Unverhofft kommt, wenn man mal auf schwedisch bloggt

Ich in meinem Fernsehverließ: ganz sauer über die Comhemsche Preispolitik (Foto: Ausriss Aftonbladet-Startseite)

Ich wusste: irgendwann komme ich nochmal ganz groß raus. Nachdem ich hier ganz bescheiden seit Jahren eine Mediengroßmacht betreibe – Münte würde sagen „Ich kann Medienmogul“ – beschloss ich im Februar, es auch einmal auf schwedisch zu versuchen. Bisher sind nur ein paar Artikel herausgekommen, aber ich war positiv überrascht, dass sogleich vier Kommentare zu einem Artikel hereinkamen, in dem es um die fragwürdige Preispolitik des schwedischen Kabelanbieters Com Hem ging (hier die deutsche Version).

Natürlich ist es nichts besonderes, dass schwedische Themen auf schwedisch mehr Anklang finden als auf deutsch. Trotzdem.

Dass daraus aber eine so große Geschichte werden würde, konnte ich nun wirklich nicht erahnen. Das Foto oben stammt von der Startseite der größten schwedischen Tageszeitung Aftonbladet heute abend. Es zeigt mich sehr sauer vor meinem Fernseher und meiner Fernsehdecodierkarte in der Hand.
Der Text darunter lautet:

So wirst du von deiner Fernsehgesellschaft hinter’s Licht geführt.
Fabian Seitz bezahlt hunderte Kronen versteckter Kartengebühren „Erst wenn die Rechnung kommt, sieht man, was das eigentlich kostet.“

Es kann sein, dass ich sogar etwas in der Art gesagt habe. Darum ging es zwar nicht hauptsächlich in meinem Blogeintrag, aber gefunden hat mich der Redakteur darüber. Hintergrund und Anlass ist, dass die schwedische Verbraucherschutzbehörde Konsumentverket eine Untersuchung gemacht hat und die verschiedenen Fernsehanbieter rügt. Praktisch alle nehmen nämlich eine als „Kartengebühr“ oder „Verschlüsselungsgebühr“ bezeichnete Abgabe. Diese ist dem Namen nach dazu da, die Verschlüsselung des Signals zu bewerkstelligen. In der Realität ist es aber nur eine Methode, den Monatspreis zu erhöhen, ohne dies in der Werbung sagen zu müssen. Eine unehrliche Methode, mit der man die Kunden letzten Endes für blöd verkauft und die Preistransparenz untergräbt.

Das wäre es gewesen – ein Aufreger, aber eben ein einmaliger. Bis Dienstagabend, als der Redakteur John Granlund von Aftonbladet mich anrief und mich interviewte. Ich sagte ihm viel, aber wie bei einer Boulevardzeitung üblich kamen natürlich nur wenige Punkte stark verknappt herüber. Als er ein Foto von mir machen wollte, zögerte ich ein bisschen, sagte aber letzten Endes doch zu. Ohne Foto wäre es nichts geworden, und da eine mediale Vernichtung meiner Wenigkeit bei so einem Thema nicht zu erwarten war, ging das in Ordnung.

Abends war also der Fotograf Robin da – recht jung und engagiert. Er schoss zig Fotos, und ich war gespannt, was aus der Aktion werden würde.

Doch gestern war in der Zeitung viel, aber nichts über die Kartengebühr. Heute auch nicht, so dass ich John Granlund angerufen habe, ob die Geschichte denn gekickt worden sei. Zunächst vermutete ich, dass ein von Konsumentverket gegenüber Aftonbladet ausgesprochenes Verbot, Werbung für unseriöse Gewichtsreduzierungsmethoden einer bestimmten Firma abzudrucken, für die Versenkung des Themas mitverantwortlich sein könnte.

Aber es war auch eine Menge los. Immerhin ist heute ein Minister zurückgetreten – Thomas erklärt die Hintergründe. Also flog die Geschichte aus der Papierausgabe raus und landete heute abend auf der Startseite von Aftonbladet.

Das Foto ist natürlich der Knaller. Nicht nur sehe ich (wie angewiesen) ziemlich sauer aus. Man könnte auch meinen, ich hätte einen Fernseher in einem dunklen Keller, und wäre so sauer, weil das Gerät der einzige Lichtspender ist. Großartig!

Die Kommentarreaktionen über Facebook sind mit großer Mehrheit auf der Linie des Artikels – etwas, das den ganzen Fernsehanbietern zu denken geben sollte. Ich bin gespannt, wie sich die Reaktionen weiterentwickeln werden oder ob die Sache in der Versenkung verschwinden wird.

Morgen kaufe ich sicherheitshalber auch die Papierausgabe nochmals.

Parteinähenteststest

Ich darf den Reichstag nicht mitwählen. Eine aktive Teilhabe an dieser Gesellschaft beinhaltet für mich aber trotzdem, mich mit den Parteien und ihren Zielen auseinanderzusetzen. Zudem darf ich schließlich in Kommune und Län mitentscheiden.

Es wird also Zeit, sich die Themen dieser Wahl anzuschauen und Position zu beziehen. Die Allzweckkeule hierfür ist natürlich der Wahl-O-Mat. Den gibt es in Schweden nicht zentral von einer Stelle, sondern von verschiedenen Anbietern. Was dazu anregt, alle einmal durchzumachen und zu vergleichen.

Mein Ergebnis beim Test von Dagens Nyheter (Ausriss: dn.se)

Der Test von Dagens Nyheter ist recht schlicht. Man hat zu jeder der 28 Thesen zwei ablehnende und zwei zustimmende Optionen. Außerdem kann man wählen, dass man keine Ansicht hierzu hat.

Hier bin ich also Sozialdemokrat, was mich fast etwas überrascht. Vor einiger Zeit habe ich diesen Test schonmal gemacht, und da stand ich bei der Linkspartei hoch im Kurs.

Mein Ergebnis bei Aftonbladet (Ausriss: aftonbladet.se)

Aftonbladet hat bei seinem Test offenbar den Anbieter des EUProfilers gewinnen können.

Er versucht viel mehr ins Detail zu gehen und erlaubt genauere Analysen. Bei jeder der 30 Thesen gibt es zwei zustimmende, zwei ablehnende und eine neutrale Stufe sowie die Möglichkeit, sich nicht zu äußern. Zum Schluss soll man die Parteichefs auf Skalen von 0 bis 10 bewerten – diese Erhebung wird aber getrennt ausgewertet.

Das Ergebnis wird, wie oben dargestellt, auf zwei Achsen gezeigt, so dass man die eigene politische Heimat etwas genauer verorten können sollte.

Wie man sieht, habe ich eine solche nicht. Für die Linken bin ich zu unsozial, für die Rechten zu progressiv. Aber auch hier stehe ich den Sozialdemokraten relativ nahe, wenn man einmal von den Piraten absieht.

Zusätzlich zu dieser Grafik kann man nach Themengebieten getrennt analysieren, welchen Parteien man am nähesten steht. Sogar weitere biographische Angaben kann man machen – darauf habe ich dann aber verzichtet.

Mein Testergebnis von Makthavare.se (Ausriss: makthavare.se)

Auch das unabhängige Politikportal makthavare.se hat wieder einen Test, der gleich prominent auf der Startseite platziert ist. Hier gibt es 26 Thesen, denen man entweder in zwei Stufen zustimmen kann oder sie genauso abgestuft ablehnen kann. Dazwischen gibt es die Option „Weiß nicht“. Nach jedem Thesenklick kann man angeben, wie wichtig einem dieses Thema ist. Auch hier 5 Optionen: zwei Stufen für wichtig, zwei für unwichtig und eine „Weiß nicht“.

Am Ende steht ein Prozentsatz. Laut dem stehe ich also den Grünen nahe, aber auch den Sozialdemokraten und der Feministischen Initiative. Letztere Partei ist für mich immer noch einigermaßen unergründlich. Ursprünglich war das ja eine Abspaltung der Linkspartei. Sie ist notorisch erfolglos, aber erhält nach wie vor nicht unerhebliche mediale Aufmerksamkeit. Weder die ganz linke noch die feministische Ecke ist mein angestammter Platz – trotzdem wurde mir die Partei schon mehrfach bei solchen Tests als zu mir passend ausgespuckt.

Mein Testergebnis beim Wahlportal des Schwedischen Rundfunks (Ausriss: valpejl.se)

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sich auch nicht lumpen lassen und wartet mit dem Portal Valpejl.se (Wahlpeilung) auf. Neben vielen Details zu allen Kandidaten – u.a. wird aufgelistet, welcher Kandidat am besten verdient – bei dieser Wahl findet sich auch ein Test namens „kompassen“ (Übersetzung nicht notwendig).

Es gibt 50 Thesen zu begutachten. Zu jeder These kann man sagen, ob das ein guter Vorschlag oder ein schlechter Vorschlag ist – mit je 2 Stufen. Weiterhin kann man angeben, dass man nicht antworten möchte. Als Zusatz kann man bestimmte Fragen als Herzensfrage markieren, wenn einem dieses Thema besonders wichtig ist.

Wenn man fertig ist, sieht man ein Resultat wie das obige. Ich finde es betrüblich, dass ich soviel Übereinstimmung mit den Schwedendemokraten habe. Auch hier sind die Sozialdemokraten, Grünen und die Feministinnen gut im Rennen.

Der Clou an diesem Portal ist, dass alle Kandidaten dazu aufgerufen werden, sich auch zu äußern, so dass man individuell die Übereinstimmung überprüfen kann. Hier ist das Bild eindeutig:

Die Kandidaten, die mit mir am meisten übereinstimmen. (Ausriss: valpejl.se)

So stark entfremdet kann ich also von meiner Partei nicht sein.

Offen gestanden erstaunen mich diese ganzen Ergebnisse ein bisschen – dass ich trotz einiger Abweichungen am Ende doch so einmütig den Sozialdemokraten am nähesten stehe, hätte ich nicht gedacht.

Die Frage bleibt wie bei jedem Wahl-O-Mat, ob das wirklich als Wahlhilfe taugt. Schließlich sollte man sich als Wähler mit den Inhalten auseinandersetzen.

Dementsprechend ist der Ansatz des Aftonbladet-Tests sehr löblich, dass er politische Meinung nicht nur als Prozentzahl ausdrücken will. So kann man immerhin einigermaßen ersehen, in welchen Bereichen man welchen Parteien nahe steht. Er zeigt als einziger, dass ich in vielen Dingen zwischen den Blöcken stehe. Bei den anderen Tests besteht hingegen die Gefahr, dass man blind die größte Übereinstimmung nimmt, obwohl eigentlich mit keiner der Parteien etwas gemein hat – das wäre aber natürlich auch der worst case.

State of the Wahlkampf

Mein Ergebnis beim Test von Dagens Nyheter (Ausriss: dn.se)

Der Sommer geht langsam zu Ende und der Wahlkampf beginnt.

Bislang nimmt sich das alles noch recht brav aus, was auch nicht verwundert, denn das schwedische Sommerloch ist im Vergleich zum deutschen ein Krater.

Meine Hauszeitung Dagens Nyheter hatte in den letzten Wochen eine Serie über die Maßnahmen der bürgerlichen Regierung, die seit 2006 an der Macht ist. Der Eindruck daraus war, dass die meisten vorher versprochenen Maßnahmen auch durchgeführt wurden. Das wäre auch so meiner gewesen. Man kann dieser Regierung bestimmt einiges vorwerfen, aber man muss ihr lassen, dass sie ziemlich genau das gemacht hat, was vorher versprochen wurde. Und das Ganze – Frau Merkel aufgepasst! – weitgehend geräuschlos mit sage und schreibe vier Parteien in der Koalition.

Einen Skandal hatte der Wahlkampf aber auch schon. Arbeitsmarktsminister Sven Otto Littorin hat hingeworfen – zunächst hieß es, aus persönlichen Gründen, was auch nicht überraschend war, da er sich gerade in einem Sorgerechtsstreit befidnet. Dann kam aber ans Licht, dass ihm vorgeworfen werde, er habe die Dienste einer Prostituierten in Anspruch genommen. Freier machen sich in Schweden aber strafbar. Also war dies der Auslöser, der ihn zum Rückzug bewegte. Premierminister Fredrik Reinfeldt gab zunächst vor, davon nichts gewusst zu haben, musste dann aber einräumen, dass es doch so gewesen sein. Das kostete Vertrauen.

Auf den zweiten Blick war die ganze Affäre aber auch ein Skandal der Zeitung Aftonbladet. Deren Reporter hat mit der besagten Dame ihre Kontaktlisten durchgesehen, wo eine Nummer auftauchte, die zu besagtem Zeitpunkt einmal Littorin gehört haben soll. Das war es dann aber schon. Es gibt keine weiteren Beweise, keine weiteren Ermittlungen. Erst ließ Aftonbladet vermelden, man wisse etwas, aber wolle lieber nicht zuviel sagen, um es dann kurz darauf doch zu tun. Es folgten journalistisch und ethisch fragwürdige Winkelzüge. Die Prostituierte bleibt bislang anonym, und so steht Wort gegen Wort. Littorin gab dann der DN ein (schriftliches) Exklusivinterview, das Aftonbladet wohl gerne gehabt hätte, aber nicht bekam. Das alles sei ein Alptraum. Er sei zu Unrecht angeklagt und könne sich nicht wehren.
Aftonbladet hat vorgeführt, wie man mit zunächst gestreuten Gerüchten gefolgt von unbewiesenen Behauptungen einen Minister vernichten kann, ohne dass hierfür irgendein rechtsstaatliches Organ einen Finger rühren muss. Denn das vermeintliche Verbrechen soll sich vor vier Jahren zugetragen haben und ist mittlerweile verjährt. Zu einem Verfahren ist es daher nur in einer Hinsicht gekommen: die Justizkanzlerin überprüfte Anzeigen gegen Aftonbladet, die von einige Privatpersonen eingereicht worden waren, und lehnte sie ab.

So ist die Angelegenheit eingeschlafen – und das ist auch ganz gut so, denn rechtsstaatlich nicht überprüfbare, auf dünnem Beweismaterial aufgebaute Vorwürfe gegen einen Minister haben mit der Arbeit der Regierung nichts zu tun. Und genau diese soll bei einer Wahl bewertet werden.

Die ersten Umfragen nach dem Sommer zeigen daher wenig erstaunlich wieder eine Führung der Regierung.

SIFO-Umfrage für August 2010 (Ausriss: svd.se)

Für die Sozialdemokraten ist das eine ernste Lage. In dem obigen Diagramm sind sie mit 30,6% verzeichnet. Die Moderaterna sollen demnach 32,6% erhalten. Andere Umfragen sehen nicht viel anders aus. Wenn das Ergebnis der Wahl wirklich so ausfallen wird, dann verlieren die Sozialdemokraten nicht einfach noch eine Wahl. Der Nimbus der Staatspartei, die Schweden über Jahrzehnte so geprägt hat wie keine andere, wäre dahin. Es wäre das erste Mal seit September 1914, dass eine andere Partei mehr Stimmen erhält als die Sozialdemokraten, und das schwächste Wahlergebnis seit März 1914. Da ist schon fraglich, ob sich Mona Sahlin als Parteichefin wird halten können. Mein Eindruck ist, dass sie als Person nicht allzu großes Vertrauen genießt.

Über die Ursachen vermag ich nur zu spekulieren. Die letzten vier Jahre mit bürgerlicher Regierung taugen anscheinend nicht zur Abschreckung. Das verwundert nicht: Schweden hat die Krise ganz passabel gemeistert, soziale Kahlschläge sind ausgeblieben, und die Privatisierung verschiedener Bereiche wie z.B. dem Apothekenwesen scheint nicht an den Sympathien zu nagen. Ehemalige politische Harakiri-Themen wie die Fortführung der Kernkraft haben auch keine Sprengkraft mehr.
Der linken Seite scheint mir hier ein Konzept zu fehlen, das den Regierungsbonus überwinden kann.

Interessanterweise könnte es trotz allem nicht für eine Mehrheit der bürgerlichen Allianz reichen. Die rechtsradikalen Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten), die sich rechtskonservativ-bieder wie dereinst in Deutschland die Republikaner geben, werden mit einiger Wahrscheinlichkeit die Vier-Prozent-Hürde meistern und dann möglicherweise einen Patt auslösen. Es steht zu befürchten, dass sie dann doch in die Regierungsarbeit eingebunden werden. Eine wenig ansprechende Aussicht.

Noch 2 Stunden


Noch einmal genau hinsehen: so gewinnt man

Während Stefan Niggemeier und Lukas Heinser ihr unglaublich exzellentes Videoblog aus Oslo machen, koche ich u.a. Chili Con Carne, denn wir haben zum Grand-Prix-Abend geladen, um dieses Großereignis gemeinsam zu zelebrieren. Die Tatsache, dass wir das erste Mal seit geraumer Zeit einen Beitrag aufzubieten haben, für den man sich nicht peinlich berührt fühlen muss, ist das allemal wert.

In Schweden scheint die Stimmung über die Enttäuschung hinweg zu sein.

Die Dagens Nyheter versucht es mit einer Prise Trotz und brachte heute morgen einen einseitigen Artikel über die „Big Four“. Im Wesentlichen ging es darum, wieso diese ins Finale dürfen und Schweden – das natürlich unausgesprochenerweise jedes Jahr das beste Lied des Universums ins Rennen schickt – hingegen nicht. Ein Absatz versucht zaghaft ins Spiel zu bringen, dass Schweden schließlich auch eine Menge Geld an die EBU zahle. Nämlich mehr als die Ukraine, die schließlich mehr als viermal so viele Einwohner hat. Botschaft durch die Hintertür: ein Land, das soviel Geld bezahlt, gehört eigentlich auch sofort ins Finale.

Der schwedische Rundfunk SVT wählt einen anderen Ansatz: wenn die Leute in Schweden offenkundig keinen Schimmer haben, was der Rest Europas gut findet, dann fragt man sie besser nicht mehr so viel und stattdessen die internationale Jury. Ob das so kommen wird, ist natürlich fraglich. Das Aftonbladet geht jedenfalls mit schwerem Geschütz an die Sache heran und sorgt sich um die Zukunft von Melodifestivalen, dem schwedischen Vorentscheid. Und konstatiert, dass ein schwedischer Wettbewerb ohne internationale Perspektive nicht interessant sei. Im schwedischen Fußball scheint genau dieses Konzept aber hervorragend zu funktionieren…

Svenska Dagbladet fragt jemanden, der sich auskennt und der sogar seine Doktorarbeit über Melodifestivalen geschrieben hat. Der meint: das war kein Fiasko – Schweden ist einfach von guten Leistungen verwöhnt.


Oder so auch…

Insgesamt setzt man nun auf seine Ersatzpferde im Rennen. Insgesamt 7 Beiträge entstanden unter schwedischer Beteiligung, und mit denen versucht man sich ein bisschen mitzufreuen. Gespannt wird aber dennoch das Ergebnis heute nacht erwartet, denn man möchte natürlich wissen, ob Anna Bergendahl nur knapp oder gar deutlich gescheitert ist.

Meine Vermutung ist: sehr knapp, den schlecht war das Lied nicht und die Begeisterung auch anderorten recht groß.

Jetzt muss es aber erst einmal darum gehen, wer heute abend gewinnt. DN sieht Lena im guten Mittelfeld, wie es scheint, und auch bei Aftonbladet ist das so.

Alles weitere liegt in der Hand der Jurys und Abermillionen Zuschauer. Ich bin gespannt.

Heiratsfieber

Es scheint dieser Tage, als müsse nun knapp zwei Monate vor Kronprinzessin Victorias Hochzeit die Pressemaschinerie warmlaufen.

Hier die neuesten Nachrichten:

  • Prinzessin Madeleine wird dieses Jahr nicht mehr ihren Freund Jonas heiraten. Noch schlimmer: man hat die beiden seit Dezember nicht mehr zusammen gesehen. Und die Zeitungen schreiben mit Begeisterung über die vermuteten Probleme zwischen den beiden. Madeleine ist anscheinend erstmal vier Wochen in den USA, während Jonas sich mit Victorias Zukünftigem getroffen hat.
  • Die Einladungen für die Hochzeit sind raus. Das Aftonbladet hat eine irgendwo ergattert und zeigt sie stolz. Ein spektakulärer Coup: die Einladung ist weiß, und es steht drauf, dass man eingeladen ist. Wahnsinn!
  • Nicht minder spektakulär ist die Erkenntnis, dass die Trauung um 15:30 Uhr stattfindet, was natürlich gemeldet werden muss.
  • Die Homepage der Hochzeit ist auch schon online. Hier ist mal wieder Königshaus 2.0 angesagt: man kann seine Glückwünsche hinterlassen. Dass man sie nicht auch gleich noch auf Facebook stellen oder twittern kann, ist fast schon überraschend.
  • Lars Ohly, Chef der Linken, findet, dass er als Republikaner da eigentlich nicht hin sollte – und hat abgesagt. Das Witzige daran ist irgendwie, dass so ziemlich jede Reichstagspartei die Abschaffung der Monarchie anstrebt. Die Party wollen sie aber trotzdem nicht verpassen.

Nicht dass das alles nicht in irgendeiner Form relevant wäre. Aber so aufgebauscht, wie das jetzt schon wird, würde mich es nicht wundern, wenn es bei der Hochzeit selbst eine 20.000 teilige Bildergalerie zum Thema gibt.

Presseschau

Ehrlich gesagt ist es wieder ernüchternd, zu sehen, wie weit es in Schweden mit der Presseethik her ist. Direkt nach der Verurteilung konnten es die Boulevardzeitungen Aftonbladet und Expressen kaum abwarten, Bilder von Christine S. abzudrucken – mit vollständigem Namen, versteht sich.

Dass zumindest theoretisch denkbar ist, dass die Verurteilte den Doppelmord doch nicht begangen hat, scheint hier keine Rolle zu spielen. Man stelle sich vor, Christine S. komme nach einem Revisionsprozess frei. Dann würde sie, obwohl von einem ordentlichen Gericht freigesprochen, um ihr Leben fürchten zu müssen. Dieser schamlose Umgang mit den Bildern ist ein Ansporn zur Selbstjustiz.

Eine Rückkehr in ein normales Leben wird ihr auch dann versagt bleiben, wenn sie ihre Strafe abgesessen hat, denn die Bilder werden auf ewig ein Kainsmal bleiben – und damit ist der Gedanke, dass ein Verbrecher nicht nur bestraft, sondern auch in ein rechtschaffenes Leben zurückgeführt werden soll, unterminiert.

Auf dem schwedischen Blog „The Evolving Ape“ wurde auch ihr Bild plakativ mit dem Titel „So sieht die ‚Arboga-Deutsche‘ aus“ publiziert. Immerhin macht sich der Autor in dem Artikel Gedanken darüber, ob und wann es rechtens ist, die Bilder von Verdächtigen und Verbrechern zu veröffentlichen. Ich habe auch etwas in den Kommentaren mitdiskutiert.

Eigentlich sollte es eine große Presseschau werden, aber ehrlich gesagt sehe ich mich nicht dazu bemüßigt. Es gibt kaum etwas neues.

Expressen füllt in der heutigen Ausgabe geschlagene 10 Seiten mit dem Thema. Neben den angesprochenen Bildern geht es vor allem darum, dass die Verurteilte angeblich kollabiert sei und gerufen habe, dass sie unschuldig sei. Das ist aber auch nichts neues. Dreist finde ich allerdings in dem Kontext, unbewegte Bilder, auf denen Christine S. lächelt, mit Bildunterschriften zu belegen, die andeuten, sie hätte die Opfer regelrecht durch „Lachausbrüche“ im Prozess verhöhnt – um dann scheinheilig darüber zu berichten, dass es sich ja um eine psychische Krankheit handeln könnte und sie auch darauf nun untersucht würde. In den seriösen Medien war davon wenig zu lesen. In der Hannoverschen Allgemeinen habe ich sogar einen Artikel gesehen, ider die Frau zwar als rätselhaft, kühl und berechnend darstellt, aber sicher nicht als fiese Frohnatur, die sich am Unglück der Opfer ergötzt. Expressen garniert das ganze mit Tränendrüsen-Stories über die Mutter („Nun kann Emma wieder lachen“).

Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass gerade der Boulevard in den letzten Wochen einiges daran gesetzt hat, glatte Meinungsmache gegen Christine S. als seriöse Berichterstattung zu maskieren, obwohl es ja wirklich nicht so klar war, dass sie die Mörderin ist – „Bild“ hätte es nicht besser gekonnt. Wenn Berichte mit den Sätzen anfangen wie „Die Deutsche lügt“, braucht man sich nicht zu wundern, wenn ihr selbst eine glaubwürdige Geschichte über den Mordtag nicht geglaubt worden wäre.

Heute dann noch ein weiterer kleiner Skandal. Cecilia Uggla, eine der Richterinnen, wurde heute morgen im „Expressen“ mit dem Satz zitiert:

Ich habe nie ganz geglaubt, dass sie unschuldig ist.

Sie hat daraufhin ihren Rücktritt eingereicht, was die Konkurrenz vom Aftonbladet natürlich gleich ausschlachtet. Chefrichter Per Kjellsson äußerte sich verärgert über das Ganze. Hierdurch können auch weitere rechtliche Konsequenzen drohen, denn eine befangene Richterin darf natürlich kein Urteil sprechen, und im Extremfall muss der Prozess wiederholt werden – was ohnehin wahrscheinlich ist, da die Verteidigung in Berufung gehn will. Bei den Dagens Nyheter klingt das alles auch weit weniger dramatisch. Dort heißt es mehr oder weniger nur, dass der Prozess eben mit den verbleibenden zwei Beisitzerinnen weitergeht.

Die seriösen Zeitungen haben das Thema insgesamt auch weiter nach hinten geschoben, es weit unaufgeregter behandelt und bewahren auch die Anonymität der Angeklagten – womit einmal mehr bewiesen wäre, dass man weder in Deutschland noch in Schweden Zeitungen mit großen Buchstaben kaufen sollte.

PS: Manche mögen sagen, dass es heuchlerisch ist, das Publizieren von Bildern von anderen anzuprangern, aber selbst dann einen Zeitungsständer abzubilden und entsprechende Artikel zu verlinken. In der Tat habe ich überlegt, darauf zu verzichten und die Bilder unkenntlich zu machen. Allerdings sehe ich darin keinen Zweck mehr: die Bilder sind in der Welt und der Name auch – daran wird sich nichts ändern lassen. Sollten die Zeitungen ihre Linie nochmals ändern, werde ich dem Folgen und auch die Bilder wieder unkenntlich machen.

OS-Fiasko

Zum heutigen letzten Tage sollte man wohl auch ein paar Worte zu den Olympischen Spielen – hier in Schweden werden sie üblicherweise mit OS abgekürzt – verlieren. Denn aus schwedischer Sicht war das Ergebnis nicht optimal, um es einmal freundlich auszudrücken.

Es ging einfach alles schief:
Susanna Kallur stürzte im Halbfinale, Carolina Klüft blieb in allen ihren Disziplinen unter ihren Bestleistungen und Stefan Holm wurde „nur“ Vierter im Hochsprung. Ara Abrahamian sorgte im griechisch-römischen Ringen nach seiner Halbfinalniederlage für einen Eklat, und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, bekam ein schwedischer Taekwondo-Schiedsrichter einen Tritt ins Gesicht.

Letztendlich ist das eingetreten, was schon seit einigen Tagen erwartet worden war: die Olympischen Spiele 2008 waren für Schweden die schlechtesten seit 1896. Lediglich bei den Spielen 1904 in St. Louis, als man aus Kostengründen auf eine Anreise verzichtete, und 1988 in Seoul konnte man keine Goldmedaille gewinnen. Allerdings schaffte man bei letzteren wenigstens 11 Medaillen insgesamt.
Nicht so dieses Jahr – kein einziges Gold, lediglich vier Silber und ein einziges Bronze (ohne die aberkannte von Abrahamian). Was fast noch schwerer wiegt ist, dass die anderen großen nordischen Länder mindestens einmal Gold geholt haben und sogar Island noch mit einem Sieg im Männer-Handballfinale da hinzustoßen kann.

Sicherlich ist das meiste Pech – Stefan Holm sagte schon vorher, dass dies wohl der Schlusspunkt in seiner Karriere werden würde, und Kallur war noch nie bei einem Wettkampf gestürzt, obwohl das beim Hürdenlauf ja immer passieren kann. Carolina Klüft wird sich wohl anhören müssen, dass es eine Schnapsidee war, ein halbes Jahr vor den Spielen zu beschließen, den Siebenkampf, in dem sie unbestritten die Königin war, aufzugeben und stattdessen in Einzeldisziplinen zu konkurrieren.

Beim schwedischen olympischen Komitee wird man über den ganzen Verlauf wohl ziemlich not amused sein.

Im Fernsehen zeigte man letztendlich sogar Teilnehmer aus eher exotischen Ländern, nicht weil die entsprechenden Wettkämpfe so interessiert gewesen wären, sondern weil alle eigenen Teilnehmer schon längst ausgeschieden waren.
Allerdings fiel mir auch auf, wie sehr die Olympischen Spielen durch die nationale Brille gesehen werden. Das Programm in SVT (schwedisches Fernsehen), Eurosport, ZDF hatte zeitweise nur sehr wenige Überschneidungen. Das mag an dem Überangebot von Bildmaterial liegen, aber im Grunde ist die Veranstaltung doch viel weniger international, als wir oft meinen.

Thomas hat in seinem Blog noch einen kleinen Skandal erwähnt, der mir komplett entgangen war. Er schreibt:

Dass ein schwedischer Olympiakommentator meinte, man könne ja kein Mitleid mit deutschen Sportlern haben, weil man nur Hitler denken würde, hat ein paar Wellen geschlagen.

Freilich ein unschöner Vergleich, aber trotzdem irgendwie gut, dass der Kommentator sich auf einen toten Diktator bezogen hat und nicht auf die Deutsche, die gerade wegen des Arboga-Mords vor Gericht steht. Mir ist nämlich zu Ohren gekommen, dass sich Deutsche schon vereinzelt dumme Kommentare mit Bezug auf dieses Thema anhören müssen, was den eigentlich sehr korrekten Schweden nicht gut ansteht – die Schuld kann man da bei Aftonbladet und Expressen suchen, die die Frau von Anfang auf ihre Nationalität reduziert haben.

Ungeheuerlich

Metro 14. April 2008

Metro heute: Titelseite noch einigermaßen korrekt (Quelle: Metro)

Immer wieder liest man im BILDblog unter der Rubrik „Heute anonym“, welche Anonymisierungen die BILD-Zeitungen nun wieder unterlassen hat.

Das alles ist aber noch bescheiden, wenn man es in Vergleich zu schwedischen Medien setzt. Hier scheint die Nennung von Namen und der Abdruck von Bildern nach dem Gutdünken der Journalisten durchgeführt zu werden.

Kurz die Geschichte: Am 5. April verschwand die zehnjährige Engla Höglund aus dem in der Nähe von Falun gelegenen Stjärnsund spurlos. Umgehend wurde eine Suche gestartet, und ihr Bild überall publiziert. Schon am 7. April konnte ein 42-jähriger Mann festgenommen werden, der nun am vergangenen Wochenende gestand, das Mädchen umgebracht zu haben. Weiterhin gab er einen Mord an einer 31-jährigen Frau zu, den er vor acht Jahren begangen hatte.

Stockholm City 14. April 2008

Stockholm City heute morgen (Quelle: Stockholm City)

In Schweden sind solche Geschichten immer Nachrichten von nationaler Bedeutung, und in dem Fall kann man es den schwedischen Medien auch nicht verdenken, denn bei dieser Tragik und den Suchbemühungen der Bevölkerung besteht auch ein öffentliches Interesse. Eine ähnliche Tat wäre auch in Deutschland auf den Titelblättern präsent, wenn auch meist nicht als Hauptschlagzeile.

Metro 14. April 2008

Metro heute – auf Seite 2 riesiges Foto des Tatverdächtigen (Quelle: Metro, Bildverfremdung von mir)

An der Art und Weise, wie die Informationen präsentiert werden, sieht man aber umso deutlicher, wo in Schweden die Grenze des Qualitätsjournalismus verläuft:

  • Dagens Nyheter, nicht zu Unrecht sozusagen die schwedische FAZ, hat ein großes Foto von einer Kirche in Stjärnsund, wo sich die trauernden Dorfbewohner versammelten. Klein daneben stehen die Fotos der beiden Ermordeten. Auf den Seiten 6 und 7 sind Hintergrundberichte. Der Tatverdächtige wird hier praktisch durchgehend „der 42-jährige“ genannt. Nicht einmal sein Vorname erscheint. Das einzige Foto ist vollkommen unkenntlich.
  • Das Svenska Dagbladet liegt mir nur in der Online-Version vor. Hier verzichtet man gleichsam auf die Namensnennung und benutzt das gleiche unkenntliche Foto.
  • Auch die Göteborgs-Posten, nach eigenen Angaben Schwedens größte Lokalzeitung, verzichtet auf die Namensnennung.
  • Unter den sonstigen Zeitungen ist nur City noch lobend zu erwähnen, die ja gerade als U-Bahn-Zeitung eher eine Neigung zum Boulevard hat. Auch dort: keine Namensnennung, kein erkennbares Foto.
  • In die Niederungen der Presselandschaft kommt man aber früher, als ich erwartet hatte. Die durchaus nicht unseriöse Sydsvenskan (Südschwedische) schreibt:

    Aber ganz in der Nähe von Torsåker, wo der Mann, der sie ermordet hat, wohnt. Er heißt Anders E. (Anm.: Nachname von mir entfernt). Ganz Schweden weiß, dass er 42 Jahre alt ist. Er fährt Lastwagen. Und einen roten Saab. Letzten Samstag tötete er die 10-jährige Engla Juncos Höglund aus Stjärnsund.

    Der Verfasser nennt nicht nur den Namen vollständig. Er kokettiert sogar mit der plakativen Preisgabe von Informationen wie dem exakten Wohnort des mutmaßlichen Mörders und dem Zweitnamen des Mädchens. In einem Stakkato-Stil werden sie dem Leser entgegengehämmert. Ob es sich um relevante Informationen handelt, scheint keine Rolle zu spielen.

  • Auch The Local meint, den vollen Namen des Täters abdrucken zu müssen. Fraglich ist hier auch die Rolle der schwedischen Nachrichtenagentur TT. Ob sie den Namen bekanntgegeben hat, geht leider nicht klar hervor. Wenn dem nicht so ist, dann ist es umso bedenklicher, dass der Redakteur von The Local ihn sogar noch nachträglich eingefügt hat.
  • Noch weiter gehen andere Blätter. Das Aftonbladet, Schwedens größte Tageszeitung, zeigt ein Privatfoto des Mannes,hat schon in dessen Privatleben herumgewühlt und die übliche Portion schockierter Arbeitskollegen, Freunde und Bekannter hinzugefügt. Die größte Frechheit ist ein Foto des Bruders des Tatverdächtigen. Schon an der Qualität kann man erkennen, dass es nicht autorisiert war und älter sein muss.
  • Expressen zeigt den Mann auch beim Einkaufen.
  • Auch nicht rühmlich tut sich Metro hervor, wo ein Foto des Verdächtigen, das aus der Führerscheinkartei stammen könnte, präsentiert wird – und zwar riesenhaft vergrößert. Der Bruder wird ebenso abgebildet. Dort wird angemerkt, das Foto sei 1995 entstanden.

Stockholm City 14. April 2008

Bericht in Stockholm City: anonym und korrekt (Quelle: Stockholm City)

Dass diese Recherchemethoden unseriös sind, hat offenbar nicht viele Redakteure davon abgehalten, ihre Ergebnisse ungefiltert zu veröffentlichen. Dass die Angaben aus dunklen Kanälen stammen, kann man nämlich auch daran erkennen, dass der Name des Tatverdächtigen in zwei verschiedenen Schreibweisen vorkommt.

Wer nun meint, da sei nichts dabei, sollte seine Hausaufgaben in Sachen Rechtsstaat nachholen.

Die Berufsethik des Journalisten gebietet, die Privatsphäre von Personen zu schützen. Schweden wie Deutschland sind Rechtsstaaten, in denen der Grundsatz gilt, dass die Unschuld eines Menschen solange angenommen wird, bis er von einem Gericht verurteilt wurde. Auch wenn nun ein Geständnis vorliegt und der mutmaßliche Täter den Platz zeigen konnte, an dem die Leiche verscharrt ist, ist es dennoch falsch, dessen Namen und Foto ohne Anonymisierung zu veröffentlichen. Die Privatsphäre des Mannes ist auch in diesem Falle zu achten, denn eine Rückkehr in die Gesellschaft ist ihm in dem Fall für immer versperrt, selbst wenn er die kommenden Jahrzehnte in einem Gefängnis verbringen wird. Eine Aussicht auf ein Leben in Freiheit, das auch den Schutz vor der übrigen Bevölkerung beinhaltet, muss aber immer bestehen, da sonst der Zweck des Strafvollzugs in Frage gestellt wird.
Zwar ist die Lage in diesem Fall relativ klar, aber man sollte auch bedenken, dass eine Anklage nicht mit einem Urteil gleichzusetzen ist. Bei einem Freispruch ist der Betroffene stigmatisiert oder sogar akut gefährdet, wenn die Fotos in der Welt sind – es handelt es sich im Grunde um einen Rufmord.
Zudem bedient die Veröffentlichung lediglich die Neugier der Öffentlichkeit, nicht deren allgemeinen Interessen. Es ist nicht relevant, wie der Mann aussieht noch wie er heißt. Dass er gefasst wurde, ist die zentrale Information. Ein Foto tut dann nichts mehr zur Sache.

Metro 14. April 2008

Auch der Bruder (unkenntlich gemacht) wird abgebildet. Lediglich ein mutmaßliches Opfer, dessen Mörder noch nicht gefunden ist und der jetzige Tatverdächtige, wurde anonymisiert. (Quelle: Metro, Unkenntlichmachung von mir)

Das Vorgehen auf Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland zu schieben, würde zu kurz greifen, denn wie sonst ist es zu erklären, dass bestimmte Blätter die Veröffentlichung von die Privatsphäre verletzenden Fotos und Informationen konsequent vermeiden, während andere damit sogar ihr Web-TV bestücken? Es ist eher die offenkundige Bereitschaft, auf jegliche ethische Leitlinien zu verzichten.

Die Regeln für Journalisten ähneln sich nämlich in beiden Ländern.

Im Pressekodex, der vom Deutschen Presserat festgelegt wird, heißt es:

Ziffer 8 – Persönlichkeitsrechte
Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten öffentliche Interessen, so kann es im Einzelfall in der Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob durch eine Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter verletzt werden. Die Presse achtet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

In den Regeln des schwedischen Journalistenverbandes klingt das nicht viel anders:

7. Wäge Publikationen genau ab, die die Heiligkeit des Privatlebens kränken können. Verzichte auf solche Publikationen, wenn kein offenkundiges Allgemeininteresse die öffentliche Aufklärung erfordert.

Beide Regelungen gehen nicht ins Detail, aber geben Leitlinien vor.

So müssen sich die Redakteure vom Aftonbladet die Frage gefallen lassen, welches offenkundige Interesse denn darin besteht, an welchem Tisch der Tatverdächtige in einem lokalen Restaurant nach der Tat saß. Erst recht würde mich die Erklärung dafür interessieren, dass man den Bruder des Verdächtigen anscheinend ohne Genehmigung abbildet. Hätte er der Veröffentlichung eines Fotos zugestimmt, wäre dies nicht schon über 10 Jahre alt. Handelt es sich dabei nicht um eine „Kränkung“ der Privatsphäre? Kann dieser Mann etwas dafür, dass sein Bruder zwei Menschenleben auf dem Gewissen haben soll?

Shame on you! Von BILD erwartet man so etwas, aber dass solche Methoden in schwedischen Medien reihenweise zur Anwendung kommen, ist ein Armutszeugnis.

Nachtrag 15. April 2008: Ich habe mich in einigen Details getäuscht. Das Foto des Bruders war offenbar ein Foto des Täters. Wie ich diese Information falsch aufgeschnappt habe, kann ich nicht mehr definitiv sagen, weil manche der Artikel schon nicht mehr online sind. Das Foto stammte aus einem Polizeivideo, woraus man schon erkennen kann, dass die Polizei nicht zimperlich ist, wenn es um die Veröffentlichung geht. Heute hat auch die DN ein Foto, wenn auch ein kleines, von dem Täter. Die DN wollte wohl abwarten, bis eine Pressekonferenz der Polizei jeden Zweifel an der Überführung des Täters ausgeräumt hatte, um nicht falsche Informationen abzudrucken. Auch hat man keine selbst auf dunklen Kanälen beschaffte Fotos, sonder nur die, die anscheinend von der Polizei freigegeben wurden.

Insofern ist es der DN hoch anzurechnen, dass sie wenigstens seriös arbeitet. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass Bilder und die Namensnennung vollkommen unnötig sind und es dem Täter schwer machen werden in 20 Jahren in die Gesellschaft zurückzukehren.

Ich muss wohl annehmen, dass dieses Vorgehen in Schweden so üblich ist. Gut heißen kann ich es aber beim besten Willen nicht.

Fabian Seitz Radiostar

Vor einer Viertelstunde war besagtes Radioninterview, das, obwohl live, erstaunlich gut lief. Letztendlich hat es mir doch ein bisschen noch den gestrigen Tag versüßt, denn im Gegensatz zu den anderen 82 Millionen Deutschen wollte bei mir gestern keine so richtige Feierlaune aufkommen.

Um wirklich authentische Eindrücke zu erhalten, wagte ich mich in die Höhle des Löwen und schritt mit deutlich sichtbarem Germany-T-Shirt sowie deutlich weniger sichtbaren Deutschland-Socken durch Södermalm, um mir irgendwo einen guten Platz zu sichern. Die Stadt war schon merklich leerer als am Dienstag – Midsommar zeigt seine Wirkung und alle sind in Urlaub. Außer ein paar beiläufigen Blicken habe ich auf dem Hinweg nichts kassiert, keine Pöbeleien oder Zurufe – erstaunlich. Im Snaps, einer Kneipe mit Biergarten, saßen dann sogar einige Deutsche mit bemalten Backen. Noch mehr erstaunt hat mich allerdings eine vollbusige Verkäuferin, die in einem Klamottengeschäft arbeitete und ein Germany-Top trug. Insbesondere deswegen, weil sie ja eigentlich was verkaufen will. Ich war also zumindest nicht komplett alleine. Nachdem im Snaps alle interessanten Plätze belegt waren und im Big Ben Pub, wo ich am Dienstag Schwedens Spiel anschaute, das obere Stockwerk schon voll und das untere noch nicht belegt war, ging ich in die Bar daneben.

Das Spiel fand ich furchtbar – nicht weil Deutschland schlecht gespielt hätte (im Gegenteil), nein, sondern weil die Schweden derart schlecht gespielt hatten. Zusätzlich vermiest wurde mir die Sache, dass ich mir erlaubte, bei den beiden Toren ein bisschen zu klatschen, worauf ein Barmann mir sagte, ich solle ruhig sein, weil das sonst hier Ärger verursachen könnte. Nach Randalemachern sah mir das Publikum (zu guten Teilen Frauen mittleren Alters, Schwangere und junge Mütter mit Kinderwagen) zwar nicht aus, aber der Kommentar reichte mir in jedem Fall, um zu zahlen und weiterzuziehen. Im Big Ben hatte es sich mittlerweile etwas gefüllt, die Stimmung war aber ungefähr auf Beerdigungsniveau, was angesichts dieser demütigen Vorstellung der schwedischen Kicker auf dem Platz kein Wunder war. Bei denen klappte auch wirklich gar nichts: erst hatte man sich von den Deutschen eiskalt überrumpeln lassen und schaffte es seither nicht mehr, auch nur eine gescheite Torchance herauszuspielen. Dass Lehmann einmal den Ball ins Aus befördern musste war auch schon alles. Besonders bitter wurde es, als ich vom Klo zurückkam und gerade Lucic gelb-rot für ein bisschen Trikotzupfen kassierte. Ich war zwar bei dieser Entscheidung sehr irritiert, aber mir wurde später erzählt, ZDF-Experte Urs Meier hätte das für korrekt befunden. Und einem schweizer Weltklasseschiedsrichter kann man keine Inkompetenz oder gar mangelnde Neutralität vorwerfen – letzteres würde in der Schweiz vermutlich den Tatbestand der Verleumdung erfüllen. Der Elfmeter war natürlich dann die endgültige Katastrophe – der Ball dürfte meinen Schätzungen zufolge am Dienstag auf dem Mond aufschlagen. Direkt neben dem von Beckham.

Der Rückweg war seltsam – einer zeigte mir Daumen hoch, was mich zum Grinsen verleitete. Ein prollig wirkender Schwede schaute mich etwas komisch an, worauf ich ihm prophylaktisch ein „I’m sorry“ entgegenwarf, was er wohl aus seiner jahrelangen Hooliganerfahrung politisch recht unkorrekt mit „eins, zwei, drei, Nazipolizei!“ beantwortete. Zwei Mädels und ein Betrunkener saßen an einem Tisch vor einem Imbissstand. Ein Mädchen sagte einfach nur „Springa!“ („lauft!“), der Betrunkene kam her und umarmte mich. Naja, heute wollen wir mal nicht so sein. In der U-Bahn begegnete mir noch ein Karlsruher Student, der aber strategisch klug Undercover im KTH-Pullover unterwegs war.

Mein Presseecho:

  • Expressen (Boulevardzeitung) : „Avgå! Mats Olsson: Sparka Lagerbäck!“ („Tritt ab!“ Mats Olsson: Feuert Lagerbäck!“). Besagter Mats Olsson schreibt in seinem Bericht: „Bei dem 2:0 gegen Deutschland sagen die Zahlen kaum mehr aus, als dass die Deutschen gewonnen haben. Sie sagen aber nichts darüber, welche Erniedrigung wir erlitten haben und wie wir überrollt wurden. (…) Die ersten 15 Minuten waren das schlechteste Auftreten einer schwedischen Nationalmannschaft, das ich jemals gesehen habe. (…) Andreas Isaksson spielte als Torhüter auf Weltniveau. Aber was half das schon? (…) Der Schiedsrichter machte ein Kreuz, als er das Spielfeld verließ, und es ist möglich, dass Carlos Simon aus Brasilien ahnte, dass er sich an höchster Stelle dafür verwantworten werden müsse, dass er uns eine extrem harte Strafe gegeben hat. Dagegen hatte er nichts zu tun mit Lukas Podolskis zwei Toren. Viele von euch sind sauer, dass er grinste, als er Teddy Lucic rot zeigte. Ich persönlich bin eher sauer, dass Podolski zu ihm lief und ihm zur Beglückwünschung auf die Schulter klopfte. Oder zum Dank. Oder zu was auch immer. (…) Die Zukunft der Nationalmannschaft – und des schwedischen Fußballs – sieht düster aus. (…) Am 7. Oktober spielen wir in Råsunda gegen Spanien. Spanien! Bis dahin will ich einen anderen Nationaltrainer haben.
  • Aftonbladet (auch Boulevard) ist weniger meinungsmachend. Sie schreibt „En epok är slut“ („Eine Epoche ist zu Ende“), betreibt Lebenshilfe mit „9 råd som hjälper dig ur krisen“ („9 Ratschläge, die dir aus der Krise helfen“). Der Schiedsrichter war aber in jedem Fall ein Arsch, meinen sie mit „Hånad av Domaren – Landslagets attack efter utvisningen: ‚Man ville se tyskarna vidare'“ („Vom Schiedsrichter verhöhnt – die Nationalmannschaft nach dem Platzverweis: ‚Man wollte die Deutschen weiter sehen'“) und schreiben als Bildunterschrift zur roten Karte „De tyska spelarna skriker på domaren som sedan tar upp först det gula, sedan det röda kortet. Och han gör det med ett leende på läpparna. Lucic utvisad.“ („Die deutschen Spieler rufen zum Schiedsrichter, der dann erst die gelbe, dann die rote Karte herauszieht. Und er tut das mit ein Lächeln auf den Lippen. Lucic des Platzes verwiesen.“). Der Betroffene sagte laut dem Blatt: „…der Schiedsrichter lächelte einfach. Er glaubte wohl, der Platzverweis wäre sonnenklar. Ich glaubte nicht, dass die zweite gelbe Karte kommen würde. Das passierte im Eifer des Gefechts (sehr frei übersetzt) und wir hielten uns aneinander fest. Das kam mir zuerst wie ein Scherz vor.“ Ganz unabhängig vom Spiel fand ich diesen Artikel interessant. Das Prostitutionsgeschäft scheint von der WM nicht sonderlich profitiert zu haben – sicherlich nicht wegen des vermeintlichen schwedischen Boykotts, sondern vielmehr, weil das Problem allerorten angesprochen wurde. Insofern auch ein Erfolg der Proteste.
  • Svenska Dagbladet (seriös) titelt „Sverige helt chanslöst“ („Schweden vollkommen chancenlos“). „Die erste Halbzeit war der reinste Alptraum für die Schweden, die vollkommen ausgespielt wurden. Ohne einen inspirierten Andreas Isaksson hätte der Rückstand doppelt so hoch ausfallen können. (…) ‚Ich kritisiere üblicherweise keine Schiedsrichter, aber dieses Mal bin ich der Meinung, dass er den Spielverlauf beeinflusste. Ich finde, dass Teddys Verwarnungen zu diskutieren sind. Außerdem war Ljungberg genau der gleichen Sache ausgesetzt, als Teddy seine zweite Karte bekam‘, sagte Lagerbäck. (…) Die schwedische WM-Party ist vorbei.
  • Dagens Nyheter (seriös) schreibt „Mardrömmen i München“ („Der Alptraum von München“). Im Artikel dazu steht: „Innerhalb von zwölf Minuten hatte die Heimmannschaft den Traum von einem neuen Bronzesommer [Anm.: hier wendet man das Medaillenschema auch gerne auf Plätze im Allgemeinen an.] zerschlagen. (…) Schwedens Courage erholte sich wenigstens ein bisschen gegen Ende der ersten Halbzeit. (…) Andreas Isaksson zeigte im ganzen Spiel Weltklasse und war Schwedens zweifellos bester Spieler. (…) Einer von wenigen schwedischen Lichtblicken in München.

Also war insgesamt der Schiri ein Arsch – aber das kann man ja immer sagen.

Wie dem auch sei – meine Eltern kommen heute abend, meine Deutschlandflagge hängt am Fenster und ich sage nur

54, 74, 90, 2006, ja, so stimmen wir alle ein. Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein!“