Die U-Bahn kommt – besser spät als nie

Zwei vorgeschlagene Routen für die neue U-Bahn, grob skizziert (Bild: Openstreetmap, CC-BY-SA 2.0)

Wie der Zufall es will, wurde gestern ein Thema in den Zeitungen groß präsentiert, das ich vorgestern angerissen hatte: Schienenverkehr dahin, wo ich derzeit lebe. Die Frage, ob die U-Bahn überhaupt ausgebaut werden soll, wurde von den regierenden Moderaten lange Zeit mit „Nein“ beantwortet. Man betrachtete das Netz als abgeschlossen, und überhaupt seien Straßenbahnen viel toller. Dann kam heraus, dass der zuständige Minister nebenberuflich auch Lobbyist für Straßenbahnen ist, was ihn dann doch zu der Ansicht veranlasste, dass U-Bahnen auch ganz ok seien.

Nun wird eine Voruntersuchung eingeleitet, damit irgendwann nach 2020 mit dem Bau eines östlichen Zweigs der blauen U-Bahn-Linie begonnen werden kann. Vorher ist kein Geld da, denn die Kosten werden deutlich jenseits einer Milliarde Euro liegen. Die zwei vorgeschlagenen Wege sind in dem Bild oben skizziert. Für Nacka ist das ohne Frage ein Fortschritt, auch wenn er erst sehr spät kommen wird. In dem Bericht ist schon die Rede davon, dass die Brücke nach Stockholm schon jetzt an der Kapazitätsgrenze ist. Es wird also Zeit, etwas zu untenehmen.

Ich finde ja, man hätte die Tvärbana an die Saltsjöbanan ankoppeln können, was irgendwann auch mal gemacht werden soll – aber sei’s drum: U-Bahn ist super.

Lage Gustavsberg im Verhältnis zur vorgeschlagenen Strecke (Bild: Openstreetmap, CC-BY-SA 2.0)

Nur hat die Sache auch Schwächen – neben den horrenden Kosten betrifft es v.a. diejenigen, die hinter der U-Bahn wohnen – also z.B. mich. Denn sollten in Zukunft die Busse in Nacka enden statt in der Stockholmer Innenstadt, dann würden sich die Pendlerzeiten wohl eher verlängern als verkürzen. Statt in 30 Minuten zu einem zentralen Anknüpfungspunkt in der Innenstadt gebracht zu werden würde man nur zwei Drittel des Weges kommen, müsste mit Zeitverlust umsteigen und dann eher langsam mit der U-Bahn Richtung Stadt fahren. Wie die obige Karte zeigt, ist Gustavsberg, der Hauptort Värmdös, viel weiter draußen. Darauf weisen daher auch die Politiker Värmdös in der heutigen Zeitung hin – man sei auf den gut funktionierenden Busverkehr angewiesen und dränge daher auch eher darauf, die Brückenanbindung zu Nacka zu verbessern.

Von optimistischen Planungen, dass der neue U-Bahn-Zweig irgendwann bis Orminge reichen würde, ist man anscheinend abgerückt, bzw. das ist so weit in der Zukunft, dass ich schon Rentner bin, bis das aktuell wird.
Trotzdem erfreulich, dass die Planungen weitergehen. 15 Jahre lang ohne jeden Ausbau oder zumindest konkrete Planung die U-Bahn so zu belassen war ein großer Fehler, und ich hoffe, dass sich da in Zukunft einiges tun wird.

DNS again

Die Weisheit, dass man alles, was man einmal gemacht hat, durchaus auch wieder tut, ist wohl auch eine Wahrheit. Am Samstag fand der Lauf Tömilen statt. Ich war angemeldet, und ich ging einfach nicht hin.

Weil ich keine Mitstreiter hatte.
Weil ich miserabel trainiert bin.
Weil das Wetter mies war.

10 Läufe in einem Jahr sind das absolute Maximum, würde ich sagen. Das sollte ich mir auch für 2010 als Obergrenze setzen.

Immerhin habe ich wieder mit dem Training begonnen – vorgestern Fitnessstudio und Schwimmen in unserem schnuckligen und hochmodernen Gustavsbergsbadet, gestern dann nochmal schwimmen nach der Arbeit.

Sandhamn

Ich wohne im letzten Vorposten östlich von Stockholm: Gustavsberg – ein Dorf eigentlich, aber mit allem ausgestattet, was eine Stadt braucht. Denn danach kommt nicht mehr viel. Je weiter man sich Richtung Meer bewegt, desto kleiner werden die Siedlungen. Am Ende der Straße liegt Stavsnäs. Nicht der östlichstes Punkt Schwedens, nicht einmal der östlichste Punkt der Region Stockholm. Aber östlich davon kommt nicht mehr viel. Dachte ich zumindest, denn Grinda, Finnhamn usw. sind Inseln, auf denen die Häuser verstreut liegen.

Ganz anders Sandhamn, das ich letzten Sonntag besucht habe. Die Insel, die anscheinend eigentlich Sandön heißt, war dereinst der letzte Hafen vor dem Meer und als solcher seit jeher wichtig. Heute ist daraus ein malerisches Dörfchen entstanden, das man auf einer Insel, die gerade mal 2,5 km lang ist, nicht erwartet. Es könnte aus einem Inga-Lindström-Film stammen. Es gibt eine Dorfbäckerei, einen Kiosk, ein Wärdshus (Restaurant mit Selbstbedienung), einen schon etwas heruntergekommenen Laden und vor allem das Hotel, wo man in der Nebensaison Wellness zu angeblich erträglichen Preisen bekommen kann. Hinter dem Dorf beginnt der Wald, und nur das Rauschen des Meeres von der anderen Seite erinnert daran, dass die Insel so klein ist.

Bei den Piraten

Natürlich war ich gestern wählen, auch wenn ich mir bis zuletzt Gedanken machte, was es nun werden sollte. Letztendlich habe ich mich wieder für meine Partei entscheiden, habe aber bewusst nicht die Liste einfach abgesegnet, sondern die Möglichkeit verwendet, einen bestimmten Kandidaten anzukreuzen.
Die Spitzenkandidatin Marita Ulvskog ist eine typische Parteikarrieristin, die als EU-kritisch gilt und im Allgemeinen keinerlei Vorerfahrung in Sachen EU zu haben scheint. Es kommt einem wohl nicht nur so vor, als sei sie der typische Fall vom verdienten Politiker, für den man keine andere Verwendung mehr hat und deswegen nach Europa abschiebt. Ihr wollte ich meine Stimme nicht geben. Auch Anna Hedh, die als einzige in der ganzen sozialdemokratischen Fraktion des EU-Parlaments gegen den Lissabon-Vertrag gestimmt hat, wollte ich beim besten Willen keine Stimme geben – soviel Dummheit sollte nicht belohnt werden.

Während ich das so schreibe, frage ich mich schon wieder ein bisschen, ob andere Parteien nicht besseres Spitzenpersonal gehabt hätten.

Meine Wahl fiel auf Åsa Westlund – jung und in Stockholm wohnhaft, profiliert als EU-Parlamentarierin in Umweltfragen. Das schien mir eine akzeptable Mischung zu sein.

Beim Durchschauen der Ergebnisse konnte ich auch etwas lernen über meinen Wohnort. Gustavsberg, wo ich jetzt lebe, gehört zu Värmdö, eine Kommune, die schon recht ländlich ist und im Sommer vor allem von zahlreichen Ferienhausbesitzern bevölkert wird. Es ist also auch allerlei Wohlstand versammelt – Gustavsberg hat die niedrigste Arbeitslosigkeit im ganzen Land.

Dementsprechend wurden die Moderaterna auch mit Abstand stärkste Partei, während die Sozialdemokraten gerade einmal auf Platz 3 kamen. Dass ich in einem der sozial schwächsten Teile der Kommune wohne, wurde mir nun durch die Ergebnisse illustriert: hier kommen die Parteien der aktuellen Mitte-Rechts-Regierung zusammen auf gerade einmal 22,4%, wobei das Zentrum fast schon eine Splitterpartei ist. Die Sozialdemokraten hingegen landeten bei 25,9%, die Grünen bei 16,8% und die Linken bei 13%. Spannend ist aber auch, dass hier auch eine Hochburg der Piratenpartei ist: 11,9% hat die Partei hier erhalten, und damit über 4 Prozentpunkte mehr als in jedem anderen Wahlbezirk der Kommune. Ich befinde mich also in einer interessanten Gesellschaft hier.

Die Piratenpartei macht auch landesweit Schlagzeilen, denn nach dem vorläufigen Endergebnis hat sie einen Sitz im Europaparlament errungen. Spannend ist hier die Wählerverteilung.

Laut eigener Statistik hat die Partei am meisten Mitglieder pro Wähler in der Kommune Hylte. Dort sind angeblich 3,5% der Wähler Parteimitglieder. Das Wahlergebnis spricht aber eine andere Sprache: 4,9% haben Piratenpartei gewählt, und damit liegt Hylte auf dem letzten Platz im Hallands Län und zudem weit unter dem Landesschnitt von 7,1%. Die zweitgrößte Mitgliederdichte hat die Partei in Salem, einer Kommune im Süden der Region Stockholm, mit 1,9%. Hier schneidet die Partei überdurchschnittlich ab, aber liegt immer noch hinter anderen ähnlich ländlichen Kommunen. Für mich ist es ein Indiz dafür, dass meine Vermutung richtig ist, was die Mitgliederbasis der Partei angeht. Die Mitgliedschaft kostet nämlich nichts und kann schnell über die Homepage abgeschlossen werden. Auf diese Art hat die Partei nach dem Medienecho um den Pirate-Bay-Prozess gewaltigen Zulauf erhalten und ist nun zumindest auf dem Papier drittstärkste Partei des Landes. Ich gehe davon aus, dass diese Parteimitglieder eben auch nur auf dem Papier existieren. Diese Leute dürften größtenteils nicht daran interessiert sein, sich in der Partei einzubringen. Dass jenseits des Themas Filesharing irgendein gemeinsamer Nenner existiert, halte ich ebenso für unwahrscheinlich. So ist die Mitgliederbasis genau so zustandegekommen, wie sonst sinnlose Onlinepetitionen entstehen – Flagge zeigen ja, aber bitte ohne Engagement oder Kosten.
So lebte der Wahlerfolg von der guten Organisation der Partei und der hohen Medienpräsenz. Es wird sich noch zeigen, wie weit solch eine Basis tragen kann.

PS: Einige interessante Beiträge zu den Europawahlen hat Thomas auf Fiket veröffentlicht.

Mit dem Fahrrad in die Stadt

Der Umzug nach Värmdö brachte unweigerlich einen viel längeren Arbeitsweg mit sich. Letzten Herbst bin ich ja täglich mit dem Fahrrad gefahren, was der Kondition außerordentlich gut tat.

Nun ist das nicht mehr so leicht – aber nicht unmöglich. Gestern habe ich es ausprobiert: 56 km an einem Tag.

Auf Värmdö zu ist die Landschaft sehr malerisch, aber ab Nacka wird es zunehmend städtischer. Die Ausschilderung ist größtenteils richtig gut, und nur an wenigen Stellen gibt es keine angezeichneten Fahrradwege. Alleine die Wegweiser sind oft etwas furchteinflößend, wenn es da heißt, dass man noch 20 km vor sich hat.

Vom Kalorienverbrauch her ist das ganze natürlich nicht unerheblich – da geht praktisch ein ganzer Tagesbedarf drauf. Ein prima Training also, aber leider auch sehr langwierig: für jede Strecke brauchte ich gut 100 Minuten.

Sicherlich nichts für jeden Tag, aber jetzt im Sommer sicherlich nicht uninteressant.

Gustavsberg

Das Leben ordnet sich langsam. Knapp 6 Wochen nach dem Umzug sind alle Möbel beschafft, und auch die letzten Kisten leeren sich. Heute war auch einmal ein bisschen Zeit, zu Fuß die Teile des Orts zu sehen, die ich bislang nur im Bus an mir vorbeiziehen sah.
Hier einige Bilder vom Hafen und der ansässigen Porzellanfabrik. Für diese ist Gustavsberg nämlich bekannt, da praktisch jede Toilettenschüssel im Lande von dort stammt. Man werfe also beim nächsten Stuhlgang einen Blick auf das gute Stück, ob nicht der Anker mit dem Schriftzug „Gustavsberg“ darauf zu finden ist – und denke bei Bedarf an mich.

Umgezogen

Ein kurzer Abriss der letzte 8 Tage:

Dienstag, 2. Dezember: Rückkehr aus Berlin. Das Flugzeug von Ryanair war bemerkenswert leer, was sehr erfreulich war. Nach Ankunft sind wir sofort nach Gustavsberg gefahren, um die Schlüssel abzuholen. Die Wohnung ist echt gut, aber wir haben noch einige Anmerkungen zum Besichtigungsprotokoll. Unser Keller ist nicht leergeräumt, die Namensschilder fehlen und ein Hakenkreuz ist im Treppenhaus in die Wand geritzt. Wir ziehen noch Abend einige kleinere Möbelstücke um.
Mittwoch, 3. Dezember Ich fahre zur Hausverwaltung und trage unsere Anliegen vor.
Donnerstag, 4. Dezember Wie der Berlintrip lange vorgeplant, erhalte ich im Vorhinein mein Geburtstagsgeschenk: das Elton-John-Konzert im Globen. Zunächst waren wir sehr abgelenkt wegen der Wohnung und dem eigentlich viel wichtigeren Umzug, aber der Mann ist ein großer Entertainer, und der Abend war prima.
Freitag, 5. Dezember Nach einigen Schwierigkeiten mit der Anhängerkupplung kann ich nun doch einen Anhänger mieten. Die Kupplung ist abnehmbar, und vor nicht allzu langer Zeit wusste ich nichtmal, dass das Auto überhaupt eine hat. Sie war wegen der jahrelangen Nichtbenutzung so schwergängig, dass ich zunächst dachte, sie wäre abgeschlossen. Der Schlüssel tauchte nach etwas Suche bei meinen Eltern auf. Er kam rechtzeitig mit der Post, und nach einer Menge Salatöl und richtig Öl lief alles wie geschmiert. Stefan half uns am Freitag mit dem Umräumen, so dass am Samstagmorgen vorwiegend die großen schweren Sachen übrig waren.
Samstag, 6. Dezember Wir hatten glücklicherweise viele Umzugshelfer, obwohl es ja sehr kurzfristig organisieren mussten. Am Nachmittag war alles in der neuen Wohnung. Vielen Dank an die ganzen Umzugshelfer!
Sonntag, 7. Dezember Es hat sich herausgestellt dass der Küchentisch zu groß ist. Wir fahren zu IKEA und verbringen letztendlich fast den ganzen Tag dort. Derweil ist die Wohnung natürlich noch ein Riesendurcheinander.
Montag, 8. Dezember Selten war mir ein Geburtstag so egal wie dieser, denn die ganzen anstehenden Arbeiten lassen ihn vollkommen in den Hintergrund treten. Vielen Dank für die ganzen Geburtstagsanrufe und -mails! Tagsüber bin ich bei einem Experiment an der Uni, aber ich verabschiede mich früh. Ich quäle mich den ganzen Abend mit einer Dose für einen Netzwerkanschluss. An mir ist wirklich kein Elektriker verloren gegangen, und dieser Verkabelung ist so nervig, dass ich verstehe, wieso WLAN erfunden worden ist. Erst am Dienstagabend gelingt es mir (mit einer anderen Dose), einen einigermaßen stabilen Anschluss zu fabrizieren.
Dienstag, 9. Dezember Die Wohnzimmervorhänge passen farblich nicht. Immerhin ist die Wohnung langsam einigermaßen aufgeräumt, auch wenn es noch massiv an Regalen, Vorhängen und der Installation des Küchentischs mangelt. Ich werde am Donnerstag wohl noch einmal zu IKEA aufbrechen müssen, um Regale zu besorgen.

Heute kommt nun der erste Besuch. Mittlerweile bin ich guter Dinge, dass bis nächste Woche so etwas wie ein Normalzustand eintreten wird.

Berlin

Der letzte Post ist kein Versehen. Wir waren tatsächlich auf dem schwedischen Weihnachtsmarkt in Berlin am Wochenende, wo ein kleiner Luciazug natürlich nicht fehlen durfte. Es ist natürlich etwas absurd, zu so einer Veranstaltung zu gehen, wenn man selbst seit 3 Jahren in Schweden lebt. Auf der anderen Seite ist es dort schwedischer als hier, denn dort gibt es nichts, was nicht schwedisch wäre (wenn man mal von der norwegischen Ecke absieht).

Ansonsten war das Wochenende in erster Linie eine Möglichkeit, Freunde zu treffen. Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, noch etwas Tourist zu sein. Das sieht man an den obigen Fotos. Eine Beschriftung habe ich mir gespart, da die meisten Bilder ohnehin selbsterklärend sind.

Seit gestern sind wir nun fleißig am umziehen. Die Wohnung hier ist schon merklich leerer, aber erst am Samstag wird der ganze Akt vollzogen sein.

Vertrag unterzeichnet

Vielen Dank für die Glückwünsche zur ersten eigenen schwedischen Mietwohnung!

Mittlerweile ist der Vertrag unterzeichnet. Die Freude ist groß, denn die Wohnung ist wohl nicht schlecht (habe sie selbst noch nicht gesehen).

Einem Durchschnittsdeutschen mag es als grotesk erscheinen, dass jemand den Erhalt einer Mietwohnung, die er nicht einmal selbst gesehen hat, derart zelebriert.
Wenn man aber eine Weile in Stockholm gelebt hat, wird man das gut verstehen können. Wie ich in meinem Auswandererguide umfänglich beschreibe, soll das hiesige Wohnungssystem für mehr Gerechtigkeit sorgen. Daher werden Mietwohnungen zumeist per Warteschlange (Bostadskö) abgegeben. Wer am längsten wartet, kriegt die Wohnung. Das soll dafür sorgen, dass nicht immer der reichere zum Zuge kommt.
In der Realität begünstigt dies aber diejenigen, die vertragswidrig die Wohnung untervermieten, so dass diese Objekte auf dem Schwarzmarkt durchgereicht werden, anstatt den in der Warteschlange stehenden angeboten zu werden. Dazu verzerren die künstlich niedrige Mieten den Markt bei den Wartezeiten, die man haben muss, um eine Wohnung zu erhalten.

Derzeit ist es sehr schwer, eine Wohnung mit unseren Voraussetzungen zu erhalten. Man kann annehmen, dass die Finanzkrise und die damit einhergehenden härteren Kreditbedingungen den Zulauf zum Mietmarkt noch verstärken werden. Diese Leute haben oft viele Jahre passiv in der Warteschlange gestanden und nun genügend Wartezeit angehäuft, um freie Wahl zu haben.
Wir haben jedoch gerade einmal 2 Jahre Wartezeit, in vielen Warteschlangen sogar noch deutlich weniger. Das reicht derzeit gerade einmal für Listenplätze ab 40 aufwärts – aussichtslos.
Wir hatten uns schon frühzeitig darauf verlegt, nur noch in den Warteschlangen der umliegenden Kommunen zu suchen, denn jede Wohnung, die wir bei der Stockholmer Bostadskö kriegen würden, wäre die Wartezeit nicht wert, die wir dafür hergeben müssten.

In unserem Fall spielte das Glück eine erhebliche Rolle. Ich stand seit knapp 2 Jahren in Värmdö in der Warteschlange. Värmdö ist ein gutes Stück außerhalb, wunderschön auf den Schären gelegen. Drei Faktoren dürften Värmdö aber weniger attraktiv machen für die Wohnungssuchenden:

  1. Es gibt zwar eine Autobahn direkt nach Stockholm, aber der Nahverkehr hat die Schwäche, dass es keinerlei Schienenverkehr in die Kommune gibt. Man ist zwar normalerweise in 30 Minuten in der Stadt, aber wenn einmal Wetter oder Verkehrsverhältnisse nicht mitspielen, steckt man fest. Weiter entfernte Teile der Kommune sind zwar landschaftlich ein Traum und in vielen Fällen geradezu ein Schwedenklischee, aber die Fahrtzeiten in die Stadt steigen enorm an.
  2. Die Bostadskö kostet Geld, was nur in wenigen Kommunen des Län der Fall ist.
  3. Die Einkommenssteuern in Schweden sind vom Wohnort abhängig. Man zahlt in Stockholm rund 30%, in Värmdö sind es aber 33%, und das ist für Groß-Stockholm vergleichsweise viel.

Inwieweit dies alles eine Rolle spielt, kann ich nicht beurteilen. Ich erhielt jedoch eine Einladung zur Wohnungsbesichtigung, die meine Freundin wahrnahm. Anscheinend waren nur 4 Leute dazu erschienen, und so reduzierte sich das Feld potenzieller Mieter erheblich. Zwar ist ein Erscheinen keine Pflicht, aber in vielen Fällen wirkt sich dies positiv aus.
Ich war freilich auf Platz 4. Wir gingen daher nicht davon aus, zum Zuge kommen zu können. Drei Wochen später war die Wohnung immer noch nicht vermittelt. Auf Nachfrage teilte man mir vor knapp 2 Wochen mit, ich sei nun auf Platz 3.

Dann letzte Woche der Anruf: was ich denn beruflich machen würde, denn meine Einkommenssteuererklärung von letztem Jahr würde ja nicht viel aufweisen. Ich solle möglichst schnell Unterlagen einschicken, denn die Wohnung wäre schon zum 1. Dezember zu beziehen. Genau dies war wohl auch der Grund, wieso die beiden, die in der Liste vor mir standen, abgesagt hatten: das war denen zu kurzfristig.
Uns natürlich auch, denn das heißt, doppelt Miete zu bezahlen und zu einer Zeit umzuziehen, in der wir nicht an Langeweile leiden. Heute geht es für ein Wochenende nach Berlin, und ab 10. Dezember haben wir fast durchgehend Gäste bis Ende des Monats.
Aber es gab keine Alternativen, und wir wären dumm gewesen, nein zu sagen. Schon alleine die Tatsache, dass wir auf Platz 1 vorgerückt waren, ist ein kleines Wunder, und da durfte das keine Rolle spielen.

So ziehen wir nächste Woche mit viel Stress um – es verspricht ein erlebnisreicher Dezember zu werden.