Mehr Geld im Geldbeutel – ein kleiner Nachtrag

Ich hatte eigentlich nicht vor, diese Wirtschaftsthemen zu einer Serie auszubauen, aber gestern morgen sprang mir eine Zahl in einem Zeitungsartikel entgegen: 2030 Milliarden. Das ist eine Menge, finde ich, denn soviele Kronen Kredit haben schwedische Privathaushalte aufgenommen. Nach aktuellem Stand sind das 228 Milliarden Euro, oder mit anderen Worten: rund 25.000 Euro pro schwedischem Einwohner!

Das ist wohlgemerkt der Durchschnitt. Nun kann es sein, dass mir das mangels direkter Vergleichsmöglichkeiten als sehr hoch erscheint und andere europäische Länder ebenso ordentlich in der Kreide stehen. Trotzdem finde ich den Betrag beängstigend hoch, v.a. wenn man berücksichtigt, was im Nebensatz erwähnt wird. Dort steht nämlich, dass die Hälfte davon zu beweglichen Zinsen aufgenommen wurde.

Der Durchschnittsschwede hat also gut 12.000 Euro Schulden, bei denen er nicht weiß, wie hoch die Zinsen sein werden. Das finde ich doch schon ein bisschen bedrückend. Für meine Geschmack ist da schon eine Menge Vabanque dabei.

Geradezu beispielhaft finde ich auch den Rest des Artikels. Die dort präsentierte Familie macht es sich ganz einfach: wenn die Zinsen steigen, zahlen wir den Kredit eben langsamer ab.

Man kann nur hoffen, dass die meisten Schuldner ein entsprechendes Polster haben, um so reagieren zu können.

10 Gedanken zu „Mehr Geld im Geldbeutel – ein kleiner Nachtrag“

  1. Wer als Europäer (Schweden gehört ja zum Weltenteil „Schweden“) die Schweden näher kennen lernt, wird aus dem Staunen nie herauskommen: In Schweden wird alles immer so bleiben wie es immer war; die Arbeitsplätze werden immer sicher sein, alle werden immer genügend verdienen um den gewohnten Standard zu halten, die Banken werden ihre Darlehen nie komplett zurückfordern bzw. immer neue Darlehen (egal wie hoch verschuldet) gewähren, man wird es sich immer leisten können Auto zu fahren und so schnell (und so oft) wie möglich Schweden als Tourist verlassen zu können. Und sollte es irgendwo eng werden, springt der Staat herein und bringt es in ordnung. Konjunkturschwankungen wurden in Schweden abgeschafft, irgendwie ist die Kombi von „Petterson und Findus“, „Bullerbü“ und „Inga Lindström“ sehr stimmig. Die Naivität und der Zuversicht der Schweden alles ewig so bewahren zu können ist mir unheimlig, hoffentlich schaffen sie es mindestens noch fünf bis zehn Jahre ihr „The Truman Story“-Land aufrecht zu halten. Schweden hat tatsächlich alle Vorteile der DDR aber keines der Nachteile. Hätte die DDR bloß nicht darauf bestanden „von der Sovietunion zu lernen“ – den Gedanken daß alles so bleiben würde wie es war hatte man in der DDR auch. Bis zu einem Jahr bevor man Konkurs meldete.

  2. Och, dann zahlen wir eben die Zinsen langsamer zurück. Und weil es die Inflation gibt, werden die Schulden im Laufe der Zeit auch noch automatisch geringer. Und das ist der Punkt, an dem ich das System nicht verstehe: die Banken verschenken doch auf lange Sicht gesehen Geld? Oder aber sie kalkulieren so aberwitzig, dass sie das irgendwie auffangen. Irgendwie halt.

    Jaja, Schweden, das Land der Merkwürdigkeiten. Ob man sich das alles aber wirklich merken will? Wer sich einmal traut die Schmincke abzumachen, dem wird gruselig.

    Wer etwas genauer hinschaut, wird sehen, dass das „DDR“-System versteckt verlassen wird. Bloß nicht zu auffällig, das ist ja gelebtes System.

  3. @Mark Apr.23/2011
    Die Schminke ist sehr dick und sehr hart verkrustet, aber eben nur Schminke die irgendwann abfällt. Vor allem wenn die Haut darunter sich bewegt oder aus Altersgründen sich zusammenzieht.

    Interessant zu sehen wie schnell der Artikel von der Internetzeitung verschwand.

    Kommentare wurden auch nicht zugelassen. Motto: Unbehagliche Nachrichten, die nicht einfach zu korrigierenden Zustände darstellen, übergehen wir schnellstmöglich. Belanglosigkeiten (am besten harmlos oder mit positivem Ausgang) bleiben wochenlang stehen.

    Kenne ich, hatten wir auch mal in einem der Deutschlands.

    1. Sowohl über den schwedischen Internetzugang als auch über den deutschen Proxy ist der Artikel bei mir nach wie vor abrufbar. DN behält seine Artikel in der Regel unbefristet online. Von der Unterdrückung einer Diskussion würde ich auch nicht sprechen, denn Blogverlinkungen (u.a. dieser Beitrag hier) werden angezeigt – ich würde eher Personalmangel über die Osterfeiertage dahinter sehen.

      Im Übrigen: der DN-Artikel enthält nichts, was man aus schwedischer Sicht verstecken müsste. Die Botschaft ist ja, dass man das doch alles ganz locker nimmt und eigentlich alles dufte ist.

      Als Deutscher ist man hier vielleicht einfach etwas pessimistischer. Inflation treibt einen Schweden z.B. auch weit weniger um als einen Deutschen. Während man in Deutschland jammert, dass alles teurer wird, obwohl jede Statistik sehr moderate Teuerungsraten ausweist, scheint es in Schweden niemanden sonderlich beeindruckt zu haben, dass man in den 80er Jahren fast durchgehend über 5% Inflation pro Jahr hatte (siehe http://delengkal.de/2009/02/inflation-schweden-vs-deutschland/). Über die Gründe kann man spekulieren – ich denke, die ins nationale Gedächtnis eingebrannten Erfahrungen der Hyperinflation 1923 und der harten Nachkriegsjahre wirken hier lange nach, während man in Schweden keine solchen Erfahrungen vorzuweisen hat. Wer 200 Jahre lang in stabilen Verhältnissen gelebt hat, ist eher dazu geneigt, von einer weiteren Stabilität auszugehen. Der Glaube an den Staat tut sein Übriges.

      Man sollte vielleicht auch anmerken, dass z.B. die SEB derzeit (Zinssatz 3,57%) bei der Kreditberechnung als Kriterium anlegt, dass der potenzielle Kreditnehmer einen Zinssatz von 7% tragen können muss. Das würde ich nicht unverantwortlich nennen. Auch dass man mittlerweile mindestens 15% Eigenkapital mitbringen muss, dürfte auch einem deutschen Banker nicht vollkommen abwegig erscheinen.

      Kurios sind höchstens die Rückzahlungsbedingungen. Zwar weisen die einschlägigen Rechner der Banken meist 30 Jahre Rückzahlungszeit aus, aber in der Realität scheint das anders auszusehen. Meine Vermutung: die aktuellen Regeln gelten erst seit gut einem Jahr, und davor muss es ganz anders ausgesehen haben. Da sind massenweise Altkredite da draußen, die für den Kunden höchst vorteilhafte Konditionen haben.

      Ich bereite gerade einen weiteren Beitrag zum Thema vor, wo es um die Lohnentwicklung und die Wohnungsmarktpreise geht.

  4. Brauche ich wirklich eine Statistik darüber, dass nichts spannendes passiert, wenn ich doch merke, dass ich bei gleichem Lebensstil seit etwa einem halben Jahr langsam aber merklich mehr z.B. für Lebensmittel ausgeben muss?

    Das ist dasselbe Statistik-Märchen wie die Umstellung von der DM zum Euro. Eigentlich hat sich nichts geändert, bloß, dass die Löhne zwar halbiert (also angepasst) wurden, aber auf den meisten Preisschildern lediglich das Währungszeichen ausgetauscht wurde. Gegen den gesunden Menschenverstand bzw. Bauchgefühl kommt keine Statistik an.

    1. Das menschliche Bauchgefühl versagt bei mathematischen Sachverhalten oft grandios. Das sieht man an der Risikobeurteilung und auch am Preisgefühl. Es gibt eine selektive Wahrnehmung, die eine realistische Beurteilung annähernd unmöglich macht. Beispielsweise sterben jedes Jahr in Europa einige hundert Kinder daran, dass sie Lampenöl getrunken haben. Weit mehr, als seit 2001 bei Terroranschlägen gestorben sind oder jemals in Europa durch die Fukushima-Katastrophe sterben werden. Dennoch haben die Leute vor Terror mehr Angst und kaufen gegen jede Vernunft die Jodtablettenbestände der Apotheken leer.
      Bei den Preisen ist es nicht viel anders. Die Veränderung dort spielen sich in so kleinen Bereichen ab, dass man dies ohne Protokollierung und Taschenrechner gar nicht erfassen kann. Jedoch besteht die Tendenz, Anhaltspunkte zu nehmen, die für eine Beurteilung gar nicht taugen: Preissprünge bei Einzelprodukten setzen sich im Gedächtnis fest, und dazu hat man noch irgendwelche nostalgischen Erinnerungen, dass irgendwann mal irgendetwas soundsoviel gekostet hat, die man dazu in Relation setzt. Dass Mieten kaum stiegen und z.B. Milchprodukte über Jahre auch kaum, fällt da unter den Tisch. So ist es nicht verwunderlich, dass jede Erhebung, sei sie nun staatlich oder nicht, der Teuro-Legende widerspricht.
      Ich dachte auch, die Nettolöhne seien gefallen. Es sieht aber mehr nach einer Stagnation aus, die dann durch die Inflation de facto zu einem Absinken wird.

      Das alles ist in dem Thema hier nicht unmittelbar relevant. Ich wollte es nur als Beispiel der unterschiedlichen Mentalität nehmen. Schweden hat eine höhere Inflation über viele Jahre gehabt und die Währung entwertet. Das alles scheint aber dem Durchschnittsschweden vollkommen egal zu sein. Entwertung und Inflation sind Themen, die nicht negativ besetzt sind, was bei Deutschen wiederum ganz anders ist.

  5. Der Artikel verschwand lediglich von der ersten Seite und tauchte unter „Ekonomi“ wieder auf. ‚Tschuldigung, hatte ich übersehen, mea culpa.

    Nein, bei einem so staatsgläubigen Volk wie die Schweden braucht man nichts zu verstecken, es reicht schon indem die Parole „Alles ist gut“ bzw. „Nichts ist schlecht, der Staat weiss Bescheid“ herausproklamiert wird.

    Und das, was man in Deutschland als „Pessimismus“, „Gejammer“ und „Angst“ nennt, und abschätzig für negative Nationaltugenden hält, sehe ich wiederum als sehr gesunde Skepticismus und lobenswerte Staatskritik. Wo würde man in Schweden auch nur einen Bruchteil von der auf deutschen Kleinkunstbühnen von genialen Artisten genial abgefasste und vorgetragene Obrigkeitssatire. Nun ja, Deutschland hat 16 + 1 Regierungen, die Masse bringt es wohl.

    Aber nach zwei völlig überflüssigen Kriegen, drei ökonomischen Katastrofen (1923, 1948, 1990), zwei Revolutionen (1919, 1989) wissen die Deutschen allzu gut, daß es sehr schnell anders kommen kann. Gewiss, die geopolitische Laage als europäisches Kernland mit einer politisch, religiös und in ihren Wertvorstellungen völlig heterogenen Bevölkerung lässt Bedingungen aufkommen die einem Land in der europäischen Peripherie wie Schweden nie unterliegen wird. Allerdings bin ich schon sehr beeindruckt davon, wie die Deutschen diese eigentlich unregierbare Nation durch die vergangenen 60 Jahre navigiert haben.

    Hoffentlich kommen die Russen nie auf die Idee den „Oblast Kaliningrad“ den Deutschen für einen guten Preis (mitsamt Bevölkerung) anzubieten. Obwohl Deutschland wahrscheinlich das einzige Land Europas ist die mit einer solchen Katastrofe fertig werden würde, eine gewisse Erfahrung mit der Übernahme bankrotter Landstriche hat man sich ja angeeignet. Vielleicht würde man es besser machen, vielleicht würden die Polen (gegen Gewinnbeteiligung) helfen.

  6. Re. EKr 24. April 2011 at 23:04

    Sorry, unvollendete Sätze sind nur in der Musik erlaubt, also noch einmal:

    „Wo würde man in Schweden auch nur einen Bruchteil von der auf deutschen Kleinkunstbühnen von genialen Artisten genial abgefasste und vorgetragene Obrigkeitssatire erleben können.“

    und

    „…wie die Deutschen (West-) diese eigentlich unregierbare Nation…“

    Einen schönen Ostermontag wünsche ich allen geneigten Lesern.

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