OS-Fiasko

Zum heutigen letzten Tage sollte man wohl auch ein paar Worte zu den Olympischen Spielen – hier in Schweden werden sie üblicherweise mit OS abgekürzt – verlieren. Denn aus schwedischer Sicht war das Ergebnis nicht optimal, um es einmal freundlich auszudrücken.

Es ging einfach alles schief:
Susanna Kallur stürzte im Halbfinale, Carolina Klüft blieb in allen ihren Disziplinen unter ihren Bestleistungen und Stefan Holm wurde „nur“ Vierter im Hochsprung. Ara Abrahamian sorgte im griechisch-römischen Ringen nach seiner Halbfinalniederlage für einen Eklat, und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, bekam ein schwedischer Taekwondo-Schiedsrichter einen Tritt ins Gesicht.

Letztendlich ist das eingetreten, was schon seit einigen Tagen erwartet worden war: die Olympischen Spiele 2008 waren für Schweden die schlechtesten seit 1896. Lediglich bei den Spielen 1904 in St. Louis, als man aus Kostengründen auf eine Anreise verzichtete, und 1988 in Seoul konnte man keine Goldmedaille gewinnen. Allerdings schaffte man bei letzteren wenigstens 11 Medaillen insgesamt.
Nicht so dieses Jahr – kein einziges Gold, lediglich vier Silber und ein einziges Bronze (ohne die aberkannte von Abrahamian). Was fast noch schwerer wiegt ist, dass die anderen großen nordischen Länder mindestens einmal Gold geholt haben und sogar Island noch mit einem Sieg im Männer-Handballfinale da hinzustoßen kann.

Sicherlich ist das meiste Pech – Stefan Holm sagte schon vorher, dass dies wohl der Schlusspunkt in seiner Karriere werden würde, und Kallur war noch nie bei einem Wettkampf gestürzt, obwohl das beim Hürdenlauf ja immer passieren kann. Carolina Klüft wird sich wohl anhören müssen, dass es eine Schnapsidee war, ein halbes Jahr vor den Spielen zu beschließen, den Siebenkampf, in dem sie unbestritten die Königin war, aufzugeben und stattdessen in Einzeldisziplinen zu konkurrieren.

Beim schwedischen olympischen Komitee wird man über den ganzen Verlauf wohl ziemlich not amused sein.

Im Fernsehen zeigte man letztendlich sogar Teilnehmer aus eher exotischen Ländern, nicht weil die entsprechenden Wettkämpfe so interessiert gewesen wären, sondern weil alle eigenen Teilnehmer schon längst ausgeschieden waren.
Allerdings fiel mir auch auf, wie sehr die Olympischen Spielen durch die nationale Brille gesehen werden. Das Programm in SVT (schwedisches Fernsehen), Eurosport, ZDF hatte zeitweise nur sehr wenige Überschneidungen. Das mag an dem Überangebot von Bildmaterial liegen, aber im Grunde ist die Veranstaltung doch viel weniger international, als wir oft meinen.

Thomas hat in seinem Blog noch einen kleinen Skandal erwähnt, der mir komplett entgangen war. Er schreibt:

Dass ein schwedischer Olympiakommentator meinte, man könne ja kein Mitleid mit deutschen Sportlern haben, weil man nur Hitler denken würde, hat ein paar Wellen geschlagen.

Freilich ein unschöner Vergleich, aber trotzdem irgendwie gut, dass der Kommentator sich auf einen toten Diktator bezogen hat und nicht auf die Deutsche, die gerade wegen des Arboga-Mords vor Gericht steht. Mir ist nämlich zu Ohren gekommen, dass sich Deutsche schon vereinzelt dumme Kommentare mit Bezug auf dieses Thema anhören müssen, was den eigentlich sehr korrekten Schweden nicht gut ansteht – die Schuld kann man da bei Aftonbladet und Expressen suchen, die die Frau von Anfang auf ihre Nationalität reduziert haben.

Unsportlich?

Seit gestern schlägt ein kleiner olympischer Skandal in Schweden Wellen. Beim Ringen im griechisch-römischen Stil in der Klasse der Männer bis 84 kg kam es im Halbfinale zu einer umstrittenen Entscheidung.

Ara Abrahamian, ein schwedischer Ringer, war laut Beurteilung des Ringrichters dem Italiener Andrea Minguzzi unterlegen. Gegen diese Entscheidung protestierte der Schwede heftig, jedoch vergeblich. Daraufhin wollte er gar nicht zum Kampf um Bronze antreten, konnte aber von seinem Verband am Telefon überredet werden. Er gewann den Kampf, legte aber die Bronzemedaille sofort nach Erhalt auf die Kampfmatte und verließ den Saal. Er sagte, diese Medaille bedeute ihm nichts, weil er gekommen war, um Gold zu holen. Auf dieses Ziel hatte er seit Athen 2004, wo er eine Silbermedaille gewonnen hatte, hingearbeitet. Er erklärte nach dem Kampf um Bronze seinen Rücktritt vom Leistungssport.

Im Nachhinein hat er schwere Korruptionsvorwürfe erhoben. So seien die Schiedsrichter gekauft gewesen und die Spitze des Weltringerverbandes habe den Olympiasieger von vorneherein festgelegt.

Er wurde für heute vor das IOC zitiert. Eventuell wird ihm daraufhin die Bronzemedaille wegen unsportlichen Verhältnis aberkannt werden.

Interessant sind die Reaktionen dazu.

  • In der Dagens Nyheter wird die Forderung gestellt, Ringen aus dem olympischen Programm zu nehmen. So schreibt der Koluminist Johan Esk:

    Als Ara Abrahamian die Medaille niederlegte,[…] hoffte ich, dass das etwas Positives mit sich bringen würde. Dass er den Vorhang für griechisch-römisches Ringen bei Olympia senken würde.
    […]
    Die ganze Sportwelt ist voller schlechter Schiedsrichter.
    […]
    Die alte Disziplin, die früher üblicherweise mit Kraft, Technik und Geschwindigkeit entschieden wurde, ist ein defensiver und unbegreiflicher Sport geworden, der in den Olympischen Spielen nichts zu suchen hat.

  • Im Svenska Dagbladet schreibt Koluminist Jan Majlard, dass das Verhalten des Ringers kindisch gewesen sei und man ihm die Bronzemedaille abnehmen sollte. In seinem Pressematerial spreche der Ringer davon, dass es keine Garantien gebe und dass man frühere Fehler nicht wiederholen solle. Anscheinend habe er aber seine Lektion von Athen nicht gelernt. Auch er sagt nicht viel positives über die Sportart an sich.
  • Interessant sind auch die Reaktionen aus der Blogosphäre. So wird Abrahamian mehrfach „unschwedisches“ Verhalten bescheinigt, aber keinesfalls negativ. Durch die Bank unterstützen sie ihn. So schreibt Martin, dass der Ringer eine Medaille für sein Verhalten bekommen sollte. Er sollte Coach werden für die langweiligen Durchschnittsschweden.
  • Auch Danne, ein Blogger bei der Gratiszietung Metro, unterstützt ihn, weil er die von Abrahamian vorgebrachten Korruptionsvorwürfe anscheinend für richtig hält.
  • Ähnlich sieht es auch Avlo.
  • Anna G Rahm hält die Entscheidung auch für abgekartet.

    Der Goldmedaillengewinner war der Meinung, Abrahamian störe und zerstöre die Zeremonie. Dem stimme ich nicht zu. Wenn der Skandalkampf richtig beurteilt worden wäre, wäre die Wahrscheinlichkeit groß dass Abrahamians und Minguzzis Endplatzierungen umgedreht worden wären – Gold für den Schweden und Bronze für den Italiener.

Ich selbst weiß nicht, was ich davon halten soll. Ob die Halbfinalniederlage berechtigt war, kann ich schon alleine deswegen nicht beurteilen, weil ich es nicht gesehen habe. Sicherlich ist das Verhalten kindisch, aber Athleten stechen nicht allzu oft durch wohlüberlegtes Verhalten hervor. Bestimmte Verbände sind in der Tat auch alles andere als sauber, und so ist Korruption mit Sicherheit nicht auszuschließen.

Man wird abwarten müssen, ob die Affäre noch weitere Folgen haben wird.