Gelb-rot strahlt

Die Massen sind begeistert

Frohe Kunde aus der Heimat: wie meine Stammzeitung Badisches Tagblatt („Baden’s finest news source“) heute morgen berichtet, wurden die verschlissenen badischen Fahnen auf dem Rastatter Schloss durch brandneue ersetzt. Ein wichtiges Anliegen, das ich mit der aktionistischen Gründung der Facebook-Gruppe „Badische Fahnen auf dem Rastatter Schloss“ unterstützt habe, wurde damit umgesetzt. Das Volk freut sich und tanzt auf den Straßen.

Natürlich war das nicht überraschend: letztendlich stellte es sich eher als ein Irrtum der zuständigen Behörde heraus, dass die Fahnen verschwinden sollten.

Eigentlich könnte ich die Gruppe jetzt schließen, aber das geht anscheinend nur, wenn ich erst alle Mitglieder – mittlerweile 53 an der Zahl – hinauswerfe. Das will ich der treuen Gefolgschaft dann doch nicht antun. Außerdem: auch die aktuellen Fahnen werden irgendwann verschlissen sein.

Fortsetzung in 10 Jahren…

Volkes Stimme

Aufatmen in Rastatt: die badischen Flaggen dürfen weiter auf dem Schloss wehen. Michael Hörrmann, der Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, hat nochmals nachzählen lassen und dabei festgestellt, dass das Schloss wirklich vier Fahnenmasten hat. Das war ihm anscheinend zunächst nicht bekannt gewesen. In dem Fall könne natürlich alles beim alten bleiben, denn nur bei einem einzelnen Mast hätte es ausschließlich die baden-württembergische Fahne sein müssen.

Natürlich könnte ich mir jetzt einbilden, ihm hätten die Knie geschlottert, als er sah, dass mein kleiner Facebook-Aufstand zur Rettung der Flaggenparität auf dem Rastatter Schloss sich auf 32 Mitglieder vergrößert hatte. Das lasse ich aber mal lieber bleiben. Trotz zweimaliger Erwähnung in der Zeitung hat sie heute nämlich 38 Mitglieder, was eigentlich nur eines belegt: Facebook-Protest ist in Deutschland weitgehend sinnlos. An Mails und Anrufen zum Thema hat es in der Redaktion nämlich nicht gemangelt, und mein Beitrag war sogar recht prominent platziert. Vermutlich geben sich selbst bei großen Protestgruppen einfach nur viele Facebook-Nutzer der Illusion hin, es würde irgendeinen Menschen – gar einen Nicht-Facebook-Nutzer – auch nur im geringsten interessieren.

Aufruhr im Ländle (vielleicht)

Wie ich hier vor drei Tagen anmerkte, bin ich nun 5 Jahre in Schweden. Dennoch beobachte ich interessiert und aktiv die Vorgänge in meiner Heimat, mit der ich meine Verbundenheit nie verloren habe. Ich weiß, dass das Folgende fürchterlich kleinkariert erscheinen muss. Vermutlich muss man aus dem Ländle kommen, um so etwas nachvollziehen zu können. Heute morgen las ich nämlich in meiner alten Heimatzeitung Badisches Tagblatt über das Vorhaben einer Landesbehörde, das sicherlich noch für allerlei Wirbel sorgen wird.

In meiner Heimatstadt Rastatt steht ein Schloss, nämlich dieses hier:

Autor: Wikipedia-Benutzer Manecke/Lizenz: CC 3.0

Es wurde dereinst vom Markgraf von Baden erbaut und ist nicht ganz zufällig Versailles sehr stark nachempfunden. Als besonderes Feature hat es vier Flaggenmasten, die bislang mit zwei Ausgaben der baden-württtembergischen Flagge

Flagge Baden-Württembergs

und zwei Ausgaben der Flagge des früheren Landes Baden (und dessen Vorgängern) bestückt wurden.

Flagge des Landes Baden

Nun sind letztere vom vielen Wehen schon ganz zerschlissen und sollen ersetzt werden. Man nimmt hierfür aber nicht etwa neuerlich badische Flaggen, sondern künftig sollen nur noch die baden-württembergischen Flaggen zu sehen sein. Das erzeugt bei mir ein leichtes lokalpatriotisches Unbehagen.

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: ich bin überzeugter Baden-Württemberger und trage heute zufällig sogar ein Shirt des Bundeslandes. Jedoch hat Baden-Württemberg schon aus historischen Gründen stark geprägte Regionalidentitäten. Diesen muss man nicht unbedingt in der Verwaltung etc. Rechnung tragen, aber wenn es um Geschichte und Kultur geht, kann dies durchaus anders sein. Für mich ist nicht ersichtlich, wieso eine Landesbehörde, deren Zweck die Präsentation des Kulturgutes im Ländle ist, hier eine einheitliche Lösung wählt, die die Geschichte des Schlosses und seine derzeitige Nutzung einfach nicht hergeben.

Rastatt hatte eine nicht unerhebliche Rolle in der Revolution 1848/49. Heute befindet sich die „Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte“ im Schloss, was am ehesten eine schwarz-rot-goldene Beflaggung rechtfertigen würde. Dass dort auch der Stammsitz des Hauses Baden-Baden war, spräche für eine badische Beflaggung. Für die baden-württembergische Flagge spricht hingegen lediglich, dass im Schloss auch das Amtsgericht ist. Weder hat das Schloss eine große Rolle in Entstehung und Entwicklung von Baden-Württemberg gespielt noch hat Baden-Württemberg eine besondere Bedeutung für die Geschichte dieses Gebäudes – wenn man einmal davon absieht, dass es heute der Besitzer ist.

Wäre auch ein guter Kandidat gewesen: Flagge der Revolution 1848/49 und heutige Bundesflagge

Wenn es nur einen Flaggenmast gäbe, hätte jeder der drei Kandidaten ein gutes Recht, dort gehisst zu werden. Dass aber bei vier Flaggenmasten gleich alle vier Masten mit der Flagge bestückt werden sollen, die im berechtigten Verdacht steht, den geringsten Anspruch darauf zu haben, ist bedauerlich.

Ich bin jedenfalls gespannt auf die Leserreaktionen in der morgigen Ausgabe. Ich habe das jedenfalls zum Anlass genommen, in sinnlosen Aktionismus zu verfallen und eine Facebook-Gruppe „Badische Fahnen auf dem Rastatter Schloss“ einzurichten.

Grüne Weihnachten

Die mittelbadische Oberrheinebene hat mal wieder ihre Kontinuität bewiesen und vorsorglich nahezu sämtlichen Schnee, der in den letzten Tagen gefallen war, weggeschmolzen. Während also in Stockholm die Weihnacht so weiß ist wie lange nicht, strahlen hier die Felder grün bei tropischen 3°C. Man kann nicht alles haben.

Allen Lesern wünsche ich Frohe Weihnachten!

Gedanken nach längerer Abwesenheit

Stilblüte
Very badisch: eine Stilblüte vom Feinsten

Weil ich einen Freund mit meinem spontanen Erscheinen zu seinem Geburtstag überraschen wollte, habe ich bislang verschwiegen, dass ich mich nach Deutschland begeben habe. Mittlerweile bin ich wieder zurück in Stockholm und bringe frohe Kunde aus D-Land.

    Welcome by Bergmann
    Mäßige Bildqualität, stellt aber ansonsten jede Stilblüte in den Schatten: eine Tanzschule in Baden-Baden heißt allen Ernstes so

  • Der Baden Airpark, a.k.a. „Karlsruhe/Baden“, ist zwar jetzt schöner und größer, aber solange die gesamte Einkaufsmeile nur aus Lastminute-Reisebüros besteht, in denen man sich noch nicht einmal hinsetzen kann, gewinnt ganz klar der Stuttgarter Flughafen. Dort gibt es nämlich einen Sexshop und eine Außenstelle der Arbeitsagentur.
  • Der Flughafen Skavsta wirkt aber noch viel bescheidener. Man hat den Eindruck, die Wände bestehen aus Pressspan, und die Warteschlangen bei der Sicherheitskontrolle sind so lang, dass der Flughafen überlastet zu sein scheint. Arlanda kommt da schon viel weltläufiger daher. Im Flughafenshop in Skavsta gab es auch nicht einmal Elchwurst.
  • Nun aber zu Deutschland: Die Rentner bekommen 1,1% mehr Geld. Sie tanzen auf den Straßen. Ihre Gehstöcke behindern den Verkehr. Ein Bild des Schreckens.
  • Maibaum

    Auch das gehörte dazu: der Maibaum

  • Beim Feuerwehrfest war das Räuberfleisch gewohnt lecker und fettig. Das Bibbeleskäsbrot war auch nicht schlecht 🙂
  • Etwas spektakulärer waren meine Ergebnisse in Sachen Ahnenforschung. Vor einiger Zeit habe ich meine Großtante Irma angerufen, um mehr Details zu meinen Urgroßeltern zu erfahren. Von Ottersdorf gibt es nämlich ein Ortssippenbuch, in dem alle vorhandenen Kirchenbucheinträge und sonstige Dokumente vor 1913 ausgewertet und zusammengefasst wurden. Auf diese Art kann man sich von Person zu Person hangeln und feststellen, wer mit wem verwandt ist. Die Beschränkung auf 1913 ist in erster Linie dem Datenschutz geschuldet. Auf diese Art können Rückschlüsse auf lebende Personen nicht so leicht gezogen werden. Von Ottersdorf gibt es aber auch eine Ortschronik, wo die Gefallenen der beiden Weltkriege verzeichnet sind. Das dürfte zumindest einzelne Fragen erleichtern. Der echte Schatz ist aber definitiv das Ortssippenbuch, denn die Fülle an Informationen ist gigantisch. In aufsteigender Linie konnte ich zum Beispiel herausfinden, dass mein Ururgroßvater Valentin beim Zusammensturz eines Gebäudes ums Leben kam. Die männliche Linie reicht aber noch viel weiter zurück. Der Name Seitz kommt nämlich von Lorenz Seitz, der aus Hügelsheim kam und 1784 in Ottersdorf verstarb. Er war beruflich ein markgräflich badischer Jäger. Was diese Tätigkeit beinhaltete, ist schwer zu sagen, aber ich vermute, dass dies auch polizeiliche Aufgaben beinhaltete. Die meisten anderen Vorafhren von mir waren aber Bauern oder Maurer. Die am weitesten zurück reichende Linie endet bei einem Vorfahr, der 1702 starb. Einige Linien führen auch in die Nachbardörfer Wintersdorf und Plittersdorf. Die Auswertung der Daten ist aufwändig, und es ist natürlich auch fraglich, ob man wieder die Verbindung zu lebenden „Verwandten“ wird machen können – interessant wäre auf alle Fälle, die losen Enden, d.h. Geburtseintrage ohne Sterbeeinträge darauf zu untersuchen, wohin die entsprechende Person gewandert ist. Mein Ururgroßvater war anscheinend vorübergehend in Pforzheim und hat dort wohl auch geheiratet. Jedenfalls fehlen mir bislang alle Daten zu seiner Frau. An einer Stelle ist es mir aber gelungen, eine extrem entfernte Verbindung zu finden. Ein Elsässer, der auch Ahnenforschung betreibt, hat mit mir den besagten Lorenz Seitz als Vorfahren gemeinsam. Wenn ich richtig gerechnet habe, sind wir damit Cousins 6. Grades. Anscheinend war die Familie insgesamt aber ziemlich sesshaft, denn sonst hätte ich kaum einen fast vollständigen Stammbaum erstellen können. Ein tragischer Aspekt kommt mittlerweile aber dazu: meine Großtante Irma, der ich gerne noch meine Ergebnisse mitgeteilt hätte, ist am Freitag verstorben.
  • Walker (Symbolbild) - from sxc.hu

    Walker (Symbolbild)

  • Es ist freilich schwer, davon zu einem anderen Thema überzuleiten. Seit einiger Zeit bearbeite ich den Wikipedia-Artikel zu Klaus-Eckhard Walker, bis vor kurzem noch Oberbürgermeister der Stadt Rastatt und immer wieder in den überregionalen Schlagzeilen zu finden. In der dazugehörigen Diskussiuonsseite bricht immer wieder eine etwas absurde Fehde auf. Ein offenkundig glühender Walker-Verehrer wirft mir vor, ich sei ein Ein-Mann-Komplott, das aus dem Sumpf der Walker-Gegner emporgestiegen ist, um dem Ex-OB Schaden zuzufügen. Dieses Urteil rührt natürlich vor allem daher, dass ich keinen Hehl daraus mache, dass ich nicht zu den Unterstützern zu Walker gehöre. Derartige Reaktionen sind ein Sinnbild dafür, in welcher Weise sich die Stimmung in den Jahren, seit ich in Rastatt noch politisch involviert war, radikalisiert hat. Walker und seine Unterstützer sehen eine Front gegen sich, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich als Don Quichote sieht, der gegen die Windmühlen der Rastatter CDU und der Presse kämpft. Ob das ganze die brutale Wirklichkeit oder eher einer Paranoia zuzuordnen ist, sei dahingestellt – die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Jedenfalls hat Walker nun mit seinen Mitstreitern einen neuen Verein gegründet, der rein zufällig genauso heißt wie sein Slogan zur OB-Wahl. Er ist auch Gründungsvorsitzender – ein Schelm, wer böses dabei denkt. Das alles soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei nicht nur um ein persönliches Anliegen von Walker handelt. In dem polarisierten Wahlkampf letzten Herbst haben ihm immerhin rund 47% der Wähler die Stimme gegeben, und das gegen alle Parteien und eine Bürgerinitiative, die eigens zu seiner Abwahl gegründet wurde. Diese Wähler sind definitiv nicht nur die, die ihn 16 Jahre zuvor ins Amt gehievt hatten – denn die waren auch aus Protest um die Vorgänge im CDU-nahen Lager zu ihm gewandert. Aus welchen Gründen auch immer sie ihn letztes Mal gewählt haben mögen: Ihre Stimme ist mittlerweile wohl weniger bei den etablierten Parteien zuhause, und das dürfte allemal genug sein, um „Für unser Rastatt“ zu einer politischen Kraft zu machen, die den einen oder anderen Stadtrat ins Rathaus bringen wird. Der Demokratie tut das nur gut. Der Lebhaftigkeit der Stadtratssitzungen vermutlich auch.
  • Wenn ich mich schon in lokalen und regionalen Themen ergehe, will ich ein Buch nicht unerwähnt lassen, das ich gerade in Rekordtempo verschlinge. „Wir können alles: Filz, Korruption & Kumpanei im Musterländle“, herausgegeben von Josef-Otto Freudenreich, erzählen vier Journalisten Geschichten, die sich so wohl nur im Südwesten ereignen können. Die ersten Kapitel hinterlassen den Eindruck, das Land werde von einer Clique Schwaben regiert, bei denen die persönlichen Seilschaften mehr zählen als jedes Gesetz. Diese Zusammenfassung ist nicht einmal übertrieben und etwa nicht von meiner badischen Warte aus verfälscht: Badner kommen in der Tat bis zu der Darstellung des berühmten Flowtex-Falls praktisch gar nicht vor. Dafür sind wir in den Kapiteln zu allerlei Wirtschaftsmauscheleien umso stärker vertreten. Zum Abschluss folgen dann noch ein paar Geschichtchen, die das Ganze langsam ausklingen lassen, aber nicht notwendigerweise Eigenheiten des Musterländles beschreiben, denn islamische Terroristen waren auch in Hamburg, nicht nur in Ulm, und dass die Justiz nur allzu leichtfertig zugunsten eines Bundesrichters entschieden hat, kann auch sonstwo in Deutschland passieren. Spannend sind aus meiner Sicht die ganzen Hintergrundgeschichten um hohe Landespolitiker – wer weiß schon, dass der Ministerpräsident in der Vergangenheit mehr als fragwürdige Freunde hatte? Das Ganze illustriert auf eindrucksvolle Weise, wie schlecht es der politischen Kultur in einem Land tut, wenn es permanent von derselben Partei regiert wird. Die politische Moral verfällt, und Machtspiele in der Partei bestimmen letztendlich, wer einen Posten besetzt – sicherheitshalber lässt man sich das alle 5 Jahre nochmals vom Volk bestätigen. Das Schöne an dem Buch ist, dass es aber genau dies nicht sagt, sondern ohne Ansehen der Partei Seilschaften aufdeckt, wo vereinzelt dann auch Sozialdemokraten und Grüne auftauchen. Sicherlich ist das Gros der Dargestellten von der CDU oder der FDP, aber die Autoren wenden ihre spitze Feder nicht gegen die Institution als solche, sondern immer nur gegen die handelnden Personen. Letztendlich zeigt es einfach, wie Macht im Kleinen korrumpiert und das Recht äußerst flexibel macht. Wer sich für den Schmutz interessiert, der sich hinter der biederen Fassade von Bollenhüten, Kuckucksuhren und Maultaschen so abspielt, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.
  • Es wird Zeit, den Bogen zurück nach Schweden zu schlagen. Im ArbogaMordfall ist wieder Bewegung. Vor einer Woche wurde die verdächdigte Deutsche von zwei schwedischen Polizisten abgeholt und nach Schweden gebracht. Dort wurde sie am Samstag erstmals dem Haftrichter vorgeführt. Sie bestreitet, etwas mit der Tat zu tun zu haben, ist aber weiter in Haft. Mittlerweile sind auch weitere Informationen eingetroffen. So habe sie eine Erklärung abgegeben, warum sie an jenem Tag in Arboga gewesen sei. Ihr Anwalt ist der Meinung, die Erklärung sei plausibel. Wie die Erklärung aber lautet, ist anscheinend noch nicht bekannt. Die Analyse einer DNA-Probe von ihren Fingernägeln hat ergeben, dass keine Spuren der Opfer darin sind. Weitere DNA-Analysen von der Kleidung und v.a. dem am Flughafen beschlagnahmten Hammer fehlen aber noch. Man weiß also im Grund genommen nichts, denn die Nägel dürften nach einigen gründlichen Reinigungen sauber sein, und ein guter Anwalt hat gefälligst alles plausibel zu finden, wenn es seinem Klienten nützt.
  • Erster Demonstrationszug

  • Frisch zurückgekommen durfte ich gleich wieder arbeiten – und zum ersten Mal seit letztem Sommer Überstunden machen. Ich wurde nämlich von gleich zwei verschiedenen Demonstrationszügen aufgehalten. Letzten Samstag gab es nämlich drei Demonstrationen in Stockholm für …. Jesus! Ja, die haben tatsächlich für Jesus demonstriert. Es ist bemerkenswert, dass es so etwas im säkularisierten Schweden gibt, insbesondere weil die mitlaufenden Menschenmassen echt beeindruckend war. Allerdings war daran wenig spontan. Die Schilder mit Sprüchen wie „Jesus ist mein Herr, mir wird nichts mangeln“ waren alle im gleichen Schrifttyp. Mir hat es eine halbe Überstunde eingebracht, aber was es sonst gebracht hat, entzieht sich meinem Verständnis.
  • Und gleich nochmal einer

  • Seit gestern ist mein Hintern offiziell geheilt. Hat ja nur 5 Monate gedauert…
  • Und damit kann es endlich mit dem Joggen wieder losgehen. Zwar bin ich nicht mehr fit und habe noch mehr auf den Rippen als zuvor, aber die 10 km, die ich am 20. Mai laufen soll, werde ich schon irgendwie überleben.

Sprachprobleme

Von außerordentlicher Tragik sind natürlich innerdeutsche Verständigungsschwierigkeiten. Dabei gibt es bemerkenswerte Parallelen zu Analphabetismus, wie man bei SWR3 feststellte. Auf einen anstehenden Baden-Aufenthalt sollte man sich daher intensiv mit Maultaschen, Schupfnudeln, Bibbeleskäsbrot und natürlich Straßburger Wurstsalat vorbereiten.

Das schönste Land in Deutschlands Gau’n

Badisches Wappen

Nicht nur, dass ich morgen einmal wieder meine badische Heimat wiedersehen werde. Nein, es sind geradezu glänzende Zeiten für Baden. Der KSC ist aufgestiegen, der SC Freiburg kann es eventuell noch. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig und die Sonne scheint.

Da kommen ein paar Schwaben und faseln etwas von einem „Aufbruch nach vorn“. Heldenhafte Mannheimer haben nämlich dagegen protestiert, dass nach dem Verkauf von Chrysler die Nachfolgegesellschaft nur noch „Daimler AG“ heißen soll. Als Badener kann man das nicht ohne weiteres hinnehmen – im Geiste der internationalen Zusammenarbeiten konnt man den Namen DaimlerChrysler ja noch akzeptieren, obwohl damit der Name Benz – geboren in Karlsruhe und aktiv in Mannheim – damit unter den Tisch fiel. Nun nach dem Auseinanderbrechen der Welt-AG sollte er wieder zurückkehren. Immerhin leben ja noch einige von denen, die den Namen Daimler-Benz als solide Marke kannten, auch wenn der Konzern schon damals ab und zu in Turbulenzen geriet.
Mal im Ernst: „Daimler AG“ ist eine seltsame Wortschöpfung ohne Not – als würde der Verzicht auf Rückkehr zum alten Namen andeuten, die Chrysler-Fusion sei kein Fehlschlag gewesen. Das verleugnen kann man ohnehin nicht. Zudem ist der Konzern eine baden-württembergische Institution, so dass beide Landesteile auch vertreten sein sollten – immerhin sind einige große Produktionsstätten in Baden. Das mag anderswo belustigend wirken, aber das zeugt eher von dem Unverständnis der baden-württembergischen Verhältnisse.
Die Identifikation mit dem Landesteil ist eine wichtige Komponente der badischen wie der württembergischen Seele. Geschadet hat es dem Land nicht, und ganz vergessen wird man es in Baden auch nicht, dass wir 1956 quasi feindlich übernommen wurden. Das macht das Verhältnis und die vermeintliche Unterschiedlichkeit nun einmal gerade so interessant.

Darum sage ich auch „Danke Mannheim!“ – auch ich hatte mich spontan an dem Namen gestört.

Übrigens: rund 88% der SPIEGEL-Leser sehen das auch so.

Gedanken zum Tage

In 9 Stunden geht mein Flieger – Zeit, ein Resümee über 2 Wochen Deutschland abzugeben.

  • Jürgen Klinsmann – so muss es beginnen – ist nicht mehr Bundestrainer. Vorher gehasst, nachher geliebt, hat er einfach seinen Hut genommen und in der Gepäckablage der First Class Richtung Los Angeles verstaut. Recht hat er, sagen viele; schade, sagen alle; war ja sowieso klar, sagen auch ziemlich viele – und bei der letzten Aussage wird einem bewusst, dass 4 Wochen Euphorie den deutschen Grundpessimismus mächtig beschädigen, aber niemals vernichten können.
  • Mein Germany-T-Shirt ist weg. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen.
  • Baden ist nach wie vor schön, aber auch verdammt heiß. In Stockholm sind gerade angenehme 22°C – ein Grund, sich auf den Rückflug zu freuen.
  • Allzuviele andere Gründe gibt es aber nicht. Meine zwei Wochen beim SWR lassen mich wehmütig werden. Und das, obwohl ich die meiste Zeit damit verbrachte habe, irgendwelche Mails umzukopieren.
  • Auf der anderen Seite: wäre ich noch in Karlsruhe, wäre ich nicht minder wehmütig.
  • Nach einem Jahr Schwedisierung sehe ich auch die negativen Nebeneffekte
  • Synchronisierte Filme beispielsweise sind mir ein Graus. Waren sie schon immer, aber dass ich peinlich berührt nach 10 Minuten nicht mehr zuschauen will, ist mir früher nie passiert. Ich überlege, eine Lobbyorganisation dagegen zu gründen. Nicht gegen das Peinlich-Berührt-Sein, sondern gegen das Synchronisieren von Filmen.
  • Das bargeldlose Bezahlen ist in Deutschland in einem bescheidenen Zustand. In zahlreichen Kneipen kann man nach wie vor nicht mit Karte bezahlen. Das Problem ist zwar nicht allzu häufig, aber stellt sich in Schweden auch erst gar nicht.
  • Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Zahl der Leute, die man in 2 Wochen Heimaturlaub treffen kann, mit der Länge des Aufenthalts nicht zwangsläufig zunimmt.

Mein Gefühl sagt mir, dass das Heimweh etwas stärker sein wird in meinem zweiten Jahr in Stockholm. Fast alle, die ich kenne, sind schon in die Heimat zurückgekehrt – und allzuviele Bekanntschaften habe ich in Schweden noch nicht. Aber das kann ja kommen.

Heute wird auf alle Fälle gepackt:

  • Weizenbiergläser (in Schweden kaum erhältlich)
  • Akkuhaarschneider (billiger hier)
  • Deutschlandfahne (muss wieder mit)
  • Maultaschen

Damit sollte die erste Zeit in Stockholm weniger schwer sein.