Eine kleine Vorbemerkung: der folgende Artikel behandelt das schwedische Schulsystem und die Zulassungsbedingungen, wenn man ein Grundstudium in Schweden aufnehmen will, d.h. ein Studium, für das man nur die Hochschulreife braucht. Für Studenten mit Absichten, nach Schweden zum weiteren Studium zu kommen, sind vermutlich die Teile über Austauschstudium und Fortsetzungsstudium interessanter.

Manch wunderbare Dinge wurden in der PISA-Debatte über das schwedische Schulsystem kolportiert. Ganz Skandinavien wurde zur Musterschule erklärt, wo man mit zeitgemäßen Methoden jeden Schüler individuell fördert.

Der Zweck dieser Seite ist nicht, die Qualität des schwedischen Schulsystems zu debattieren. Jedoch sei jedem versichert: hier wird auch nur mit Wasser gekocht. Ein auf einer guten Idee basierendes Schulsystem garantiert noch lange keine gute Bildung – in den letzten PISA-Tests war Schweden gerade noch Mittelmaß und damit deutlich hinter Deutschland.

Wer also ein Abitur oder die Matura mitbringt, braucht sich nicht zu verstecken, wenn er ein Studium in Schweden anstrebt. Jedoch muss man schon etwas Einblick in die Zulassungsverfahren des schwedischen Studiensystems haben, um zu beurteilen, was geht und was nicht.

Das schwedische Gymnasium

Leider geht das ganze nicht ohne einen Exkurs in das schwedische Schulsystem.

Es ist eigentlich recht simpel aufgebaut: der als Vorschule angelegte Kindergarten, dann 9 Jahre Grundschule und anschließend 3 Jahre Gymnasium. Eine Aufsplitterung in Schulformen kennt man also in den ersten 9 Jahren überhaupt nicht. Die Rolle des Gymnasiums ist in Schweden eine ganz andere als in Deutschland. Ein Gymnasium ist nur zum Teil die vorbereitende Schule für eine weitergehende akademische Ausbildung. Es ist gleichzeitig auch eine Berufsschule, die es in verschiedenen Ausrichtungen gibt. Je nach gewähltem Ausbildungsprogramm (es gibt 17 verschiedene davon) erwirbt man dabei schon Kompetenzen, die man nachher direkt als Beruf ausüben kann. Geht man aufs Verkehrsgymnasium, macht man gleich den Lkw-Führerschein, geht man aufs Sicherheitsgymnasium, ist man nachher eine ausgebildete Sicherheitsfachkraft. Eine Lehre im deutschen Sinne kennt man nicht, und die wenigsten Berufsbezeichnungen sind geschützt. Das Gymnasium ist also in gewisser Hinsicht die Berufsschule der Nation, deren Besuch Standard ist – über 80% der erwachsenen schwedischen Bevölkerung haben das Gymnasium abgeschlossen.

Dieses System bedingt auch, dass Ausbildungen, die nicht im Rahmen des Gymnasiums stattfinden können, häufig in Form eines Studiums absolviert werden müssen. Daher sind einige Berufe wie z.B. Krankenschwester und Krankengymnast Hochschulausbildungen.

Der andere Ansatz im Gymnasium hat auch ein anderes Verständnis des Abiturs zur Folge. Es gibt nämlich keines im deutschen Sinne des Wortes. Ursprünglich hieß es einmal „studentexamen“, und bis heute sagen die Absolventen des Gymnasiums von sich: „Jag tar studenten“ (wörtlich „Ich nehme den Studenten“). Im Grunde machen sie nur etwas, das als „Grundläggande behörighet“ (Grundlegende Berechtigung) bezeichnet wird.

In Deutschland berechtigt das allgemeine Abitur prinzipiell zu jedem beliebigen Studium. Es gilt das Ideal, einen Menschen mit umfassender Allgemeinbildung auf die Welt loszulassen – dabei erstreckt sich die Ausbildung auch in Bereiche, die den Schüler gar nicht interessieren und auch nicht in dessen Begabung liegen. Das schwedische Bildungssystem verfolgt hierbei einen ganz anderen Ansatz. Je nach gewähltem Programm werden Prioritäten gesetzt, die schon die Weichen stellen für die spätere Berufswahl. Besucht man also ein technisches Programm, wird man mehr Mathe und Naturwissenschaften machen als jemand, der das Hotel- und Restaurantprogramm besucht. Lediglich Kernfächer (kärnämne) müssen belegt werden. Die grundläggande behörighet bescheinigt letztendlich also nur das Erreichen eines gewissen Mindeststandard. Jeder Gymnasiumskurs ist ähnlich wie im ECTS-System mit einer Punktzahl versehen, die dem Arbeitsaufwand zur Absolvierung enstpricht. Damit diese Kurse nicht nur Schall und Rauch sind, gibt es bei vielen von ihnen am Ende eine sogenannte „Nationella Prov“ (Nationale Prüfung). Es handelt sich dabei um eine landesweit standardisierte Prüfung, die sicherstellen soll, dass das Kursziel auch erreicht wurde. Die Prüfungen finden wie ein Abitur zu einem festgelegten Zeitpunkt statt. Ganz untypisch sind sie auch im Land des Öffentlichkeitsprinzips nicht beliebig einsehbar, sondern unterliegen 10 Jahre lang der Geheimhaltung. Nur einige wenige ausgewählte Prüfungen sind frei verfügbar.

Das Abiturzeugnis sagt letzten Endes aber nur, dass im Rahmen des Programms eine bestimmte Mindestpunktanzahl erreicht wurde. Je nach Ausrichtung kann es also sein, dass bestimmte Fächer gar nicht oder nur auf niedrigem Niveau belegt wurden.

Man sollte dieses niedrige Niveau bestimmter Kurse nicht mit einem Grundkurs in Deutschland verwechseln. In der Mathematik gibt es beispielsweise die Stufen A bis E. Lediglich A ist ein Kernfach – das Niveau in diesem Kurs erreicht gerade einmal das, was in der 8. oder 9. Klasse in Deutschland üblich ist: einfaches Bruchrechnen, Gleichungen umstellen und vielleicht noch ein bisschen Trigonometrie. Ein schwedisches Abitur kann also in bestimmten Bereichen weit unter dem Niveau eines deutschen Abiturs liegen.

Daran knüpft die Hochschule dann an, denn sie stellt nun im Gegensatz zu Deutschland dem jeweiligen Studiengang angepasste Anforderungen. Für manche Fächer reicht die grundläggande behörighet aus, aber für viele Fächer werden spezifische Anforderungen gestellt, wobei es da in der Regel nicht auf die Note ankommt, sondern nur, welche Kurse man abgeschlossen hat. Man spricht von „särskild behörighet“ (Besondere Berechtigung). Jemand, der nur Mathematik A in der Schule gemacht hat, wird an der Universität also kein technisches Fach studieren können. Wer ein solches Studium anstrebt, muss also die entsprechenden Kurse nachholen.

Für einen deutschen Bewerber bedeutet dies, dass sein Abitur nicht mehr in seiner Gesamtheit betrachtet, sondern in seine Einzelteile zerpflückt wird. Hat man keinen Biologie-Grundkurs gemacht, wird man auch keine Biologie studieren können, denn hier ist der Gymnasiumskurs Biologi B erforderlich. Ein 1,0er-Abi bedeutet also nicht automatisch, dass man alle Anforderungen für jeden Studiengang erfüllt.

Welche deutschen Fächer wie angerechnet werden, kann man hier nachlesen. Bei vielen Detailfragen ist das aber wenig hilfreich. So sagt es nichts darüber aus, wie z.B. ein Fachabitur angerechnet wird. Vieles liegt letztendlich im Ermessen des Sachbearbeiters.

Auch wenn das Abitur ganz anders aufgebaut ist, kennt das schwedische System trotzdem eine Abiturnote (Slutbetyg). Diese wird grob so berechnet: Alle Kurse haben eine Note, Icke godkänd (IG, nicht bestanden), Godkänd (G, bestanden), Väl godkänd (VG, gut bestanden) oder Mycket väl godkänd (MVG, sehr gut bestanden). Für MVG erhält man 20 Punkte, für VG 15 und für G 10. Diese Punktzahlen werden gewichtet zusammengerechnet, was letzten Endes eine Note zwischen 10 und 20 ergeben kann. Der Slutbetyg wird nur ausgestellt, wenn die Bedingungen für Grundläggande Behörighet erreicht wurden. Ansonsten gibt es nur ein Zeugnis mit einer Zusammenfassung der Leistungen.

Bis Wintersemester 2010 wurden in einem nicht nachvollziehbaren System ausländische Abiturnoten in dieses System umgerechnet. Seither werden ausländische Abiturnoten separat behandelt.

Wie diese Noten die Vergabe von Studienplätze beeinflussen: siehe weiter unten.

Komvux/Folkhögskola/Uni-Kurse

Hat man einen Kurs, den man für seinen Wunschstudiengang braucht, nicht im Gymnasium belegt, ist das natürlich nicht das Ende aller Ambitionen. Man kann Kurse oder sogar die ganze Ausbildung nachholen.

Erste Anlaufstelle ist hier meist die Kommunal Vuxenutbildning (Kommunale Erwachsenenausbildung), kurz Komvux. Diese wird, wie der Name schon sagt, von der Kommune organisiert und steht prinzipiell jedem ab 20 offen – und das kostenlos für jeden, der eine Personnummer hat. An ihr kann man in erster Linie die wichtigsten Gymnasiumskurse nachholen, aber auch Orchideenfächer gibt es. Bei der Art des Unterrichts ist das volle Spektrum gegeben: Vollzeitkurse, klassische Abendkurse oder Distanzkurse in vollständigem Selbstudium mit telefonischer bzw. elektronischer Nachfragemöglichkeit bei einem Lehrer. Letztere sind dabei schon irgendwie ein Kuriosum. Es kann zwar sein, dass man eine Nationella Prov unter Aufsicht schreiben muss, aber viele Prüfungen finden ohne jegliche Aufsicht zuhause statt, lediglich abgesichert durch ein telefonisches Nachgespräch mit dem Lehrer – die Schule vertraut auf die Ehrlichkeit ihrer Schüler. Spannend sind auch die praktischen Aufgaben: beim Kurs Chemie B bekamen Schüler aus ganz Schweden Zug und Hotel bezahlt, damit sie an einem Samstag Experimente an einem Gymnasium in Stockholm durchführen konnten. Andere Praktika fanden zuhause statt – bei Chemie A erhält man einen Experimentierkoffer inklusive Bunsenbrenner, und bei Biologie darf man die Reaktion irgendwelcher Wasserpflanzen auf verschiedene Konzentrationen phosphathaltigen Waschpulvers beobachten. Meiner Erfahrung nach ist es jedenfalls noch einigermaßen zu schaffen, dass man Vollzeit arbeitet und gleichzeitig einen dieser Kurse auf Vollzeit belegt. Denn ob man diese Kurse auf 100% (Vollzeit) oder nur 50% (Teilzeit) macht, schlägt sich natürlich in der Kursdauer nieder.
Der Haken ist meist, dass gerade kleinere oder ländliche Kommunen nicht jeden Kurs anbieten. Wenn die eigene Kommune aber bereit ist, die Kosten zu übernehmen, darf man durchaus auch in einer der Nachbarkommunen einen Kurs machen – wobei anzumerken ist, dass die größte schwedische Kommune Kiruna größer ist als Thüringen, was auch das Angebot an Distanzkursen erklärt. Es gibt allerdings auch hier Beschränkungen. Ob dies regional unterschiedlich ist, kann ich nicht beurteilen, aber die Zuteilung der Kurse in Stockholm ist eingeschränkt worden. Man bekommt nur noch Kurse in einem gewissen Umfang zugewiesen. Besteht man einen Kurs nicht, kann dies eine Sperre zur Folge haben, damit man anderen nicht die Plätze wegnimmt, wenn man es gar nicht ernst meint. Bisher war es noch möglich, mit Komvux-Kursen die Gymnasiumsnote zu verbessern und damit seine Chancen bei der Studienplatzsuche zu erhöhen. Diese Möglichkeiten wurden von aktuellen Regierung sukzessive eingeschränkt. Ab 2010 wird es überhaupt nicht mehr möglich sein.

Eine weitere Möglichkeit ist die Folkhögskola. Der Name mag einen dazu verleiten, es handele sich dabei um eine der deutschen Volkshochschule vergleichbaren Institution, an der Häkelkurse gegeben werden. Ganz so ist es jedoch nicht. Die Folkhögskola bietet die Möglichkeit, die Schule nachzuholen, und zwar oft auf Vollzeitbasis. Viele dieser Schulen sind sogar als Internat organisiert. Eine Gemeinsamkeit mit der deutschen VHS ist jedoch, dass es Geld kostet. Prinzipiell besteht die Berechtigung zu finanzieller Studienunterstützung – dazu aber später mehr.

Manche Hochschulen bieten anscheinend auch Vorbereitungskurse an, bei denen man die entsprechenden Qualifikationen erwerben kann. Meine Suche nach solchen Angeboten war aber recht fruchtlos.

Formelle Qualifikationen in Schwedisch

Wie gut das deutsche Abitur auch ist, das man mitbringt: schwedisch ist höchst selten enthalten. Man mag sich vielleicht in bestimmten Ausnahmefällen bei weniger gefragten Studiengängen mit Zeugnissen von Schwedischkursen qualifizieren können. In aller Regel wird man aber auch formal eine Qualifikation mitbringen müssen.

Der direkteste Weg ist das schwedische Gegenstück zum TOEFL, der TISUS-Test. Er besteht aus drei Prüfungsteilen. Besteht man einen nicht, so kann man diesen wiederholen. Als Note gibt es nur bestanden und nicht bestanden. Er findet zweimal im Jahr statt, üblicherweise im Mai und im November. Der Vorteil des TISUS ist, dass er auch im Ausland gemacht werden kann. Wo und wann, lässt sich bei der Stockholmer Uni erfahren, die für die Durchführung des Tests verantwortlich ist. Ein Nachteil des TISUS ist dessen hoher Preis – laut Wikipedia lag er schon vor 3 Jahren bei 1600 kr.

Lebt man schon in Schweden, gibt es auch eine Alternative. Man kann „Svenska som andraspråk“ („schwedisch als Zweitsprache“, kurz SAS) bei Komvux machen. Das ist kostenlos, dauert aber natürlich länger als der TISUS. SAS A und SAS B werden dann als gleichwertig zu Svenska A bzw. Svenska B betrachtet.

Die Högskoleprovet

In vielen Fällen sind die Ambitionen größer, als die Gymnasiumsnote zulässt. Wie schon erwähnt sind die Möglichkeiten, diese Note noch zu verbessern, recht bescheiden.

Daher gibt es die Högskoleprovet als alternativen Weg. Bei ihr kommt es nicht auf das fachliche an, sondern vielmehr darauf, ob man die richtigen Fähigkeiten für ein Studium mitbringt: logisches Denken, sprachliche Kompetenz und eine gute Erfassungsgabe – und das ganze unter Zeitdruck. Daher ist sie eher ein Assessment Center als ein Wissenstest.

Sie findet zweimal im Jahr statt, einmal im Frühling und einmal im Herbst. Der Prüfungstag ist jeweils ein Samstag, Prüfungsort eine Schule, die je nach Wohnort zugewiesen wird. Man kann die Prüfung auch einfach spaßeshalber mitschreiben – die Anmeldung ist offen. Kostenlos ist sie jedoch leider nicht: 350 kr muss man derzeit bezahlen. Hauptveranstalter ist die Universität Umeå, die die Prüfungen erstellt und auswertet. Die Durchführung selbst wird jedoch an andere Institutionen im Land delegiert.

Die Prüfung ist eine ernste Sache, zumindest für die große Mehrheit, die ein gutes Ergebnis braucht. Daher wird die Prüfungsaufsicht genauso rigoros gehandhabt wie beim Abitur. Wer stört oder die Regeln verletzt, wird zumindest von Teilen der Prüfung ausgeschlossen. Wichtig ist auch, dass man sich ausweisen kann – ohne gültigen schwedischen Ausweis wird man so seine Probleme bekommen.

Das Notenspektrum geht von 0,0 bis 2,0 – die Notenvergabe ist nicht absolut, sondern wird danach bestimmt, wie sich die Masse der Teilnehmer geschlagen hat. Wenn die Prüfung also außergewöhnlich schlecht ausgefallen ist, so wird die Benotung entsprechend angepasst. Die Mehrheit der Teilnehmer liegt im Bereich 0,7 bis 1,3.
Alle Fragen sind Multiple-Choice-Fragen mit bis zu 5 Antwortmöglichkeiten (in der Regel 4 oder 5). Insgesamt gibt es 122 Fragen, wobei in der Regel 109 richtige Antworten ausreichen, um die Bestnote 2,0 zu erhalten. Allerdings braucht man aber auch ca. 33 richtige Antworten, um 0,1 zu erreichen.

Als Hilfsmittel sind nur Stift und Lineal zugelassen.

Geprüft wird in 5 Blöcken, die jeweils 50 Minuten umfassen. In den Blöcken werden die folgenden Gebiete nacheinander abgearbeitet:

  • Schwedisches Leseverständnis: Man erhält mehrere Texte, die man lesen und dann einige Fragen beantworten muss. Die Fragen sind sehr allgemein und beziehen sich auch auf den Text als Gesamtheit. Es reicht also nicht, einfach ein paar Informationen herauszufischen. (20 Aufgaben in 50 Minuten)
  • Logisches Denken/Mathematik: 22 Aufgaben, bei den man bei mathematischen Problemen beurteilen muss, ob und welche der angegebenen Hinweise zur Lösung führen. Es sind fast alles Textaufgaben. Zumeist handelt es sich um lineare Gleichungssysteme, aber teilweise werden auch bewusst hohe Zahlen verwendet, so dass man mangels Taschenrechner mathematischen Sachverstand anwenden muss. Es sind auch einige Aufgaben aus den Bereichen Kombinatorik und Wahrscheinlichkeitsrechnung enthalten. Insgesamt muss man also die Logik dahinter verstehen – reines Ausrechnen reicht nicht aus. (22 Aufgaben in 50 Minuten)
  • Englisches Leseverständnis und Schwedische Wortsynonyme in einem zweiteiligen Abschnitt: Zunächst wird ähnlich wie zu Anfang das Verstehen von englischen Texten geprüft, wozu allerdings auch sehr kurze Texte gehören, bei denen man sprachliche Finessen erfassen soll. Außerdem gibt es einen Lückentext. Dieser Teil umfasst 20 Aufgaben und man hat 35 Minuten Zeit. Im zweiten Teil geht es dann um Synonyme. Ein schwedisches Wort ist gegeben, und man soll das Wort unter den Wahlmöglichkeiten finden, das eine ähnliche Bedeutung hat. Es stehen nur 15 Minuten für insgesamt 40 Aufgaben zur Verfügung.
  • Diagramme/Tabelle/Karten: Es werden jeweils zwei Fragen zu einem oder mehreren Diagrammen/Tabellen/Karten eines Themas gestellt. Das klingt harmlos, aber die Vorlagen stammen aus realen Quellen und sind nicht selten sehr detailliert, so dass man schon sehr genau hinsehen muss. Es kommt nicht auf die absolute Genauigkeit an, sondern vielmehr darauf, Zusammenhänge zu verstehen und grobe Abschätzungen im Kopf zu errechnen. (20 Aufgaben in 50 Minuten)

Man wird sich wundern, wieso es 5 Blöcke gibt, aber nur 4 Aufgabenbereiche. Das rührt daher, dass ein Bereich zweimal drankommt – einer der beiden wird nicht gewertet. Das hat den Hintergrund, dass potenzielle künftige Aufgaben unter realen Bedingungen an mindestens 2000 Prüflingen getestet werden sollen, um sie auf ihren Schwierigkeitsgrad zu überprüfen. Das Spannende ist, dass man nicht weiß, welcher Aufgabenbereich doppelt drankommt, und auch nicht, welcher der beiden gewertet wird.

Man geht in jeden Block, ohne zu wissen, welcher Aufgabenbereich ansteht, denn die Reihenfolge ist zufällig und geheim – selbst der Prüfungsleiter weiß sie nicht. Einzig der doppelt absolvierte Block kommt immer als letztes dran, d.h. im fünften Block hat man in jedem Falle schon alle Aufgabenbereiche durch. Das heißt aber nicht, dass der fünfte Block unwichtig ist, denn es wird nicht verraten, ob er nun gewertet wird oder der vorangegangene Block desselben Themenbereichs.

50 Minuten pro Block klingen großzügig, aber wie bei einem Assessment Center ist die Zeit sehr knapp angesetzt. Viele sagen sogar, dass die Zeit eigentlich der entscheidende Faktor bei der Högskoleprovet ist. Aus meiner Sicht ist das zur Hälfte wahr. Bei allen Bereichen hatte ich noch einige Minuten übrig, aber ich habe meist darauf verzichtet, diese zu Korrekturen zu verwenden, da mir die Wahrscheinlichkeit, in der knappen Zeit der letzten Minuten richtige Antworten durch falsche zu ersetzen, zu hoch erschien. Es geht letztendlich ja auch darum, schnelle Entscheidungen zu treffen.

Die Antworten werden auf speziellem Papier festgehalten, das dann maschinell ausgelesen wird. Außerdem gibt es einen Zettel, auf dem man seine Antworten festhalten kann, wenn möchte. Denn man erhält man erst vier Wochen später das Ergebnis, aber die Prüfung selbst samt Lösungen wird unmittelbar nach der Prüfung online zur Verfügung gestellt. So kann man noch am selben Tag feststellen, mit wievielen Punkten man zu rechnen hat. Zudem kann man an den Notentabellen der vorigen Prüfungen abschätzen, für welche Note es ungefähr gerecht hat.

Wer schwedisch kann, kann es sich hier einmal anschauen. Es stehen jeweils die aktuelle Prüfung sowie die letzten beiden Prüfungen online, so dass man sich dort vorbereiten kann. Ältere Prüfungen kann man durch etwas intensivere Suche im Netz auffinden, oder man kann sie auch bestellen. Darüber hinaus gibt es Vorbereitungsbücher und Vorbereitungskurse. Durch fleißiges Training kann man also durchaus seine Ergebnisse verbessern.

Bewerbung und Zuteilung

Zentrales Bewerbungsportal für das Studium ist studera.nu, eine Einrichtung des Högskoleverket, der Hochschulbehörde in Schweden. Man muss sich dort einen Account einrichten, wobei es zwei Varianten gibt: zum Einen die reguläre für Inhaber einer schwedischen Personnummer, zum anderen die für ausländische Bewerber ohne eine solche. Die Funktionalität in Sachen Anmeldung und Einreichung von Studienunterlagen ist im Wesentlichen dieselbe, aber ohne eine Personnummer kann man auf dem Portal nicht abrufen, was als Studienleistung schon registriert wurde.

Das Verfahren ist eigentlich recht simpel: man wählt Hochschule und Studiengang aus und fertig. Das Tolle ist aber, dass man sich für mehrere Studiengänge bewerben kann und diese nach Prioritäten ordnen kann. Will man also am liebsten in Uppsala studieren, wäre aber auch mit Stockholm oder Lund zufrieden, dann kann man das so angeben. So wird die Chance maximiert, zumindest bei einer Hochschule, auf die man gerne gehen möchte, den Zuschlag zu erhalten.

Nach der Anmeldung hat man ziemlich viel Zeit (ca. 2 Monate), alle Dokumente hinzuschicken, die relevant sein könnten – das können auch Nachweise für Vorkenntnisse im weiteren Sinne sein. Hier kann man nun sein Abi-Zeugnis einreichen, um es beurteilen zu lassen. Wichtig ist, dass man keine Originale einschicken sollte und auch keine beglaubigte Kopie im deutschen Sinne. Diese kennt man in Schweden nämlich gar nicht. Eine beglaubigte Kopie ist in Schweden schlicht eine Kopie, auf der jemand anders unter Angabe seines Namens (und eventuell weiterer persönlicher Daten wie der Adresse) bestätigt, dass ein Dokument echt ist. Also macht man einfach eine Kopie und lässt einen Bekannten unterschreiben – vielleicht sollte er auch noch das Stichwort „vidimeras“ darauf schreiben, damit der Zweck der Unterschrift klar ist.

Nach Ablauf der Frist kommt dann die Zuteilung.

Seit Wintersemester 2010 wird hierzu folgendes System von Auswahlgruppen verwendet:

  • BI: Bewerber mit einer normalen Gymnasiumsnote ohne Komplettierungen. D.h. der Gymnasialabschluss wurde komplett oder zu großen Teilen an einer Schulform (Komvux oder normales Gymnasium) erworben.
  • BII: Bewerber mit einer normalen Gymnasiumsnote, die nachträglich noch einige Kurse belegt haben, um die für den Studiengang nötige Qualifikation zu erreichen. Der Abschluss wurde also gemischt an verschiedenen Schulformen erworben.
  • BIII: Bewerber mit ausländischen Gymnasiumsnoten. Die ausländische Abiturnoten werden auf eine Skala von 300 bis 500 Punkten umgerechnet, was man sogar online tun kann. Derzeit gibt es ab 1,1 schon die 500 Punkte, aber am unteren Ende entspricht nur die 4,0 den 300 Punkten. Ausgenommen sind åländische Abschlüsse sowie gewisse internationale Gymnasiumsabschlusse wie IB, EB, Lycée international. Diese werden in den beiden erstgenannten Gruppen einsortiert. Diese Gruppe wird zum Wintersemester 2012 abgeschafft. Ab dann werden ausländische Bewerber in dieselben Gruppen wie die Schweden einsortiert.
  • BIV: Bewerber mit einem Abschluss der Folkhögskola. Zahlenmäßig machen diese aber nur einen kleine Gruppe aus.
  • HP: Högskoleprovet. In dieser Gruppe kann jeder auch parallel zu einer der vier B-Gruppen konkurrieren und sich so eine zweite Chance verschaffen. Das Resultat der Högskoleprovet gilt 5 Jahre lang.
  • Sonstige: hier gibt es die Gruppen SA (Späte Anmeldungen) und ÖS (Sonstige Bewerber), an die üblicherweise nur Restplätze, teilweise nach dem Losverfahren vergeben werden.

In jeder dieser Gruppe werden die Leute dann in einer Rangliste sortiert – logischerweise gute Noten zuerst – und dann solange von oben angenommen, bis die jeweilige Gruppenquote erfüllt ist. Die anderen erhalten dann die Nachrückerplätze.

Die Hochschulen haben in gewissen Grenzen Einfluss auf den Verteilungsschlüssel zwischen den Gruppen. Mindestens ein Drittel muss nach Noten vergeben werden (also in den vier B-Gruppen). Auch die Högskoleprovet hat einen Mindestanteil von einem Drittel. Die Übrigen dürfen daher schon aus rechnerischen Gründen maximal ein Drittel ausmachen.

Die Statistik sagt allerdings, dass dies höchst selten zu diesem Umfang ausgeschöpft wird. Gerade bei Studiengängen, die sehr gefragt sind, findet man nur wenige solche Fälle. Das ist wohl nicht nur in der Knappheit der Studienplätze begründet, sondern auch in der Gefahr, wegen ungleicher Behandlung von Bewerbern eine Serie von Klagen abwehren zu müssen. Bevorzugten Eintritt erhalten vor allem Mütter, die ihr Studium wegen des Kindes unterbrochen haben.

Typischerweise werden zwei Drittel über die Gymnasiumsnote zugeteilt und ein Drittel über die Högskoleprovet. Dies kann sich aber in diesem neuen System ändern.

Dieses Zuteilungsverfahren hat aber einen Nachteil für ausländische Bewerber, wie sich schon zum Wintersemester 2010 zeigte: die Quote für ausländische Bewerber ist so gering, dass in vielen Studienfächern kein einziger Platz für Ausländer zur Verfügung steht. Und selbst wenn es welche gibt, dann selten mehr als zwei oder drei. Das macht u.U. auch die Chance geringer, über die Nachrückerliste zum Zuge zu kommen. Schon Bewerber mit mittelmäßigen Noten kommen so vielleicht nicht ins Studium, obwohl Bewerber mit mittelmäßigen schwedischen Noten es schaffen. Da hierin wahrscheinlich eine EU-rechtswidrige Benachteiligung von EU-Bürgern liegt, wird dieses System derzeit nachgebessert. Ab Wintersemester 2012 wird ein neues System verwendet, bei dem eine Note zwischen 10 und 20 zugewiesen wird und die Ausländer direkt mit den Schweden konkurrieren.

Für Ausländer bedeutet dies also bis Herbst 2012: Högskoleprovet, Högskoleprovet, Högskoleprovet, denn auf die Bewerbung über BIII ist kein Verlass und mit einer Berücksichtigung als Sonstige nicht zu rechnen.

Um hier einer typischen deutschen Frage vorzubeugen: Wartesemester gibt es nicht. Wer sich bewirbt, stellt sich ohne jeden Bonus der Konkurrenz, vollkommen egal, ob man sich noch nie oder schon zehnmal zuvor beworben hat. Gerade deswegen kommt diesen Noten so unheimlich viel Bedeutung zu.

Eine weitere typische Frage ist die nach dem Numerus Clausus. Wer der Logik bis hierhin gefolgt ist, wird daraus ersehen, dass es keinen festen Wert gibt, nach dem man sich richten kann. Ob man in einen Studiengang hineinkommt, hängt alleine von der Anzahl der Plätze und der Noten der Konkurrenz ab. Man kann also nicht davon ausgehen, dass man mit einer bestimmten Note einen Platz garantiert hat. Die Statistik weist die niedrigste Note aus, die im jeweiligen Semester gereicht hat, um hineinzukommen. Dies gibt im Allgemeinen einen Richtwert, mehr aber auch nicht, denn in einem Jahr mit starkem Bewerberfeld kann eine Note wertlos sein, die vorher locker gereicht hätte. Bei wenig gefragten Studiengängen kann dies aber auch bedeuten, dass man noch mit einer niedrigeren Note hineingekommen wäre, weil gar nicht alle Plätze besetzt werden konnten.

Bestimmte Studiengänge sind jedoch äußerst gefragt – besonders zu nennen wären die ärztlichen Studiengänge (Arzt, Zahnarzt, Tierarzt), bei denen man überall Bestnoten haben muss. Die Zahl der Studienplätze ist dort derart knapp, dass man sogar noch Aufnahmeprüfungen und Interviews durchführen muss, um weitere Auswahlkriterien zu haben.

Nach der ersten Zuteilung erhält man bei Erfolg eine Mitteilung, dass man online angeben soll, ob man den Studienplatz haben möchte. Unterlässt man dies, verfällt der Studienplatz.

Daher gibt es ein paar Wochen später nämlich noch eine zweite Zuteilung. Dort werden die nicht in Anspruch genommenen Studienplätze an die ersten Nachrücker vergeben. Hat man also einen aussichtsreichen Reserveplatz bei der ersten Zuteilung bekommen (kann auf studera.nu eingesehen werden), kann man immer noch auf die zweite Zuteilung hoffen.

Update 20. Juli 2010: wegen der Änderungen im Bewerbungsverfahren habe ich auch hier einige Änderungen eingefügt.

Update 5. Dezember 2011: Kleinere Updates wg. der anstehenden Änderung im Herbst 2012. Danke an Kai für den aktualisierten Link.

Update 29. Dezember 2012: Kleine Änderung in Sachen Numerus Clausus