Schlimme Geschichte

Es ist manchmal schon seltsam, wie gewohnte Umgebungen plötzlich der Schauplatz von Unglücken werden.

In Kista, wo ich meine Masterarbeit schrieb, ist vor knapp zwei Stunden eine Brücke eingestürzt – ein Vorkommnis, das man in einer Industrienation wie Schweden nicht erwartet. Ein Toter und zwei Verletzte sind schon bestätigt, und da noch u.a. ein Auto unter der Brücke eingeklemmt sein sollen, können sich diese Zahlen noch erhöhen.

Erst hieß es, es handele sich um eine Fußgängerbrücke zwischen dem Einkaufszentrum Kista Centrum und der U-Bahn-Station. Diese habe ich schon unzählige Male überquert, und natürlich macht man sich Gedanken, wie viele normalerweise auf dieser Brücke jede Minute entlang laufen und dass so etwas auch einen selbst treffen kann, auch wenn dies in der Industrienation Schweden natürlich sehr selten ist.

Obwohl ich die Ecke doch ganz gut kenne, bin ich aber immer noch unsicher, welche Brücke nun denn genau eingestürzt ist. Mittlerweile ist von einem Einsturz bei einer Baustelle die Rede, und so muss es wohl eine andere Brücke sein. Es muss also wohl eine der beiden Brücken über den Hanstavägen sein – eine von denen lag auch auf dem Weg zu meiner damaligen Wirkungsstätte und wird tatäglich von den Unzähligen frequentiert, die in einem der vielen Technologieunternehmen in Kista arbeiten oder an der IT-University studieren.

Das ist schon alles sehr tragisch. Zwar fühle ich mich natürlich nicht direkt betroffen, aber irgendwie möchte ich natürlich schon so schnell wie möglich mehr erfahren. Das wird wohl aber noch etwas warten müssen.

Malstunde am Auto (Busfahrerstreik Tag 14)

Aus aktuellem Anlass: ich habe derzeit unseren alten Staubsauger bei Tradera zur Versteigerung angeboten. Leider ist der schwedische Ebay-Ableger nicht einmal ansatzweise so erfolgreich wie das deutsche Ebay. So sieht es im Moment wohl danach aus, dass der Staubsauger für den Schnäppchenpreis von 40 kr (4,22 €) weggehen wird – wenn vielleicht nicht einer von euch noch darüber bietet.

So ein Streik hat natürlich seine angenehmenen Seiten. Heute morgen habe ich das lange verschobene Projekt in Angriff genommen, die Roststellen an meinem Auto auszubessern. Es stellte sich heraus, dass es weit schlimmer war als gedacht. An einer schonmal reparierten Schadstelle hatte sich der Rost schön eingefressen, und nach dem Wegklopfen des porösen Materials hatte der Kotflügel ein Loch. Alles halb so wild, wenn man bedenkt, welche Roststellen schwedische Autos haben, die offenbar jedes Jahr neuerlich durch den TÜV kommen. Trotzdem hat das Auto mittlerweile mehr als ein Dutzend ausgebesserte Lackschäden – eine ganze Menge, auch wenn man bedenkt, dass es schon 14 Jahre auf dem Buckel hat.

Wenn wir noch eine Weile weiter streiken, kann ich sogar ganz leicht noch die Winterreifen gegen Sommerreifen austauschen und mal ordentlich saubermachen.

Danach sieht es aber nicht aus – die Verhandlungen wurden wieder aufgenommen, denn heute Nacht soll der Streik in Skåne beginnen. Allerdings ist noch nichts von neuen Angeboten zu hören, und so wäre es auch möglich, dass die Verhandlungen weitergehen, ohne dass der Streik komplett abgebrochen wird. Meine Erwartung ist aber, dass ich spätestens am Mittwoch wieder arbeite und somit nicht mehr auf meine für dann geplante Streikwache muss. Das wäre mir auch nicht unrecht, denn gestern habe ich mich in den zwei Stunden wirklich enorm gelangweilt.

Streikgeld (Busfahrerstreik Tag 12)

Mein Zettel, der zusammenstellt, welchen Lohnausfall ich bis einschließlich morgen habe.

Es ist bestes Streikwetter – die Sonne scheint, es ist herrlich warm, und so kann ich mit dem Fahrrad zur Streikwache fahren. Dort ist wenig los – vielleicht ein Zeichen der allgemeinen Stimmung.

In der Tat hört man nicht mehr viel von dem Streik, und wenn, dann kaum etwas positives. Am Rande der Almedalsveckan, einer Woche mit Reden von Spitzenpolitikern, die jedes Jahr auf Gotland stattfindet, vernahm zumindest DN schwache Unterstützung für die Streikenden.
Dort sagte sogar Per Bardh, ein Vertreter von LO, dem schwedischen Äquivalent zum DGB, dass man notfalls als Mittler einsteigen müsste, falls sich der Konflikt zu lange ziehe. Wenn das eine übergeordnete Gerwekschaft sagt, dann könnte man das auch so interpretieren, dass die eigene Seite sich etwas unvernünftig verhält und man ggf. auf die eigenen Leute einwirken müsste, um die Verhandlungen wieder in Gang zu setzen.
Eine weitere interessante Aussage machte Jan-Peter Duker, ein Vertreter der schwedischen Wirtschaft. Er argumentierte so, dass die ganze Problematik eher daher rühre, dass die kommunalen Busgesellschaften schon einen Tarifvertrag abgeschlossen hätten. Das sei die falsche Reihenfolg, so dass nun die kommunalen Busgesellschaften Ziel des Unmuts seien. Unterschiede in den Tarifabschlüssen seien daher zu meiden.

Ansonsten war nicht viel zu hören – die ganzen Spitzenpolitiker in Almedalen hielten sich bei dem Thema zurück.

Der Wohnwagen mit einem Banner „Der Kampf: Runde 2“ und Blumen von den Syndikalisten

Die Busfahrer vor Ort erhalten dafür Unterstützung von Organisationen, bei denen man sich fragt, ob man von ihnen überhaupt unterstützt werden will. So hinterließen die Syndikalisten als auch die stark links angesiedelte „Gerechtigkeitspartei die Sozialisten“ (Rättvisepartiert Socialisterna) Blumen und Solidaritätsbekundungen.

Ich beschäftige mcih derweil mit praktischeren Dingen und habe meinen Zettel ausgefüllt, der auflisten soll, welche Lohnverluste mir entstanden sind. Wie genau meine Aufstellung ist, weiß ich nicht, weil es allerlei spezielle Regelungen gibt. Angeblich sollen wir das Streikgeld pünktlich zum üblichen Zahltag, dem 25.7. erhalten.

Strike reloaded (Busfahrerstreik Tag 11)

Auf dem Weg zum Gewerkschaftstreffen: Die Brücke zwischen Liljeholmen und Hornstull geht hoch, um einem Segelboot Platz zu machen.

Der zweite Streik ist freilich bei weitem nicht mehr so spannend wie der erste. Im Gegenteil – man merkt, dass die Stimmung zu kippen droht. In den Zeitungen liest man nur noch negatives, und selbst die Gewerkschaft hat gemerkt, dass man einen weiteren vollständigen Streik in Stockholm nicht riskieren kann. So werden dieses Mal nur die Innenstadtbusse bestreikt, während die äußeren, zu großen Teilen nicht durch Schienenverkehr angebundenen Orte verschont bleiben.

Beim gestrigen Informationstreffen teilte man uns zwar mit, dass man die Maßnahmen unternehme, um die Arbeitgeber finanziell am meisten zu schädigen, aber auch, um die Allgemeinheit für sich zu haben – letzteres dürfte dabei den Ausschlag geben. Man hat stattdessen den Streik auf andere Landesteile ausgeweitet. Nun wird auch Västerbotten bestreikt, und ab Dienstag wird Skåne folgen. Ab nächste Woche Freitag werden dann die Flygbussarna bestreikt, also die Busse zu den schwedischen Flughäfen, wobei aber gecharterte Busse und die Busse nach Skavsta ausgenommen sind.

In der Versammlung kam auch das schöne Argument auf, die Arbeitgeber würden nur Theater machen wegen der 13 Stunden Rahmenzeit. In Hornsberg, wo ich arbeite, gäbe es ohnehin kaum Dienste, die in die Nähe dieses Limits kommen. Das ist natürlich schon sehr hanebüchen, denn wir sind ja nicht die einzige Busgarage im Land, und gerade im ländlichen Raum, wo die Busse dünner gesät sind und man nicht so flexibel ist wie in der Innenstadt, spielen diese 13 Stunden sehr wohl eine Rolle. Recht haben sie meiner Ansicht aber damit, dass das Angebot der Arbeitgeber, die 13 Stunden Rahmenzeit „im reinen Stadtverkehr“ zu gewähren, nicht wirklich etwas taugt, weil man dann erst einmal feststellen muss, was denn überhaupt „reiner Stadtverkehr“ sein soll.

Ich glaube mittlerweile, dass ich diesen Monatslohn vorerst abschreiben kann, denn bis ich das Streikgeld von der Gewerkschaft erhalte, wird noch einige Zeit vergehen. Zwar bin ich gerne solidarisch, aber ich werde auch nicht mehr jeden Tag Streikwache machen, denn ich habe festgestellt, dass die wenigsten Teilzeitbusfahrer überhaupt in diesem Bereich aktiv sind. Wegen meiner oben beschriebenen kritischen Haltung der ganzen Veranstaltung gegenüber und angesichts dessen, dass ich den Job ohnehin nur als Nebenjob mache, muss ich bestimmt nicht derjenige sein, der als erster mit der roten Fahne voranmarschiert.

Eine Sache noch zum Schluss: die folgende Plakatwerbung erinnerte mich sehr stark an eine Geschichte, die 9Live in letzter Zeit schon mehrfach gebracht hat.

Das für seine ungeheure Seriösität bekannte Fernsehprogramm versprach Zuschauern nämlich wiederholt, dass sie einen Extrapreis erhielten, wenn sie denn an einem bestimmten Tag Geburtstag haben.
Dieser Tag wiederum war der 31. Juni – ein Tag, den man im seit 1582 gültigen gregorianischen Kalender sowie auch in seinem zuvor schon gut 1600 Jahre lang gültigen julianischen Vorgänger vergeblich sucht.
Bei 9Live versprach man Besserung. Der 31. Juni wird nun in Rente geschickt. Vielleicht kommt ja ab sofort der 30. Februar, der 31. April, der 31. September oder der 31. November zum Einsatz. Vielleicht aber auch der 32. Juli, wie oben zu sehen.

Im obigen Plakat geht es aber um etwas seriöseres: Spenden für eine Krebsstiftung – und ich finde, bei solchen altruistischen Dingen sind sogar nichtexistente Kalendertage zulässig.

Peinlich, Dagens Nyheter

Die Zeitung Dagens Nyheter ist ja eigentlich schon eine Institution, aber heute morgen haben sie einen ordentlichen Bock geschossen. Schon lange vor Redaktionsschluss am gestrigen Abend wurde international bekannt, dass das Foto, welches heute auf Seite 2 der DN erschien, eine Fälschung ist. Bei genauem Hinsehen wäre es sogar aufgefallen.

Unterbrechung wird unterbrochen (Busfahrerstreik Tag 8)

Soeben ging es durch die Medien: die Verhandlungen sind gescheitert, und dieses Mal ist die Kacke wohl richtig am Dampfen. Die Meldungen enthalten zwar noch nicht allzuviele Details, aber es scheint so, dass die Arbeitgeber gehofft hatten, die Gewerkschaft würde von einigen Forderungen abrücken, was die Arbeits- und Ruhezeiten angeht. Da es darum aber im Grunde geht, war es nicht verwunderlich, dass sie da nicht nachgaben. Allerdings werden erst die Hintergrundberichte zeigen, wo die Linien in dem Konflikt nun wirklich verlaufen. Ich fürchte, der Streik wird sich diesmal auch länger ziehen als nur 4 Tage.

Ab Donnerstag 0 Uhr wird jedenfalls wieder gestreikt, und zwar nicht nur in Stockholm, sondern auch in Västerbotten. Morgen habe ich ohnehin frei, und so ist ab Donnerstag wieder Streikwache angesagt.

Welthundeschau im Doppelpack (Busfahrerstreik Tag 6)

Der Streik ist unterbrochen, der Streikposten verschwunden

Mittlerweile rollt der Verkehr in vollen Zügen. Sollte am Montag keine Einigung erzielt werden, würde man aber ab Mittwoch wieder streiken. Dass das passieren wird, halte ich aber für unwahrscheinlich, denn keine der beiden Seiten wird das riskieren wollen.

Streik hin, Streik her – gestern durfte ich ja für die Welthundeschau fahren. Mein Job war dabei die Anbindung eines Hotels und zweier Parkplätze an das Messegelände. Aus mir nicht ganz ersichtlichen Gründen waren aber die Parkplätze wenig gefragt. Ich fuhr einige Male komplett leer, denn zu einem Parkplatz, auf dem niemandem parkt, kann man schlecht jemanden bringen, der dort sein Auto abholen will.

So war der Tag lustig, weil ungewohnt, aber weitgehend ereignislos. Sinnigerweise wurde ich gestern gefragt, ob ich dieselbe Linie heute nochmals fahren möchte. Zwar gab ich damit einen nicht ganz unattraktiven Dienst ab, aber ich willigte ein. So darf ich heute nochmal meine Runden drehen. Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass heute deutlich mehr los sein wird.

Streik unterbrochen (Busfahrerstreik Tag 4)

So schnell kann es gehen: nach dem Angebot von gestern haben sich die Verhandlungsführer getroffen. Eine Einigung haben sie nicht erzielen können, aber sie waren sich wohl soweit einig, dass der Streik ab heute 15 Uhr ausgesetzt wurde. Es handelt sich aber ausdrücklich um eine Unterbrechung – gesetzt dem Falle, am Montag wird keine Einigung erzielt, kann es kurz danach schon wieder losgehen. Das glaube ich aber ehrlich gesagt nicht, denn das Hochfahren des ganzen Verkehrs wird rund 24 Stunden dauern.

Ich selbst hätte beispielsweise planmäßig bis 16:30 Uhr gearbeitet, aber erst um 17:30 Uhr von der Striekunterbrechung gelesen. Vielen anderen wird es ähnlich gehen, so dass sie ihren heutigen Dienst verspätet oder gar nicht antreten werden.

Da ich morgen ja die Welthundeschau mit meinen Fahrdiensten beglücken darf, geht es für mich ohnehin erst am Sonntag regulär weiter.

Auf den morgigen Dienst wurde ich heute mit einer Kurzausbildung vorbereitet. Ich fahre morgen rund 5 Stunden lang immer wieder die gleiche Runde, damit die Aussteller und Ausstellungsbesucher von den Campingplätzen zur Messe kommen und wieder zurück. Zum Schluss folgt dann eine Fahrt zu einem Hotel, und schon geht es nach Hause bzw. zu einer Geburtstagsfeier von Freunden.

Irgendwie ist damit die ganze Woche komplett aus der Reihe. Montag der Countdown zum Streik, Dienstag und Mittwoch die Streikwache, Donnerstag frei, Freitag die Ausbildung, Samstag Hundeschau und am Sonntag dann den ganzen Tag die Linie 47E nach Skansen und zurück. Normalerweise wäre das eintönig, aber so war es meine ungewöhnlichste Woche als Busfahrer – insofern kann man nicht meckern, sofern ich mein Geld von der Gewerkschaft bald kriege.

Freier Tag (Busfahrerstreik Tag 3)

Streikwache in Hornsberg

Mittlerweile ist der dritte Tag des Streikes vorbei. Gestern (d.h. am Mittwoch, Tag 2 des Streiks) bin ich tatsächlich nicht dazu gekommen, etwas zu schreiben, was aber weniger an den Anstrengungen des Streikes lag. Ich nutze die Zeit einfach anderweitig für Dinge, die andernfalls noch länger liegengeblieben wären.

Streikmäßig ging gestern auch wirklich nicht viel. Die Leute hatten sich auf den Streik eingestellt, und so nahm die Zahl der Autos, Fußgänger und Fahrradfahrer etwas zu. Aber das war es auch schon. In den öffentlichen Diskussionsforen der Zeitungen war das Echo zwar gemischt, aber die meisten regten sich nur darüber auf, dass ausgerechnet sie von dem Streik betroffen waren. Bei aktuelleren Beiträgen findet sich vorwiegend Unterstützung.
Für viel Aufregung sowohl unter den Busfahrern sorgte ein Blogeintrag von Göran Demnert. Dieser ist Chef der kleinen Busfirma Stockholmsbuss AB, die mit ihren sieben Bussen ausschließlich Auftragsfahrten ausführt, und gab darin zum Besten:

Ich habe es schon zuvor gesagt und ich sage es wieder: so wahnsinnig besonders ist es nicht, einen Bus zu fahren. Natürlich muss jemand, der 50 Menschen hinter sich hat, die von A nach B gebracht werden sollen, seinen Mann stehen. Oder seine Frau.

[…] Wenn man sich in einen Nahverkehsbuss in Stockholm setzt, muss man manchmal um sein Leben beten. So schlecht sieht es manchmal an der Busfahrerfront aus.

Nichts kann mich davon überzeugen, dass es besser wäre, dass derselbe Idiot von Fahrer 800 Kronen mehr brutto erhalten sollte.

Natürlich schlug vor allem die Bezeichnung der Fahrer als „Idioten“ Wellen, da er ja selbst Leute dieser Berufsgruppe angestellt hat. Natürlich ist die Argumentation Blödsinn, dass die Busfahrer erst einmal besser arbeiten sollten, bevor sie einen Anspruch auf mehr Lohn hätten. Hier schlägt natürlich der psychologische Effekt zu, dass man immer die negativen Erlebnisse in Erinnerung behält und selten die positiven. Selbstverständlich fühlt sich Demnert missverstanden und führt dazu ein entsprechendes Einzelerlebnis eines anderen Bloggers an. In dessen Blogeintrag geht es um das Problem, dass man an Bord keine Tickets kaufen kann – in so einem Fall darf man den Fahrgast auch nicht mitfahren lassen. Zwar ist der Busfahrer in dem Fall eine Nummer zu unerbittlich, aber die Tendenz, im Zweifelsfall immer alles auf den Busfahrer zu schieben, ist dennoch ungerechtfertigt, denn man kann niemanden dafür verurteilen, dass er sich an seine Vorschriften hält. Demnerts absurde Ansichten macht der Einzelfall jedenfalls nicht vernünftiger.

Nun am dritten Tage des Streiks ist das aber auch schon wieder vergessen. Die täglich zweistündige Anwesenheit bei der Streikwache ist zwar freiwillig, wird aber generell an den Tagen erwartet, an denen man auch gearbeitet hätte. Heute hatte ich aber frei, und so spare ich mir auch die Streikwache.

Västerbron Skyline Stockholm

Die schönen Seiten des Streiks: die Fahrradfahrt an diesem Panorama vorbei.

Offenkundig sind die Arbeitgeber mehr von dem Streik betroffen als erwartet. Die meisten Kollegen rechneten damit, dass vor Montag kein neues Angebot käme. Nun kam aber schon eines am Donnerstag. Dieses enthielt im einzelnen:

  • Eine Lohnerhöhung von 10,4 % in den nächsten drei Jahren. Die Vermittler hatten 10,2 % vorgeschlagen, weil dies auch im allgemeinen Trend liege. Die Gewerkschaft hatte 12,5 % verlangt.
  • Die Rahmenarbeitszeit wird auf 13 Stunden gesenkt, womit man der Forderung der Gewerkschaft folgt. Diese bezeichnet den Abstand zwischen erster und letzter Arbeitsstunde. Bislang sind es 13,5 Stunden – und das ist ein nicht unerhebliches Problem, denn ein solcher Dienst bedeutet, dass man eine achtstündige Arbeitszeit auf diese Spanne verteilt. Die erheblichen Lücken zwischendrin sind oft für die Busfahrer kaum zu etwas Sinnvollem zu gebrauchen.
  • Die wichtigste Forderung blieb aber unerfüllt: bislang ist die Mindestruhezeit auf 9 Stunden festgesetzt. Das heißt im Extremfall, dass man um 22 Uhr Feierabend macht um morgens um 7 Uhr wieder auf Arbeit sein muss. Dass das mit den Pendelzeiten kaum für einen anständigen Schlaf reicht, ist klar. Die Gewerkschaft will diese Spanne daher auf 11 Stunden erhöhen. Die Arbeitgeber wollten hier nicht mitziehen, denn solche Einsatzbeschränkungen sind wohl auch am schwersten zu erfüllen – zumindest nicht ohne den Einsatz von mehr Personal. Vor 9 Jahren wurde aus ähnlichem Grund gestreikt. Damals wollte man erreichen, dass man mindestens alle 2,5 Stunden eine Pinkelpause hatte. Diese 10 Minuten hebelten natürlich alle vorigen Dienstpläne aus.

Wegen des letzten Punktes nehme ich stark an, dass bei dem morgigen Treffen der Verhandlungsführer noch keine Einigung erreicht wird. Man wird sich aber wohl spätestens bis Montag irgendwo in der Mitte treffen.

Heute abend erhielt ich einen Anruf von TX – das steht für Trafikexpeditionen, und die dort beschäftigten Leute kümmern sich unter normalen Umständen darum, dass alle eingeteilten Fahrer einen Bus erhalten und jeder Dienst besetzt ist. Diese Abteilung muss auch während des Streiks besetzt sein, da der Verkehr ja nach Beendigung des Streiks schnell wieder hochgefahren werden soll. Daher dachte ich mir zuerst, der Anruf bedeute, ab morgen gehe es wieder los, auch wenn noch nichts von einer Vertragsunterzeichnung bekannt war.

Dem war aber nicht so. Mir wurde mitgeteilt, dass ich einer der Fahrer bin, die für „Dispens“ eingeteilt wurden. Es handelt sich dabei um bestimmte von der Gewerkschaft genehmigte Dienste, die trotz des Streiks durchgeführt werden sollen. Da ich am Wochenende eigentlich hätte arbeiten müssen, blieb mir nichts anderes übrig, als zu akzeptieren – auch wenn wir für Samstag schon etwas geplant hatten. Stattdessen streiche ich natürlich meine Streikpostenschichten für die nächsten beiden Tage.

Streikposten Fabian

Erst ab Sonntag wieder: Ich als Streikposten mit Schärpe und Gewerkschafterjacke

Konkret handelt es sich um Auftragsfahrten für den Svenska Kennelklubben, dem nationalen Verband der Hundebesitzer. In Stockholm ist nämlich die Welthundeschau mit 12000 Hunden. Ich soll anscheinend die Teilnehmer von einem Hotel zur Messe bringen und zurück. Die Strecke beträgt laut meinen Recherchen sage und schreibe 1,2 km. Wer mich kennt, wird meine Begeisterung nachvollziehen können – ich werde in der Anwesenheit von Hunden schnell nervös, und nun soll ich Massen von Hundebesitzern, die ihre Lieblinge vermutlich dabei haben, den ganzen Tag auf einer Strecke hin- und herfahren, die man durchaus auch hätte laufen können. Ich hoffe, es ist noch etwas mehr Abwechslung dabei. Da wir in der Nähe der Messe wohnen, wäre es aber lustig, dass ich vielleicht sogar Pause zuhause machen kann.

Morgen darf ich jedenfalls zuerst mal die entsprechende Ausbildung machen – und mich schon einmal testweise als vermeintlicher Streikbrecher betätigen.