Verhandlung um Arboga-Mord

Ich habe mich bewusst in der letzten etwas zurückgehalten, was die spektakulären Mordfälle dieses Frühjahrs angeht. Beide sind mittlerweile vor Gericht.

Im Falle von Anders E., der die 10-jährige Engla Höglund ermordet hat, geht es beim Verfahren eigentlich nur noch darum, festzulegen, ob der Mann psychisch krank oder voll schuldfähig ist. Je nachdem landet er dann für den Rest seines Lebens auf der geschlossenen Psychiatrie oder eben zeitweise im Gefängnis. Die Schuldfrage an sich ist geklärt dank umfangreicher Beweise und einem Geständnis des Angeklagten.

Momentan bewegt aber der Doppelmord an zwei kleinen Kindern in Arboga. Deren Mutter überlebte schwer verletzt. Die 31-jährige Angeklagte Christine S., eine deutsche Studentin, soll die Tat begangen haben, da sie dem Lebensgefährten der Mutter nachstellte.

In den schwedischen Medien ist sie natürlich nur „die Deutsche“, was man für sich genommen schon als fragwürdig ansehen kann. Bislang hat es aber keine negativen Nebeneffekte, soweit ich das sehe. Es ist auch ein gutes Pseudonym, denn verschiedene Medien können es wieder einmal nicht lassen, den kompletten Namen der Angeklagten zu veröffentlichen.

Mit Spannung erwartet worden war die Aussage der überlebenden Mutter, die gleichzeitig auch eine Art Kronzeugin ist. Diese berichtet davon, dass sie die Tür geöffnet habe und sich eine Frau auf Englisch vorgestellt habe. Sie erinnerte sich an zahlreiche Details des Tages, aber es ist sehr umstritten, ob diese vermeintlich gute Erinnerung auch etwas über die Erinnerungen an die Tat aussagt. Mittlerweile wurde auch bekannt, dass die Frau nicht komplett von dem medialen Umfeld abgeschottet war, so dass es gut möglich ist, dass sie die Meldungen über die Verhaftung von Christine S. gelesen hat und sich nun einbildet, sie habe die Angeklagte wirklich gesehen.

Gestern hat nun ihr Lebensgefährte ausgesagt, und er berichtete davon, dass er mit Christine S. im Urlaub auf Kreta im Sommer 2006 eine 4- bis 5-tägige Affäre gehabt habe. Im Herbst 2006 habe Christine S. ihn besucht, und er habe schauen wollen, ob die Beziehung es wert wäre, sie weiterzuführen. Aber die Leidenschaft sei verschwunden gewesen, und er machte letztendlich per SMS Schluss. Daraufhin habe Christine S. ihn persönlich treffen wollen, um einen Abschluss zu finden. Er hielt das aber für keine gute Idee. Im Frühjahr darauf tauchte sie dennoch wieder auf. Als sie ihren Geldbeutel verloren und das Mietauto kein Benzin mehr hatte, kontaktierte sie ihn erneut. Erstaunlich ist, dass die Nachrichtenagentur an dieser Stelle sogar von einem Selbstmordversuch berichtet. In der DN wirkt das weit weniger spektakulär. Das Auto sei schmutzig gewesen, und er habe ihr geholfen, wieder zum Flughafen zu kommen.
In er Folgezeit wurden ihre Kontaktversuche immer verzweifelter – sie habe sogar behauptet, sie hätte einen Sohn von ihm, den sie aber adoptieren habe lassen.

Die ganze Geschichte passt natürlich nur allzu gut: eine geistig labile Frau mit Stalking-Tendenzen, die am gleichen Tag zufällig in der gleichen Stadt gewesen sein soll. Dazu reiste die Frau kurz nach der Tat plötzlich nach Deutschland. Man kann sich gut vorstellen, dass sie es getan hat.

Allerdings fehlen jegliche Beweise. Keine Fingerabdrücke, keine DNA – ein bei der Angeklagten im Reisegepäck gefundener Hammer, der gut die Tatwaffe hätte sein können, enthielt keine nachweisbaren DNA-Spuren. Selbst Katzenhaarspuren auf der Kleidung der Angeklagten wurden analysiert, und es stellte sich heraus, dass es nicht die Haare der Katze des Opfers waren. Mit Ausnahme der Aussage der Mutter, die auch nicht wasserfest ist, gibt es nur eine Reihe Indizien, die lediglich belegen, dass die Frau dort gewesen sein könnte. Mehr aber auch nicht.

Die Beobachter sind sich uneins, aber es spricht vieles dafür, dass es aus Mangel an Beweisen zu einem Freispruch kommen wird. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie es nicht war.

Man kann annehmen, dass die Polizei weiter ermitteln wird. Mord verjährt in Schweden nach 25 Jahren, und es können durchaus noch handfeste Beweise auftauchen.

Wenn das nicht passiert, kann der Mord auch unaufgeklärt bleiben, denn es ist wohl auch nicht damit zu rechnen, dass die Angeklagte gestehen wird, wenn sie nächste Woche aussagt.

Streik vorbei

  • Gestern abend um 22 Uhr hatte es sich ausgestreikt: ein neuer Tarifvertrag ist unterzeichnet. Der Inhalt: es blieb bei den 10,4 % Lohnerhöhung in den nächsten drei Jahren, aber dafür wurden die anderen Forderungen weitgehend erfüllt. So ist die Rahmenzeit nun nur noch bei 13 Stunden, sofern die darin gefahrenen Linien kürzer als 50 km sind. Die Forderungen nach mindestens 11 Stunden Ruhezeit wurde jedoch ohne Einschränkungen umgesetzt.
  • So rollt der Verkehr ab heute wieder, und ich darf ab 14:41 Uhr die Linien 77, 62 und 4 fahren. Seltsamerweise habe ich heute und morgen zum ersten Mal den außergewöhnlichen Fall, zwei identische Dienste in Folge zu haben – d.h., morgen geht es ebenfalls um 14:41 Uhr los und ich darf dasselbe Programm abspulen.
  • Mein gestriger Eintrag über das Unglück in Kista muss es wohl in die automatische Verlinkung bei Dagens Nyheter oder Svenska Dagbladet geschafft haben. Jedenfalls hatte ich gestern 6mal so viele Zugriffe wie sonst und auch zwei recht verwirrende Kommentare auf Schwedisch.

Streikgeld (Busfahrerstreik Tag 12)

Mein Zettel, der zusammenstellt, welchen Lohnausfall ich bis einschließlich morgen habe.

Es ist bestes Streikwetter – die Sonne scheint, es ist herrlich warm, und so kann ich mit dem Fahrrad zur Streikwache fahren. Dort ist wenig los – vielleicht ein Zeichen der allgemeinen Stimmung.

In der Tat hört man nicht mehr viel von dem Streik, und wenn, dann kaum etwas positives. Am Rande der Almedalsveckan, einer Woche mit Reden von Spitzenpolitikern, die jedes Jahr auf Gotland stattfindet, vernahm zumindest DN schwache Unterstützung für die Streikenden.
Dort sagte sogar Per Bardh, ein Vertreter von LO, dem schwedischen Äquivalent zum DGB, dass man notfalls als Mittler einsteigen müsste, falls sich der Konflikt zu lange ziehe. Wenn das eine übergeordnete Gerwekschaft sagt, dann könnte man das auch so interpretieren, dass die eigene Seite sich etwas unvernünftig verhält und man ggf. auf die eigenen Leute einwirken müsste, um die Verhandlungen wieder in Gang zu setzen.
Eine weitere interessante Aussage machte Jan-Peter Duker, ein Vertreter der schwedischen Wirtschaft. Er argumentierte so, dass die ganze Problematik eher daher rühre, dass die kommunalen Busgesellschaften schon einen Tarifvertrag abgeschlossen hätten. Das sei die falsche Reihenfolg, so dass nun die kommunalen Busgesellschaften Ziel des Unmuts seien. Unterschiede in den Tarifabschlüssen seien daher zu meiden.

Ansonsten war nicht viel zu hören – die ganzen Spitzenpolitiker in Almedalen hielten sich bei dem Thema zurück.

Der Wohnwagen mit einem Banner „Der Kampf: Runde 2“ und Blumen von den Syndikalisten

Die Busfahrer vor Ort erhalten dafür Unterstützung von Organisationen, bei denen man sich fragt, ob man von ihnen überhaupt unterstützt werden will. So hinterließen die Syndikalisten als auch die stark links angesiedelte „Gerechtigkeitspartei die Sozialisten“ (Rättvisepartiert Socialisterna) Blumen und Solidaritätsbekundungen.

Ich beschäftige mcih derweil mit praktischeren Dingen und habe meinen Zettel ausgefüllt, der auflisten soll, welche Lohnverluste mir entstanden sind. Wie genau meine Aufstellung ist, weiß ich nicht, weil es allerlei spezielle Regelungen gibt. Angeblich sollen wir das Streikgeld pünktlich zum üblichen Zahltag, dem 25.7. erhalten.

Peinlich, Dagens Nyheter

Die Zeitung Dagens Nyheter ist ja eigentlich schon eine Institution, aber heute morgen haben sie einen ordentlichen Bock geschossen. Schon lange vor Redaktionsschluss am gestrigen Abend wurde international bekannt, dass das Foto, welches heute auf Seite 2 der DN erschien, eine Fälschung ist. Bei genauem Hinsehen wäre es sogar aufgefallen.

Ungeheuerlich

Metro 14. April 2008

Metro heute: Titelseite noch einigermaßen korrekt (Quelle: Metro)

Immer wieder liest man im BILDblog unter der Rubrik „Heute anonym“, welche Anonymisierungen die BILD-Zeitungen nun wieder unterlassen hat.

Das alles ist aber noch bescheiden, wenn man es in Vergleich zu schwedischen Medien setzt. Hier scheint die Nennung von Namen und der Abdruck von Bildern nach dem Gutdünken der Journalisten durchgeführt zu werden.

Kurz die Geschichte: Am 5. April verschwand die zehnjährige Engla Höglund aus dem in der Nähe von Falun gelegenen Stjärnsund spurlos. Umgehend wurde eine Suche gestartet, und ihr Bild überall publiziert. Schon am 7. April konnte ein 42-jähriger Mann festgenommen werden, der nun am vergangenen Wochenende gestand, das Mädchen umgebracht zu haben. Weiterhin gab er einen Mord an einer 31-jährigen Frau zu, den er vor acht Jahren begangen hatte.

Stockholm City 14. April 2008

Stockholm City heute morgen (Quelle: Stockholm City)

In Schweden sind solche Geschichten immer Nachrichten von nationaler Bedeutung, und in dem Fall kann man es den schwedischen Medien auch nicht verdenken, denn bei dieser Tragik und den Suchbemühungen der Bevölkerung besteht auch ein öffentliches Interesse. Eine ähnliche Tat wäre auch in Deutschland auf den Titelblättern präsent, wenn auch meist nicht als Hauptschlagzeile.

Metro 14. April 2008

Metro heute – auf Seite 2 riesiges Foto des Tatverdächtigen (Quelle: Metro, Bildverfremdung von mir)

An der Art und Weise, wie die Informationen präsentiert werden, sieht man aber umso deutlicher, wo in Schweden die Grenze des Qualitätsjournalismus verläuft:

  • Dagens Nyheter, nicht zu Unrecht sozusagen die schwedische FAZ, hat ein großes Foto von einer Kirche in Stjärnsund, wo sich die trauernden Dorfbewohner versammelten. Klein daneben stehen die Fotos der beiden Ermordeten. Auf den Seiten 6 und 7 sind Hintergrundberichte. Der Tatverdächtige wird hier praktisch durchgehend „der 42-jährige“ genannt. Nicht einmal sein Vorname erscheint. Das einzige Foto ist vollkommen unkenntlich.
  • Das Svenska Dagbladet liegt mir nur in der Online-Version vor. Hier verzichtet man gleichsam auf die Namensnennung und benutzt das gleiche unkenntliche Foto.
  • Auch die Göteborgs-Posten, nach eigenen Angaben Schwedens größte Lokalzeitung, verzichtet auf die Namensnennung.
  • Unter den sonstigen Zeitungen ist nur City noch lobend zu erwähnen, die ja gerade als U-Bahn-Zeitung eher eine Neigung zum Boulevard hat. Auch dort: keine Namensnennung, kein erkennbares Foto.
  • In die Niederungen der Presselandschaft kommt man aber früher, als ich erwartet hatte. Die durchaus nicht unseriöse Sydsvenskan (Südschwedische) schreibt:

    Aber ganz in der Nähe von Torsåker, wo der Mann, der sie ermordet hat, wohnt. Er heißt Anders E. (Anm.: Nachname von mir entfernt). Ganz Schweden weiß, dass er 42 Jahre alt ist. Er fährt Lastwagen. Und einen roten Saab. Letzten Samstag tötete er die 10-jährige Engla Juncos Höglund aus Stjärnsund.

    Der Verfasser nennt nicht nur den Namen vollständig. Er kokettiert sogar mit der plakativen Preisgabe von Informationen wie dem exakten Wohnort des mutmaßlichen Mörders und dem Zweitnamen des Mädchens. In einem Stakkato-Stil werden sie dem Leser entgegengehämmert. Ob es sich um relevante Informationen handelt, scheint keine Rolle zu spielen.

  • Auch The Local meint, den vollen Namen des Täters abdrucken zu müssen. Fraglich ist hier auch die Rolle der schwedischen Nachrichtenagentur TT. Ob sie den Namen bekanntgegeben hat, geht leider nicht klar hervor. Wenn dem nicht so ist, dann ist es umso bedenklicher, dass der Redakteur von The Local ihn sogar noch nachträglich eingefügt hat.
  • Noch weiter gehen andere Blätter. Das Aftonbladet, Schwedens größte Tageszeitung, zeigt ein Privatfoto des Mannes,hat schon in dessen Privatleben herumgewühlt und die übliche Portion schockierter Arbeitskollegen, Freunde und Bekannter hinzugefügt. Die größte Frechheit ist ein Foto des Bruders des Tatverdächtigen. Schon an der Qualität kann man erkennen, dass es nicht autorisiert war und älter sein muss.
  • Expressen zeigt den Mann auch beim Einkaufen.
  • Auch nicht rühmlich tut sich Metro hervor, wo ein Foto des Verdächtigen, das aus der Führerscheinkartei stammen könnte, präsentiert wird – und zwar riesenhaft vergrößert. Der Bruder wird ebenso abgebildet. Dort wird angemerkt, das Foto sei 1995 entstanden.

Stockholm City 14. April 2008

Bericht in Stockholm City: anonym und korrekt (Quelle: Stockholm City)

Dass diese Recherchemethoden unseriös sind, hat offenbar nicht viele Redakteure davon abgehalten, ihre Ergebnisse ungefiltert zu veröffentlichen. Dass die Angaben aus dunklen Kanälen stammen, kann man nämlich auch daran erkennen, dass der Name des Tatverdächtigen in zwei verschiedenen Schreibweisen vorkommt.

Wer nun meint, da sei nichts dabei, sollte seine Hausaufgaben in Sachen Rechtsstaat nachholen.

Die Berufsethik des Journalisten gebietet, die Privatsphäre von Personen zu schützen. Schweden wie Deutschland sind Rechtsstaaten, in denen der Grundsatz gilt, dass die Unschuld eines Menschen solange angenommen wird, bis er von einem Gericht verurteilt wurde. Auch wenn nun ein Geständnis vorliegt und der mutmaßliche Täter den Platz zeigen konnte, an dem die Leiche verscharrt ist, ist es dennoch falsch, dessen Namen und Foto ohne Anonymisierung zu veröffentlichen. Die Privatsphäre des Mannes ist auch in diesem Falle zu achten, denn eine Rückkehr in die Gesellschaft ist ihm in dem Fall für immer versperrt, selbst wenn er die kommenden Jahrzehnte in einem Gefängnis verbringen wird. Eine Aussicht auf ein Leben in Freiheit, das auch den Schutz vor der übrigen Bevölkerung beinhaltet, muss aber immer bestehen, da sonst der Zweck des Strafvollzugs in Frage gestellt wird.
Zwar ist die Lage in diesem Fall relativ klar, aber man sollte auch bedenken, dass eine Anklage nicht mit einem Urteil gleichzusetzen ist. Bei einem Freispruch ist der Betroffene stigmatisiert oder sogar akut gefährdet, wenn die Fotos in der Welt sind – es handelt es sich im Grunde um einen Rufmord.
Zudem bedient die Veröffentlichung lediglich die Neugier der Öffentlichkeit, nicht deren allgemeinen Interessen. Es ist nicht relevant, wie der Mann aussieht noch wie er heißt. Dass er gefasst wurde, ist die zentrale Information. Ein Foto tut dann nichts mehr zur Sache.

Metro 14. April 2008

Auch der Bruder (unkenntlich gemacht) wird abgebildet. Lediglich ein mutmaßliches Opfer, dessen Mörder noch nicht gefunden ist und der jetzige Tatverdächtige, wurde anonymisiert. (Quelle: Metro, Unkenntlichmachung von mir)

Das Vorgehen auf Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland zu schieben, würde zu kurz greifen, denn wie sonst ist es zu erklären, dass bestimmte Blätter die Veröffentlichung von die Privatsphäre verletzenden Fotos und Informationen konsequent vermeiden, während andere damit sogar ihr Web-TV bestücken? Es ist eher die offenkundige Bereitschaft, auf jegliche ethische Leitlinien zu verzichten.

Die Regeln für Journalisten ähneln sich nämlich in beiden Ländern.

Im Pressekodex, der vom Deutschen Presserat festgelegt wird, heißt es:

Ziffer 8 – Persönlichkeitsrechte
Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten öffentliche Interessen, so kann es im Einzelfall in der Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob durch eine Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter verletzt werden. Die Presse achtet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

In den Regeln des schwedischen Journalistenverbandes klingt das nicht viel anders:

7. Wäge Publikationen genau ab, die die Heiligkeit des Privatlebens kränken können. Verzichte auf solche Publikationen, wenn kein offenkundiges Allgemeininteresse die öffentliche Aufklärung erfordert.

Beide Regelungen gehen nicht ins Detail, aber geben Leitlinien vor.

So müssen sich die Redakteure vom Aftonbladet die Frage gefallen lassen, welches offenkundige Interesse denn darin besteht, an welchem Tisch der Tatverdächtige in einem lokalen Restaurant nach der Tat saß. Erst recht würde mich die Erklärung dafür interessieren, dass man den Bruder des Verdächtigen anscheinend ohne Genehmigung abbildet. Hätte er der Veröffentlichung eines Fotos zugestimmt, wäre dies nicht schon über 10 Jahre alt. Handelt es sich dabei nicht um eine „Kränkung“ der Privatsphäre? Kann dieser Mann etwas dafür, dass sein Bruder zwei Menschenleben auf dem Gewissen haben soll?

Shame on you! Von BILD erwartet man so etwas, aber dass solche Methoden in schwedischen Medien reihenweise zur Anwendung kommen, ist ein Armutszeugnis.

Nachtrag 15. April 2008: Ich habe mich in einigen Details getäuscht. Das Foto des Bruders war offenbar ein Foto des Täters. Wie ich diese Information falsch aufgeschnappt habe, kann ich nicht mehr definitiv sagen, weil manche der Artikel schon nicht mehr online sind. Das Foto stammte aus einem Polizeivideo, woraus man schon erkennen kann, dass die Polizei nicht zimperlich ist, wenn es um die Veröffentlichung geht. Heute hat auch die DN ein Foto, wenn auch ein kleines, von dem Täter. Die DN wollte wohl abwarten, bis eine Pressekonferenz der Polizei jeden Zweifel an der Überführung des Täters ausgeräumt hatte, um nicht falsche Informationen abzudrucken. Auch hat man keine selbst auf dunklen Kanälen beschaffte Fotos, sonder nur die, die anscheinend von der Polizei freigegeben wurden.

Insofern ist es der DN hoch anzurechnen, dass sie wenigstens seriös arbeitet. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass Bilder und die Namensnennung vollkommen unnötig sind und es dem Täter schwer machen werden in 20 Jahren in die Gesellschaft zurückzukehren.

Ich muss wohl annehmen, dass dieses Vorgehen in Schweden so üblich ist. Gut heißen kann ich es aber beim besten Willen nicht.

Gedanken zum Tage

Was soll man an einem 1. April schreiben – natürlich eine kleine Auswahl von Aprilscherzen:

  • Den Reigen eröffnete The Local mit einem Bericht darüber, dass nach Meinung des Gleichstellungsombudsmanns der schwedischen Regierung es ja nicht hinzunehmen sei, dass in der schwedischen Nationalmannschaft für die EM 2008 nur Männer spielten. Dies sei natürlich gegen das Gleichstellungsgesetz. Eine nette Parodie auf den schwedischen Gleichstellungsfimmel. Dies erinnert mich natürlich daran, dass ich seit kurzem bei dem Wikipedia-Artikel zu „Bara Bröst“ mitarbeite.
  • DN legte mit der Meldung nach, Stockholms einziger Skihang solle überdacht werden, um künftig die Schneesicherheit auch in so lausigen Wintern wie dem letzten zu garantieren. Apropos Winter: der ist nun definitiv vorbei, nachdem ich unter der dicken Jacke massiv geschwitzt habe. Ein paar Schneereste vom überraschenden doch noch stattfindenden Wintereinbruch an Ostern, aber das wars auch schon. Die Tage sind lang, die Sonne scheint und die Welt ist schön. Deswegen schalte ich jetzt auch die Frühlingsversion des Layouts frei, die aus meiner Sicht leider weniger gelungen ist als die Winterversion.
  • Die Seite Aprilskämt.se (ungewöhnlicherweise für schwedische Seiten mit Ümläüt) sammelt die Aprilscherze fleißig. Die Top 3:
    1. die Polizei in Kalmar hat nun rote Uniformen, die den Bürger weniger provozieren sollen und bei einem eventuellen Machtwechsel 2010 bei einer roten Regierung auch Gefallen finden dürften.
    2. Der schwedische TÜV begutachtet ab sofort nicht nur die Autos, sondern auch deren Fahrer, da zunehmende Fettleibigkeit auch in Schweden ein Problem ist.
    3. Schwedische Fahrschüler führen jetzt auch Übungen unter Alkoholeinfluss aus.
  • Auch Google lässt sich nicht lumpen. So präsentiert das australische Google gDay™, eine Funktion, die es erlaubt, schon die Webseiten von morgen zu durchsuchen. Große Ziele hat Virgle, eine Kombination aus Virgin und Google, für die Zukunft: es soll zum Mars geflogen werden, und geeignete Pioniere werden gleich auf der Webseite gesucht. Den extrem informativen Fragebogen kann man sofort ausfüllen. Google Maps soll außerdem noch eine Röntgenversion erhalten, mit der man auch in Gebäude hineinsehen kann.

Beim Lesen von The Local ist mir außerdem noch aufgefallen, dass diese gern kolportierte Klischees über die gemeine Schwedin in Nachtclubs unterstützen – zumindest hat man den Eindruck, wenn man diese blond angehauchte Bilderserie anschaut.

Gedanken zum Tage

  • Die DN schreibt heute unter der Überschrift „Deutsche Zeichen„:

    Noch ein trauriges Beispiel für das schwächer werdende Band zwischen Schweden und Deutschland: am 31. März stellt Sveriges Radio sein deutsches Programm auf SR International nach 70 Jahren ein. Der Grund – genau wie beim Beschluss, das schwedische Generalkonsulat in Hamburg zu schließen – sind sind die Kosten.
    In Europa sprechen über 100 Millionen Menschen deutsch, und Deutschland ist Schwedens wichtigster Handelspartner. Aber warum sich um solche Details kümmern.

    Dann folgt noch das Beispiel Norwegens, das 2003 ebenfalls sein Generalkonsulat in Hamburg schloss und bald einsah, dass das ein Fehler war. Danke an den Autor Peter Wolodarski, kann ich da nur sagen – schön, dass das Thema auch in der schwedischen Öffentlichkeit einmal aufgegriffen wird. Die Reduktion des deutschen Programms auf einen Nachrichtenblock ist ein echter Verlust.

  • Heute abend wartet das große Finale von Melodifestivalen, dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Meine Favoritin ist ja Amy Diamond, aber ich fürchte, dass eine der Teilnehmerinnen der Kategorie „Blonde Frau mit Schnulzentitel, deren Haare von einem Gebläse aufgeweht werden“ gewinnen wird. Wer es sich nicht entgehen lassen will: heute abend auf SVT1 oder international auch per Radio über P4.
  • Ein kleines Update zu meinem Auswandererguide: in Schweden gibt es ja keine Eigentumswohnungen, sondern nur das Bostadsrätt, wo man Teil einer Genossenschaft ist, die das Haus als Gesamtes besitzt. Ein Nachteil davon sind die monatlichen Beiträge, die nicht selten fast genauso hoch sind wie die Miete in einer vergleichbaren Wohnung. Das ergibt sich daraus, dass die Mieten nicht nach Marktgesetzen festgelegt werden und die Bostadsrättsgebühren auf nicht ganz nachvollziehbare Weise verwendet werden. In vielen Fällen ist jedenfalls nicht ersichtlich, wo das ganze Geld denn hingeht. Echte Eigentumswohnungen gibt es bislang nicht, was daran liegt, dass die rechtlichen Grundlagen in Schweden fehlen. DN berichtete kürzlich über ein Beispiel aus Norwegen, wo dies anders ist. Der Vergleich fällt recht positiv aus, da die monatlichen Abgaben deutlich niedriger liegen – selbst im teuren Norwegen sind es in dem Beispiel einer 60-Quadratmeter-Wohnung gerade einmal 1800 norwegische Kronen. Für ein vergleichbares Bostadsrätt in Schweden zahlt man gut und gerne das Doppelte. Nebenbei wurde dort auch erwähnt, dass die schwedische Regierung plant, ab 2009 Eigentumswohnungen in Schweden einzuführen. Ein begrüßenswerter Schritt, wie ich finde, denn ein beträchtlicher Teil der Schweden wohnt in einem Bostadsrätt und zahlt de facto die Miete an die Bank, weil die Wohnung nur auf Pump erworben wurde. Bei einem Ägarrätt, wie dann die Eigentumswohnungen heißen würden, hätte der Mieter mehr Luft, die Wohnung abzubezahlen und wäre nicht bis in alle Ewigkeit verschuldet. Die Details muss man aber erst noch abwarten, denn man kann Norwegen auch nicht wieder mit Schweden vergleichen, da es bei den Norwegern diese umfangreichen genossenschaftlichen Wohnungsorganisationen nicht gibt. Der Wohnungsminister Mats Odell hat auch angekündigt, dass es vorerst wohl nur um neu gebaute Wohnungen gehe, wenn das Ägarrätt kommen sollte. Die Blogosphäre scheint positiv zu reagieren. Außer einer Kritik am Schreibstil des Artikels sind die meisten Beiträge recht wohlwollend. Allerdings ist ein Kommentator auch Vorsitzender des Jugendverbands der Zentrumspartei und muss daher auch alles gut finden, was die Regierung vorhat.
  • Auf deutsche Politik komme ich im Moment lieber nicht zu sprechen. Da wird mir nämlich immer so übel, v.a. wenn ich an meinen Parteivorsitzenden denke.
  • Da denke ich doch lieber an den heutigen Tag, wo ich die Linien 1, 4 und 40 mit meinem fahrerischen Können beglücken darf.

Gedanken zum Tage

Ein richtig heißes Thema hatte ich in der letzten Zeit nicht, dafür aber ein paar Kleinigkeiten, bevor ich nach Åland fahre.

  • Letzten Montag berichtete die DN ganz groß darüber, dass jetzt in Schweden das Analogfernsehen abgeschaltet wurde. Euphorisch heißt es darin, dass auch in Deutschland die Umstellung sehr weit fortgeschritten sei. Ich habe gleich mal einen korrigierenden Leserbrief geschrieben, denn so zügig wie in Schweden führt man die Umstellung in Deutschland eigentlich nur in den Großstädten durch.
  • Heute morgen war ein Bericht in der DN über eine neue Organisation, die sich für „mehr Rechtssicherheit“ einsetzt. Im Vorstand sind drei Leute, die sich zu Unrecht von einem schwedischen Gericht verurteilt sehen. Offensichtlich handelt es sich um einen Comeback-Versuch von Anna Sjödin, der ehemaligen Juso-Vorsitzenden, die im Frühjahr 2007 verurteilt wurde, weil sie im betrunkenen Zustand einen Sicherheitsmann in einer Disco beleidigt habe und dann handgreiflich geworden sei. Sie streitet das aber ab und fühlt sich als Opfer der Justiz. Die anderen Vorstandsmitglieder sind aber auch teilweise illustre Persönlichkeiten. Zu ihnen gehört „Billy Butt„, ein schwedischer Musikproduzent, der 1993 wegen Vergewaltigung in 9 Fällen zu 4 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Abgesehen davon, dass die Organisationen bislang anscheinend eher durch nebulöse Aussagen wie „viele Anwälte vertreten ihre Klienten nicht richtig“ glänzt, hat sich da schon eine etwas fragwürdige Truppe zusammen gefunden. Wenn Verurteilte sich als Opfer der Justiz produzieren, wer soll dann beurteilen, wer denn nun Opfer der Justiz ist?
  • Gestern habe ich mir die Ausstellung über Willy Brandt genehmigt. Sie war interessant, auch wenn es nichts zu sehen gab, was nicht auch im Begleitheft gewesen wäre.

So, und jetzt wird gepackt – übermorgen dann mehr vom Halbmarathon in Åland.

Wichtige Anrufe

Schon beim Physikpreis war ich überrascht und erfreut, dass dieses Jahr die Europäer mit Nobelpreisen ausgezeichnet wurden – ganz im Gegensatz zu letztem Jahr, wo es fast nur Amerikaner waren. Seit dem Chemiepreis ist die Begeisterung natürlich noch größer. Dass zwei Deutsche in einem Jahr ausgezeichnet wurdne, gab es schon länger nicht mehr.

Morgen werde ich daher auch mit Spannung die Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers anschauen.

Eine Kleinigkeit fiel mir eben noch auf: Im Fernsehbeitrag der Tagesschau sieht man Ertl einen Anrufer abwimmeln mit der Begründung, dass er einen Anruf von der Bundeskanzlerin erwarte. Das ist natürlich schon ein Grund, die Leitung frei zu halten. Ich weiß allerdings mittlerweile auch, wen er da abgewimmelt hat. Es handelt sich um die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter. Die gibt nämlich in ihrem Hintergrundbericht an, man habe Ertl nur einmal erreicht. Da habe er aber darum gebeten, einen anderen Anruf zuerst annehmen zu dürfen – nämlich den von Angela Merkel.

Arbeiter- und Künstlerviertel

Der SPIEGEL hat heute offenbar einen Bericht über den „Kultautor“ Klas Östergren, der laut DN der beste Autor Schwedens sein soll. Mag sein.

Interessant fand ich jedenfall, dass Södermalm das „Arbeiter- und Künstlerviertel“ Stockholms sein soll. Ich würde sagen: Künstler vielleicht, aber Arbeiter wahrscheinlich nicht mehr. Zum Fertiglesen habe ich aber leider keine Zeit mehr – ich muss schon um 6 los.