Zahnarztwerbung (Achtung: dies ist nur ein Beispiel für Zahnarztwerbung. Die dort gezeigte Firma ist bekannt dafür, dass sie ungewöhnlich oft angezeigt wird. Auch aus Erfahrungen in meinem Umfeld ist von einem Besuch abzuraten.)

Vor geraumer Zeit traf ich eine Schwedin, die der Meinung war, dass das schwedische Gesundheitssystem gut sei, wie es ist. Damit steht sie aber relativ alleine, nehme ich an. Die Schweden haben sich eher darauf eingerichtet und sind relativ lethargisch, wenn es um Verbesserungen im Gesundheitssystem geht. In der politischen Debatte brüstet sich die jeweilige Regierung damit, dass sie viel verbessert habe, auch wenn es de facto nur Fortschritte im Detail sind.

Insbesondere für Deutsche ist dieses System häufig ein konstantes Ärgernis, vor allem die langen Wartezeiten.

Trotz allem Ärger sollte man nicht vergessen, dass dieses Land eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt hat. Ein Gesundheitssystem kann im Zweifelsfall nur alles falsch machen, und auf deutsche Bedürfnisse ist es nun einmal nicht zugeschnitten.

Die Grundzüge des Systems lassen sich ungefähr so beschreiben:

  • Hohe Eigenverantwortung: die Anzahl der Arztbesuche soll so gering wie möglich gehalten werden – dass das Wartezimmer des Arztes zum Kaffeekränzchenersatz wird, soll also vermieden werden. Hierzu gibt es auch eine vorgeschaltete Telefonberatung, die erst einmal beurteilen soll, ob ein Arztbesuch wirklich vonnöten ist.
  • Autonomer Personaleinsatz: es wird kein Heer von Sprechstundenhilfen beschäftigt. Stattdessen gibt es Krankenschwestern, die Standarduntersuchungen und sogar gewisse Verschreibungen selbständig vornehmen können. Der Arzt muss sich also nur der weitergehenden Fälle annehmen.
  • Hoher Verstaatlichungsgrad: das System basiert auf Polikliniken und Hausärztevereinigungen, wo der Staat das Fachpersonal anstellt. Ärzte sind also keine mittelständischen Unternehmer wie in Deutschland. Ausgenommen sind davon aber Chiropraktiker, Naprapaten und Zahnärzte. Außerdem kommt es auch vor, dass der Betrieb von medizinischen Einrichtungen ausgeschrieben und dann eine private Firma vergeben wird.

Man sollte anmerken, dass das Gesundheitssystem eine der wenigen Zuständigkeiten ist, die dem Län, also den Provinzen, unterliegen. Daher gehört es auch zu den Dingen, die sich regional leicht unterscheiden. Insbesondere was Gebühren und Wartezeiten angeht, gibt es hier Unterschiede im Detail. Meine Erfahrungen beziehen sich auf Stockholms Län. Soweit mir anderes bekannt ist, werde ich das aber einfließen lassen.

Die Vårdcentralen

Was dem Deutschen der Hausarzt, ist dem Schweden die Vårdcentral (wörtlich „Pflegezentrale“). Es gibt rund 1000 davon in Schweden, und sie stellen in der Regel die erste Anlaufstelle bei medizinischen Anliegen dar. Es handelt sich dabei um eine Aufnahme, in der eine Reihe Allgemeinärzte zusammengefasst sind. Unterstützt werden sie von einer kleinen Verwaltung und mehreren Krankenschwestern, die aber zu guten Teilen die angesprochenen Standardbehandlungen vornehmen. Dazu gehören Blutabnahmen und -analysen sowie Verbandswechsel.
Es gibt aber je nachdem auch Fachärzte in der Vårdcentralen. Meist werden Patienten, die zu einem Facharzt müssen, zu einer entsprechenden Einrichtung weitergeschickt, die dann oft im örtlichen Krankenhaus ist.

Die Terminvergabe ist aus deutscher Sicht etwas eigenwillig. Die Ärzte und Krankenschwestern haben bestimmte Telefonzeiten, zu denen man direkt mit ihnen sprechen kann. Diese sind meist morgens an Werktagen und rund eine Stunde lang. Der Fall kann dann gleich entsprechend eingeordnet werden. Ggf. wird man aber auch gleich abgewiesen.
Teilweise erhielt ich noch am gleichen Tag einen Termin, wobei dieses Wort auch seiner Bedeutung gerecht wird: wenn man um 11 Uhr kommen soll, dann sitzt man spätestens um 11:05 Uhr dem Arzt gegenüber – ganz anders als in Deutschland. Jedoch sind diese Zustände eher stockholmspezifisch. In anderen Regionen sind die Wartezeiten auf einen Termin bei der Vårdcentral erheblich länger. Die Vårdgaranti (siehe weiter unten) verlangt, dass man innerhalb von sieben Tagen den Arzt sehen kann, und selbst dies wird vielerorts oft nicht eingehalten.

Ein Nachteil ist auch, dass man sich seit einiger Zeit (zumindest in Stockholm) in den Vårdcentralen ausweisen (siehe entsprechender Teil) können muss, um behandelt zu werden.

Praxisgebühr

Kostenfrei ist der Arztbesuch allerdings nicht: schon bevor man so etwas in Deutschland einführte, gab es hier eine Praxisgebühr. Diese wird pro Besuch erhoben.

Derzeit werden 70 kr für die Behandlung durch eine Krankenschwester verlangt und 140 kr für einen Arztbesuch. Bei einem Facharzt zahlt man allerdings mehr.

Das Gute an dem System: die Kosten sind auf 900 kr pro Jahr gedeckelt. Man kann ab dem ersten Besuch eine Stempelkarte führen, wo die gezahlten Beiträge vermerkt werden. Sobald 900 kr erreicht sind, erhält man eine „Frikort“ („Freikarte“), die für ein Jahr ab dem ersten gestempelten Besuch gilt. Auf diese Art wird vermieden, dass man in einem irgendeinem Zeitraum von 12 Monaten mehr als den Maximalbetrag bezahlt. Das Ganze ist also deutlich flexibler als in Deutschland mit der quartalsweisen Regelung.

Eine solche Deckelung gibt es nicht nur für Arztbesuche an sich, sondern auch für Arzneimittel und andere Bereiche.

Vårdval – die freie Arztwahl

Bis vor einigen Jahren war es üblich, dass jede Vårdcentral ihren festen Bezirk hatte und alle Einwohner dieses Bezirks sich dorthin zu begeben hatten. Ich selbst habe einmal eine Odyssee durch drei Vårdcentralen erlebt, bis ich endlich bei meiner zuständigen war.

Seit 2010 ist es aber in allen Regionen Schwedens so, dass die sogenannte Vårdval gilt. Dies bedeutet konkret, dass man zu jeder beliebigen Vårdcentral gehen darf. Bei mir war es auch so, dass mir meine Vårdcentral nach dem Umzug einen Fragebogen zugesandt hat, in dem ich meinen Arzt aussuchen konnte. Dies kann aber eine Eigenheit von Stockholm sein.

Prinzipiell ist die Vårdval natürlich eine feine Sache, da man so nicht auf Gedeih und Verderb auf eine bestimmte Vårdcentral angewiesen ist. Die Vårdcentralen müssen also um ihre Patienten kämpfen. Ein Nachteil ist allerdings, dass nach ersten Untersuchungen auf diese Art die Zahl der Arztbesuche steigt.

Vårdgaranti – Wartezeiten, Standard und die sehr spezielle Bedeutung der Notaufnahme

Obwohl das ja alles nicht so schlecht klingt, hat das Gesundheitssystem massive Schwächen.

Das hat vor allem einen Grund: es ist in bestimmten Bereichen chronisch unterbesetzt, um nicht zu sagen unterfinanziert. Damit ist nicht gemeint, dass diese Einrichtungen hoffnungslos überfüllt oder gar schlecht ausgerüstet wären – sie sind meist in bestem Zustand (soweit ich das sagen kann), aber es gibt schlicht viel zu wenige von ihnen und sie erreichen nicht den Durchsatz, um alle Patienten sofort behandeln zu können.

Dies betrifft vor allem den Bereich spezialisierter Ärzte und Krankenhäuser. Deren Zahl ist in Schweden per Einwohner deutlich niedriger als in Deutschland.

Man behilft sich mit der schwedischen Allzweckkeule für solche Fälle: die Warteliste. Wer zu einem bestimmten Spezialisten muss, reiht sich brav hinten ein und bekommt dann irgendwann einmal einen Termin zugewiesen. Dieser kann weit in der Zukunft liegen – zwar wurde noch von der sozialdemokratischen Regierung verfügt, dass die Wartezeit nie drei Monate überschreiten solle, aber wie die einzelnen lokalen Gesundheitsverwaltungen das ohne Budgeterhöhung anstellen sollten, blieb denen selbst überlassen.

Genau in dieser Wartezeitdeckelung liegt nämlich auch ein Problem. Konkret gelten folgende Grenzen:

  • 0 Tage: Telefonkontakt mit medizinischem Personal
  • 7 Tage (nach dem Telefonkontakt): erster Arztbesuch
  • 90 Tage (nach dem Arztbesuch): Facharztbesuch
  • 90 Tage (nach dem Facharztbesuch) Facharztbehandlung

Wenn man also von einem Facharzt behandelt werden muss (z.B. eine Operation), dann wird die Garantie im Extremfall auch nach 187 Tagen (6 Monate!) immer noch eingehalten.

Das Schlimme daran ist, dass nun zwar alle bestrebt sind, diese Garantie einzuhalten, aber der Eifer sehr schnell erlahmt, sobald dies erreicht ist. Ob jemand nach 5 oder 85 Tagen behandelt wird, ist irrelevant, weil die Garantie schließlich eingehalten wurde. Dementsprechend wird keine Überstunde eingelegt, solange man in diesem Soll liegt.
Wirklich traurig ist aber, dass es in manchen Regionen in mehr als 20% der Fälle nicht gelingt, überhaupt die 90 Tage einzuhalten. Zwar soll es laut den zuständigen Behörden in den letzten Jahren besser geworden sein, denn in weiten Teilen des Landes wird die Garantie in über 90% der Fälle eingehalten. Jedoch ist dies nicht gleichbedeutend mit großen Fortschritten, denn selbst wenn 90% innerhalb der 90 Tage zum Facharzt kommen, kann es trotzdem sein, dass alle von ihnen 89 Tage gewartet haben.

Im Extremfall muss man chronische Beschwerden mehrere Monate lang ertragen, bis der Fachmann einen Blick darauf wirft.

Kurzum: dieses System kultiviert „mittlere“ Wartezeiten anstatt möglichst schnelle Behandlungen anzustreben.

Das durfte ich auch schon am eigenen Leib erfahren.

Obwohl es nur einen Tag dauerte, mir einen Termin in der Vårdcentralen zu besorgen, musste ich fünf Wochen warten, um einen bei einem HNO-Arzt zu bekommen. Noch schlimmer war es bei der Operation einer Fistel. Der Begutachtungstermin war zwei Monate nach Überweisung, und die Operation selbst ließ dann nochmal knapp zwei Monate auf sich warten. Ein Nachkontrolltermin wurde gar nicht erst vereinbart, und wenn man eine Frage oder Anliegen hatte, so wird man in jeder Abteilung des Krankenhauses von einem Telefonautomaten empfangen, der erst einmal den Wunsch aufnahm. Mit einer realen Person sprach man dann erst später.
Solche Wartezeiten sind aber bei weitem nicht das Ende der Fahnenstange. In meinem Umfeld betrug die Wartezeit für eine Magenspiegelung knapp 6 Monate.
Vor einiger Zeit hörte ich Karl Lauterbach in einem Podcast über ein Negativbeispiel für das deutsche Kassensystem berichten, dass da eine Magenspiegelung schonmal sechs Wochen Wartezeit erfordert hätte. Ich hoffe, er stellt das schwedische System nicht als positives Gegenmodell dagegen.

Ich kann mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass man möglichst schnell wieder weggeschickt werden soll. So ist die erwähnte telefonische Vorbesprechung bei der Vårdcentralen nicht selten ein Ratgeber, dass man erst gar nicht zu kommen braucht. Ein Klassiker ist fast schon, dass geraten wird, man solle doch einfach eine Alvedon (ein Paracetamol-Präparat) nehmen und wieder anrufen, wenn es nicht besser wird. Auch scheinen mir die Ärzte hier sehr gut darin zu sein, einem das Gefühl zu geben, man sei ein Hypochonder, der mit einer unbedeutenden Lappalie beim Arzt aufkreuzt. Da fühlt man sich nicht ernst genommen.

Die Absurdität dieses Systems liegt nicht zuletzt auch darin, dass es weniger Kosten spart als gedacht, denn eine schnelle Behandlung ist sicherlich billiger als eine lang verzögerte. Wegen besagter Fistel durfte ich monatelang regelmäßig Arbeitszeit und Material in der Vårdcentralen in Anspruch nehmen.

Gelegentlich arbeiten sich die Schwächen des Systems auch einmal in die Nachrichten vor. So verkündete das Astrid-Lindgren-Kinderkrankenhaus im März 2007, fürs erste keine weiteren regulären Patienten mehr anzunehmen, weil schon die durch die Notaufnahme hereinkommenden Fälle die verfügbaren Krankenhausbetten voll auslasteten. Im Sommer wurde einmal empfohlen, dass man doch bitte in Stockholm keine Kinder kriegen solle, weil man wegen der Urlaubszeit einfach nicht genügend Kapazitäten habe. Die Planungen gingen sogar so weit, Schwangere nach Finnland zu schicken, damit sie dort ihre Kinder gebären mögen.

Große Wellen schlug auch ein Fall in Stockholm, bei dem eine unzureichende Telefonberatung dazu führte, dass eine Mutter mit ihrem dreijährigen Kind nicht zu einer Notaufnahme fuhr, obwohl das Kind schon blau anlief. Der Junge verstarb im Krankenhaus, und kurz darauf kam an die Öffentlichkeit, dass die Telefonberater Boni erhalten, wenn sie Gespräche schnell abwickeln.

Nachts, am Wochenende, dringend

Die Vårdcentral hat in der Regel nur zu üblichen Geschäftszeiten geöffnet. Was man ansonsten macht, wenn man zum Arzt muss, ist nicht einheitlich geregelt. Es gibt teilweise erweiterte Vårdcentralen, die dann großzügigere Öffnungszeiten haben.

Der letzte Ausweg ist die Notaufnahme. Hier landen letzten Endes auch diejenigen, die auf den normalen Arzt nicht mehr warten möchten oder können.

Man kann schon ahnen, wie es dort abläuft: man zieht eine Nummer und wartet. Wenn man Pech hat, Stunden. So ist es nicht verwunderlich, dass dort Zettel aufgehängt werden, man möge sich doch bitte melden, wenn man lebensbedrohliche Beschwerden wie Atemnot hat.

Die Krankenversicherung

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es nur eine Krankenversicherung, die „Försäkringskassan„. Diese ist die Allgemeinversicherung für alle, die in Schweden leben. Bezahlt wird sie über die Steuergelder. Über sie läuft auch z.B. das Kindergeld.

Versichert ist dort im Grunde jeder, der in Schweden wohnhaft ist, d.h. im Melderegister steht – kurzum: eine Personnnummer hat. Es wird von „bosättningsbaserade förmåner“ (wohnsitzbasierte Vorteile) gesprochen. Weiterhin gibt es auch noch Leistungen, die jedem zustehen, der in Schweden arbeitet, sogenannte „arbetsbaserade förmåner“.

Als Ausländer muss man sich bei der Försäkringskassan registrieren, um Leistungen von ihr zu beziehen. In dem dazugehörigen Formular werden einige weitere Daten abgefragt.

Praktisch alles über den normalen Arztbesuch hinaus erfordert ohnehin eine Registrierung, so auch die Erlangung einer europäischen Krankenversicherungskarte. Eine solche kann man online bestellen.

Die Försäkringskassan ist für ihre etwas gemächliche Arbeit bekannt. In meinem Fall konnte ich rund zwei Monate warten, bis Registrierung und Versicherungskarte erledigt waren, und es tat sich auch dann überhaupt erst etwas, als ich mehrere Anrufe getätigt und Mails geschrieben hatte.

Damit wäre im Grunde schon alles zur Versicherung an sich gesagt, wenn da nicht noch ein großes Fragezeichen wäre. Es ist nämlich so, dass es EU-Ausländer gibt, die für einen legalen Aufenthalt in Schweden eine gültige Krankenversicherung nachweisen müssen. Das sind Studenten und Leute, die nachweisen, dass sie genügend finanzielle Mittel besitzen, um sich selbst zu versorgen. Im Sinne der EU-Regelungen sollen sie dem Gastland nicht zur Last fallen, da sie schließlich auch keine Steuern zahlen. Gemäß dieser Logik müssten sie also selbst für ihre Krankenversicherung aufkommen. Einen Nachweis einer solchen eigenen Krankenversicherung müssen sie bei der Registrierung des Aufenthaltsrechts auch nachweisen.

Eine eigene Krankenversicherung ist im System ansonsten jedoch nicht vorgesehen, weil die Beiträge über die Steuern eingezogen werden. Das schwedische Sozialversicherungsgesetz sieht hierfür keine Ausnahmen vor.

Die Försäkringskassan scheint sich daher eines kleinen Tricks zu bedienen: die Registrierung wird verweigert mit der Begründung, dass man diese Personengruppen nicht als in Schweden dauerhaft wohnhaft betrachtet. Die Details dieser Konstruktion liegen aber im Verborgenen. Auch ist sonst keine Systematik zu erkennen, denn manchmal klappt die Registrierung doch.

Was bedeutet das in der Praxis? Erstaunlich wenig, denn soweit ich das bislang erlebt habe, kann man trotzdem ganz normal zum Arzt gehen. Das kennt, soweit man das ersehen kann, schlicht deswegen gut, weil die verschiedenen Provinzen die Abrechnung vornehmen, und diese scheren sich anscheinend nicht um die Registrierung bei der Försäkringskassan. Das Problem dabei ist nur, dass man darauf spekuliert, dass man versichert ist. Was passiert, wenn die Behörden ihre Routinen ändern, ist vollkommen unklar.

Genau daran liegt auch das Grundproblem: im Alltag kann man sich einigermaßen versichert fühlen, aber ob man es wirklich ist, weiß man nicht – und wenn es zum Fall der Fälle kommt, dann warten vielleicht hohe Kosten. Sich selbst versichern wiederum ist nicht im System vorgesehen, und auch private Versicherer bewegen sich nicht in dieses Feld, denn der Bedarf ist minimal. Mir ist nur eine Ausnahme bekannt: die Versicherung Gefvert versichert Studenten. Angeblich soll auch die eigentlich als Zusatzversicherung gedachte Versicherung „Sjukvård Flex“ von Trygg Hansa für diesen Fall anwendbar sein.

Man sollte sich bewusst sein, dass es vermutlich in keinem europäischen Land möglich ist, sich als Ausländer über das Bezahlen der Mehrwertsteuer zu versichern, denn wenn man ohne Erwerbstätigkeit hier lebt und sich auch sonst keine Ansprüche erworben hat, zahlt kaum mehr als diese. Wer meint, alleine damit einen hinreichenden Beitrag zur Unterhaltung der staatlichen Infrastruktur (Straßen etc.) beitragen zu können, ist naiv. Schweden (und damit seine Steuerzahler) legt bei dieser seltsamen Konstruktion definitiv drauf, und es ist schon einigermaßen merkwürdig, dass so etwas unbemerkt und in einer solchen rechtlichen Grauzone geblieben ist.

Vorsorge

Da man am liebsten gar keine Kranken haben möchte, weil man für sie ohnehin keinen Platz hat, sollte man annehmen, dass Vorsorge wichtig ist.

Es gibt in der Tat auch einige Aktivitäten in diesem Bereich. So erhalten Frauen ab 25 jedes Jahr eine Einladung zu einer Stammzellenuntersuchung. Auch werden öfters Kampagnen gegen Klamydia und anderen Infektionskrankheiten gemacht.

Auf der anderen Seite sind Impfungen in Schweden keine Pflicht, sondern müssen sogar teuer bezahlt werden. Für Hepatitis-Impfungen legt man so insgesamt deutlich über 1000 kr hin, wenn man alle Impftermine zusammenrechnet. Die Vorsorge innerhalb der Schwangerschaft ist anscheinend auch erhelich knapper, was bei der Gesamtkonstruktion des Systems auch irgendwie logisch erscheint.

Apotheke

Was die Arzneimittelversorgung angeht, hatte von 1970 bis Mitte 2009 der Staat auch ein Monopol. Allerdings hat man sich nicht wie bei Systembolaget einen schicken Namen ausgedacht – die Firma heißt seit 1998 schlicht Apoteket AB. Die Mehrheit der Filialen wurde mittlerweile an private Investoren verkauft, so dass Apoteket nur noch ein Akteur unter vielen ist. Andere große Ketten sind beispielsweise Medstop und – natürlich – DocMorris.

Die Filialen sehen sich nach wie vor ähnlich, auch wenn ich natürlich über die neuen Marktakteure mangels entsprechender Besuche nur bedingt im Bilde bin. Es gibt einen Bereich mit eigener Kasse, der wie eine Drogerie gestaltet ist. Für verschreibungspflichtige Arzneimittel muss man jedoch eine Nummer ziehen. Rezepte wurden mittlerweile anscheinend abgeschafft – man sagt nur noch seine Personnummer und weist sich aus.

Im Gegensatz zu Deutschland werden die Nachtdienste nicht reihum unter den Apotheken aufgeteilt. Manche haben einfach länger auf als andere. Das Netz der Apotheken ist dennoch beachtlich, und manche Vårdcentralen haben sogar eine im Gebäude.

Seit einiger Zeit verkaufen die Apotheken sogar Sexspielzeug, was vermutlich auch etwas dem Umstand geschuldet ist, dass Sexshops in Schweden eher selten anzutreffen sind.

Zahnarzt – weniger warten, mehr zahlen

Eine Arztgattung steht weitgehend außerhalb des vorgenannten Systems: der Zahnarzt.

Hier gibt es nämlich neben den staatlichen Einrichtungen auch privat praktizierende Ärzte.

Der Staat stellt einer Vårdcentral ähnlich Folktandvården zur Verfügung. Fast alle Kinder gehen dorthin, aber nur rund 40% der Erwachsenen. Hier spielt die Konkurrenz eine Rolle, denn neben der Terminverfügbarkeit geht es auch um den Preis.

Zwar werden viele Leistungen bei Kindern und Jugendlichen von der Krankenkasse bezahlt, aber als Erwachsener muss man das meiste selbst bezahlen. Derzeit ist gültig, dass man je nach Alter 150 kr oder 300 kr pro Jahr für Zahnbehandlungen erhält. Man kann diesen Betrag auch auf zwei Jahre ansparen – man erhält also bis zu 600 kr (ca. 63,50 €) pro Jahr ersetzt. Abgesehen davon zahlt man Rechnungen bis 3000 kr (317,80 €) komplett selbst. Darüber hinaus gibt es einen Kostenschutz, bei dem man darüber hinausgehende Beträge bis zu 85% ersetzt erhält. So zahlt man bei einer Behandlung, die 15000 kr kostet, „nur“ noch ca. 9000 kr.

Einen billigen Zahnarzt zu haben ist also nicht unwichtig, und dies sorgt auch dafür, dass munter die potenzielle Kundschaft umworben wird. Zwar hat dies nicht amerikanische Ausmaße, aber ein Super-Sonderangebot, bei der es aus irgendeinem Anlass nun die erste Kontrolle geschenkt gibt, findet man schon öfters.
Für mich war es ja schon ein Kulturschock, als ich das erste Mal die Praxisgebühr entrichten musste. Hier in Schweden hat der Zahnarzt das Kartenlesegerät praktisch direkt am Behandlungsstuhl.

Eine (potenziell geldsparende) Besonderheit ist der Beruf des Zahnhygienisten (Tandhygienist). Er (bzw. meistens eher sie) führt Kontrollen durch und entfernt Zahnstein. Der Vorteil ist, dass ein Termin dort weniger kostet und auch in die oben erwähnten Freibeträge eingerechnet wird. Im Optimalfall geht man also dorthin, und nur wenn etwas gefunden wird, was der Zahnarzt machen muss – sprich Kronen, Füllungen, Zahnersatz usw. – geht es auf dessen Behandlungsstuhl.

Schweden ist meines Wissens nicht alleine damit, dass Zahnbehandlungen nicht von der Kasse bezahlt werden. Man sieht auf alle Fälle, welche Blüten dies treibt. So wurde mir schon Familien erzählt, die zu Freunden ins Ausland fahren, um dort dann beim Zahnarzt die Zähne machen zu lassen. Das Ganze wird dann als Notfall deklariert, und schon ist die Kasse eher bereit, die Kosten zu übernehmen.

Im Gesundheitssystem arbeiten

Nach einiger Zeit in diesem Land macht sich die Erkenntnis breit, dass die Misere des Gesundheitssystems nicht unbedingt daran liegt, dass zuwenig Geld vorhanden wäre. Es ist auch ein Mangel an Fachkräften, der dies verursacht. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Ärzte Einwanderer sind. Rund ein Fünftel der praktizierenden Ärzte kommt nicht aus Schweden.

Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass zu wenig Fachpersonal ausgebildet wird. Sollte jemand den Beschluss fassen, sich in Schweden zum Arzt ausbilden zu lassen, kann ich dem nur sagen, dass er besser alle Hoffnungen fahren lässt – zumindest, wenn er dieses Studium vom ersten Semester an in Schweden aufnehmen will. Um Arzt, Zahnarzt oder Psychologe werden zu können, muss man Bestnoten haben. Die Studienplätze werden grob gesagt so zugeteilt, dass alle ausreichend qualifizierten Bewerber nach ihren Noten sortiert und dann die besten genommen werden. Bei wenig nachgefragten Studiengängen reicht da schon ein mäßiger Schnitt. Ins Medizinstudium in Schweden kommt kaum einer hinein, der nicht die Maximalpunktzahl hatte – 2,0 Punkte bei der Högskoleprovet sind also praktisch Pflicht, wenn man nicht schon Spitzennoten aus dem Gymnasium mitbringt. Ab und zu reichen auch einmal 1,9 oder gar nur 1,8 Punkte, aber das ist mehr als unsicher. Wartesemester gibt es nicht, und so muss man jedes Semester einen neuen Anlauf wagen, wenn man unbedingt Arzt werden möchte. Wer in Deutschland schon Probleme hatte, einen Studienplatz zu ergattern, kann es hier also gleich vergessen.

Ganz anders sieht es jedoch für Fachpersonal aus, das nach Schweden zum Arbeiten kommen will. Das wird oft händeringend gesucht. Allerdings braucht man natürlich eine schwedische Zulassung. Der schwedische Staat kennt dabei 21 verschiedene Berufe im Gesundheitsbereich. Hat man eine Ausbildung, die einem dieser Berufe entspricht, zumindest annähernd gleichwertig im Umfang ist und aus einem anderen EU/EWG-Land oder der Schweiz stammt, so ist es mit den entsprechenden Dokumenten möglich, eine Zulassung zu erhalten. Kommt man nicht aus einem dieser Länder, muss man ggf. noch eine Nachprüfung ablegen und ein Praktikum machen.

Ärzte, Zahnärzte, Krankenschwestern usw. werden also auf wenige Probleme stoßen und die Arbeitsbedingungen in Schweden mit den angenehmen geregelten Arbeitszeiten, guter Bezahlung und viel Urlaub als sehr angenehm empfinden.

Hat man jedoch eine Ausbildung, für die es keine direkte Entsprechung unter den 21 Berufen gibt, wird es ungleich schwerer. Dies trifft u.a. auf die deutschen Ausbildungen zur Kinderkrankenschwester und zum Altenpfleger zu. Diese Berufe werden vom Socialstyrelsen, der dafür zuständigen Behörde, nicht anerkannt.
Dies hat den Hintergrund, dass es keine schwedische Entsprechung zu diesem Beruf gibt. In Schweden sind diese Berufe eine 1,5- bis zweijährige Spezialausbildung zusätzlich zur Krankenschwester. Also muss man, um sie zu erhalten, erst einmal drei Jahre zur Krankenschwester ausgebildet worden sein. Insgesamt macht das also 4,5 bis 5 Jahre Ausbildung. In Deutschland sind es hingegen nur drei. Hinzu kommt, dass Krankenschwester in Schweden eine Hochschulausbildung ist. Hier findet die Berufsfreizügigkeit innerhalb der EU ihre Grenzen, weil eben nur gleichwertige Ausbildungen konvertiert werden können. Den Klageweg zu beschreiten ist übrigens aussichtslos – das Vorgehen des Socialstyrelsen ist hier anscheinend vollkommen konform mit den entsprechenden EU-Richtlinien.

Das Socialstyrelsen verweist in solchen Fällen darauf, sich an schwedischen Hochschulen zum entsprechenden Abschluss weiterzubilden. Sich direkt an die entsprechenden Hochschulen zu wenden ist nur teilweise von Erfolg gekrönt – im schlimmsten Fall erhält man keine Antwort, im besten erhält man einen Teil der Ausbildung anerkannt, so dass man nicht mehr so lange studieren muss. Unter Umständen muss man aber trotzdem erst einmal die Zulassung zur Hochschule erreichen, und auch wenn man einmal angenommen wurde, muss man sich darum bemühen, dass wirkliche alle zugesagten und erworbenen Hochschulpunkte ihren Weg ins Register finden.
Wird man nicht auf diesem alternativen Wege zugelassen, bleibt nur die Ochsentour: Zulassung erwerben, regulär für die Uni bewerben und die ganze Ausbildung von vorne machen. Man steht in Sachen Noten in direkter Konkurrenz mit allen anderen Bewerbern. Im Extremfall muss man also ein Abitur nachholen und dann das komplette dreijährige Studium machen, um in dem Beruf arbeiten zu können, den man schon zuvor gelernt hat.

Man sollte sich auch darauf einstellen, dass das Studium sich stark von der Ausbildung in den Lehrberufen unterscheidet. Man erwirbt dort einen Bachelorgrad, was darin resultieren kann, dass es irgendein wenig praxisnahes Hauptfach gibt, mit dem zuvor nie zu tun gehabt hat und in dem man eine Abschlussarbeit schreiben muss. Zudem ist das Studium meist erheblich weniger praxislastig – von den 3 Jahren Ausbildung zur Krankenschwester wird typischerweise nur rund ein Drittel in einem Krankenhaus o.ä. verbracht. Die restlichen zwei Drittel sind Universitätskurse und Semesterferien.

Zusammengefasst

Kurz zusammengefasst gilt für das schwedische Gesundheitssystem also folgendes:

  • Man wählt keine Krankenkasse, sondern ist zentral beim Staat versichert. Die Beiträge sind im Wesentlichen die Steuergelder.
  • Zentrale Anlaufstelle für alle medizinischen Probleme ist die Vårdcentralen, eine Art Hausarztvereinigung.
  • Die Qualität ist gut, aber die Wartezeiten oft extrem lang.
  • Eine Praxisgebühr ist bei jedem Arztbesuch zu entrichten, ist aber auf einen Maximalbetrag pro Jahr beschränkt.
  • Zahnarztbehandlungen sind meist voll selbst zu bezahlen.
  • Ausländisches Fachpersonal aus dem Gesundheitsbereich erhält ggf. unter Ableistung einer Kurzausbildung eine Zulassung, sofern es den entsprechenden Beruf in ähnlicher Form in Schweden gibt. Bei Fachpersonal, bei dem es keine direkte Entsprechung gibt, ist das Erlangen einer Zulassung enorm schwer, selbst wenn man aus einem anderen EU-Land kommt.

Einige Details zum Gesundheitssystem finden sich auf der deutschsprachigen Webseite inschweden.se.

4. Januar 2010: AKtualisierung in vielen Bereichen
6. September 2010: Neuerliche Überarbeitungen