Einkaufszentrum, vermietet aber auch einige Wohnungen, darunter 80 Studentenwohnungen. Tumba liegt im sozial eher schwachen Botkyrka und hat eine gute Anbindung per S-Bahn nach Flemingsberg. Zur Universität sind es ca. 50 Minuten Fahrtzeit. Die verfügbaren Wohnungen werden online aufgelistet. Eine Warteschlange scheint es nicht zu geben.
  • Vasakronan hat 665 Wohnungen im zentralen Södermalm und dem etwas weniger zentralen, aber trotzdem U-Bahn-angebundenen Telefonplan. Man muss sich mindestens alle 6 Monate einloggen, da man sonst seinen Wartelistenplatz verliert.
  • Das University Accomodation Center bietet 220 Wohnungen ausdrücklich nur für ausländische Studenten und Forscher. Allerdings ist es nur für Studenten am KI voll verfügbar, d.h. auch für Master- und Austauschstudenten. Von KTH, SU und Handelshögskolan (HHS) sind nur Postdocs und Doktoranden zugelassen.
  • Bei der allgemeinen Wohnungsvermittlung der Stadt Stockholm scheint es auch Studentenwohnungen zu geben. Micasa vermittelt seine Studentenwohnungen hierüber. Die Chancen dürften aber relativ gering sein, denn man braucht eine Personnummer zur Anmeldung. Da man als „normaler“ Schwede schon mehrere Jahre Wartezeit für eine gute Wohnung mitbringen muss, dürfte das bei Studenten auch nicht viel besser sein.

Über andere Universitätsstädte kann ich leider keine Auskünfte geben, aber ich vermute stark, dass die Verfahren sehr ähnlich sind.

Die Anforderungen sind also grob zusammengefasst:

  • Ausreichend Wartezeit
  • Aktives Studium an einer lokalen Hochschule

Studentenzimmer bestimmter Anbieter können auf Antrag auch untervermietet werden, z.B. wenn man ein Jahr lang ins Ausland geht. Diese Option kann auch die Rettung für Studenten sein, die die obigen Anforderungen nicht erfüllen – aber das ist eigentlich wieder eine andere Geschichte…

Zusammengefasst: Studentenzimmer und -wohnungen (d.h. meistens Einzimmerwohnungen) sind auf diesem Wege verfügbar, wenn man an einer lokalen Hochschule studiert. In Zeiten, in denen die Nachfrage an Studentenwohnungen das Angebot übersteigt, dürfte es aber für ausländische Studenten mit geringer Wartezeit schwierig werden. Dennoch ist es einen Versuch wert, denn die Wohnungen sind meist bezahlbar. Zudem hat man hier den Vorteil, dass man als ausländischer Student mit allen Suchenden konkurrieren. Hier muss man sich wenigstens nicht der nicht-studentischen Konkurrenz stellen.

Für all diejenigen, die ein Auslandspraktikum im Rahmen ihres Studiums machen, ist dieser Weg keine Option, solange sie nicht an einer lokalen Hochschule eingeschrieben sind. Schwierig ist es auch für Studenten, die mit Partner, Familie oder Haustier nach Schweden kommen, weil man für die entsprechenden Objekte häufig länger warten muss.

Update 10. August 2009: Zahlreiche Studentenwohnungsanbieter mit Links eingefügt und veraltete Darstellung überarbeitet.