Zum Thema Wohnungssuche habe ich mittlerweile das englischsprachige Stockholm Accommodation Wiki gestartet. Dieses soll Informationen besser sammeln und strukturieren, als es der Auswandererguide kann. Die Adresse: http://stockholmaccommodation.wikia.com

Gamla Stan - sxc.hu
Für die allermeisten praktisch unerreichbar – eine Wohnung in der Altstadt Stockholms
Mancher wird sich den vorigen Eintrag durchgelesen und festgestellt haben, dass er gar kein Student ist. Hier also nun die Informationen für alle, die sich auf diesem Wege keine Wohnung besorgen können.

Der werdende Auslandsdeutsche wird nämlich bestimmt einfach eine Wohnung mieten wollen, weil man das in Deutschland nunmal so macht. Zur Miete wohnen steht in Skandinavien ohnehin weit hinter dem Eigentum zurück – zumindest auf dem Lande. Aber auch ein Blick in die Stockholmer Zeitungen lässt bald klar werden, dass es zwar wohl Anzeigen aller Art gibt, aber so etwas wie eine Rubrik „Vermietungen“ meist nicht oder nur ohne irgendwelchen brauchbaren Inhalt. Die Rettung scheinen da DN Bostad, der Wohnungsableger der Zeitung Dagens Nyheter, und Metro Bostad, das Pendant dazu von der kostenlosen U-Bahn-Zeitung Metro, zu sein. Hier sucht man jedoch vergeblich, denn zu mieten gibt es hier nichts, nur zu kaufen.

Es ist nicht so, dass es keine Mietwohnungen gibt. Man nennt diese „hyresrätt“. Das heißt genau übersetzt „Mietrecht“. Dass in dem Wort schon von Recht gesprochen wird, ist irgendwo bezeichnend.
Soweit ich es bislang nämlich gesehen haben, zeichnen sich schwedische Mietverträge durch zwei Dinge aus: Zum Einen sind sie äußerst knapp und regeln nur das Nötigste. Das deutet darauf hin, dass das anderweitige Regelkorsett sehr eng ist. Zum Anderen sind sie praktisch unkündbar. So etwas wie Eigenbedarf scheint es nicht zu geben. Dies ist gut für die Mieter und einigermaßen demokratisch, weil Entscheidungen über die Zukunft der Immobilie, in der man wohnt, nicht so leicht ohne Zustimmung der Mieter getroffen werden können.

Dahinter vermute ich einen Grund, warum so wenige Privatleute Mietwohnungen anbieten. Ein anderer Grund dürfte in der Baugeschichte schwedischer Städte zu finden sein.

Miljonprogrammet – die schwedische „Platte“

Schweden hat sozialistische Anleihen – alles und jeder soll gleich sein und niemand bevorzugt werden.
Als nun Ende der 1950er Jahre ein gewaltiger Wohnungsmangel in vielen Städten auftrat, reagierte man ein bisschen wie im Ostblock und hob das sogenannte Miljonprogram (Millionenprogramm) aus der Taufe, um eine Million Wohnungen zu bauen. Das Ergebnis waren potthässliche Trabantenstädte, denn man hat der Einfachheit halber dutzendweise identische Häuser hochgezogen.

Die kulturellen Auswirkungen dessen sind nicht unerheblich. Bestimmte Einrichtungsmerkmale wie z.B. die Küchenschränke sind in dieser Generation von Wohnungen ziemlich ähnlich, weswegen man diese in zahllosen Filmen und Fernsehserien wiederfindet. Handfester sind die Auswirkungen, wenn man einmal so ein Stadtviertel besucht. Wie auch anderswo sind es oft reine Schlafstädte, in denen sich mit den Jahren vor allem die ansammeln, die sich nichts anderes leisten können. So werden diese Wohnungen zum Sammelbecken für die sozial schwachen Schichten, was die allgemeinen Zustände dort nicht unbedingt verbessert.

Immerhin hat man damit das ländlich geprägte Schweden teilweise urbanisiert. Daran, dass das Einfamilienhaus der Normalfall ist, hat es aber nichts geändert.

Die im Miljonprogram entstandenen Wohnungen bilden bis heute einen großen Teil des Mietwohnungsbestandes.

Wer vermietet überhaupt?

Private Vermieter sind also eher die Ausnahme.

Stattdessen gibt es viele sogenannte allmännyttiga bostadsföretag, also gemeinnützige Wohnungsfirmen, kurz auch oft „Allmännyttan“ genannt. Diese Firmen sind oft in kommunaler Hand. In Stockholm wurde dies schon in den 1930er Jahren eingerichtet.
Wegen der kommerziell wenig interessanten Aussicht, Vermieter zu werden, sind es auch diese Firmen, die zu erheblichen Teilen am Neubau von Mietwohnungen beteiligt sind.

Die Firmen sind einem Regelwerk unterworfen, um den Status als gemeinnützig zu erhalten.

Dazu gehört natürlich in erster Linie, nicht gewinnorientiert zu arbeiten. Doch das ist nicht alles.

Die Höhe der Mieten

In Schweden ist die „Bruksvärdeshyra“ (Gebrauchswertsmiete) gesetzlich vorgeschrieben. Diese legt fest, dass eine Wohnung gleichen Standards überall die gleiche Miete haben muss.
Es zählen Größe, Ausstattung und Verkehrsanbindung, nicht jedoch die allgemeine Attraktivität der Wohnlage. Ob es also ein schlechtes oder ein gutes Viertel ist, macht keinen Unterschied in der Mietfestsetzung. Dementsprechend gibt es auch keinen Mietmarkt im deutschen Sinne, wo der Vermieter so viel verlangen kann, wie der Mieter bereit ist zu zahlen.

Mit anderen Worten: die Mieten werden künstlich niedrig gehalten.

Mieterhöhungen gibt es natürlich trotzdem. Diese werden von einer Vertretung der Mieter ausgehandelt bzw. von jemandem, der sich für eine Vertretung der Mieter hält. In der Realität kommt nämlich das stellenweise doch recht eigentümliche Demokratieverständnis der Schweden zutage. Als Mietervertretung agiert die Hyresgästföreningen, die ihre demokratische Legitimation daraus zu beziehen scheint, dass sie einmal im Jahr eine Versammlung abhält, bei der die Mieter ja zu den ihnen vorgelegten Wahlvorschlägen rufen dürfen.
Ob sie eine gute oder eine schlechte Vertretung ist, vermag ich aber nicht zu beurteilen. Ich bin Mitglied, und zumindest in den Schreiben an mich wird der Anschein erwecket, die Hyresgästföreningen würde hart für niedrige Mieten kämpfen.

Wie werden Mietwohnungen vergeben?

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie man an diese wundersamen Wohnungen kommt, die derart selbstlos vermietet werden.

Da gibt es zwei Antworten.

Die eine ist, dass man sich einfach bewirbt und dann nach passendem Profil genommen wird. Das Ganze soll natürlich möglichst unabhängig und neutral sein, damit keiner wegen oberflächlicher Eindrücke benachteiligt wird. Hauptkriterium sind dabei die Kreditwürdigkeit und das Jahreseinkommen, was jedermann in Schweden abfragen kann (dazu mehr in einem anderen Teil).

Die andere ist ein irrwitziges Vergabesystem, das man sich aus hehren Zielen einfallen lassen hat: die Bostadskö („Wohnungswarteschlange“), die jedem gleiche Chancen auf eine preiswerte Mietwohnung geben soll. Wenn man eine Wohnung zur Miete haben möchte, meldet man sich bei der Bostadskö an. Vergeben werden die Wohnungen dann an diejenigen Interessenten, die die längste Wartezeit aufzuweisen haben. In die Schlange kann sich nahezu jeder in Schweden wohnhafte Erwachsene stellen. Eine aktive Suche nach einer Wohnung ist dabei nicht zwingend. Höchstens ein gelegentlicher Login zur Aktualisierung der Adressdaten ist notwendig.

Beide Systeme gibt es in Schweden, wobei eine Bostadskö früher verpflichtend war, heute aber nur noch in bestimmten Regionen anzutreffen ist. Ihr Anwendungsbereich ist offenkundig: wenn man nur anhand nachprüfbarer Fakten eine Entscheidung treffen darf, gerät man spätestens dann in die Zwickmühle, wenn der Bedarf das Angebot deutlich übersteigt. Denn dann wird öfters der Fall eintreten, dass mehrere prinzipiell gleichwertige Anwärter sich auf eine Wohnung bewerben. Wenn da nicht das Los entscheiden soll, braucht man ein anderes vermeintlich gerechtes Kriterium, und ein solches bietet die Bostadskö.

Es sind also eher bevölkerungsreiche Regionen, wo sie zum Einsatz kommt. Allen voran in Stockholm, und in Malmö anscheinend auch, nicht jedoch in Göteborg.

Wie die Wohnungsvergabe per Bostadskö funktioniert

Viele Stockholmer Umlandgemeinden haben die Vermittlung an Stockholm selbst abgegeben und unterhalten nur noch den Vermietungsbetrieb selbst. Einige betreiben eine eigene Bostadskö. In der Realität läuft in Stockholm fast alles über eine Bostadskö.

Zwar gibt es seit einiger Zeit auch „bostadssnabben“ (vielleicht als „Schnellwohnung“ übersetzbar), wo meist mäßig interessante Wohnungen nach dem Motto „first come, first serve“ angeboten werden, aber der Erfolg hängt hier von schneller Reaktion und Glück ab. Selbst wenn die Wohnung richtig schlecht ist, wird einer der ersten 20 sie bestimmt nehmen, weil er nicht genügend Wartezeit hat, um sich etwas besseres zu sichern.

Das Vermittlungssystem in Stockholm ist zentral organisiert und umfasst auch Wohnungen von u.a. Huddinge und Järfälla. Wenn eine Wohnung angeboten wird, kann man sein Interesse per Mausklick bekunden. Die Interessenten werden dann zur Besichtigung eingeladen und ggf. bekommen sie die Wohnung angeboten. Das ganze geht der Reihe nach, beginnend mit der längsten Wartezeit. Wer sich also gerade frisch bei der Bostadskö angemeldet hat, hat kaum eine Chance, überhaupt zur Besichtigung eingeladen zu werden, weil er zu weit hinten auf der Liste steht. Bis ca. Platz 40 auf der Liste erhält man immerhin eine Einladung. Sich aber als frisch Angemeldeter an eine Wohnung zu wagen, bei der schon 200 Interessenten angemeldet sind – keine Seltenheit im Übrigen – ist Zeitverschwendung.

Nach der Besichtigung können die Interessenten sagen, ob sie weiterhin an der Wohnung interessiert sind. Wer nicht bei der Besichtigung war und auch keinen Vertreter geschickt hat, wird häufig ganz von der Liste entfernt.
Der Besichtigung kommt also allgemein einer erhebliche Bedeutung zu. Wer sie verpasst, reduziert seine Chancen erheblich.

Aus den verbleibenden Anwärtern auf die Wohnung wird eine Liste erstellt, sortiert nach Wartezeit. Diese wird dann solange abgearbeitet, bis ein geeigneter Mieter gefunden ist. Geeignet bedeutet, dass nicht nur dass Interesse weiterhin besteht, sondern auch Kreditwürdigkeitsüberprüfung und das Haushaltseinkommen den Anforderungen des Vermieters entspricht. Oft wird hierzu ein bestimmter Anteil festgesetzt, den die Miete am Einkommen ausmachen darf.

Realistisch betrachtet wird wohl kaum einer zum Zug kommen, der auf dieser letzten Liste nicht unter den ersten fünf Anwärtern ist.

Wenn der Vertrag abgeschlossen ist, wird die Wartezeit des erfolgreichen Bewerbers gestrichen.

Was einen Vermieter überzeugen kann

An dieser Stelle sollte man noch einmals darauf eingehen, welche Standards ein Vermieter anlegt, wenn er einen Mieter sucht. Die Wohnungsesellschaften haben hierzu Richtlinien – und der persönliche Eindruck gehört nicht dazu, denn meist läuft sämtlicher Kontakt über das Telefon oder schriftlich.

Die Wohnungsgesellschaften wollen genau über die Einkommensverhältnisse bescheid wissen wollen und ein gewisses Mindesteinkommen verlangen, das sie dann detailliert belegt haben wollen. Je nach Anstellungsart ist außerdem eine Mitgliedschaft in der eigentlich freiwilligen Arbeitslosenversicherung (in ein paar Folgen etwas mehr dazu) erforderlich. Den Einblick in die eigenen Finanzen läuft dem deutschen Wesen natürlich deutlich zuwider, muss in diesem Fall wohl aber akzeptiert werden. Auch sind die Gesellschaften sehr wählerisch – Unterstützung durch die eigenen Eltern, ein tolles Erbe oder andere Einkommensformen jenseits der vorgegebenen Richtlinien werden nicht anerkannt. Immerhin wird aber „studiestöd“, sozusagen das schwedische Bafög, akzeptiert.

Die Krux mit der Bostadskö – der Stockholmer Mietwohnungsmarkt

Bis hierhin wird dieses System der Bostadskö vielleicht noch sinnvoll klingen. Im Grunde ist es das auch.

Die Realität ist leider eine andere.

In Stockholm übersteigt die Nachfrage das Angebot bei weitem. Dies bringt einige Effekte mit sich.

  • Die Wartezeit steigt massiv an. Derzeit werden Wohnung am häufigsten nach einer Wartezeit von 2 bis 6 Jahren vermittelt. In der Innenstadt sind es aber eher 8 bis 10 Jahre. Diese Richtwerte trafen eigentlich auf jedes Jahr seit 2003 zu und können hier etwas genauer inspiziert werden. Natürlich werden auch immer wieder Horrorgeschichten von 20 Jahren Wartezeit verbreitet – das ist aber nur ein verschwindend geringer Anteil der vergebenen Wohnungen.
  • Weil man Jahre Wartezeit investieren muss und diese bei Aufgabe der Wohnung nicht wieder bekommt, ist kaum einer bereit, seine Mietwohnung wieder herzugeben. Also vermietet man die Wohnungen schwarz unter (dazu mehr im übernächsten Teil), nicht selten zu saftig erhöhten Mietpresien. Dies ist natürlich nach den Regeln des Vermieters nicht erlaubt, aber dieser muss sich schon etwas anstrengen, um einen entsprechenden Nachweis zu erbringen. Da er seine Mieter auch nicht persönlich kennt, können ihm die tatsächlichen Bewohner der Wohnung viel erzählen. Zudem ist das auch vielleicht gar nicht in seinem Interesse, illegale Untermieter rauszuwerfen. Solange die Miete bezahlt wird und sonst kein Ärger auftritt, besteht hierzu ja nicht unbedingt ein Anlass. Wer so gegen die Regeln verstößt, kann nur gewinnen, denn er nimmt gutes Geld und hat nichts zu verlieren, denn falls die ganze Sache auffliegt, hat er keinen Schaden: die Wohnung wird aufgelöst und der Untermieter fliegt raus. Dieser ist also doppelt der Leidtragende, weil er mehr zahlt und keine Sicherheiten hat.
  • Es tritt der von mir gerne so genannte Trabi-Effekt auf. In der DDR hatte jeder eine Trabi-Bestellung laufen. Nicht weil man einen brauchte, sondern damit man schon genügend Wartezeit hatte, falls man einen brauchte. Ähnlich ist es mit der Bostadskö. Weil man Mitglied sein kann, ohne aktiv zu suchen, stellen sich alle in die Warteschlange für den Fall, dass man eine Wohnung haben will. Die allermeisten Wartenden brauchen also gar keine Wohnung. Darunter leiden dann diejenigen, die wirklich eine Wohnung brauchen, denn sie können sich diesen Luxus nicht erlauben. Welches Klientel allen Ernstes 20 Jahre wartet, um eine Wohnung in traumhafter Lage zu kriegen, weiß ich nicht. Es verwundert aber nicht, dass viele „bessere“ Wohngegenden eine auffallend hohe Rentnerdichte haben. Diese hatten genügend Zeit zu warten und haben vermutlich ihre letzte Eigentumswohnung verkauft, dadurch genug Geld auf der hohen Kante und keine finanziellen Verbindlichkeiten mehr.

Nebenbei wird das Ziel eines gerechten und gleichen Systems meilenweit verfehlt. Die attraktiven Wohngegenden sind voll mit Eigentumswohnungen, so dass dem Mietmarkt hier schlicht die Grundlage fehlt.

So gibt es auch im vermeintlich sozialeren und gerechteren Schweden regelrechte Ghettos.
Als Tourist ist man immer begeistert, wie schön doch die Altstadt in Stockholm ist, und man ist geneigt, zu glauben, der normale Stockholmer würde wirklich da leben. Das tut er nicht. Das beschriebene System hat eine Art Speckgürtel mit hoher Segregation erzeugt – je weiter vom Stadtzentrum entfernt, desto kürzer die Wartezeiten und unterprivilegierter die Bewohner. In Rinkeby beispielsweise ist die durchschnittliche Wartezeit nur zwei oder drei Jahre – die Arbeitslosigkeit ist aber hoch und der Ausländeranteil liegt bei knapp 90%. Es ist zwar nicht schlimm, in solchen Stadtteilen zu wohnen, aber die Atmosphäre ist weit entfernt von Pippi-Langstrumpf-Schweden. Die normalen Wohnbezirke sind übrigens oft nicht in Stockholm selbst. Die Stadt Stockholm geht nämlich relativ schnell in die Umgebungsgemeinden über, wie man hier sehen kann. Die angrenzenden Kommunen sind meist im Nahverkehr sehr gut angebunden und stellen somit eine Alternative dar – die Regeln bleiben aber die gleichen.

Wer sich etwas aufbauen will, wird also nur vorübergehend in einem Hyresrätt leben wollen (siehe auch nächster Teil).

Wohnungsvermittlungen im Großraum Stockholm

Hier meine kleine Liste von kommunalen Wohnungsvermittlungen in Groß-Stockholm. Zuerst die kommunalen Anbieter (sortiert nach Kommune), dann die restlichen:

Ob es damit leichter wird, eine Wohnung zu finden, sei dahingestellt.

Fairerweise sollte man anmerken, dass einige dieser Seiten Leuten, die sich noch im Ausland befinden, gar nicht offen stehen. Für die Anmeldung benötigt man nämlich eine gültige Personnummer (in ein paar Folgen mehr dazu), die man erst nach Ankunft hier erhält. Die Wohnungssuche schon im Ausland zu beginnen ist also schwierig. Man sollte also erst einmal ankommen, bevor man sich in das Getümmel dieses Systems wirft – was die Wohnungssuche auf „Andra Hand“, beschrieben im übernächsten Teil, verlegen dürfte.

In jedem Falle muss man in Stockholm von einem hohen Ross heruntersteigen. 4-Zimmer-Wohnungen im Altbau sind etwas für Träumer in dieser Stadt. Schlechte Lage, absurde Grundrisse (bei meiner Wohnung kommt man vom Eingang direkt ins Wohnzimmer) und unästhetische Tapeten müssen egal sein, denn oberste Priorität ist, erst einmal etwas zu finden. Den Luxus, hier hohe Anforderungen zu stellen, kann sich nur erlauben, wer schon in sicheren Wohnverhältnissen lebt, lange Wartezeit hat und nach etwas besserem Ausschau hält.

Jenseits von Allmännyttan: kleine private Vermieter

Wie in der Zwischenzeit deutlich geworden sein dürfte, ist das deutsche Modell des Zweifamilienhauses, in dem der Besitzer eine Wohnung selbst nutzt und eine vermietet, selten.

Dennoch gibt es sie, und sie werden ihre Wohnungen oft nicht über die kommunalen Wohnungsvermittler vergeben, sondern auf eigene Faust.

Wo sie das tun? Das ist eine gute Frage. Ein wichtiges Zentrum ist Blocket, die schwedische Kleinanzeigen schlechthin. Auch in Portalen wie Bostaddirekt wird man fündig werden können.

Jedoch sind das auch genau die Seiten, wo die bereits erwähnten schwarz untervermieteten Wohnungen feilgeboten werden. Daher sollte man dort immer mit Vor- und Umsicht agieren. Mehr Links finden sich im Artikel zum Thema Andra Hand.

Einige praktische Dinge zu Mietwohnungen

Einige Dinge sollte man zu schwedischen Mietwohnungen noch anfügen:

  • Kaution: scheint nicht üblich zu sein. Ich musste bislang keine zahlen.
  • Küche: meines Wissens ist es Gesetz, dass eine schwedische Wohnung eine Küche mit Herd, Ofen, Kühlschrank und Gefrierschrank enthält. Man muss also nicht nur keine eigene Küche mitbringen, man darf es in dem Fall wohl auch nicht.
  • Bad: Schwedische Bäder glänzen oft mit einer bestechenden Abwesenheit von Steckdosen. Anscheinend war es bis vor einigen Jahren generell verboten, Steckdosen im Bad anzubringen. Ein weiteres Merkmal von Bädern in Mietwohnungen scheint der schlichte Standard zu sein. Rohre verlaufen meist über Putz, die Badewanne ist freistehend. Oft läuft der Boden auf einen Abfluss zu.
  • Waschmaschine: Oft ist im Bad zumindest ein Stromanschluss (keine Steckdosen) für Waschmaschinen vorgesehen. Man kann sich also aus Bequemlichkeit eine zulegen. Notwendig ist das aber oft nicht, denn es gibt die sogenannte „Tvättstuga“. Das ist eine Waschküche für alle Mieter, wo man sich mit mehr oder weniger ausgefeilten Systemen (von simplen Brettern bis zu moderner Elektronik) Waschzeiten sichern kann.
  • Renovieren: Generell scheint es keine Pflicht zur Renovierung zu geben. Dementsprechend wird die Wohnung oft in einem mittelmäßigen Zustand übergeben. Die Vorauswahl der Tapeten ist auch nicht immer geschmackssicher. Ob und wie man selbst renovieren darf, sollte man dann wohl mit dem Vermieter abklären.

Zusammenfassung

In anderen Städten mit Wohnungsmangel gestaltet sich die Situation ähnlich wie in Stockholm. Es gibt aber auch Städte, in denen man einen Teil der Miljonprogram-Gebäude wieder abgerissen hat, weil einfach nicht genügend Bedarf bestand.

Ob Bostadskö oder nicht: Ich bin jedenfalls der Meinung, dass das bestehende System angeborene Schwächen hat, die auch eine andere Marktsituation nicht beheben kann. Man hat einen vollkommen verkrusteten Markt geschaffen, der gerechter sein soll, aber den Wettbewerb auf schwarze Untervermietungen und vollkommen praxiswidrige Wartezeiten verlagert.
Die Festsetzung einer gleichmäßigen Miete unabhängig von der Lage und die Anhäufung von Wartezeit, ohne dass man wirklich aktiv eine Wohnung sucht, erzeugen die oben beschriebenen Effekte. Würde man die Mieten zumindest leicht nach der Attraktivität der Lage anpassen und alle in der Schlange nach hinten setzen, die gar nicht wirklich eine Wohnung suchen, wäre damit schon viel erreicht.

Der jetzige Zustand macht es für eine Firma auch nicht attraktiv, überhaupt in Wohnungen zu investieren, weswegen der Mietmarkt immer nur ein zartes Pflänzchen bleiben wird.

Manche Teile der derzeit regierenden bürgerlichen Koalition würde das ganze System am liebsten komplett abschaffen und dem Markt freien Lauf lassen. Aus meiner Sicht hat das einen gewissen Charme, auch wenn die Ergebnisse fatal wären. Die Mieten würden in unbezahlbare Höhen steigen. Konkrete Maßnahmen gibt es bislang insofern, als dass man viele gemeinnützigen Mietwohnungen an deren Mieter verkauft (dazu im nächsten Teil mehr), was natürlich die ohnehin unzureichenden Mietwohnungsbestände weiter dezimieren würde. Andererseits sind zahlreiche dieser Objekte ohnehin schon seit Ewigkeiten in Mieterhand.
Weiterhin stehen Vorschläge im Raum, Mieten abzustufen je nach Attraktivität – ein bisschen wie das auch in einem freien System der Fall wäre.

Hier zusammengefasst die Anforderungen in Stockholm:

  • Am besten jahrelange Wartezeit
  • Am besten einen Wohnsitz in Schweden und eine Personnummer
  • Genügend Zeit, auf Wohnungsbesichtigungen zu gehen (erhöht die Chancen)
  • Frühaufsteherqualitäten, um bei Bostadssnabben und anderen Angeboten die Nase vorn zu haben

Überall sollte man aber ein passables Einkommen und Kreditwürdigkeit mitbringen.

Das alles ist vom Ausland aus nur schwer zu bewerkstelligen, aber kann nach Ankunft hier in Angriff genommen werden.

Eine Maßnahme haben die oben erwähnten bürgerlichen Parteien übrigens schon begonnen: viele Hyresrätter (Plural von Hyresrätt) werden jetzt in Bostadsrätter umgewandelt, der schwedischen Version der Eigentumswohnung – dazu aber im nächsten Teil mehr.